In einer neuen Analyse beschreibt die Dokumentationsstelle Politischer Islam (DPI) Europa als zentrale Drehscheibe für die Finanzaktivitäten der Hisbollah. Die Studie zeichnet ein Netzwerk aus Firmengeflechten, Schmuggel, Geldwäsche und legalen Strukturen nach. Dieses verschafft der Organisation trotz ihrer Schwächung im Nahen Osten weiterhin Handlungsspielraum. In der Schweiz ist ein Hisbollah-Verbot zwar politisch auf dem Weg, aber noch nicht abgeschlossen.
Die von Lina Khatib geleitete Studie der Dokumentationsstelle Politischer Islam (DPI) zeigt, wie weit die Finanzstrukturen der Hisbollah in Europa verzweigt sind. Die Analyse stützt sich laut DPI auf öffentlich zugängliche Quellen wie Gerichtsakten, Unternehmensregister und Regierungsberichte. Im Zentrum der Analyse steht die These, dass die Organisation trotz militärischer und politischer Rückschläge ihre transnationalen Netzwerke im Nahen Osten, in Lateinamerika, Afrika und Europa aufrechterhalten konnte.
Von besonderer Relevanz ist der Befund zur Rolle Europas. Die Studie beschreibt den Kontinent nicht als Randzone, sondern als operativen Raum für Geschäftsaktivitäten, Finanzierung und logistische Verbindungen. Lina Khatib bezeichnet Europa als «wichtige Drehscheibe» für die Hisbollah. Entscheidend sei hierbei, dass es innerhalb Europas keine einheitliche rechtliche Linie gebe. Gerade diese Uneinheitlichkeit eröffne, so die Studie, Spielräume, in denen der politische Arm der Organisation in zahlreichen Ländern weiterhin legal auftreten, Spenden sammeln und Finanzgeschäfte tätigen könne.
Die Studie beschreibt nicht nur klassische Formen der illegalen Finanzierung, sondern auch das Ineinandergreifen legaler und illegaler Geschäftsmodelle. Genannt werden Verbindungen zu global agierenden Unternehmen ebenso wie Verstrickungen in Drogenhandel, Ölschmuggel, Geldwäsche sowie den Handel mit Kunstwerken und Blutdiamanten. Laut der Studie kommt hinzu, dass zunehmend Kryptowährungen eingesetzt werden, um Transaktionen anonymer und schneller abzuwickeln. Die eigentliche Gefahr solcher Netzwerke liegt also darin, dass sie nicht nur im Untergrund operieren, sondern auch Lücken im europäischen Rechtsrahmen sowie Grauzonen legaler Wirtschaftsstrukturen ausnutzen.

Besonders aufschlussreich sind die in der DPI-Studie angeführten Fallbeispiele aus Österreich. Erwähnt wird unter anderem der Fall eines in Klagenfurt verurteilten Hisbollah-Kommandeurs, den das Gericht als Mitglied einer terroristischen Vereinigung einstufte. Laut DPI sah das Gericht es als erwiesen an, dass er über Jahre hinweg für die Organisation tätig war, hunderte Jugendliche und Männer rekrutierte, an ideologischen Schulungen und militärischen Ausbildungen beteiligt war und auch zur Finanzierung der Hisbollah beitrug. Ein weiteres Beispiel ist die sogenannte «Operation El Capta»: ein Schmuggelnetzwerk, das Captagon und Kokain über Belgien und Österreich nach Italien transportierte und bei dem eine Pizzeria in Salzburg als Tarnung diente. Solche Fälle veranschaulichen die Kernaussage der Studie: Für die Hisbollah ist Europa nicht nur ein Resonanzraum politischer Propaganda, sondern auch ein konkreter Handlungsraum für Logistik, Rekrutierung und Finanzierung.
Einige europäische Staaten sind beim Vorgehen gegen die Hisbollah bereits weiter gegangen und haben strengere Massnahmen und Verbote gegen die gesamte Organisation umgesetzt. Die Schweiz hat diesen Schritt hingegen bis heute noch nicht ganz vollzogen.
Eine Verzögerung, die inzwischen auch politisch thematisiert wird. Dies geht aus einer Frage des SVP-Nationalrats Andreas Glarner vom 4. März 2026 an den Bundesrat hervor. Darin erinnert er daran, dass National- und Ständerat dem Bundesrat den Auftrag erteilt haben, die Hisbollah zu verbieten, und fragt, weshalb man in der Schweiz beim Hisbollah-Verbot weiterhin auf das ordentliche Gesetzgebungsverfahren warte.
Der Bundesrat begründete dies «mit der volatilen politischen und sicherheitspolitischen Lage» im Libanon und der Region. Inzwischen ist der Zeitplan wenigstens konkreter. Die Vernehmlassung für das «Bundesgesetz über das Verbot der Hisbollah und verwandter Organisationen» ist von Juni bis September 2026 vorgesehen. Realistisch bedeutet das: Bis aus der politischen Ankündigung tatsächlich definitiv und abschliessend geltendes Recht wird, dürfte es eher Ende 2026 werden als in den nächsten Wochen. Gerade dieser Umstand bestätigt letztlich einen Kernbefund der DPI-Studie: Solange Europa rechtlich uneinheitlich bleibt und einzelne Staaten zögern, bleiben der Hisbollah Spielräume erhalten.
Die vollständige Studie der Dokumentationsstelle Politischer Islam ist hier abrufbar: Financial Operations of Hezbollah in Europe (PDF)






















