
In der Nacht auf Samstag, den 19. April 2026, wurde die Kenton United Synagoge im Norden Londons Ziel eines Brandanschlags. Zwei Jugendliche wurden verhaftet. Laut dem britischen Oberrabbiner Sir Ephraim Mirvis war es der dritte «feige» Angriff auf jüdische Einrichtungen innerhalb einer Woche in der britischen Hauptstadt.
Auf X schrieb er: «Eine anhaltende Kampagne der Gewalt und Einschüchterung gegen die jüdische Gemeinschaft des Vereinigten Königreichs gewinnt an Fahrt … Wir können und dürfen nicht warten, bis Menschenleben verloren gehen.»
Premierminister Starmer liess keine Unklarheit: «Das ist abscheulich und wird nicht toleriert. Angriffe auf unsere jüdische Gemeinschaft sind Angriffe auf Grossbritannien.»
Die Gruppierung, die die Verantwortung für die Londoner Anschläge übernommen hat, nennt sich Harakat Ashab al-Yamin al-Islamia – kurz HAYI, oder auf Deutsch: «Bewegung der Gefährten der rechten Hand des Islams». Sie ist neu. Zum ersten Mal aktiv wurde sie am 28. Februar 2026 – exakt dem Tag, an dem Israel und die USA ihre Militärkampagne gegen den Iran begannen. Das ist kein Zufall.
HAYI ist nach übereinstimmender Einschätzung westlicher Geheimdienste ein sogenanntes «Cut-out» – ein vorgeschobenes Werkzeug des iranischen Geheimdienstes, aller Wahrscheinlichkeit nach des Islamischen Revolutionsgarde-Korps (IRGC). Die Gruppierung existiert fast ausschliesslich auf Telegram, hat keine Mitglieder im klassischen Sinne, und gibt Teheran genau das, was Teheran will: eine Waffe mit eingebauter Abstreitbarkeit.
Das Muster: Klein, billig, wirksam
HAYI führt keine spektakulären Grossanschläge durch. Die Gruppe setzt auf einfache Brandstiftungen und Sprengvorrichtungen gegen jüdische und israelnahe Einrichtungen – und filmt diese Aktionen für die Verbreitung auf Telegram. Die psychologische Wirkung ist das eigentliche Ziel: Jüdische Gemeinden in ganz Europa sollen sich bedroht fühlen. Und der israelische Staat soll verstehen, dass der Iran auch in der Diaspora zuschlagen kann.
Seit ihrer Aktivierung im Februar 2026 hat HAYI eine erschreckende Bilanz vorzuweisen:
- 9. März: Explosion an einer Synagoge in Lüttich, Belgien
- 13. März: Brandanschlag auf eine Synagoge in Rotterdam, Niederlande
- 14. März: Explosion an einer jüdischen Schule in Amsterdam, Niederlande
- 23. März: Brandanschlag auf Krankenwagen der jüdischen Hilfsorganisation Hatzolo in Golders Green, London
- 29. März: Geplanter Angriff auf die Bank of America in Paris von französischen Behörden verhindert
- 15. April: Gescheiterter Brandanschlag auf eine Synagoge in Finchley, London; Brandanschlag auf das Studio der Iran International-Muttergesellschaft in Park Royal, London
- 17. April: Gescheiterter Brandanschlag auf die jüdische Hilfsorganisation Jewish Futures in Hendon, London
- 18. April: Brandanschlag auf die Kenton United Synagogue, London
Hinzu kommt ein angeblicher Drohnenangriff mit radioaktivem Material auf die israelische Botschaft in Kensington am 16. April – eine Behauptung, die aber sowohl von der Metropolitan Police als auch vom israelischen Aussenministerium dementiert wurde.
Keine Ideologen, sondern Söldner
Was diese Anschläge von klassischem islamistischen Terrorismus unterscheidet: Die Täter handeln nicht aus religiöser Überzeugung. HAYI rekrutiert seine Agenten nach Einschätzung der Behörden online gegen Bezahlung. Kommuniziert wird über Signal oder Telegram. Die Aufgaben sind simpel: Folge den Anweisungen, liefere Beweise, kassiere.
Dieses Muster ist aus anderen iranischen und russischen Geheimdienstoperationen bekannt. Sowohl die Wagner-Gruppe als auch der iranische Geheimdienst haben in der Vergangenheit europäische Kriminelle angeheuert – etwa um ukrainische Unternehmen in Grossbritannien zu verwüsten oder das Londoner Studio von Iran International zu überwachen. Die Täter in London sind keine Fanatiker. Sie sind Werkzeuge.
Das rechtliche Vakuum
Ein zentrales Problem: HAYI ist in Grossbritannien bisher nicht als Terrororganisation eingestuft. Das hat weitreichende Konsequenzen. Die Anschläge werden von der Metropolitan Police als antisemitische Hassverbrechen behandelt – nicht als Terrorakte. Die Anti-Terror-Polizei ist zwar beteiligt, aber solange HAYI nicht verboten ist, bleibt die Strafverfolgung in einer rechtlichen Grauzone. Und das Verbreiten der Angriffsvideos ist damit nicht automatisch strafbar.
Wäre HAYI als Terrororganisation eingestuft, würde bereits das Teilen der Videos auf Telegram unter Section 12 des britischen Terrorism Act 2000 fallen.
Was London zeigt – und was es für Europa bedeutet
Die Anschlagsserie in London ist kein isoliertes Phänomen. Sie ist Teil einer bewussten iranischen Strategie: Jüdische Diaspora-Gemeinden als Druckmittel gegen Israel einzusetzen. Günstig. Wirksam. Schwer zuzuordnen.
Rotterdam, Amsterdam, Lüttich, Paris, London – die Liste wächst. Und mit ihr die Erkenntnis, dass Europa zur Bühne eines iranischen Stellvertreterkriegs geworden ist. Nicht mit Raketen, sondern mit Brandsätzen. Nicht mit Soldaten, sondern mit bezahlten Kriminellen. Und immer gegen dieselben Ziele: jüdische Gemeinden, jüdische Institutionen, jüdisches Leben.
Die Frage ist nicht mehr, ob Europa ein Problem mit iranischer Einmischung hat. Die Frage ist, wie lange westliche Regierungen noch brauchen, um darauf angemessen zu reagieren.






















