
Israels Kritiker und sogar viele seiner Freunde verkennen immer wieder die brutale Realität von Israels Sicherheitsdilemma: Sie bieten selten gute Optionen an, sondern lediglich Varianten schlechter Lösungen. Der Libanon ist ein Paradebeispiel für dieses Dilemma.
Von Mitchell Bard
Israel kann es nicht hinnehmen, dass eine schwer bewaffnete Hisbollah seine Bevölkerung im Norden bedroht, doch jede verfügbare Strategie – Eindämmung, Eskalation oder Besetzung – ist mit hohen Kosten verbunden. Der derzeitige Kurs, eine mögliche erneute Besetzung des Südlibanon, birgt die Gefahr, Israel erneut in einen langwierigen Sumpf zu ziehen, der an den Zweiten Libanonkrieg erinnert, den viele Israelis noch immer als ihr Vietnam betrachten.
Jahrelang sahen die von Netanjahu geführten Regierungen tatenlos zu, wie der Iran die Hisbollah mit schätzungsweise 150.000 Raketen ausrüstete (und zwar unter Missachtung der Resolution 1701 des UN-Sicherheitsrats von 2006, für die sich die damalige Aussenministerin Tzipi Livni stark gemacht hatte und die eine Entwaffnung forderte, Anm. d. Red.). Gelegentlich stoppte Israel Waffenlieferungen oder zerstörte Lagerbestände und Produktionsstätten. Trotz dieser Bemühungen hing das Damoklesschwert weiterhin über Israel, während Netanjahu auf Abschreckung und Eindämmung setzte.
Diese Strategie schien zu funktionieren – bis sie es nicht mehr tat. Die Hisbollah liess sich nicht abschrecken; sie bereitete sich vor. Wir wissen heute, dass sie eine Invasion nach dem Vorbild der Hamas aus dem Norden geplant hatte. Wäre dieser Angriff mit dem vom 7. Oktober koordiniert worden, hätte Israel möglicherweise eine noch grössere Katastrophe erlebt. Der in letzter Minute erfolgte Truppentransport an die Nordgrenze mag die Katastrophe abgewendet haben, doch die Bedrohung wurde dadurch nicht beseitigt.
Die Entscheidung fiel, als die Hisbollah in den Krieg eintrat. Fast ein Jahr lang ertrug Israel Raketenangriffe, wodurch die meisten Bewohner der Grenzgebiete zur Flucht gezwungen wurden, bevor Bodentruppen in den Libanon einmarschierten. Israels Offensive brachte taktische Erfolge: hochrangige Kommandeure wurden ausgeschaltet, die Raketenkapazitäten geschwächt und die Infrastruktur lahmgelegt. Netanjahu bezeichnete diese Erfolge als entscheidend und behauptete, sie hätten die Hisbollah so weit geschwächt, dass die vertriebenen Israelis zurückkehren könnten. Doch die Realität erwies sich als hartnäckiger.
Israel wurde im November 2024 vom neu gewählten US-Präsidenten zu einem Waffenstillstand gedrängt, bevor es seine Ziele erreicht hatte – eine Tatsache, die deutlich wurde, als die israelischen Streitkräfte ihre Operationen im Südlibanon aufnahmen. Während die israelische Propaganda Dutzende von täglichen Angriffen anpries und die Ausschaltung von Terroristen sowie die Zerstörung der Infrastruktur verkündete, blieb ein Widerspruch bestehen: Wenn die Hisbollah wirklich geschwächt war, warum deckte Israel dann weiterhin grosse Waffenvorräte und Infrastruktur auf?
Fortschritte bei der Zerstörung von Raketen sollten sich in weniger Abschüssen zeigen, doch die Zahl der Hisbollah-Raketen ist gestiegen. Ebenso sollten die Einsätze der israelischen Luftwaffe zurückgehen, wenn die Kapazitäten der Hisbollah sinken, doch sie haben zugenommen. Kein Wunder, dass Netanjahu den Zeitrahmen für den Sieg über die Hisbollah vage hält.
Der Waffenstillstand entlarvte eine grundlegendere Illusion – nämlich dass die Hisbollah durch diplomatische Massnahmen oder durch das Eingreifen des libanesischen Staates entwaffnet werden könnte. In der Praxis war dies nie glaubwürdig. Die Hisbollah dominiert das politische System des Libanon und ist tief in dessen Militär verstrickt. Sie hat nicht die Absicht, ihre Waffen abzugeben, und die libanesische Regierung verfügt weder über den Willen noch über die Fähigkeit, dies durchzusetzen, ohne einen Bürgerkrieg zu riskieren; daher verlief die von der Regierung Ende letzten Jahres gesetzte Frist für die Errichtung eines Waffenmonopols ohne Ergebnis.
Vor dem Waffenstillstand war bekannt, dass die Hisbollah den Grossteil ihrer Truppen und Waffen nördlich des Litani-Flusses abgezogen hatte, wo sie gemäss der UN-Resolution 1701 stationiert bleiben mussten. Israel griff nicht an und ermöglichte ihnen so den Wiederaufbau. Der Iran füllte die Ressourcen der Hisbollah rasch durch massive finanzielle Unterstützung wieder auf. Infolgedessen bleibt die Hisbollah widerstandsfähig, tödlich und in der Lage, neue Angriffe zu starten, die israelische Zivilisten erneut unter Beschuss bringen.
Die Entscheidung, Israel anzugreifen, nachdem die iranische Führung ermordet worden war, lieferte Netanjahu einen Grund, die Kämpfe wieder aufzunehmen, um die von der Hisbollah ausgehende Bedrohung endgültig zu beseitigen. Israels viel gepriesenes Luftabwehrsystem kann jedoch viele der Raketen und Panzerabwehrwaffen nicht abwehren, mit denen die Hisbollah die Bevölkerung terrorisiert, und die Gemeinden im Norden stehen erneut unter Beschuss, gerade als sich einige gerade erst von den früheren Bombardements zu erholen begannen.
In einem ungewöhnlich offenen Eingeständnis räumte ein hochrangiger IDF-Offizier ein, dass eine vollständige Entwaffnung der Hisbollah die Eroberung des gesamten Libanon erfordern würde – ein Ziel, das Israel nicht verfolgt. Infolgedessen kann die Armee den Raketenbeschuss der Hisbollah nicht vollständig unterbinden, da die meisten Abschüsse nördlich des Litani-Flusses erfolgen. Obwohl die IDF später versuchte, diese Äusserungen zurückzunehmen, indem sie ihr langfristiges Ziel der Entwaffnung bekräftigte, nutzte die Hisbollah die Erklärung als Beweis für den begrenzten Handlungsspielraum Israels.
Nun steht Israel vor einem altbekannten, schmerzhaften Dilemma: Eine erneute Besetzung des Südlibanon könnte die Hisbollah zwar nördlich des Litani-Flusses zurückdrängen, doch sie kann weder die Fernkampfkapazitäten der Gruppe beseitigen noch deren Wiederaufbau verhindern. Schlimmer noch: Solche Massnahmen bergen die Gefahr, dass sich die Dynamik wiederholt, die einst die Hisbollah gestärkt hat: Vertreibung der Zivilbevölkerung, wachsende Ressentiments und eine anhaltende israelische Militärpräsenz auf libanesischem Boden – all dies zieht Kritik nach sich und untergräbt sowohl die innenpolitische als auch die internationale Unterstützung.
Die Vertreibung von bis zu einer Million Libanesen hat zweischneidige Auswirkungen: Sie entfremdet potenzielle christliche Verbündete und ermöglicht es der Hisbollah gleichzeitig, sich in schiitische Gemeinschaften einzufügen – eine Dynamik, die, wie der Nahost-Analyst und Autor Seth Frantzman feststellt, „den Effekt hat, die Macht der Gruppe zu festigen“.
Das haben wir schon einmal erlebt, als Israel nach dem letzten Krieg eine viel kleinere Sicherheitszone im Libanon eingerichtet hat. Da sich der Grossteil der Hisbollah-Angriffe gegen die IDF richtet, erleidet diese mehr Verluste, was zu Unzufriedenheit im eigenen Land führt.
Ausserdem wäre dies, im Gegensatz zur Situation im „Westjordanland“, eine echte Besatzung, da sich israelische Streitkräfte auf souveränem libanesischem Territorium befinden würden. Dies wird eine vorhersehbare weltweite Verurteilung auslösen – Menschenrechts-NGOs werden Berichte über Verstösse gegen das Völkerrecht verfassen, UN-Resolutionen werden ein Ende der Besatzung fordern und es wird weltweite Proteste gegen die israelische „Aggression“ geben.
Und doch bleibt die Alternative schwer fassbar.
Israel kann die anhaltenden Angriffe eines schwer bewaffneten, ideologisch engagierten Feindes nicht einfach hinnehmen, noch kann es sich auf internationale Garantien verlassen, die wiederholt versagt haben. Die Zeit allein wird die Bedrohung nicht verringern. Dies bildet den Kern des Sicherheitsdilemmas Israels: Jede Option ist unvollkommen, jeder Kurs birgt Risiken, und selbst Untätigkeit hat Konsequenzen.
Eine grundlegende Frage, mit der sich die Kritiker selten auseinandersetzen: Wenn nicht diese Option, was dann?
Mitchell Bard ist ein Analyst für Aussenpolitik. Er hat 22 Bücher verfasst und herausgegeben, darunter „The Arab Lobby“, „Death to the Infidels: Radical Islam’s War Against the Jews“. Auf Englisch zuerst erschienen bei Jewish News Syndicate (JNS). Übersetzung Audiatur-Online.





















Ein aufschlussreicher und ehrlicher Beitrag, der dass Dilemma nicht nur Israels sondern der ganzen westlichen Welt aufzeigt, denn seit den Zeiten der PLO unter Arafat sind Regierungen erpressbar geworden. In den 70er und 80er Jahren wütete im Libanon ein hässlicher Bürgerkrieg, angezettelt durch Arafats PLO die dort ein Staat und Staate bildete wie nachher die von Iran unterstützte Hisbollah. Interessant dabei ist, dass man im Falle vom Libanon nie von einer Besatzung oder besetzten Gebieten gesprochen hat, obwohl es da facto eine war und ist bis heute geblieben ist. Der Libanon war tatsächlich eine blühende und funktionierende Oasen im ganzen Nahen Osten. Der radikale Islam richtete dieses wunderschönen Land komplett zugrunde und wieder gab und gibt man mehrheitlich Israel dafür die Schuld.
Nachtrag: Bevor sich Israel einseitig aus dem Südlibanon anfang 2000 zurückzog, flehte die südlibanesische Armee die Israeli an doch zu bleiben, denn dies war ein Garant für viele Christen, dass die israelische Armee sie beschützen würde. Leider lies Israel die mehrheitlich von Christen geführte südlibanesische Armee im Stich. Sie hatte nachher ohne die Unterstützung der israelischen Armee keine Chance gegen die Hisbollah und wurde aufgelöst bzw. vernichtet. Ein sehr trauriges Kapitel an dem Israel leider auch beteiligt ist.
Der Automatismus des Krieges hat bereits mit dem Hamas-Anschlag im Oktober 2023 begonnen. In dieser Zeit hat sich auch gezeigt, dass der Krieg in der Ukraine und der im Nahen Osten von den Ressourcen, der Kampfkraft und der Rohstoff-Logistik zusammenhängen. Das gefährliche daran ist, die beteiligten Kombattanten scheinen den totalen Krieg nicht meiden zu wollen. Davon werden sich die EU-Länder und auch die G7-Länder abzukoppeln haben. Die Hauptfrage ist nur noch, ob die USA in diesem Strudel noch einen Plan B haben, der mit Deeskalation zu tun hat.
Dieser Beitrag beschreibt sehr gut das Dilemma Israels im Libanon. Es zeigt auf, dass es menschlich betrachtet, sogut wie keine Lösung gibt, die für alle Seiten befriedigend ist, und Israel in Frieden leben lässt.
Die Bibel ist so ein kostbarer Schatz dafür, wie Jahwe seinem „Eigentumsvolk“, so zahlreich gegen übermächtige Gegner und Feinde zur Seite gestanden hat, und fast unmögliches erreicht hat. Ja, der Gott Israels ist ein übernatürlicher Gott – und das ist er auch noch HEUTE, nur leider glauben das nur noch „Vereinzelte“ – ich bin einer davon.
Auch wenn es für Israel noch sehr hart und härter kommen wird, wie es sich die „Meisten“ vorstellen können, Gottes Wort ist sehr eindeutig der Überzeugung, dass Israel in großem Frieden im verheißenen Land leben wird – der Sieg gehört dem allmächtigen Gott!
I love Jesus!
Der Libanon ist ein herausragendes Beispiel eines ehemaligen christlichen Staates der durch muslimische Massenzuwanderung in ein Chaos gestürzt und übernommen wurde.
Der Libanon wurde in den 1950er und 1960er Jahren als „Schweiz des Nahen Ostens“ bezeichnet. Diese Bezeichnung bezog sich auf seine wirtschaftliche Stabilität, den Bankensektor und die Rolle Beiruts als Finanz- und Kulturzentrum.
Israel kämpft auch für die Christen im Libanon.
I love Israel!!!