Es wird weithin angenommen, dass die Katastrophe des europäischen Judentums im Zweiten Weltkrieg einen entscheidenden Einfluss hatte auf den am 29. November 1947 erfolgten Beschluss der Vereinten Nationen zur Aufteilung Palästinas zwischen Juden und Arabern, welcher den Weg für die einige Monate später erfolgte Gründung Israels ebnete.

 

von Evyatar Friesel

Schockiert vom Grauen des Holocausts, so wird argumentiert, entschieden die Nationen der Welt, dass die Juden in ihrem Streben nach einem eigenen Staat unterstützt werden sollten. Diese Hypothese bricht jedoch in sich zusammen, wenn man die historischen Fakten untersucht.

Die jüdische Eigenstaatlichkeit im zionistischen Denken

Das Streben nach einem jüdischen Staat oder einer jüdischen Heimstätte war das erklärte Ziel der Ende des 19. Jahrhunderts entstandenen Zionistischen Weltorganisation. Bis 1939 wurde dieses Ziel im Rahmen des britischen Mandats in Palästina mit Billigung des Völkerbunds verfolgt.  Ein Wandel in der britischen Politik (das Palästina-Weissbuch vom Mai 1939) beendete das Einvernehmen zwischen der zionistischen Bewegung und Grossbritannien. Das Weissbuch sah vor, dass Palästina in zehn Jahren politische Unabhängigkeit erlangen könnte, was gleichbedeutend gewesen wäre mit einem arabischen Staat mit einer jüdischen Minderheit, die ungefähr so gross war wie ein Drittel der Bevölkerung Palästinas.

Das Weissbuch von 1939 wurde von der zionistischen Bewegung uneingeschränkt abgelehnt. Beim XXI. Zionistenkongress im August 1939, kurz vor Kriegsausbruch, formulierte der Anführer der Zionisten, David Ben-Gurion, eine neue Strategie:

„Das ‚Weissbuch‘ hat ein Vakuum innerhalb des Mandats geschaffen. Für uns existiert das ‚Weissbuch‘ in keiner Form, unter keiner Bedingung und in keinerlei Interpretation. Für uns gibt es nur dieses Vakuum, das im Mandat geschaffen wurde, und es ist an uns, dieses Vakuum aus unserer eigenen Kraft zu füllen … Wir selbst werden handeln müssen, als seien wir der Staat in Palästina; und wir müssen auf diese Art und Weise agieren, bis wir zum Staat in Palästina werden, wenn wir dies erreichen wollen.“

Ungeachtet der Umwertungen während des Zweiten Weltkriegs blieb die unabhängige jüdische Eigenstaatlichkeit der politische Bezugspunkt der zionistischen Bewegung. Bei einer internationalen Konferenz im Mai 1942 wurde das Biltmore-Programm verabschiedet, welches erklärte, dass nach dem Krieg „… Palästina als ein jüdischer Staatenbund (Jewish commonwealth), eingebunden in die Struktur der neuen demokratischen Welt, festgelegt werden sollte.“  Wenngleich die Situation des europäischen Judentums ein Hauptthema der Konferenz war, war den Delegierten dennoch das volle Ausmass der Tragödie, die sich in Europa abspielte, nicht bewusst. Erst in der zweiten Hälfte des Jahres 1942 würden die grauenvollen Fakten bekannt werden.

Die Palästinafrage bei den Vereinten Nationen 1947 – UNSCOP (United Nations Special Committee on Palestine)

Zum Kriegsende im Jahr 1945 war die Führung der Zionisten doppelt gestraft: Erstens durch die Vernichtung des europäischen Judentums, dem bedeutendsten menschlichen Fundament der Bewegung, und zweitens durch die zunehmenden Spannungen mit den Arabern und auch mit den Briten in Palästina, mit denen sich die ehemalige Zusammenarbeit nach und nach zu einem Konflikt entwickelte.

Im April 1947 begann eine neue politische Phase in Bezug auf Palästina, als die britische Regierung die Palästinafrage an die Organisation der Vereinten Nationen übergab. Wegen des aufkeimenden Kalten Kriegs und weil die britische Kontrolle am Suezkanal immer weiter nachliess, gewann Palästina als strategische Basis des Westens im Nahen Osten zunehmend an Bedeutung. Die Briten wollten die Bedingungen ihres Mandats in Palästina verändern, sprich, die Verpflichtungen gegenüber den Juden herausnehmen. Als die Palästina-Frage nun allerdings an die UN übergeben worden war, prüfte die internationale Organisation die Frage von ihrem eigenen Standpunkt aus und entsprechend ihrer eigenen politischen Dynamik, die nicht unbedingt den Interessen Grossbritanniens entsprach.

Die Zionisten betrachteten die UN als eine ungünstige Plattform. Im Gegensatz zu ihrem Status im nicht mehr bestehenden Völkerbund (der 1946 aufgelöst und durch die UN abgelöst wurde) hatten sie in der UN keinen offiziellen Status, während verschiedene arabische Länder und Staaten mit grossen und einflussreichen muslimischen Minderheiten dort vertreten waren. Dennoch zeigte sich Mitte Mai 1947 zur Überraschung aller ein Hoffnungsstrahl, als der sowjetische Delegierte erklärte, dass die Sowjetunion die Teilung Palästinas zwischen Juden und Arabern möglicherweise unterstützen würde.

Von Anfang an war die arabisch-jüdische Konfrontation ein Hauptthema in den Palästina-Beratungen der UN: „Die überwältigende Mehrheit [der UN-Delegierten] drückte keine Präferenzen oder Sympathien für die eine oder die andere der unmittelbar an der Palästinafrage interessierten Parteien aus. Während es eine Gruppe gab, die jeden Schritt, der im Interesse des Arabischen Hohen Komitees (die Vertretung der Araber Palästinas) war, massiv unterstützte, gab es keine solche Gruppe, die die jüdische Haltung unterstützt hätte“, schrieb ein jüdischer Teilnehmer der Beratungen. Einige wenige der UN-Delegierten waren sich der Tragödie, die das europäische Judentum vor Kurzem erlebt hatte, bewusst und verständnisvoll angesichts der Hoffnungen der zionistischen Bewegung. Äusserungen dieser Art wurden jedoch meist sorgfältig und unter Berücksichtigung der Interessen der Araber abgewogen.

Im Zuge der UN-Beratungen war die Gründung des United Nations Special Committee on Palestine (UNSCOP) Mitte Mai 1947 von entscheidender Bedeutung. Es war das UNSCOP, vor dem das jüdische Anliegen in Hinblick auf Palästina umfassend vorgestellt wurde. Dabei gab es drei Schwerpunkte: die Errungenschaften der nationalen jüdischen Heimstätte, die politischen Spannungen in Palästina und die Lage der jüdischen Flüchtlinge in Europa.

„Ein Drittel unseres Volkes ermordet.“

Die vor dem UNSCOP erschienenen zionistischen Vertreter (die Araber boykottierten die Beratungen) wurden zu praktischen Themen befragt, wie etwa der Entwicklung der jüdischen Gesellschaft in Palästina und den Beziehungen zwischen Juden und Arabern. Die Zionisten passten sich dieser politischen Dynamik an und konzentrierten sich auf ihr Ziel: die jüdische Unabhängigkeit in Palästina. Sie hielten ihre Gefühle fest unter Kontrolle, obwohl die meisten von ihnen aus Ost-Europa stammten und praktisch alle von ihnen Familienmitglieder im Holocaust verloren hatten. Die Lage der Juden war katastrophal, die Probleme des jüdischen Volks und der zionistischen Bewegung schienen nahezu hoffnungslos. Zwangsläufig gab es Momente, in denen die Last der Tragödie sich ungehemmt Bahn brach: „Kann sich irgendjemand vorstellen, was das bedeutet? Was das für uns bedeutet? Kann man es sich vorstellen – eine Million Säuglinge in den Gaskammern verbrannt? Ein Drittel unseres Volkes, beinahe soviel wie die gesamte Bevölkerung Schwedens, ermordet?“ schrie Ben-Gurion, der vermutlich am wenigsten Sentimentale und Zielorientierteste unter den Führern der Zionisten, in seinem Zeugnis vor dem UNSCOP. Wenn es auch eine scheinbare Ähnlichkeit im Verhalten von Nicht-Juden und Juden bei den UN-Beratungen gab, so waren die zugrunde liegenden Ursachen dennoch völlig unterschiedlich. Für die meisten der nicht-jüdischen Vertreter war Palästina – auch wenn es als ein kompliziertes Dilemma betrachtet wurde – von zweitrangiger Wichtigkeit, nur eines unter vielen weltbewegenden Problemen: die politische Umgestaltung Europas, der aufkeimende Kalte Krieg, die Erschütterungen auf dem indischen Subkontinent, die instabile politische Lage in China. Für die Juden aber war dies der Augenblick der Wahrheit, der internationalen Entscheidung.

Amerikanische und sowjetische Strategien bei den UN-Beratungen

In der Frühgeschichte der Vereinten Nationen war die Abstimmung über Palästina am 29. November 1947 ein dramatischer Augenblick. Das Ausmass des Problems und der drohende bewaffnete Konflikt im Land schufen eine allgemeine Stimmung der Unentschlossenheit. Was den Ausschlag für die Teilungslösung gab, war die Tatsache, dass sowohl die Vereinigten Staaten als auch die Sowjetunion dafür waren. „… es grenzt nahezu an ein Wunder, dass diese beiden Länder sich in unserem Fall einig waren“, schrieb Chaim Weizmann im Oktober 1947.

Aus historischer Sicht wird klar, dass die Übereinkunft zwischen den beiden Supermächten gegensätzliche Motivationen widerspiegelt. Die Äusserungen der Sowjet-Vertreter vor der UN waren in beinahe pro-zionistischer Manier formuliert, was angesichts der antizionistischen Sowjet-Politik der Vergangenheit (die nur zu bald wieder aufgegriffen werden sollte) umso bemerkenswerter ist. Tatsächlich basierte die Haltung der Sowjets auf handfesten politischen Gründen: man wollte die Briten aus Palästina heraus haben. Dies würde in einer wichtigen Region, in der die Russen bislang aussen vor waren, Einflusskanäle für die Sowjetunion öffnen. Die Sowjetunion hatte von der unabhängigen Staatlichkeit in Palästina (geteilt oder nicht) viel zu gewinnen und nichts zu verlieren.

Die amerikanische Position nachzuvollziehen, wird durch den Fehlglauben, dass deren Palästina-Politik in den Jahren 1947–1948 signifikant von einem idealistischen Wunsch, den Juden zu helfen, beeinflusst wurde, nicht einfacher. Es stimmt, dass die öffentliche Meinung der Amerikaner im Allgemeinen Sympathien für die jüdischen Hoffnungen in Palästina hegte, und auch das amerikanische Judentum hatte ein gewisses politisches Gewicht. Dennoch basierte die amerikanische Auslandspolitik auf eigenen Interessen. Die wachsende Bedeutung des Öls aus dem Nahen Osten sowie der politische und militärische Druck durch sowjetisch-unterstützte Bewegungen und Parteien in Griechenland, der Türkei und dem Iran, machten den Nahen Osten zu einem ernsten Konfrontationsbereich zwischen dem Westen und der Sowjetunion.  Die politische Ausrichtung der Amerikaner war, den aufziehenden bewaffneten Konflikt in Palästina zu vermeiden, der andere Länder verschlingen und gewiss die Interessen des Westens in der Region schädigen würde. Da die arabisch-jüdische Konfrontation die Möglichkeit eines binationalen Staates ausschloss, stellte die Teilung des Landes wenn auch nicht die beste, so doch zumindest eine Lösung dar, die einen Konflikt vermeiden könnte. Ausserdem eröffnete die Teilung eine Möglichkeit zur Lösung des Problems der jüdischen Flüchtlinge in Europa.

Zwei Drittel der in der UN vertretenen Länder wählten am 29. November 1947 gemäss den Empfehlungen des UNSCOP: die Teilung Palästinas in zwei Staaten mit einer gemeinsamen wirtschaftlichen Union. Des Weiteren sollte Jerusalem eine separate Einheit unter UN-Verwaltung werden. Dies trotz der Tatsache, dass über zwei Drittel der Stadtbevölkerung Juden waren und dass aus zionistischer Sicht ein jüdischer Staat ohne Jerusalem ein fundamentaler Widerspruch war.

Am 29. November 1947 stimmte die UN-Generalversammlung über den Teilungsplan ab, der mit 33 zu 13 Stimmen bei 10 Enthaltungen angenommen wurde. Die jüdische Seite akzeptierte den UN-Plan zur Gründung von zwei Staaten. Die Araber lehnten es ab und starteten einen Vernichtungskrieg gegen den jüdischen Staat.
Am 29. November 1947 stimmte die UN-Generalversammlung über den Teilungsplan ab, der mit 33 zu 13 Stimmen bei 10 Enthaltungen angenommen wurde. Die jüdische Seite akzeptierte den UN-Plan zur Gründung von zwei Staaten. Die Araber lehnten es ab und starteten einen Vernichtungskrieg gegen den jüdischen Staat.

Gab es einen Zusammenhang?

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es keine Anhaltspunkte dafür gibt, dass die Tragödie des europäischen Judentums im Zweiten Weltkrieg in den UN-Beratungen über Palästina in den Jahren 1947–1948 eine signifikante Rolle gespielt hätte.

Aus jüdischer Sicht war die jüdische Eigenstaatlichkeit das zentrale Ziel des Programms der Zionisten seit Ende des 19. Jahrhunderts. Aus nichtjüdischer Sicht war das, was die UN zur Teilung Palästinas bewog, das Bewusstsein, dass das Land in Richtung Chaos und einem Krieg zwischen den Arabern und Juden driftete. Der Teilungsbeschluss der UN wurde nur mit der Unterstützung der beiden Supermächte – der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten – realisiert, allerdings basierte ihre jeweilige Haltung auf gegensätzlichen Gründen.  Was die anderen UN-Mitglieder betrifft, so zeigten einige der Delegierten Bewusstsein – und in einigen wenigen Fällen sogar Sympathie – für die jüdischen und zionistischen Bestrebungen. Nahezu alle jedoch betrachteten die Palästina-Frage im Hinblick auf die politischen Realitäten des Nahen Ostens. Kriterien wie die historische Verbindung des jüdischen Volkes zu Palästina oder Reflexionen über die jüngste Tragödie der Juden fielen kaum ins Gewicht. „… gleich welche Lösung für Palästina gefunden wird, sie kann nicht als eine Lösung für das jüdische Problem im Allgemeinen betrachtet werden“, lautete eine der Empfehlungen des UNSCOP.

Epilog: Von der Vergangenheit in die Gegenwart

In den vergangenen Jahren hat sich eine bizarre Argumentation entwickelt, die verfochten wird von einer befremdlichen Koalition aus Rechtsradikalen, Islamisten und gewissen Neo-Linken, die einen angeblichen Zusammenhang zwischen dem Holocaust und der UN-Resolution vom November 1947 sehen, um so eine Plattform gegen Israel zu rechtfertigen. Der UN-Beschluss, so heisst es, habe grosse Ungerechtigkeit für die Palästinenser zur Folge gehabt und sei zu einem Faktor für anhaltende Spannungen im Nahen Osten geworden. Und da Israel, so die Argumentation, als Resultat einer politischen Resolution der UN geschaffen wurden, habe die internationale Gemeinschaft das Recht und die Verpflichtung, den von ihr begangenen ‚Fehler‘ zu erkennen, die Verantwortung für das entstandene Unrecht zu tragen, in dessen angebliche Folgen einzugreifen, Veränderungen zu fordern – und sogar eine sogenannte ‚Abschaffung‘ des jüdischen Staates zu verlangen.

Eine solche Denkweise ist nichts anderes als ein modernes Beispiel für das uralte judenfeindliche Ressentiment, präsentiert in einem neuen Gewand: man will die Juden da treffen, wo es am meisten weh tut, nämlich bei ihrer lebenswichtigsten Schöpfung der Neuzeit, dem jüdischen Staat. Die Schritte, die zur Gründung Israels geführt haben, sollen rückgängig gemacht werden, erklärt der neue Euphemismus für die alte ‚Endlösung‘, denn gemeint ist das Verschwinden des jüdischen Staates und der derzeit dort lebenden mehr als sechs Millionen Juden. Auf diese Weise verwandelt sich ein perverses Konzept vom angeblichen Zusammenhang zwischen dem Holocaust, dem UN-Teilungsbeschluss und der Gründung des jüdischen Staats, in einen Ausdruck zeitgenössischen Antisemitismus, nur dieses Mal im Gewand des Antiisraelismus.

Evyatar Friesel ist Professor (em.) für moderne jüdische Geschichte an der Hebrew University of Jerusalem.

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  • jankel

    Auf jedenfalls ist die richtige Frage über dem Teilung Palestina: War es gerecht oder nicht…

    Die Engländer haben alles verfälscht und verraten: Die Gründung Transjordaniens war ein verrat der Juden die plötzlich waren auf vorhergesehener Israels Land Grund, mit arabische Christen und Muslime konfrontiert! Ohne jene lösung, wegen den wieder freier Mufti (Dank Frankreich!) und die ganz arabische Welt „gegen jene fremde Macht auf Muslimischen Boden“. Dar al islam…

    Das die Gross Mächte fülten sich schuldig, gegenüber den Juden, ist nur ein grober Witz!

    Die unwarscheinliche Toleranz gegenüber ehemaliger Nazis ist der erster bester Beweiss