Symbolbild. Foto CAPJPO-EuroPalestine / Facebook
Symbolbild. Foto CAPJPO-EuroPalestine / Facebook

Wieder einmal wird in Paris gegen Antisemitismus demonstriert. Solche Kundgebungen finden in Frankreich inzwischen regelmässig statt: wenn wieder ein Jude ermordet wurde oder, wie jetzt, nach antisemitischen Pöbeleien am Rande einer „Gelbwesten“-Demonstration. Was aber verspricht man sich davon, wo doch all die Betroffenheitskundgebungen der vergangenen Jahre nichts am antisemitischen Klima geändert und die antisemitisch motivierte Gewalt nicht gestoppt haben?

 

Die Anlässe, die zur jüngsten Demonstration gegen Antisemitismus geführt haben, waren für französische Verhältnisse gar nicht besonders schwerwiegend. Immerhin wurde in den letzten Wochen kein Mensch aus Antisemitismus ermordet, keine Leiche einer Jüdin aus dem dritten Stock geworfen.

Es war eine recht normale Woche in Frankreich, und die sieht so aus: In Quatzenheim nordwestlich von Strassburg werden Dutzende Gräber eines jüdischen Friedhofs mit Hakenkreuzen besprüht. Im Pariser Vorort Sainte-Geneviève-des-Bois wird ein Gedenkbaum für Ilhan Halimi, einen vor 13 Jahren von einer arabischen Bande entführten und zu Tode gefolterten Juden, von unbekannten Tätern abgehackt. Im 13. Pariser Arrondissement werden auf zwei Briefkästen, die mit Porträts der Politikerin und Auschwitz-Überlebenden Simone Veil verziert sind, Hakenkreuze gesprüht. Auf das Fenster des Delikatessengeschäfts „Bagelstein“ sprüht jemand auf Deutsch den Schriftzug „Juden!“. Am Rande einer Demonstration der „Gelbwesten“ im Zentrum von Paris wird der 69-jährige Philosoph und Schriftsteller Alain Finkielkraut – ein Sympathisant der „Gelbwesten“-Bewegung – von einem Salafisten antisemitisch beschimpft. Einige der dokumentierten Rufe lauten: „Schmutziger Jude“, „Du bist ein Hasser, Du wirst sterben, Du fährst zur Hölle, dreckiger Zionist, Frankreich gehört uns“ und „Geh zurück nach Tel Aviv“. Die Polizei interveniert, um Finkielkraut zu beschützen.

Juden überall auf der Welt sollten so früh wie möglich nach Israel ziehen, sagte der damalige israelische Ministerpräsident Ariel Sharon im Juli 2004, „doch für diejenigen, die in Frankreich leben, ist es ein Muss.“ Damals wurde Sharon für seine Äusserung von französischen Politikern und Journalisten getadelt. Dasselbe widerfuhr dem derzeitigen israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, als er Europas Juden 2015 nach den Massakern in Paris und Kopenhagen zurief: „Selbstverständlich verdienen Juden in jedem Land Schutz. Doch wir sagen den Juden, unseren Brüdern und Schwestern: Israel ist eure Heimat.“ Der damalige französische Präsident François Hollande widersprach: „Euer Platz ist hier, in eurer Heimat. Frankreich ist euer Land.“

„Jude“ ein gängiges Schimpfwort

Sicherlich haben die meisten französischen Juden eine enge Bindung zu dem Land, in dem sie und ihre Vorfahren geboren wurden. Doch muss es schwer sein, sich wahrhaft heimisch zu fühlen, wenn man seine Kinder nicht einmal auf eine staatliche Schule schicken kann. Die meisten jüdischen Kinder in Frankreich besuchen private jüdische Schulen – teils aus Überzeugung der Eltern, aber vor allem auch aus Sicherheitsgründen. Schon 2004 stand in einem offiziellen – und zunächst geheim gehaltenen – Bericht des Bildungsministeriums Éducation Nationale (EN), „Jude“ (juif, feuj) sei an Frankreichs staatlichen Schulen ein „gebräuchliches Schimpfwort“. Der Bericht erwähnt den Fall eines aus der Türkei stammenden Schülers, der in der Klasse schweren Anfeindungen ausgesetzt gewesen sei, weil ihm vorgeworfen wurde, sein Land sei „ein Verbündeter Israels“. Dass sowohl Mitschüler als auch Lehrer nach ihrer Religionszugehörigkeit gefragt würden, sei an der Tagesordnung. Gegenüber jüdischen Schülern würden sich die Aggressionen und Drohungen noch einmal „vervielfachen“ – sowohl „innerhalb als auch ausserhalb des Schulgebäudes“. Die Angriffe kämen von Schülern „aus dem Maghreb“, die ihren Hass sowohl mit „Entwicklungen im Nahen Osten“ rechtfertigten als auch mit Koranzitaten. Die Aggression reiche bis zum „Befürworten der Verfolgung und Vernichtung der Juden“. Bewunderung für den Nationalsozialismus sei „keine Ausnahme“: „Sie zeigt sich massiv in unzähligen Graffiti, vor allem Hakenkreuzen, und sogar in entsprechenden Äusserungen, die gegenüber Lehrern, Grundschullehrern und anderem Lehrpersonal gemacht werden.“

„Damals wurde uns vorgeworfen, islamophob zu sein“, sagt der für die Studie verantwortliche damalige EN-Chef Jean Pierre Obin. „Heute“, so Obin, „gibt es in einigen urbanen Ghettos kein jüdisches Kind mehr, das eine öffentliche Schule besucht. Und wenn man den Lehrkörper fragt, wie er die Situation deutet, antworten einige, dass die jüdischen Schüler nicht mehr zahlreich genug seien, um sich zu verteidigen.“ Aus den Schulen höre man, dass die Gewalt auf dem Schulweg auch durch harsche Strafen wie den Ausschluss von der Schule nicht unterbunden werden könne, so Obin.

Bernard Ravet, ein pensionierter Schulleiter, der an verschiedenen Schulen in Marseille tätig war, schildert in seinem Buch Principal de collège ou imam de la République? einen unbändigen Hass auf Juden unter muslimischen Schülern. Wenn die Shoah thematisiert werde, fielen oft Sätze wie: „Das geschieht den Juden recht“ oder „Das hat Hitler gut gemacht“. Als einmal Eltern, die aus Israel nach Frankreich zurückgekehrt waren, ihren Sohn an seiner Schule hätten anmelden wollen, habe er ihnen das ausgeredet. Er wusste, schreibt Ravet, dass die Mitschüler, sobald sie den Akzent des in Israel aufgewachsenen Jungen hören würden, fragen würden, woher er komme. Wenn sie es dann erführen, würden sie ihn zusammenschlagen, so Ravet.

Von der Gesellschaft im Stich gelassen

„Als die Statistiken in den frühen 2000ern einen starken Anstieg der antisemitischen Vorfälle zeigten, wurde das Anwachsen des Antisemitismus von Politikern, Kommentatoren und Akademikern weitgehend ignoriert“, schreibt der Historiker, Soziologe und Antisemitismusforscher Günther Jikeli von der Indiana University Bloomington in einem im Herbst 2018 veröffentlichten Fachbeitrag über den Antisemitismus in Frankreich. „Diskussionen beschränkten sich im Allgemeinen auf die jüdischen Gemeinden und Organisationen, was unter vielen Juden das Gefühl verstärkte, von der Mainstreamgesellschaft im Stich gelassen worden zu sein.“ Erst unter Ministerpräsident Manuel Valls und Präsident François Hollande, die im Verbund mit anderen hochrangigen Politikern eine deutliche Haltung gegen Antisemitismus eingenommen hätten, habe sich daran etwas geändert. Trotzdem halte die überwältigende Mehrheit von Frankreichs Juden das, was der französische Staat in den letzten Jahren gegen Antisemitismus unternommen hat, für unzureichend. „Obwohl Juden nur eine kleine Minderheit in Frankreich sind (weniger als ein Prozent der Bevölkerung)“, so Jikeli, „waren sie 2014 das Ziel der meisten aller verzeichneten Verbrechen, die aus Rassismus und religiösem Hass verübt wurden“. Das heisst: Alle registrierten Hassverbrechen gegen Afrikaner, Araber, Roma, Muslime und andere Minderheiten zusammengenommen waren weniger als die gegen Juden. Zu diesen Hassverbrechen zählen antisemitische Schmierereien, Beleidigungen, Gewalttaten, Sachbeschädigungen und Friedhofsschändungen. Anders als andere religiöse oder ethnische Minderheiten sind Juden und jüdische Einrichtungen zudem das Ziel von Terroristen.

BDS Stand in Frankreich. Foto CAPJPO-EuroPalestine / Facebook

Während antisemitische Einstellungen im Gros der französischen Gesellschaft nicht unbedingt zugenommen hätten, so Jikeli, seien „feindliche Haltungen gegenüber Juden in weiten Teilen der muslimischen Bevölkerung, der radikalen Rechten und der radikalen Linken verbreitet“.

Bei einer Umfrage der EU-Agentur für Grundrechte (FRA) über die Verbreitung von Antisemitismus in zwölf ausgewählten Ländern der Europäischen Union sagten 95 Prozent der befragten französischen Juden, Antisemitismus sei in ihrem Land ein „sehr grosses“ oder ein „ziemlich grosses Problem“ – so viele wie in keinem anderen der untersuchten Staaten. Im Durchschnitt dieser Länder halten 45 Prozent den Antisemitismus für ein „sehr grosses“ und 40 Prozent für ein „ziemlich grosses Problem“. Auch beim Anteil derer, die aussagten, der Antisemitismus in ihrem Land habe in den letzten fünf Jahren zugenommen, ist Frankreich mit 95 Prozent ganz vorn. 74 Prozent der Befragten äusserten, sie hätten Angst, dass ein Familienmitglied in den nächsten 12 Monaten Opfer eines antisemitischen Übergriffs (verbal oder körperlich) werden könnte. Zum Vergleich: In Belgien haben 68 Prozent der Befragten diese Sorge; in Deutschland 63 Prozent; in Schweden 46 Prozent; in Grossbritannien 40 Prozent; in Italien 38 Prozent; in Ungarn 29 Prozent.

Antisemitismus und radikaler Islam

Die Juden, die in den letzten fünf Jahren persönlich Opfer antisemitischer Beleidigungen oder Übergriffe geworden waren, wurden gefragt, ob sie die Täter einer Kategorie zuordnen könnten. Die meistgenannten Antworten in Frankreich waren „Kann ich nicht beschreiben“ (40 Prozent); „Jemand mit muslimisch extremistischen Ansichten“ (33 Prozent); „Jemand mit politisch linken Ansichten“ (20 Prozent) und „Arbeitskollegen, Mitschüler, Kommilitonen“ (24 Prozent). Nur sieben Prozent der befragten Juden gaben an, „jemand mit politisch rechten Ansichten“ habe sie beleidigt oder angegriffen.

„Man kann annehmen, dass ein bestimmter Prozentsatz der nichtidentifizierten Täter ebenfalls arabischer oder muslimischer Herkunft sind“, schreibt Jikeli. „Somit liegt der tatsächliche Anteil der Urheber antisemitischer Akte, der arabischer oder muslimischer Herkunft ist, wahrscheinlich bei deutlich über 50 Prozent.“ In jedem Fall liege der Anteil der arabisch-muslimischen Täter signifikant höher als ihr Anteil an der Bevölkerung, der sich auf sechs bis acht Prozent belaufe, so Jikeli. Verbrechen wie die in Frankreich häufigen Schändungen würden meist von Rechtsextremisten verübt; körperliche Angriffe hingegen meist von Muslimen.

Einer derjenigen, die Alain Finkielkraut am heftigsten beschimpften („Hau ab, du dreckiger Scheisszionist“, „Du wirst sterben und in die Hölle kommen“) ist laut Presseberichten der 36-jährige Islamkonvertit Benjamin Weller aus Mulhouse. Den Behörden ist bekannt, dass sich Weller – ein Vater von fünf Kindern, der seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Mobiltelefonen verdient – einer Bewegung von Salafisten angeschlossen hat; sie halten ihn aber den Berichten zufolge nicht für einen potenziellen Terroristen.

Das passt zu den Beobachtungen, die Günther Jikeli in seinem Aufsatz präsentiert. „Interessanterweise“, schreibt er, „steigt das Mass von Antisemitismus unter Muslimen signifikant mit dem Mass an Religiosität.“ Für Christen gelte das nicht. „Islamischer religiöser Glaube und Praxis“, folgert Jikeli, „scheint unter Muslimen im Hinblick auf die antisemitischen Einstellungen ein signifikanter Faktor zu sein“.

Dies belegt eine Studie des liberalen französischen Think-Tanks Fondapol. Dass es eine „weltweite zionistische Verschwörung“ gebe, bejahten 16 Prozent aller befragten Franzosen. Bei denen, die angaben, sie seien „muslimischer Herkunft“ waren es 30 Prozent; unter denen, die sagten, sie seien „gläubige Muslime“ waren es 42 Prozent, und unter denen, die von sich sagten, sie seien „gläubige und praktizierende Muslime“, stimmten 56 Prozent der Aussage zu. Dass die Juden „die Medien kontrollieren“, glauben der Studie zufolge 70 Prozent der „gläubigen und praktizierenden“ Muslime, 50 Prozent derer, die sagen, sie seien „muslimischer Herkunft“ und 23 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Die oft zu hörende Behauptung, dass der Antisemitismus etwas mit Erfahrungen von Diskriminierung und Ausgrenzung zu tun habe, werde von soziologischen Studien nicht bestätigt, so Jikeli.

Staatlich sanktionierter Hass

Was könnte die Politik gegen den grassierenden Antisemitismus tun, wenn sie denn wollte? Zum einen müsste der Staat radikale Moscheen beobachten und solche, in denen zu Gewalt aufgerufen wird, schliessen. Zum anderen müsste die Hetze gegen Israel eingestellt werden, die in wohl keinem anderen europäischen Land so viel öffentlichen Raum einnimmt wie in Frankreich. Im Juni 2018 berichtete Audiatur-Online, wie Dominique Lesparre, der kommunistische Bürgermeister von Bezons, einer 30.000-Einwohner-Stadt im Département Val d’Oise nördlich von Paris, eine „Allée de la Nakba“ einweihte. In einem erklärenden Text auf dem Strassenschild wurde der erste israelische Ministerpräsident David Ben-Gurion als „Kriegsverbrecher“ bezeichnet. Dieselbe Gemeinde hatte 2013 den verurteilten Mörder und PFLP-Terroristen Majdi al-Rimawi zum Ehrenbürger ernannt.

Auch der staatliche französische Rundfunk schürt Ressentiments gegen Israel. Im September 2000 – das war zu Beginn von Jassir Arafats Mordserie, der über tausend Israelis zum Opfer fielen – verbreitete France 2 die folgenreiche Mohamed-al-Dura-Legende und verklagte einen Kritiker, der die Version von France 2, wonach israelische Soldaten einen arabischen Jungen erschossen hätten, in Abrede gestellt hatte.

„Journalisten in Frankreich sind fast ausnahmslos antiisraelisch“, sagt der aus Frankreich nach Israel ausgewanderte jüdische Journalist Jean-Patrick Grumberg gegenüber Audiatur-Online. Zudem sei der muslimische Antisemitismus „ein Tabu in Frankreich, vor allem unter Linken und in den Medien“.

Joachim Schroeder, der zusammen mit Sophie Hafner die Antisemitismusdokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt“ produziert hat, die 2017 für so grosses Aufsehen sorgte, weil ARTE und der WDR sie in Auftrag gegeben hatte, dann aber nicht zeigen wollten (weil darin zu viele Fakten berichtet wurden, die den Programmverantwortlichen unangenehm waren), kann das bestätigen. Aus gut unterrichteter Quelle weiss er, dass unter anderem auch die Thematisierung des Antisemitismus unter Muslimen gerügt wurde: Die Verantwortlichen von ARTE Frankreich äusserten die Befürchtung, dass dies zu Gewalt gegen sie und den Sender führen könne. Zudem behaupteten sie, die Dokumentation sei „antimuslimisch“ – eine völlig falsche Behauptung, sagt Schroeder, schliesslich zeige der Film muslimische Jugendliche im Gazastreifen in einem „sehr positiven Licht“.

Die Anekdote zeigt Frankreichs Misere: Es sind nicht die toleranten, weltoffenen, antiradikalen Muslime, deren Stimmen in Frankreich und Europa Gewicht haben; vielen Politikern und Verantwortlichen des Medienestablishments geht es darum, sich ausgerechnet mit den Radikalen unter den Muslimen gut zu stellen – eben die, von denen Gewalt zu befürchten ist. Viele französische Politiker suchen das Gemeinsame mit diesen Radikalen, und das ist vor allem der Hass auf Israel. Antisemiten wie Benjamin Weller fühlen sich dadurch in ihrer Haltung ermuntert und bestärkt. „Wir sind das Volk!“, rief er, „Frankreich gehört uns!“

Wer den Hass auf israelische Juden schürt, darf sich nicht wundern, wenn dieser sich gegen französische Juden entlädt. Die Juden im Westen sind die Hauptleidtragenden der Hetze gegen Israel, wie sie unter dem Schlagwort „Boykott“ und dem Kürzel „BDS“ betrieben wird. Nur eine Ächtung dieser Hetze könnte Frankreich Frieden bringen. Doch danach sieht es nicht aus. Für Sonntag haben Sympathisanten der Hamas zu einer Demonstration in Paris aufgerufen. Die Behörden haben keine Einwände. Sie sagen, sie könnten eine solche Demonstration nur dann verbieten, wenn eine Störung der öffentlichen Ordnung zu befürchten sei. Das aber sei nicht der Fall.

Über Stefan Frank

Stefan Frank ist freischaffender Publizist und lebt an der deutschen Nordseeküste. Er schreibt regelmässig über Antisemitismus und andere gesellschaftspolitische Themen, u.a. für die „Achse des Guten“, „Factum“, das Gatestone Institute, die „Jüdische Rundschau“ und „Lizas Welt“. Zwischen 2007 und 2012 veröffentlichte er drei Bücher über die Finanz- und Schuldenkrise, zuletzt "Kreditinferno. Ewige Schuldenkrise und monetäres Chaos."

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