Anaëlle Guedj, Foto Screenshot zVg
Anaëlle Guedj, Foto Screenshot zVg

Im Herbst 2015 reisten die beiden Filmemacher Joachim Schroeder und Sophie Hafner nach Israel und in den Gazastreifen, um dort Interviews für ihren Dokumentarfilm Auserwählt und ausgegrenzt: Der Hass auf Juden in Europa zu führen. Sehr bedauerten sie später, dass sie eines der Interviews, das sie am meisten bewegte, aus Platzgründen nicht in den Film aufnehmen konnten. Ein Gespräch mit Anaëlle Guedj, einer jungen Mutter von vier Kindern, die drei Monate zuvor mit ihrer Familie Frankreich verlassen hatte, als eine von 7.000 französischen Juden, die 2015 angesichts des in Frankreich grassierenden Antisemitismus nach Israel auswanderten.

 

Das Filmteam traf sie in einer Sprachschule in der Küstenstadt Netanya, die wegen der vielen dort lebenden Franzosen auch die „israelische Riviera“ genannt wird. In dieser Sprachschule hatte Guedji etliche Wochen zuvor angefangen, Hebräisch zu lernen. Das Gespräch vor laufender Kamera fand am 2. Dezember 2015 statt, knapp drei Wochen nach den Terroranschlägen in Paris vom 13. November und rund zehn Monate nach den Morden in den Büros von Charlie Hebdo und in einem koscheren Supermarkt in Paris. Audiatur-Online dokumentiert im Folgenden erstmals dieses Interview, das nichts von seiner Aktualität verloren hat.

Von wo aus Frankreich kommen Sie, und seit wann sind Sie hier?

Ich komme aus Toulouse, habe aber mit meiner Familie seit fünf Jahren in Paris gelebt. Wir sind Anfang August hier angekommen. Wir sind nun also seit vier Monaten hier.

Bitte schildern Sie, warum Sie und Ihre Familie nach Israel ausgewandert sind.

Ich bin mit meinem Ehemann und unseren vier Kindern hierhergezogen. Mein Mann hatte immer schon hierherkommen wollen, schon vor zehn Jahren. Ich aber hatte Angst vor dem Leben in Israel. Dann kamen die furchtbaren Ereignisse in Frankreich der letzten Jahre, angefangen mit Toulouse. Dazu kam ein konkreter Anlass: An einem Tag im letzten Jahr, als ich meinen Sohn von der Schule abholte, hatte er Angst, seine Kippa aufzubehalten und hat sie abgelegt. Da habe ich zu meinem Mann gesagt: Es gibt für unsere Kinder in Frankreich keine Zukunft – also können wir unseren Traum verwirklichen und nach Israel gehen.

Wie alt ist Ihr Sohn, und wovor genau hatte er Angst?

Mein Sohn ist jetzt acht Jahre alt, damals war er also sieben. Er ging zu einer jüdischen Schule. Als er das Schulgebäude verliess, sah er sich nach allen Seiten um. Er sah, dass dort viele Leute waren und hatte Angst. Er hat mir gesagt: „Ich kann die Kippa auf der Strasse nicht aufbehalten. Ich muss sie abnehmen.“ Ich sah, dass er ständig und überall Angst hatte. Da wurde mir klar, dass sich Frankreich geändert hat und wir die richtige Entscheidung für die Zukunft unserer Kinder treffen müssen.

Sie sagen, Frankreich habe sich verändert…

Ja.

…Ihr Mann wollte Frankreich schon vor zehn Jahren verlassen. Was hat sich in der Zwischenzeit Ihrer Meinung nach geändert?

Als ich noch zur Schule ging, vor 14 Jahren, hatte ich keine Angst davor, die Metro zu nehmen oder 15 Minuten zu Fuss zu gehen, auch, wenn es schon spät am Abend war. Während meines Studiums hatte ich keine Angst davor, mit Freunden zusammen auszugehen. Obwohl ich Jüdin bin und jeder das aufgrund meines Namens hätte wissen können. Jetzt aber hatte ich Angst davor, auszugehen. Mir fiel auf, dass die Leute jüdische Menschen auf andere Weise ansahen als früher. Ich denke, es gibt ein Problem mit Muslimen in Frankreich – nicht mit allen Muslimen, ich stecke nicht alle Muslime in dieselbe Schublade. Ich habe mit Muslimen zusammengearbeitet; während meines Studiums der Politikwissenschaft habe ich zum Thema Religionen geforscht. Aber ich glaube, die Regierungen in Frankreich haben nicht genug getan, um die Juden zu schützen. Jetzt tun sie das. Jetzt, wo es sie selbst getroffen hat, begreifen sie, was wir Juden seit vier Jahren jeden Tag durchmachen. Die Anschläge in Toulouse haben mich persönlich sehr bewegt, auch weil ich der Familie [der Familie von Rabbi Yaacov Monsonégo, dem Schulleiter der Ozar-HaTorah-Schule in Toulouse, dessen achtjährige Tochter Miriam am 19. März 2012 in eben jener Schule von Mohamed Merah mit mehreren Kopfschüssen gezielt ermordet wurde; Anm. d. Red.] sehr nahe stehe. Als ich in der Zeitung ein Foto des Terroristen sah, wie er fröhlich lachte, war ich verstört: Warum haben sie gegen jemanden, der bereits so viel Schreckliches getan hatte, nichts unternommen? Bevor ich nach Israel kam, habe ich in Paris in einer Schule gearbeitet. Durch den Anschlag auf Charlie Hebdo haben sie [die Behörden] kapiert, wie sie die jüdische Gemeinschaft beschützen müssen, weil sie sich nun selbst schützen müssen. Aber das reicht nicht aus. In den letzten Jahren sah ich Soldaten vor jeder jüdischen Schule, jeden Tag. Wir mussten mit ihnen zusammenarbeiten, damit sie unsere Schüler, unsere Kinder beschützen. Das ist kein angenehmes Leben in Frankreich, nicht für uns und nicht für unsere Kinder. Ich denke, es hat eine grosse Veränderung stattgefunden. Selbst wenn sie sagen, dass die französischen Juden ihren Platz in Frankreich hätten, so glauben sie doch nicht selbst daran. Und sie unternehmen nichts, um uns in Frankreich zu halten – so sehe ich das.

Wie würden Sie die Haltung der französischen Mehrheitsgesellschaft beschreiben, der gewöhnlichen Bürger, die keine Muslime, sondern Christen oder Atheisten sind?

Ich denke, sie haben Angst. Sie begreifen, dass Frankreich nicht ihnen gehört. Als ich vor einem Monat noch einmal in Frankreich war, da sagte mir ein Arzt: „Sie haben einen Ort, wohin Sie gehen können.“ Ich hatte in Frankreich gute jüdische Freunde, ich hatte muslimische Freunde. Auch die Muslime identifizieren sich nicht mit den Terroristen, doch es wird nichts unternommen. Worte, aber keine Taten. Niemand in Frankreich, so scheint es mir, weiss, was man tun soll. Sie haben Angst um sich, um ihre Kinder, und sie wissen, dass [die Terroristen] an jedem Ort angreifen können: Im Bataclan wie vor zwei Wochen, im Stadion, überall. Nirgendwo ist man geschützt. Selbst in dein Haus können sie eindringen, selbst in die Kirche. Es ist, wie wenn jemand in der Wildnis ist und bei jedem Schritt, den er macht, ängstlich überlegt, wohin er wohl tritt – genauso ist es jetzt in Frankreich, meiner Meinung nach.

„In Frankreich teilen wir Werte, aber diese Leute meinen, dass wir ihre Werte teilen müssten.“

Gibt es Ihrer Wahrnehmung nach einen spezifisch muslimischen Antisemitismus?

Ja, selbstverständlich. Ich habe sehr gute muslimische Freunde, die Teil der französischen Gesellschaft sind. Sie können tun, was sie wollen, so, wie ich tue, was ich will, und alle zusammen sind wir Franzosen mit gemeinsamen Werten. Doch jetzt gibt es in Frankreich Muslime, die denken, dass sie über alle bestimmen könnten. Sie nehmen ein religiöses Buch, den Koran, und nehmen es als Legitimation für alles, was sie tun, im Namen Gottes. Aber so ist Gott nicht. Er will nicht, dass Menschen getötet werden. In Frankreich teilen wir Werte, aber diese Leute meinen, dass wir ihre Werte teilen müssten. Das ist, denke ich, ein sehr tief sitzendes Problem. Sie kommen nach Frankreich oder sind oft sogar dort geboren, aber sie betrachten sich allein als Muslime – vielleicht als französische Muslime, doch in erster Linie Muslime. Ich bin Jüdin, aber ich bin auch Französin. Ich habe in Frankreich studiert, in Frankreich Steuern bezahlt, mit anderen Franzosen gearbeitet, egal, ob sie Muslime, Christen, Atheisten oder Juden sind. Ich denke, da gibt es ein Problem.

Können Sie als französische jüdische Frau diese Dinge in Frankreich offen ansprechen oder haben Sie das Gefühl, sehr vorsichtig sein zu müssen?

Nein, in Frankreich kann man sich nicht frei ausdrücken. Vor allem, weil man nicht weiss, mit wem man redet. Es gibt Leute, bei denen man denkt, sie denken so wie du, aber wenn du mit ihnen redest, merkst du, dass sie gegen Israel sind oder linksextrem oder rechtsextrem. Ich denke, dass es in Frankreich ein grosses Problem mit politischen Meinungen gibt. In den Vereinigten Staaten kann jeder sagen: Ich bin für dieses und jenes oder ich bin dagegen. In Frankreich kann man das nicht. Man darf dort nicht zu laut sagen, was man wirklich denkt. Es gibt Leute, die offen sind und mit denen man reden kann, aber das ist nicht immer der Fall. In meinem früheren Job habe ich mit vielen politischen Menschen zusammengearbeitet, die sehr intelligent waren und mit denen ich reden konnte wie mit Ihnen. Aber im Alltag kannst du das nicht, weil du Angst um dich und deine Kinder hast. Just eine Woche bevor wir nach Israel zogen, war mein Sohn in der Bücherei und spielte mit Freunden, die ich nicht kannte. Vier Muslime kamen und sagten: „Wir wissen, dass du Jude bist. Sag uns, dass du ein Jude bist. Was unsere Brüder getan haben, werden wir auch mit dir und deiner Familie machen.“ Mein Sohn fing an zu weinen. Ich habe ihn gefragt, warum er weint und ihm gesagt, dass er mir erzählen soll, was sie zu ihm gesagt haben. Ich wusste nicht, was ich tun oder sagen sollte. Er sagte: „Mein Name ist Joseph, jeder kann wissen, dass ich Jude bin.“ Ich habe zu ihm gesagt: In einer Woche wirst du das Problem nicht mehr haben, denn wir gehen nach Israel und du kannst deine Religion dort so leben, wie es dir gefällt. Das war einer der Gründe, warum wir Frankreich verlassen haben: Wir konnten dort nicht leben, wie wir wollten. Dabei ist Frankreich eigentlich das Symbol des Zusammenlebens, jeder mit allen zusammen. In den Vereinigten Staaten gibt es Ghettos. Aber in Frankreich haben wir immer alle zusammengelebt. Ich erinnere mich, wie ich als Kind mit meinen Grosseltern auf der Strasse war und wir alle zusammen gespielt haben, zusammen mit Muslimen und Christen, kein Problem. Heute geht das nicht mehr. Es gibt mehr und mehr Ghettos, und jeder lebt mit Leuten zusammen, die so aussehen wie er selbst. Das, was wir früher laïcité [Laizismus] nannten, war nicht das, was Frankreich heutzutage ist.

Das Filmteam (v.l) Matthias Benzing, Joachim Schroeder und Sophie Hafner nach dem Dreh an Arafats Grab für den Dokumentarfilm „Auserwählt und ausgegrenzt: Der Hass auf Juden in Europa“. Foto zVg

Aber woran liegt das? An der Zahl der muslimischen Zuwanderer? An der Schwäche der Mehrheitsgesellschaft oder an der Radikalisierung?

Ich denke, schuld ist vor allem die Radikalisierung. Die ersten Einwanderer kamen in den 1960er Jahren. Sie kamen, um zu arbeiten. Mit diesen Leuten gab es keine Probleme. Aber mit ihren Kindern gibt es Probleme. Sie leben in Gegenden, die nicht unbedingt hübsch sind, wissen manchmal nichts mit sich anzufangen, ihre Eltern hatten immer sehr viel zu tun, haben hart gearbeitet und waren oft nicht zu Hause, um ihren Kindern zu helfen. Ich denke, salafistische Imame geben diesen jungen Leuten das Gefühl, für sie da zu sein und ihnen Liebe zu geben. So werden sie Schritt für Schritt radikalisiert. Die heutigen Einwanderer sind nicht das Problem – sie werden es in der Zukunft. Wir wissen nicht, wer da kommt und ob Terroristen darunter sind. Doch die Ursachen der Probleme von heute liegen in der Vergangenheit.

Mindestens einmal in der Woche weine ich vor Glück, weil ich hier sicher bin.

Wie fühlen Sie sich persönlich hier? Ist es ein Gefühl der Erleichterung oder des Glücks? Welchen Unterschied gibt es zwischen dem letzten Juli, August und jetzt?

Es ist ein anderes Leben. Es ist ein anderes Leben, und ich danke Gott jeden Tag dafür, dass ich hier bin. Mindestens einmal in der Woche weine ich vor Glück, weil ich hier sicher bin; ich kann spätabends aus dem Haus gehen, meine Kinder können frei leben, wir können ohne Probleme jüdisch sein, wir können überall koscher essen. Wir fühlen, dass wir Teil eines Landes sind, Teil eines Volkes. Jeder denkt an die anderen und ist für sie da, und ich bin sehr glücklich, das zu fühlen. Als wir ein kleines Problem in unserer Wohnung hatten und einen Nachbarn fragten, kamen fünf, um uns zu helfen. Das jüdische Volk ist ein sehr besonderes Volk. Ich habe nicht einmal ein Wort, um zu erklären, wie glücklich ich bin, hier zu sein.

Was für Leuten begegnen Sie hier in der Sprachschule?

Ich treffe Franzosen, sehr nette; in unserer Klasse gibt es eine Dänin, die auch sehr nett ist. Da sind Russen. In dem Gebäude, wo wir wohnen, ist auf jeder Etage eine andere Nationalität. Mein Nachbar ist Amerikaner, wir unterhalten uns auf Englisch. Ein anderer kommt aus Mexiko, wir reden Spanisch miteinander. Es sind also Juden von überall, aber wir alle sind jüdisch. Ob religiös oder nicht religiös – das ist nicht wichtig. Wir sind jüdisch, wir teilen einige Werte und wir lieben einander. In meiner Klasse sind 95 Prozent Franzosen. Am Anfang haben wir die anderen nicht verstanden, wenn sie Hebräisch mit einem anderen Akzent gesprochen haben. Mittlerweile können wir hören, wer aus Russland und wer aus der Ukraine kommt. Es ist ein Glück, mit Menschen aus so vielen Ländern gemeinsam zu lernen. Es ist eine wunderbare Erfahrung. So etwas passiert einem nur einmal im ganzen Leben.

Kommen die meisten Sprachschüler aus Europa?

Die meisten an dieser Schule sind aus Frankreich, denn Netanya ist eine französische Stadt. Anderswo kommen sie aus vielen Ländern. Wir haben Freunde aus Venezuela. Hier sind es vor allem Europäer, doch in ganz Israel gibt es Juden von überall.

Was prognostizieren Sie, wie es den Juden in Frankreich in den nächsten zehn, fünfzehn Jahren ergehen wird?

Ich habe grosse Angst. Von Natur aus bin ich eine Optimistin. Doch jeden Tag sage ich meiner Schwester, die noch in Frankreich lebt, dass ich Angst um ihre Tochter habe. Jetzt ist ihre Tochter erst vier Monate alt, doch in zwei oder drei Jahren wird meine Schwester das spüren, was ich gefühlt habe. Ich mache mir Sorgen um die Schulen. Es ist schmerzlich, sich Frankreich und Frankreichs Juden in 20 Jahren vorzustellen. Die Synagogen werden leer sein, Schulen werden schliessen müssen. In einigen Städten wird es keine Juden mehr geben. Die Juden sind ein Teil der Geschichte Frankreichs. Es ist, als würde ein Teil der französischen Geschichte ausgelöscht, und das ist schmerzhaft. Es ist ja auch nicht leicht, alles zurückzulassen und nach Israel zu kommen. Wir haben das zehn Jahre lang nicht gemacht, weil ich Angst davor hatte, die Familie und alles zurückzulassen. Doch wir mussten das tun. Die Leute haben Angst davor, zu kommen, denn jeder weiss, dass das Leben in Israel nicht einfach ist, in wirtschaftlicher Hinsicht. Doch ich denke, in 20 Jahren werden die Juden Frankreich genauso verlassen müssen, wie unsere Grosseltern einst Algerien, Marokko und Tunesien verlassen mussten, mit nichts. Wenn es so weitergeht, werden sie es müssen. Es ist schmerzlich, das zu begreifen. Es gibt in Frankreich auch historische Monumente der jüdischen Geschichte. Was wird aus ihnen werden, was wird aus den Synagogen und den jüdischen Friedhöfen? Ich habe Angst. Es ist ein richtiger Schmerz, sich vorzustellen, dass das Land, wo ich gelebt habe und glücklich gewesen bin, sich in ein Land verwandelt, das wir nicht einmal während der Feiertage besuchen können.

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