
Trotz fast drei Jahren Krieg übertrifft Israels Wirtschaft 2026 alle G7-Staaten. Der Tel Aviv 35 legte seit Jahresbeginn 20 Prozent zu, der Schekel erstarkt – und ausländische Investoren kehren zurück.
Wenn ein Land seit fast drei Jahren im Krieg steht, gleichzeitig Hamas, Hisbollah, die Huthi und zuletzt den Iran bekämpft, würde man eine wirtschaftliche Katastrophe erwarten. Israel liefert das genaue Gegenteil. Die Zahlen, die der Wirtschaftssender CNBC Ende April zusammengetragen hat, lesen sich wie ein Lehrstück über Resilienz.
Der Internationale Währungsfonds erwartet für Israel ein Wirtschaftswachstum von 3,5 Prozent im Jahr 2026. Zum Vergleich: Die USA kommen auf 2,3 Prozent, die EU auf 1,3 Prozent. Israel übertrifft damit alle G7-Staaten. Die Bank of Israel hat ihre Prognose zwar um 1,4 Prozentpunkte nach unten korrigiert – auf 3,8 Prozent –, doch selbst dieser reduzierte Wert liegt weit über dem westlichen Durchschnitt. Bankgouverneur Amir Yaron geht davon aus, dass Israels Wirtschaft bei einer Deeskalation im Nahen Osten im kommenden Jahr auf 5,5 Prozent Wachstum zurückschnellen könnte.
Die makroökonomischen Eckdaten unterstreichen diese Widerstandskraft. Die Schuldenquote liegt laut IWF bei 69,8 Prozent des BIP – weit entfernt von den 123,7 Prozent, die die G7 im Schnitt aufweisen. Die Arbeitslosigkeit stieg leicht auf 3,2 Prozent im März, bleibt aber deutlich unter den 4,3 Prozent der USA und den 6,2 Prozent der Eurozone. Die Inflation hält sich mit 1,9 Prozent innerhalb des Zielkorridors von 1 bis 3 Prozent – während steigende Ölpreise in den USA, der EU und Grossbritannien die Lebenshaltungskosten treiben.
Rekordinvestitionen und Hightech-Stärke
Der Schlüssel zu Israels Wirtschaftskraft liegt in seiner technologischen Innovationskraft. Keren Uziyel, Analystin beim Economist Intelligence Unit, erklärt gegenüber CNBC: «Hightech-Exporte bei Gütern und Dienstleistungen sind der wichtigste Faktor hinter zwei Jahrzehnten starkem Wachstum und Wohlstandsschaffung.»
2025 verzeichnete Israel die zwei grössten Auslandsinvestitionen seiner Geschichte – beide im Bereich Cybersicherheit: Google übernahm das israelische Unternehmen Wiz für 32 Milliarden Dollar, Palo Alto Networks kaufte CyberArk für 25 Milliarden Dollar. Beide Transaktionen wurden im März 2026 abgeschlossen. Dass solche Megadeals mitten im Krieg zustande kommen, ist ein deutliches Signal: Das Vertrauen globaler Investoren in den israelischen Technologiesektor bleibt ungebrochen.
Dazu kommen günstige demografische Voraussetzungen. «Im Vergleich zu anderen Industrienationen ist die Bevölkerung relativ jung», so Uziyel. «Auch pro Kopf war die Wirtschaftsleistung in den vergangenen 20 Jahren robust.»
Börse im Höhenflug, Schekel auf Rekordjagd
Auch an den Kapitalmärkten spiegelt sich das Vertrauen wider. Der Tel Aviv 35 legte seit Jahresbeginn rund 20 Prozent zu – nach einem Anstieg von 51,6 Prozent im gesamten Jahr 2025. Der breiter gefasste Tel Aviv 125 gewann im gleichen Zeitraum mehr als 17 Prozent. Damit lässt Israel alle drei wichtigen Wall-Street-Indizes hinter sich.
Der israelische Schekel hat gegenüber dem US-Dollar seit Jahresbeginn rund 7 Prozent zugelegt – bemerkenswert in einer Phase, in der Anleger weltweit in den Dollar als sicheren Hafen flüchteten. Karen Schwok, Gründerin und CEO von Lucid Investments in Tel Aviv, wertet dies als Zeichen struktureller Veränderung: «Die Währung ist ein echtes Signal. Sie wird durch zurückkehrendes ausländisches Kapital getragen – und ist für mich ein Indikator für das Vertrauen der Investoren.»
Ausländisches Kapital fliesse insbesondere in Technologie, Finanzwerte und verteidigungsnahe Sektoren, so Schwok. Das Verhalten der Anleger habe sich «strukturell verschoben» – weg von einer übermässigen Fokussierung auf geopolitische Risiken, hin zu langfristigen Wachstumsperspektiven.
Ein Land, das sich selbst neu erfindet
Israels Wirtschaft ist keine Kriegswirtschaft im klassischen Sinne. Sie ist eine Volkswirtschaft, die trotz Krieg funktioniert – weil ihre Grundlagen stark sind: hochqualifizierte Arbeitskräfte, ein robuster Privatsektor, ein dynamischer Technologiesektor, wachsende Gasressourcen und ein boomender Rüstungsexport. Hinzu kommen günstige Bevölkerungsentwicklung und eine niedrige Staatsverschuldung.
Auch Herausforderungen sind jedoch laut CNBC vorhanden: Arbeitskräftemangel durch Mobilisierung, schwächere Konsumausgaben, eingebrochener Tourismus. Und die langfristige Entwicklung hängt massgeblich davon ab, ob Israel einen tragfähigen Frieden sichern kann. Doch die Zahlen zeigen: Israel hat bewiesen, dass ein demokratischer Rechtsstaat auch unter extremem militärischem Druck wirtschaftlich nicht nur überleben, sondern wachsen kann. Das ist keine Selbstverständlichkeit.




















