
Israelische Ärzte haben Erdogan geholfen, Abbas, der Familie Haniyeh – und Jahja Sinwar, dem späteren Architekten des Massakers vom 7. Oktober. Über eine moralische Asymmetrie, die selten benannt wird.
Am 8. Juli 2026 verbreitete Israels Channel 14 eine bemerkenswerte Behauptung. Avi Shoshan, der ehemalige Sprecher des Tel Aviver Ichilov-Krankenhauses, sagte, ein israelischer Arzt habe einst dazu beigetragen, das Leben des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zu retten.
Shoshan zufolge sei ein hochrangiger israelischer Mediziner in die Türkei geflogen, nachdem Erdogan an Krebs erkrankt war – „auf Ersuchen des Mossad“ und mit Zustimmung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. „Der Mann, der heute die Juden bedroht“, sagte Shoshan, „lebt und atmet dank eines Juden.“ Bereits im Januar 2022 hatten israelische Medien berichtet, Erdogan erhalte medizinischen Rat von Prof. Itzhak Shapira, einem führenden Kardiologen des Ichilov-Krankenhauses. Unklar bleibt, ob sich die Berichte von 2022 und Shoshans Darstellung auf denselben Vorgang beziehen oder auf zwei getrennte Fälle.
Sollte die Geschichte zutreffen, dann zeigt sie eine bemerkenswerte moralische Asymmetrie zwischen Israel und vielen seiner Feinde. Erdogan hat Israel seit Jahren zu einer rhetorischen Zielscheibe gemacht. Von WikiLeaks veröffentlichte diplomatische Depeschen der USA beschrieben ihn als jemanden, der „Israel hasst“. Seine öffentliche Rhetorik hat diesen Eindruck immer wieder bestätigt: Wiederholt verglich er israelische Militäroperationen mit nationalsozialistischen Verbrechen und benutzte den Holocaust, um Israel anzugreifen – eine Form der Rhetorik, die Antisemitismus-Beobachter als Holocaust-Inversion bezeichnen -, einschliesslich Vergleichen Netanjahus mit Hitler. Im Juni 2026 nannte Erdogan Israel eine „Fabrik der Provokation“, deren Rohstoffe „Blut und Tränen, Instabilität und Chaos“ seien; wenige Tage später warnte er, der Kampf gegen den „genozidalen, besetzenden, expansionistischen“ Zionismus sei ein Kampf um das Überleben der Türkei.
Israel wird dämonisiert und bedroht – und doch werden seine Ärzte und hochentwickelten Krankenhäuser selbst von seinen Hassern genutzt, wenn ihr Leben davon abhängt.
Erdogan ist nicht der einzige Fall. Dasselbe Paradox zeigt sich beim Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas, der wiederholt antisemitische und hetzerische Rhetorik benutzt hat. 2016 sagte er vor dem Europäischen Parlament, israelische Rabbiner hätten dazu aufgerufen, palästinensische Brunnen zu vergiften. Die Anschuldigung erinnerte an mittelalterliche antisemitische Legenden, in denen Juden beschuldigt wurden, Brunnen zu vergiften, besonders in Zeiten sozialer und politischer Krisen. 2022 beschuldigte Abbas Israel in Berlin, an der Seite von Bundeskanzler Olaf Scholz, „50 Holocausts“ an den Palästinensern begangen zu haben – eine Aussage, die in Deutschland und Israel scharf verurteilt wurde. Doch Abbas’ eigenes Umfeld hat sich auf israelische medizinische Hilfe verlassen: Seine Frau wurde in Israel operiert, sein Bruder dort wegen einer Krebserkrankung stationär behandelt, und sein Schwager soll sich einer lebensrettenden Herzoperation unterzogen haben. Im Mai 2018, als Abbas selbst in Ramallah schwer an einer Lungenentzündung erkrankt war, entsandte Israel einen Spezialisten, um bei seiner Behandlung zu helfen.
Auch Saeb Erekat, der langjährige palästinensische Friedensunterhändler und Generalsekretär des Exekutivkomitees der PLO, wurde in Jerusalem behandelt. Nachdem er sich im Oktober 2020 mit COVID-19 infiziert hatte, wurde Erekat ins Hadassah Medical Center gebracht. Er starb später, doch der Punkt bleibt bestehen: Selbst einer der schärfsten Kritiker Israels wurde als Patient in einem israelischen Krankenhaus aufgenommen.
Noch bemerkenswerter sind die Fälle, die die Hamas betreffen – eine palästinensische Terrororganisation, deren gesamte Existenz auf die Zerstörung Israels ausgerichtet ist. Und doch haben selbst Hamas-Führer und ihre Angehörigen israelische medizinische Versorgung erhalten. Im November 2013 berichteten israelische Medien, dass die Enkelin von Ismail Haniyeh, damals einer der ranghöchsten Hamas-Führer, in Israel behandelt worden sei. Im Juni 2014 soll seine Schwiegermutter zur Krebsbehandlung nach Israel eingereist sein. Vier Monate später, im Oktober 2014, wurde Haniyehs Tochter nach Komplikationen infolge eines Eingriffs in Gaza zur Notbehandlung in ein israelisches Krankenhaus eingeliefert. Seth Frantzman nannte dies den „Haniyeh family health plan in Israel“: Hamas-Eliten und ihre Familien konnten Zugang zu israelischen Krankenhäusern erhalten, während gewöhnliche Israelis, darunter auch Soldaten, oft auf ähnliche Eingriffe warten mussten.
Der verheerendste Fall ist Yahya Sinwar, ein hochrangiger Hamas-Funktionär, der später zum Anführer der Organisation in Gaza wurde. 1989 wurde er von einem israelischen Gericht zu mehreren lebenslangen Haftstrafen verurteilt, weil er Palästinenser ermordet hatte, die der Zusammenarbeit mit Israel verdächtigt wurden, und weil er an der Entführung und Ermordung israelischer Soldaten beteiligt war. 2004 wurde Sinwar im israelischen Gefängnis von Dr. Yuval Bitton untersucht, damals Zahnarzt im Strafvollzug. Bitton vermutete ein schweres neurologisches Problem und drängte auf eine sofortige Einweisung ins Krankenhaus. Israelische Chirurgen im Soroka Medical Center in Beerscheba entfernten einen Gehirntumor, der ihn wahrscheinlich getötet hätte. Sinwar überlebte, wurde 2011 im Gilad-Schalit-Deal freigelassen – bei dem Israel 1.027 palästinensische Gefangene gegen einen entführten israelischen Soldaten austauschte – und kehrte nach Gaza zurück, wo er zum Anführer der Hamas aufstieg und zu einem der zentralen Architekten des Massakers vom 7. Oktober wurde. Die Ironie ist kaum zu ertragen: Israelische Medizin half, das Leben eines Mannes zu retten, der später half, das schlimmste Massaker an Juden seit dem Holocaust zu planen. Der Arzt tat, was ein Arzt tun soll. Sinwar tat, was die Hamas tut.
Das endete nicht bei den Führungsfiguren. Gewöhnliche Israelis aus genau jenen Gemeinden, die die Hamas am 7. Oktober abschlachtete, hatten zuvor Palästinensern geholfen, medizinische Behandlung in Israel zu erhalten. Road to Recovery, eine israelische Freiwilligenorganisation, fuhr palästinensische Patienten aus Gaza und dem Westjordanland in israelische Krankenhäuser. Einige ihrer Freiwilligen lebten im westlichen Negev, nahe der Grenze zu Gaza. Während des Massakers ermordete die Hamas mindestens sechs Freiwillige von Road to Recovery; zwei weitere wurden nach Gaza verschleppt.
Warum tut Israel das?
Die Antwort ist nicht Public Relations. Es ist eine medizinische Ethik – und darüber hinaus eine zivilisatorische. Eine Ethik, in der ein Patient nicht auf seine Ideologie reduziert wird und ein Arzt nicht zum Henker werden soll. Ein krankes Kind, ein alter Gegner oder ein Gefangener mit einem Gehirntumor bleibt ein Mensch in Not. Die Folgen können später bitter sein, sogar katastrophal, wie im Fall Sinwars. Doch der medizinische Akt selbst gehört einer anderen moralischen Welt an als der Rache.
Die Hamas verkörpert die gegenteilige moralische Welt. Sie entführte Zivilisten, darunter Kinder, Frauen und alte Menschen, und hielt sie als politische Verhandlungsmasse fest. Vielen verwundeten Geiseln in Gaza wurde angemessene medizinische Versorgung verweigert. Die Hamas erlaubte dem Roten Kreuz keinen unabhängigen Zugang zu ihnen und verhinderte damit selbst grundlegende Überwachung und medizinische Hilfe. Zugleich wurde das Rote Kreuz in Israel und darüber hinaus dafür kritisiert, gegenüber der Hamas nicht nachdrücklich genug auf Zugang zu den Geiseln und medizinische Betreuung gedrängt zu haben. Einige Geiseln kehrten mit schweren unbehandelten Verletzungen zurück, darunter verstümmelte Finger, und anderen Zeichen langer Vernachlässigung.
Auch behandelte die Hamas Krankenhäuser nicht als neutrale Schutzräume. Sie machte sie zu Bestandteilen ihrer Kriegsmaschinerie – unter Verletzung des humanitären Völkerrechts und des Kriegsrechts: Raketen wurden von Krankenhausgeländen abgefeuert, Waffen in und um medizinische Einrichtungen gelagert, Tunnel und Kommandostrukturen darunter gebaut. Zugleich nutzte die Hamas Krankenhäuser für Propaganda: Wann immer Israel sich einem Krankenhaus näherte, behaupteten die Hamas und ihre Unterstützer, Israels Ziel sei es, Kinder zu massakrieren und Patienten anzugreifen.
Der ethische Zusammenbruch beschränkt sich nicht auf Gaza. Im Februar 2025 wurden zwei Pflegekräfte des Bankstown-Lidcombe Hospital in Sydney, später identifiziert als Sarah Abu Lebdeh und Ahmad Rashad Nadir, suspendiert, nachdem ein Video aufgetaucht war, in dem sie offenbar sagten, sie würden israelische Patienten nicht behandeln, und ihnen Gewalt androhten. Beide bekannten sich später in Zusammenhang mit dem Video als nicht schuldig. Im Juni 2026 erklärte ein Richter die Aufnahme für unzulässig, weil sie angeblich ohne Zustimmung der Pflegekräfte gemacht worden war; die Staatsanwaltschaft legte Berufung ein. Am 31. Juli 2026 gab der Court of Criminal Appeal der Berufung statt und liess das ungeschnittene Video als Beweismittel wieder zu. Die ausführliche Begründung steht noch aus. Der Prozess soll am 31. August 2026 vor dem District Court beginnen.
Der Vorfall zeigte, wie der wachsende antisemitische Hass inzwischen selbst Krankenhäuser erreicht. Ein Krankenhaus hört auf, ein Krankenhaus zu sein, wenn der Mensch im Bett zuerst als Jude oder Israeli behandelt oder eben nicht behandelt wird – und erst danach als Patient.
Dies ist nicht bloss ein medizinisches Prinzip. Selbst mittelalterliche Ritterkodizes verstanden, dass Feindschaft Grenzen hatte und dass der kranke Körper nicht als feindliches Territorium behandelt werden sollte. Saladin bleibt eines der grossen Symbole der islamischen Geschichte: der kurdische Feldherr und Staatsmann, der die Kreuzfahrer 1187 bei Hattin besiegte und Jerusalem eroberte, wodurch die Kreuzfahrerherrschaft über die Stadt endete. Die Hamas und andere islamistische Gruppen berufen sich gern auf sein Erbe, weil es ihren Krieg gegen Israel in ein heiliges historisches Drama einordnet.
Während des Dritten Kreuzzugs (1189–1192) führte Saladin einen langen militärischen und politischen Kampf gegen Richard Löwenherz, den König von England und einen der Anführer der Kreuzfahrerheere. Ihre Streitkräfte stiessen besonders berühmt 1191 bei Arsuf und 1192 um Jaffa aufeinander. Saladin wusste, dass Richard sein Feind war. Doch die Geschichte erinnert daran, dass er ihm, als Richard krank wurde, Früchte und Schnee oder Eis sandte, um sein Fieber zu lindern. In der mittelalterlichen Levante war dies kein gewöhnliches Geschenk. Schnee war ein seltener Luxus, der in den Bergen gesammelt und für den Gebrauch der Eliten konserviert wurde. Ihn einem kranken feindlichen König zu schicken, war eine Geste der Würde. Zugleich sollte Saladin nicht zu einem modernen humanitären Heiligen verklärt werden: Er war ein machtbewusster und oft rücksichtsloser Herrscher, geprägt von Dschihad, Eroberung und der Gewalt seiner Zeit. Gerade deshalb ist diese Geste so bemerkenswert.
Am Ende gewann keine Seite vollständig. Der Frieden von Jaffa von 1192 liess Jerusalem in Saladins Händen, gab Jaffa und seine Umgebung an die Christen zurück und garantierte christlichen Pilgern freien Zugang zur Grabeskirche.
Die Ironie reicht noch tiefer: Saladin gehörte einer höfischen Welt an, in der jüdische Ärzte muslimischen Herrschern dienten, darunter Ibn Jumay, ein ägyptisch-jüdischer Arzt, der in Saladins Dienst trat. Jahrhunderte später haben jüdische und israelische Ärzte die modernen Erben jener behandelt, die Saladin gegen die Juden beschwören.
Diese moralische Welt kann ausgenutzt werden. Sinwar nutzte sie aus. Die Hamas nutzt sie aus. Erdogan könnte von ihr profitiert haben, während er weiterhin den Staat bedrohte, der ihm half. Doch Ausnutzung löscht die Tugend der ursprünglichen Handlung nicht aus. Sie offenbart den Charakter derer, die nehmen. Die Frage ist nicht, warum Israel Feinde behandelt. Die eigentliche Frage ist, warum Israels Feinde so oft israelische Hilfe annehmen, ohne irgendetwas von der Zivilisation zu lernen, die sie ihnen gewährt.




















