Start Audiatur Exklusiv Doppelspiel des Iran – und wie SRF nur eine Seite zeigt

Doppelspiel des Iran – und wie SRF nur eine Seite zeigt

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In Beirut fand am 8. Juli 2026 eine symbolische Trauerfeier für den verstorbenen obersten Führer des Iran, Khamenei, statt. Foto IMAGO / Anadolu Agency
In Beirut fand am 8. Juli 2026 eine symbolische Trauerfeier für den verstorbenen obersten Führer des Iran, Khamenei, statt. Foto IMAGO / Anadolu Agency
Lesezeit: 5 Minuten

Mitte Juni 2026 unterzeichneten die USA und der Iran ein Rahmenabkommen zur Beendigung des Irankriegs. In den Nachrichtensendungen des Schweizer Fernsehens SRF rückte in den Tagen darauf ein einziger Punkt in den Vordergrund: die Waffenruhe im Libanon – und damit die Frage, ob Israel den Frieden blockiere. Die Rolle jener Macht, die im Libanon Krieg und Waffenruhe zugleich dirigiert, blieb weitgehend unbenannt: der Iran.

von Hanspeter Büchi

Das Rahmenabkommen umfasst 14 Punkte und ist eine völkerrechtlich unverbindliche Absichtserklärung, gedacht als Grundlage für spätere Verhandlungen. Es sieht ein Kriegsende an allen Fronten einschliesslich Libanon vor, die Öffnung der Strasse von Hormus, die Aufhebung sämtlicher Sanktionen und die Freigabe eingefrorener iranischer Gelder. Dazu kommt ein Wiederaufbauprogramm von mindestens 300 Milliarden Dollar, das grösstenteils regionale Partner finanzieren sollen und das nach einem endgültigen Abkommen fällig würde. Für ein Regime, dessen jährliche Wirtschaftsleistung kaum höher liegt, wäre das ein gewaltiger Gewinn. Genau diese Dimensionen – und die Konsequenzen für das weiterhin von den Mullahs unterdrückte iranische Volk waren bei SRF kein Thema.

Israel als Friedenshindernis

Stattdessen dominierte die Waffenruhe im Libanon, und mit ihr eine wiederkehrende Deutung: Israel stehe dem Frieden im Weg. SRF-Korrespondentin Anita Bünter brachte sie auf den Punkt:

«Israel signalisiert bislang keine Bereitschaft, aus dem besetzten Südlibanon abzuziehen, und argumentiert mit eigenen Sicherheitsinteressen. Damit hat Israel quasi indirekt ein Veto bei diesem Thema. Ob aus der jetzigen Absichtserklärung dereinst ein echtes Friedensabkommen wird, ist noch völlig offen.»

Schon die Wortwahl – der «besetzte» Südlibanon, das «Veto» Israels – verschiebt die Verantwortung. Ein weiterer Beitrag zielte in dieselbe Richtung:

«Ein weiterer Unsicherheitsfaktor ist die Rolle Israels. Auch heute führte die israelische Armee Angriffe im Süden Libanons aus, obwohl in der Vereinbarung festgehalten ist, dass sämtliche Kampfhandlungen gestoppt werden sollen.»

Begleitet wurden solche Sätze regelmässig von Emotionen schürenden Aufnahmen israelischer Angriffe und deren Auswirkungen. Wer die Waffenruhe breche, war für den Zuschauer damit optisch schon beantwortet, auch weil in Meldungen über den Libanon meistens erst deutlich von israelischen Angriffen die Rede ist.

Die umgekehrte Ursache-Wirkung-Kette

Was dabei unterging: Es ist der Iran, der die Einhaltung des gesamten Abkommens davon abhängig macht, dass Israel seine Einsätze im Südlibanon einstellt und abzieht. Zugleich will Teheran gemäss Iranexperten seine Terrororganisation Hisbollah stark halten! Diese hatte den Libanon Anfang März 2026 mit Angriffen auf Israel in den Krieg hineingezogen, erkannte keine der folgenden Waffenruhen an und beschoss Nordisrael weiter. SRF gab die iranische Prioritätensetzung ungebrochen wieder:

«Waffenruhe an allen Fronten ist Vorbedingung für weitere Verhandlungen, auch im Libanon. Daran hält der Iran fest.»

Dass diese Vorbedingung Teherans eigenes Druckmittel ist, blieb unausgesprochen. Selbst wo die Auslöser genannt wurden, kippte die Erzählung sofort zur israelischen Wirkung:

«Nachdem vier israelische Soldaten bei einem Angriff der Hisbollah getötet wurden, bombardiert Israel in der Nacht dutzende Ziele im Süden des Libanon. Nach libanesischen Angaben kommen dabei mindestens 47 Menschen ums Leben. Hunderte fliehen vor den Kämpfen.»

Der Angriff der Hisbollah ist ein Nebensatz, die Zahl der libanesischen Opfer und die Fluchtbewegung sind die Botschaft. So standen die israelischen Angriffe im Zentrum, der vorausgegangene Beschuss aus dem Süden blieb Randnotiz. Ein Bericht wie beispielsweise den über einen massiven Tunnel der Hisbollah mit einem riesigen Waffenlager, der unter einem libanesischen Dorf entdeckt wurde, ist nie erschienen.

Vom Rechtsurteil bis zur Reportage

Auch juristisch bezog SRF Position. Dass Israel in der von ihm erklärten Sicherheitszone die vom Iran ausgerüstete Hisbollah bekämpft, weil von dort Raketen auf israelische Ortschaften fliegen, wurde nicht gewichtet, sondern gewertet:

«Ein Teil des Gebiets hat Israel als sogenannte Sicherheitszone erklärt. Ein klarer Verstoss gegen die Souveränität des Libanon.»

Die Besetzung fremden Territoriums, das als Ausgangslage für Angriffe auf das eigene Land dient, ist völkerrechtlich erlaubt. Zudem gestattet der inzwischen zwischen dem Libanon und Israel abgeschlossene Vertrag den Verbleib der IDF auf libanesischem Territorium.

Die israelische Begründung der Selbstverteidigung stand dieser Feststellung nicht gleichwertig gegenüber. Und so lautete das Fazit erwartungsgemäss:

«Einer der grössten Knackpunkte für ein mögliches Friedensabkommen ist die Lage vor Ort im Libanon. Dort sollten die Waffen eigentlich schweigen, tun sie aber nur bedingt.»

Der Knackpunkt heisst Israel – bei wem denn sonst. Wie sehr die Bildsprache diese Deutung stützte, zeigte eine Reportage aus Beirut:

«Seit Beginn dieses Kriegs sind mehr als eine Million Menschen geflüchtet. Das ist auch in der Hauptstadt Beirut spürbar und sichtbar – eine ganze Zeltstadt mit Vertriebenen. Viele kommen aus Hisbollah-Hochburgen. Israel hat dort ganze Orte dem Erdboden gleichgemacht. Das schafft den Nährboden für neuen Hass, für neue Gewalt; da ist viel Wut vorhanden, Drang nach Rache.»

Zerstörung, Zeltstädte, Wut, Rache: Das ist die Klaviatur der Emotion. Interviews mit Israeli vor Ort, Raketenalarm im Norden, der Lauf in die Schutzräume – all das fehlte. Wo die Hisbollah ihre Stellungen zwischen die Zivilbevölkerung legt, wird aus der Ursache eine Fussnote und aus dem Getroffenen ein Täter.

Des Kaisers neue Kleider

Das offenkundige Doppelspiel – jeder sieht es, doch SRF benennt es nicht – erinnert an des Kaisers neue Kleider. Der Iran fordert eine Waffenruhe und lässt seine Miliz zugleich weiterschiessen; er verurteilt die israelischen Reaktionen, die er selbst provoziert, und droht mit dem Abbruch der Verhandlungen. Auf dieser Klaviatur spielt Teheran, und das Schweizer Fernsehen übernahm die Tonlage, ohne den Dirigenten zu zeigen. Auch die zur Ausgestaltung des Abkommens geplanten Gespräche in der Schweiz, die wegen der Kämpfe abgesagt wurden, erschienen so vor allem als Folge israelischer Unnachgiebigkeit.

Der Beitrag reiht sich in ein bekanntes Muster ein. Ob Judäa und Samaria, Gaza oder nun der Libanon: Wo es um Israel geht, zeigt SRF die Wirkung vor der Ursache und blendet die Verantwortung des iranischen Regimes und seiner Terrororganisationen aus. Ob der einseitigen kritischen Fokussierung auf Israel kann das Publikum nicht ernennen, dass der Hisbollah der Aggressor ist, gegen den sich Israel zu Recht verteidigt. Zudem sind der Hisbollah – wie damals der Hamas – zivile Opfer in der eigenen Bevölkerung völlig egal.

Nachtrag (Stand 10. Juli 2026): Kurz nach den hier analysierten Sendungen ist das Rahmenabkommen faktisch Makulatur. Nach iranischen Angriffen auf Handelsschiffe in der Strasse von Hormus schlugen die USA gegen iranische Stellungen zurück, der Iran reagierte mit Angriffen auf US-Stützpunkte in Bahrain und Kuwait. Am 8. Juli erklärte Präsident Trump am NATO-Gipfel in Ankara die Waffenruhe für «vorbei». Zerbrochen ist die Vereinbarung damit nicht an israelischer Unnachgiebigkeit, sondern an iranischem Handeln – an genau jener Verantwortung, die in der Berichterstattung von SRF keinen Platz fand.

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