
Die Tötung von Izz al-Din al-Haddad, auch bekannt als Abu Shuaib al-Suhaib, dem militärischen Chef der Hamas im Gazastreifen, durch einen israelischen Angriff am 15. Mai 2026 war mehr als nur ein weiterer Eintrag in Israels langer Kampagne gegen Terrorführer. Sie erinnerte an eine zentrale Frage der israelischen Terrorismusbekämpfung: Funktionieren gezielte Tötungen?
Die Antwort lautet: ja – aber nur, wenn man versteht, was „funktionieren“ bedeutet. Gezielte Tötungen beseitigen erfahrene Kommandeure, stören Befehlsketten, zwingen Terrorführer in den Untergrund und erlegen jenen einen persönlichen Preis auf, die den Mord an Zivilisten planen. Sie senden auch eine notwendige Botschaft: Zeit, Ort, Tunnel und menschliche Schutzschilde garantieren keine Straflosigkeit.
Al-Haddad war genau die Art von Ziel, für die diese Politik entwickelt wurde. Als langjähriger Hamas-Kommandeur, der über Jahrzehnte in der Organisation aufgestiegen war, war er an der Planung des Massakers vom 7. Oktober beteiligt und wurde nach der Tötung von Muhammad al-Sinwar im Mai 2025 zum Chef des militärischen Arms der Hamas ernannt. Al-Haddad, der unter seinem Kampfnamen Abu Suhaib und dem Spitznamen „The Ghost“ bekannt war, hatte zuvor mehrere Tötungsversuche der israelischen Armee überlebt.

Er spielte zudem eine Rolle bei der Gefangenschaft israelischer Geiseln. Israelischen Sicherheitsberichten zufolge setzte ihn monatelanger Druck schliesslich so sehr unter Zugzwang, dass er seine eigenen Sicherheitsregeln brach: Nach langen Phasen im Tunnelsystem Gazas soll er sich wieder oberirdisch bewegt, vertraute sichere Häuser aufgesucht und Muster offenbart haben, die es dem israelischen Nachrichtendienst ermöglichten, ihn aufzuspüren. Seine Beseitigung war keine symbolische Vergeltung. Sie war die Ausschaltung eines aktiven Kommandeurs, der mit den Wiederaufbaubemühungen der Hamas verbunden war.
Doch gezielte Tötung ist kein strategischer Sieg. Sie kann die Hamas schwächen. Sie kann sie aber nicht allein zerstören.
Die Geschichte der Hamas zeigt sowohl den Nutzen als auch die Grenzen dieses Ansatzes. Der wichtigste Präzedenzfall liegt im Jahr 2004, während der Zweiten Intifada (2000–2005), als Israel Scheich Ahmed Yassin, den Gründer und geistlichen Führer der Hamas, tötete – und kurz darauf Abdel Aziz al-Rantisi, seinen Nachfolger und eine der radikalsten politischen Figuren der Bewegung. Diese Operationen beendeten den Hamas-Terrorismus nicht sofort. Mit der Zeit beschädigten sie jedoch die Führungsstruktur der Organisation und trugen gegen Ende der Zweiten Intifada zu einem relativen Rückgang der Selbstmordanschläge bei. Das ist die erste Lehre: Gezielte Tötungen wirken am besten, wenn sie echte Kommandozentren treffen und nicht bloss berühmte Namen.
Doch der Krieg nach dem 7. Oktober offenbarte eine zweite Lehre: Die Hamas kann Führungsverluste verkraften, ohne den Kampf aufzugeben. Israel hat zahlreiche hochrangige Kommandeure getötet und die militärische Infrastruktur der Hamas schwer beschädigt, doch die Organisation überlebt, kontrolliert weiterhin grosse Teile Gazas und bereitet sich bereits auf die nächste Runde vor.
Dieses Muster wiederholte sich nach al-Haddads Tod. Mohammed Odeh, der Geheimdienstchef des militärischen Arms der Hamas und einer der mutmasslichen Architekten des 7. Oktober, wurde zu seinem Nachfolger ernannt. Nur wenige Tage später, am 26. Mai, tötete Israel Odeh in Gaza-Stadt – ein Tod, den die Hamas inzwischen bestätigt hat. Falls Odeh tatsächlich das letzte noch lebende Mitglied des höheren Führungsrats des militärischen Arms der Hamas war, müssten seine Nachfolger nun möglicherweise aus einer niedrigeren und weniger erfahrenen Kommandeurschicht kommen. Doch die Hamas hat seit Langem mit gezielten Tötungen gerechnet und mehrere Ebenen von Ersatzkadern aufgebaut. Mit der Zeit können solche Feldkommandeure schnell aufsteigen und Teile der Kommandostruktur wiederherstellen. Bereits werden Namen wie Hussein Fayyad, Haitham al-Hawajri, Nafez Sabih und Imad Aqel diskutiert – Feld- und Logistikkommandeure, die nun in zentralere Rollen aufrücken könnten.
Genau darin liegt das Dilemma: Israel erzielt weiterhin taktische Erfolge, aber noch keine strategische Veränderung.
Seit dem Waffenstillstand steht Gaza weitgehend unter der Kontrolle der Hamas. Die Gruppe rekrutiert weiterhin Kämpfer, baut Infrastruktur wieder auf und stellt Teile ihres Tunnelsystems wieder her. Von den USA unterstützte Bemühungen, die Hamas zur Entwaffnung zu bewegen, sind gescheitert, weil die verbleibende Führung der Gruppe das Niederlegen der Waffen nicht als Kompromiss, sondern als Kapitulation betrachtet.
Das bedeutet nicht, dass gezielte Tötungen wirkungslos sind. Es bedeutet, dass die Hamas eine Terrorarmee, eine Herrschaftsmaschine, ein Geheimdienstnetzwerk und eine Ideologie des permanenten Krieges zugleich ist. Ihre Führer sind verstreut, Kommandeure der mittleren Ebene können rasch aufsteigen, und der Tod wird als Märtyrertum verherrlicht. Deshalb können gezielte Tötungen die Fähigkeiten der Hamas verringern, ohne zwangsläufig ihre Motivation zu brechen.
Die Hamas zu besiegen ist ausserordentlich schwierig, weil sie nicht nur eine Organisation ist, die zerschlagen werden muss, sondern der bewaffnete Ausdruck einer umfassenderen Weltanschauung. Ihre Macht beruht nicht allein auf Kommandeuren, Tunneln, Raketen oder Regierungsstrukturen, sondern auf einer Ideologie, die Dschihad, Märtyrertum und permanenten „Widerstand“ gegen Israel verherrlicht. Diese Weltanschauung kann den Tod jedes einzelnen Anführers überleben. Israel kann Kommandeure töten, Befehlsketten stören und militärische Infrastruktur zerstören. Doch gezielte Tötungen allein können jene Ideen nicht besiegen, die der Hamas ihre Regenerationsfähigkeit verleihen. Dafür muss militärischer Druck mit einer glaubwürdigen politischen Alternative in Gaza verbunden werden — und mit einem Prozess, der die Ideologie der Hamas nicht als heroisch erscheinen lässt, sondern als katastrophal für die Palästinenser selbst.
Die Tötung al-Haddads ist daher bedeutsam. Sie beseitigt Erfahrung, stört die Wiederaufbaubemühungen der Hamas und macht jedem überlebenden Kommandeur klar, dass der 7. Oktober ein persönliches Todesurteil nach sich zieht. Sie könnte auch die Legitimationskrise der Hamas in Gaza vertiefen. Berichte aus dem Gazastreifen nach seiner Beerdigung beschrieben eine schwächere öffentliche Begeisterung, als die Hamas sie sich gewünscht hätte; viele Gazaner wirkten erschöpft, gleichgültig oder sogar still erleichtert. Eine Bewegung, die ihre Kommandeure als Helden präsentiert, kann nur schwer verbergen, dass viele der Menschen, die sie zu vertreten behauptet, ein normales Leben mehr wollen als eine weitere Runde des „Widerstands“.
Doch al-Haddads Tod beantwortet nicht die Frage, wer Gaza regiert. Gezielte Tötung kann nicht regieren.
Die Entscheidung, hochrangige Funktionäre einer Terrororganisation zu töten, muss internationale Beziehungen und andere Kosten berücksichtigen. Der Versuch, Khaled Mashal 1997 in Jordanien zu töten, bleibt eine der deutlichsten Warnungen. Mashal war ein legitimes Hamas-Ziel, doch die gescheiterte Operation in einem befreundeten arabischen Staat löste eine diplomatische Krise aus und zwang Israel zu demütigenden Zugeständnissen. Das Problem war nicht die Legitimität des Ziels, sondern die Kluft zwischen operativem Ehrgeiz und strategischem Urteilsvermögen.
Dasselbe Dilemma zeigt sich in jüngeren Fällen. Die Tötung Ismail Haniyehs im Iran mag gegenüber Hamas und Teheran abschreckende Wirkung gehabt haben. Israelische Entscheidungsträger mussten gewiss die Folgen eines Schlages in einem souveränen Staat und einer Regionalmacht abwägen, die zur Vergeltung fähig ist. Die Operation könnte sogar indirekt den späteren Zwölf-Tage-Krieg gegen den Iran beeinflusst haben. Doch die zentrale Frage bleibt: Hat Haniyehs Tötung Israels Ziele gegenüber der Hamas in Gaza direkt vorangebracht?

Der versuchte Schlag gegen Hamas-Führer in Doha im September 2025 verschärfte das Problem zusätzlich. Netanyahu argumentierte, er werde ein Hindernis für ein Geiselabkommen beseitigen. Doch die unmittelbare Wirkung schien das Gegenteil zu sein: Katar verurteilte den Angriff, Familien der Geiseln fürchteten Vergeltung, die Hamas weigerte sich, ihre Bedingungen zu ändern, und Trump distanzierte sich öffentlich. Das Geiselabkommen kam erst später unter amerikanischem Druck zustande, was es schwer macht zu behaupten, die Doha-Operation habe zur Freilassung der Geiseln beigetragen.
Die Hamas bezieht ihre Legitimität aus dem bewaffneten Kampf selbst. Sie kann den Kampf gegen Israel nicht einfach einstellen, ohne ihren Anspruch auf die Herrschaft über Gaza zu untergraben. Ihre Macht beruht nicht auf Wohlstand oder normaler Regierungsführung, sondern auf „Widerstand“. Das begrenzt die Abschreckungswirkung durch Enthauptungsschläge.
Die Schlussfolgerung lautet nicht, dass Israel gezielte Tötungen aufgeben sollte. Das wäre naiv und gefährlich. Hamas-Kommandeure, die Massaker planen, Raketen herstellen, Geiseln festhalten oder die Terrorherrschaft über die Gazaner durchsetzen, sind legitime Ziele. Doch Israel darf einen erfolgreichen Schlag nicht mit einer erfolgreichen Strategie verwechseln.
Gezielte Tötungen sind am wirksamsten, wenn sie Teil einer umfassenderen Kampagne sind: nachrichtendienstliche Dominanz, Zerstörung militärischer Infrastruktur, finanzieller Druck, Kontrolle der Schmuggelrouten, Verhinderung der Wiederbewaffnung und der Aufbau einer politischen Alternative zur Hamas in Gaza. Ohne all dies wird jeder getötete Kommandeur früher oder später ersetzt.
Das ist Israels ungelöste Herausforderung. Das Fehlen einer tragfähigen Alternative lässt die Hamas als faktische Autorität zurück und ermöglicht ihr, zu überleben und sich zu erholen.
Die Tötung von Izz al-Din al-Haddad war gerechtfertigt und operativ effizient. Aber sie war kein Sieg. Sieg wird es erst geben, wenn die Hamas nicht mehr regieren, sich nicht mehr bewaffnen, nicht mehr rekrutieren und den Tod nicht mehr in politisches Kapital verwandeln kann. Israel hat wiederholt bewiesen, dass es die Führer der Hamas erreichen kann. Die schwierigere Aufgabe besteht darin, eines Tages dafür zu sorgen, dass es keine Hamas-Führer mehr gibt, die es zu ersetzen lohnt.



















