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SRF «erklärt» die Hisbollah

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Foto Screenshot SRF / Instagram
Foto Screenshot SRF / Instagram
Lesezeit: 7 Minuten

SRF erklärt seinen Tausenden Instagram-Followern die islamistische Hisbollah als sozialpolitische Kraft mit Krankenhäusern und Schulen. Terroranschläge, der Mord an einem Premierminister, Drogenhandel und Vernichtungsrhetorik werden in dem Beitrag jedoch nicht erwähnt. Die Kommentarspalte zeigt, was ankommt: Israelhass, Delegitimierung und offener Antisemitismus.

Am 24. April 2026 veröffentlichte SRF News auf Instagram ein Reel unter dem Titel «Was ist die Hisbollah im Libanon?». Eine Moderatorin steht vor einer grossformatigen Hisbollah-Flagge – gelb, mit grüner arabischer Schrift und dem Emblem der Organisation – und erklärt, was die Hisbollah sei.

Das Reel beginnt mit dem Satz: «Hier kennt man sie vor allem als Terrororganisation, die Israel immer wieder angreift und von Israel angegriffen wird.» Das Wort «Terrororganisation» wird sofort relativiert: «Aber Hisbollah ist auch eine religiöse und politische Organisation. Im Libanon ist sie wie ein Staat im Staat.»

Was folgt, ist eine nette Geschichte, die man freundlich als «vereinfacht» bezeichnen könnte. Frankreich habe den Libanon «übernommen». Eine «mega diverse Bevölkerung» habe dort gelebt. Israel sei einmarschiert, um eine «palästinensische Organisation» zu vertreiben, habe dabei «viele Menschen getötet und hunderttausende vertrieben». «Aus dieser Situation heraus ist eine neue Organisation entstanden, die Hisbollah.» Ihre Ziele: «Schiiten schützen, eine militärische Gegenkraft zu Israel sein und die iranische Strategie weiterverfolgen.»

Die Hisbollah wird dann als soziale Kraft präsentiert: «Hisbollah hat Vertreter im Parlament, hat eine Krankenversicherung, betreibt Krankenhäuser und Schulen.» Der «Rückhalt in Teilen der libanesischen Bevölkerung» sei «immer noch da», weil man die Hisbollah als «Versicherung» gegen «die ständigen israelischen Angriffe» sehe. Das Reel schliesst mit der Aussage, man könne die Hisbollah nicht einfach vernichten, weil «dann der Staat alle ihre Aufgaben übernehmen» müsste – «Verstehst du?»

Die Sprache ist durchgehend locker und jugendlich – «mega diverse», «Verstehst du?» – und vermittelt den Eindruck einer neutralen Aufbereitung für junge Menschen. Genau das ist sie aber nicht!

Was SRF einfach weglässt

Was das SRF-Reel nicht erwähnt, ist eine Liste, die jeder Journalist kennen müsste, der auch nur fünf Minuten über die Hisbollah recherchiert hat.

Terroranschläge weltweit. Am 18. Juli 1994 sprengte die Hisbollah das jüdische Gemeindezentrum AMIA in Buenos Aires – 85 Tote, über 300 Verletzte. Es war der schwerste Terroranschlag in der Geschichte Argentiniens. Am 18. Juli 2012 tötete ein Hisbollah-Selbstmordattentäter fünf israelische Touristen und einen bulgarischen Busfahrer am Flughafen von Burgas. Das Attentat führte dazu, dass die Europäische Union 2013 den sogenannten «militärischen Arm» der Hisbollah auf die Terrorliste setzte. SRF erwähnt keines dieser Attentate.

Der Mord an Rafik Hariri. Am 14. Februar 2005 wurde der libanesische Ex-Premierminister Rafik Hariri in Beirut durch einen Bombenanschlag ermordet – zusammen mit 22 weiteren Menschen und mehr als 100 Verletzten. Das UN-Sondertribunal für den Libanon verurteilte das Hisbollah-Mitglied Salim Ayyash für die Tat.

Terrorbezeichnung. Die Hisbollah steht auf den Terrorlisten der USA, Grossbritanniens, Kanadas, Argentiniens, der Arabischen Liga und zahlreicher weiterer Staaten. Die EU listet den «militärischen Arm» seit 2013. Deutschland verbot die gesamte Organisation im Jahr 2020. In der Schweiz ist ein Verbotsgesetz in Vorbereitung – die Vernehmlassung ist laut Bundesrat für Juni bis September 2026 vorgesehen.

Drogenhandel und Geldwäsche in Europa. Eine aktuelle Studie der Dokumentationsstelle Politischer Islam (DPI) beschreibt Europa als «zentrale Drehscheibe» für die Finanzaktivitäten der Hisbollah. Die Studie dokumentiert ein Netzwerk aus Drogenhandel, Ölschmuggel, Geldwäsche und dem Handel mit Blutdiamanten. In Österreich wurde ein Hisbollah-Kommandeur verurteilt, der über Jahre Hunderte Jugendliche rekrutiert hatte. Ein Captagon- und Kokain-Schmuggelnetz lief über eine Salzburger Pizzeria als Tarnung. SRF erzählt seiner Zielgruppe stattdessen von «Krankenhäusern und Schulen».

Bürgerkrieg in Syrien. Die Hisbollah entsandte ab 2012 Tausende Kämpfer nach Syrien, um das Assad-Regime gegen die eigene Bevölkerung zu stützen. Generalsekretär Nasrallah bekannte sich 2013 öffentlich zur Intervention. Die Hisbollah half dem Assad-Regime, dem international der Einsatz von Chemiewaffen gegen Zivilisten zugeschrieben wird. Kein Wort dazu von SRF.

Dauerangriff auf Nordisrael. Seit dem 8. Oktober 2023 beschoss die Hisbollah den Norden Israels nahezu täglich mit Raketen und Drohnen – über 60’000 israelische Zivilisten mussten aus ihren Wohnorten evakuiert werden. Ein ganzer Landstrich wurde über Monate unbewohnbar. Das SRF-Reel spricht von «ständigen israelischen Angriffen» auf den Libanon – die ständigen Hisbollah-Angriffe auf Israel kommen nicht vor.

Gründungscharta. Das Gründungsmanifest der Hisbollah von 1985 widmet Israel ein eigenes Kapitel unter dem Titel «The Necessity for the Destruction of Israel» und erklärt wörtlich: «Unser Kampf wird erst dann enden, wenn diese Entität ausgelöscht ist. Wir erkennen keinen Vertrag mit ihr an, keinen Waffenstillstand und keine Friedensabkommen» Zudem ruft es zur Errichtung einer islamischen Regierung nach dem Vorbild Khomeinis auf. SRF beschreibt die Ziele der Hisbollah als: «Schiiten schützen, eine militärische Gegenkraft zu Israel sein.» Über Vernichtungsrhetorik und den Vernichtungswillen – kein Wort.

Die Kommentarspalte

Es ist nicht das erste Mal. Bereits beim SRF-Reel zu den israelischen Siedlungen zeigte eine Auswertung dasselbe Muster: ein einseitiger Beitrag, eine Kommentarspalte voller Hass und Israeldelegitimierung. Beim Hisbollah-Reel wiederholt sich das Bild.

Eine Sichtung der Kommentare zeigt: Etliche Kommentare enthalten expliziten Hass – Terrorismusbezeichnungen für Israel, Dämonisierung oder Antisemitismus. Weitere sind «nur» problematisch – Israel-Delegitimierung, Hisbollah-Rechtfertigung, Verschwörungstheorien.

Eine Auswahl:

  • «Sich gegen eine Invasion zu wehren ist kein Terrorakt. Schulen, Spitäler und Zivilisten explizit zu töten jedoch schon. Israel übt seit Gründung diese aus.»
  • «Verstanden. Die wahre Terrororganisation war, ist und bleibt israel.»
  • «Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Was noch fehlt ist, dass Israel ein Volksmörderstaat ist, entsprungen aus der Hölle, wo sie hingehört.»
  • «Müesste mal umdenke wer mir da so als ‹Terrororganisation› betitle. Die ‹westliche› Kolonialstäät und allne vora Isreal hettet de Name wie mir da gsehnd scho lang verdient.» (Man müsste mal umdenken, wen wir da so als «Terrororganisation» betiteln. Die westlichen Kolonialstaaten und allen voran Israel hätten den Namen schon lange verdient.)
  • «Israel braucht einen ‹Feind› um ihr perfides Vorhaben zu entschuldigen, dabei lassen sie so genannte Terror Zellen entstehen. Es war bei Hamas so, es ist bei der Hizbollah so, bei al-Quaida, ISIS und und und.»
  • «Wer von israeIs imaginärem ‹Existenzrecht› fantasiert, ist ein Unterstützer des Terrors!»
  • «Ihr redet devo dass eh Umstrukturierig im libanesische Staat nötig wär, aber erwähned bewusst de Unruehstifter ih dem ganze Konflikt nöd, de einzig Staat uf dere Welt wo die grösht Umstrukturierig nötig het isch de Terrorstaat Israel.» (Ihr redet davon, dass eine Umstrukturierung im libanesischen Staat nötig wäre, aber erwähnt bewusst den Unruhestifter nicht; der einzige Staat, der die grösste Umstrukturierung nötig hat, ist der Terrorstaat Israel.)
  • «Es gibt nur eine fanatisch-religiöse Terrorgruppe im Nahen Osten, und das sind die Israelis.»
  • «Den Begriff Terroristen habt ihr von den Juden toll übernommen.»

Mindestens zwei Kommentare überschreiten die Grenze zu offenem Antisemitismus:

  • «Israel schaffts das de Davidstärn ir Zuekunft ghanhabt wird wie hützutags z Hackechrütz. Gratulation.» (Israel schafft es, dass der Davidstern in Zukunft behandelt wird wie heutzutage das Hakenkreuz.)
  • «Oh schau mal an die Yehuda swastika.»

Die «Antwort» von SRF

Audiatur-Online stellte der SRF-Medienstelle am 8. Mai 2026 vier Fragen: zu den Auslassungen im Reel, zum redaktionell verantwortlichen Redaktor, zur Moderation der antisemitischen Kommentare und zur Frage, ob es sich um ein strukturelles Problem handle.

SRF-Mediensprecher Roger Muntwyler antwortete «im Namen von SRF» am 11. Mai 2026. Zur Frage der Auslassungen schrieb er: «Im Beitrag wird gleich zu Beginn gesagt, dass es sich bei der Hisbollah um eine Terrororganisation handelt. Danach wird transparent gemacht, dass es in diesem Video primär um die Geschichte der Hisbollah als religiöse und politische Organisation geht, die im Libanon wie ein Staat im Staat agiert. Über terroristische oder kriminelle Aktivitäten der Hisbollah hat SRF schon andernorts berichtet.»

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Foto Screenshot SRF / Instagram

Zur Kommentarmoderation: «SRF legt in seinen Kommentarspalten grossen Wert auf einen sachlichen Stil, einen konstruktiven Ton ohne beleidigende Ausdrücke, Toleranz und den Respekt vor anderen Meinungen. Deshalb werden sämtliche Kommentare vom SRF Community Management moderiert und auch gelöscht, sollten diese gegen unsere Netiquette verstossen.»

Zwei der vier Fragen blieben unbeantwortet: Wer redaktionell verantwortlich ist, teilte SRF nicht mit. Ob es sich um ein strukturelles Problem handle, ebenfalls nicht.

Dass die Hisbollah «gleich zu Beginn» als Terrororganisation erwähnt wird, ist richtig – und genau das ist das Problem: Das Wort fällt genau einmal, wird im nächsten Atemzug relativiert und kommt danach nicht mehr vor. Der Verweis auf Berichterstattung «andernorts» verkennt, dass ein Instagram-Reel für tausende junge Menschen kein Randmedium ist: Wer sich über die Hisbollah nur dadurch informiert, erfährt nichts vom Terror, nichts von Syrien, nichts von den Raketen auf Nordisrael.

Zur Kommentarmoderation antwortet SRF mit einer Netiquette-Formel. Kein Wort dazu, warum «Israel ist ein Volksmörderstaat, entsprungen aus der Hölle» mit dem «sachlichen Stil» und dem «Respekt vor anderen Meinungen» vereinbar sein soll, den SRF für seine Kommentarspalten reklamiert.

Das Radio- und Fernsehgesetz sowie die SRG-Konzession verpflichten SRF zur Achtung der Menschenwürde und zur sachgerechten Berichterstattung. Ein Beitrag, der eine Terrororganisation einseitig als sozialpolitische Kraft präsentiert und dabei systematisch Terroranschläge, Morde, Drogenhandel und Vernichtungsrhetorik ausblendet, verfehlt diesen Auftrag vollständig.

Wer jungen Menschen ein Thema «einfach» erklärt, hat eine besondere Verantwortung. Gerade weil die Zielgruppe wenig Vorwissen mitbringt, wiegt das, was weggelassen wird, besonders schwer. SRF hat sich entschieden, ein bestimmtes Bild der Hisbollah zu zeichnen. Die Kommentarspalte zeigt, was bei den Zuschauern hängen geblieben ist.

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