Start Jüdisches Leben Tiflis als Modell des Zusammenlebens: Das georgisch-jüdische Wunder

Tiflis als Modell des Zusammenlebens: Das georgisch-jüdische Wunder

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Blick über Tbilissi: Ein Panorama vom Mtatsminda-Berg. Im Vordergrund leuchten die roten Wagen der legendären Standseilbahn, während sich im Hintergrund die georgische Hauptstadt in ihrer ganzen Vielfalt erstreckt. Foto Mikheil Khachidze
Blick über Tbilissi: Ein Panorama vom Mtatsminda-Berg. Im Vordergrund leuchten die roten Wagen der legendären Standseilbahn, während sich im Hintergrund die georgische Hauptstadt in ihrer ganzen Vielfalt erstreckt. Foto Mikheil Khachidze
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In einer Welt, die zunehmend von Konflikten und Polarisierung geprägt ist, bietet das jüdische Leben in Tiflis ein bemerkenswertes Gegenbeispiel. Seit Jahrhunderten ist Georgien Heimat einer der ältesten kontinuierlichen jüdischen Gemeinschaften der Welt – eine Geschichte, die nicht von Verfolgung, sondern von Zusammenleben geprägt ist.

Ein schmaler Hof im alten Viertel von Tiflis. Stimmen vermischen sich mit dem leisen Echo von Schritten auf Stein. Es riecht nach Geschichte – und nach Gegenwart. Hier, wo sich seit Jahrhunderten Kulturen kreuzen, erzählt jede Wand von einem Zusammenleben, das heute fast wie eine Ausnahme wirkt.

Wer Tiflis (georgisch Tbilissi) verstehen will, muss mit Irine Bibileischwili sprechen. Die Direktorin des Forschungszentrums „Wurzeln“ ist die Hüterin des georgisch-jüdischen Gedächtnisses. Für sie ist die multikulturelle DNA der georgischen Hauptstadt kein Zufall, sondern das Ergebnis eines tief verwurzelten Humanismus.

„Tiflis ist eine einzigartige multikulturelle Stadt“, erklärt sie. „Als gebürtige Tbilisserin weiss ich genau, wo die lebenswichtige Arterie dieser Einzigartigkeit verläuft – in menschlichen Beziehungen, die von Toleranz, Wärme, Gastfreundschaft, Empathie und einem hohen Mass an Humanismus geprägt sind.“

Die Präsenz von Juden in Georgien reicht mindestens 2.700 Jahre zurück. Diese lange Geschichte stellt für die heutige Generation zugleich ein Erbe und eine Verpflichtung dar.

Wie stark dieses historische Fundament ist, zeigt ein eindrucksvolles Beispiel aus der Sowjetzeit. In den 1930er-Jahren plante das antireligiöse Regime die Zerstörung der Synagoge in der westgeorgischen Stadt Oni.

Als die Maschinen anrückten, fanden sie den Hof voller Mütter vor, die ihre Neugeborenen in Wiegen mitgebracht hatten, um den Weg zu blockieren. Doch es waren mehr Wiegen, als es jüdische Familien in der Stadt gab: Auch georgische Mütter hatten sich angeschlossen und gemeinsam mit ihren jüdischen Nachbarinnen eine „lebende Mauer“ gebildet.

„Wenn man mit einem solchen Erbe lebt, hat man nicht das Recht, sich unwürdig zu verhalten“, betont Bibileischwili. „Die georgisch-jüdische Beziehung ist nicht nur Geschichte – sie ist ein lebendiger ethischer Standard.“

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Irine Bibileischwili. Foto Mikheil Khachidze

Die georgische Hauptstadt ist über 1.500 Jahre alt. Doch ihre Bedeutung erschöpft sich nicht in Zahlen. „Hier haben unterschiedliche Religionen und Kulturen nicht nur nebeneinander existiert“, sagt Bibileischwili, „sie haben einander verstanden.“

Aus ihrer Sicht verdient Tiflis internationale Anerkennung: „Wenn es nach mir ginge, würde ich Tiflis zur internationalen Stadt des transkulturellen Dialogs erklären –  zu einer Art Stadt-Museum, dessen historische Erinnerung zu einem Schwerpunkt globaler Forschung werden sollte.“

Zwischen zwei Welten

Ein paar Strassen weiter spricht Dani Biniaschwili über Identität. Jung, religiös, klar in seinen Worten. Für ihn ist die Vergangenheit keine Last, sondern Orientierung.

„Meine Wurzeln liegen an der Schnittstelle zweier Kulturen“, sagt er. „Ich bin ein georgischer Jude.“

Während viele jüdische Gemeinden in Europa mit Identitätsfragen ringen, zeigt sich die junge Generation in Georgien bemerkenswert gefestigt. Der 26-jährige verkörpert diesen Typus des modernen, selbstbewussten georgischen Juden.

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Dani Biniaschwili. Foto Mikheil Khachidze

„Meine Wurzeln stehen an der Kreuzung zweier kühner und edler Kulturen“, sagt Biniaschwili, der den Namen seines Urgrossvaters, eines bedeutenden Rabbiners, trägt. Für ihn ist das Judentum in Georgien kein Import, sondern eine organische Verbindung:

„Der georgische Geist schenkte uns die Liebe zu Land und Freiheit, während der jüdische Glaube die Unerschütterlichkeit der Tradition etablierte. Unsere თანაცხოვრება (Zusammenleben) war eine spirituelle Synthese.“

Drei Sefer Thora für die Ewigkeit

Ein leises Knistern liegt in der Luft, als Dani Biniaschwili uns in die Grosse Synagoge von Tiflis führt. Hier, im Herzen der Gemeinde, werden zwei der drei Thorarollen (Sefer Thora) aufbewahrt, die seine Familie gestiftet hat – die dritte fand ihren Platz in Gori, der Heimatstadt seines Vaters und Grossvaters. Es ist der feierliche Abschluss eines Vorhabens, das über 18 Jahre lang geplant wurde.

Dani tritt an den Toraschrein, bringt die Rollen behutsam hervor und hält für einen Moment im Gebet inne. Es ist ein Bild tiefer Verbundenheit, das er bereitwillig für die Kamera festhält. „Die Thora ist unser Baum des Lebens“, erklärt er die Symbolik.

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Ein majestätischer Blick auf den Innenraum der Synagoge mit dem zentralen Bima (Altar) und dem kunstvoll verzierten Toraschrein (Aron ha-Kodesch) im Hintergrund. Foto Mikheil Khachidze

„Wenn eine Familie eine Thora spendet, verbindet sich ihr Name mit der Ewigkeit. Es ist ein Akt höchster Dankbarkeit für die Sicherheit und Wärme, die wir hier seit 26 Jahrhunderten erfahren.“

Besonders die Wahl des Ortes Gori unterstreicht diese regionale Verwurzelung. Für Dani ist es eine Verbeugung vor seinen Vorfahren: „Gori ist die Wiege meiner Familie. Die Thora ist dort eine lebendige Brücke zwischen unserer Vergangenheit und unserer Zukunft.“

Während er uns durch die hohen Hallen führt, wird deutlich, dass dieses Gebäude für ihn weit mehr ist als eine religiöse Stätte. „Das ist keine gewöhnliche Architektur“, sagt Dani mit Blick auf die Verzierungen.

„Das ist unser Zentrum, unsere Festung.“

Für Generationen war die Synagoge der Ort, an dem alles bewahrt wurde – die Sprache, das Gebet und die unerschütterliche Identität der georgischen Juden.

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Ein Blick auf den Vorplatz der Grossen Synagoge mit der markanten, handgeschnitzten Holz-Menora im Vordergrund. Foto Mikheil Khachidze

Zwei Heimatländer, eine Identität

Trotz der grossen Alija-Wellen nach Israel bleibt die Verbindung nach Georgien unzerbrechlich. Biniaschwili beschreibt es als eine Identität mit zwei Zentren: „Wir sind eine Nation mit zwei Heimatländern – eines, in dem die Gräber unserer Vorfahren liegen, und eines, das unser spirituelles Zentrum ist.“

Für Irina Bibileischwili ist dieses Modell ein Exportlager für den Weltfrieden. In einer Zeit, in der das Judentum weltweit wieder verstärkt unter Druck gerät, sendet das Tbilisser Modell eine klare Botschaft: Ein Zusammenleben auf Augenhöhe ist kein Mythos, sondern – wie in Georgien  seit 2.700 Jahren gelebte Realität.

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