
Ein islamistisches Schulnetzwerk, das aus dem Machtapparat des heutigen syrischen Präsidenten hervorging, ist inzwischen Teil des offiziellen Bildungssystems – und verbreitet laut einer neuen Analyse weiterhin dschihadistische und antisemitische Inhalte, vom Kindergarten an.
Während sich das neue Syrien unter Präsident Ahmad al-Sharaa international rehabilitiert, wächst im Land ein Bildungsprojekt heran, das mit Reformrhetorik auftritt, im ideologischen Kern aber unverändert bleibt. Das israelische Forschungszentrum Alma hat dazu im Juli 2026 eine Untersuchung des Analysten Dvir Peri vorgelegt. Grundlage ist eine systematische Inhaltsanalyse aller 65 offiziellen Lehr- und Arbeitsbücher des Netzwerks «Dar al-Wahi al-Sharif» für Kindergarten und die Klassen eins bis sechs, gültig für die Schuljahre 2024/25 und 2025/26. Es dürfte die derzeit vollständigste verfügbare Sammlung dieser Unterrichtsmaterialien sein.
Der Befund ist eindeutig: Trotz eingeführter Fächer wie Mathematik, Naturwissenschaften, Englisch und Sozialkunde habe sich am ideologischen Gehalt des religiösen Lehrplans nichts Wesentliches geändert. Botschaften religiöser, dschihadistischer und antiisraelischer Indoktrination durchziehen die Materialien – bereits im Kindergarten und mit steigender Intensität, je weiter die Schüler aufsteigen.
Aus dem HTS-Milieu ins offizielle Bildungssystem
Das Netzwerk «Dar al-Wahi al-Sharif» (auf Deutsch etwa «Haus der ehrwürdigen Offenbarung») ist der Hai’at Tahrir al-Sham (HTS) zuzurechnen, jener aus einem al-Qaida-Ableger hervorgegangenen Miliz, die al-Sharaa – damals noch unter dem Namen Abu Muhammad al-Julani – ab 2017 in ihrer Enklave in der Provinz Idlib aufbaute. Nach dem Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 stieg al-Sharaa zum Staatspräsidenten auf; die HTS wurde formell aufgelöst und in staatliche Strukturen überführt.

Seither hat sich das Netzwerk weiter ausgedehnt. Seine Schulen sind heute in mehreren Provinzen aktiv, darunter Aleppo, Hama, Damaskus, Latakia und das nahe der israelischen Grenze gelegene Deraa. Parallel dazu wurde es institutionalisiert und offiziell anerkannt: Es untersteht nun sowohl dem syrischen Bildungsministerium als auch dem Ministerium für religiöse Stiftungen (Awqaf) und trägt neu den Namen «Direktion für grundlegende Scharia-Bildung». Da die Schulen nur geringe oder gar keine Gebühren verlangen, sind sie in der schweren Wirtschaftskrise für viele Familien zur attraktiven Alternative geworden – ein Hebel, der die Reichweite der Ideologie erheblich vergrössert.
Reform an der Oberfläche, alte Feindbilder im Kern
Die Materialien belegen tatsächlich eine Reform: Der Lehrplan verbindet religiöse mit weltlichen Fächern. Doch die Gewichtung zeigt die Dominanz von Religion und arabischer Sprache über alle Jahrgänge hinweg. Im Kindergarten entfallen rund 45 Prozent auf Arabisch und 30 Prozent auf islamische Erziehung; in den Klassen vier bis sechs machen Scharia-Studien und Koranrezitation (Tajwid) bereits 40 Prozent aus, während der Anteil von Naturwissenschaften, Mathematik, Englisch und Sozialkunde mit steigendem Alter kontinuierlich sinkt. Über den gesamten Bogen von Kindergarten bis sechster Klasse machen islamische Studien, Scharia und Tajwid rund 35 Prozent der Materialien aus, Arabisch weitere 25 Prozent, so die Untersuchung des Forschungszentrums Alma.
Entscheidend ist, was zwischen den Zeilen vermittelt wird. Die Untersuchung identifiziert vier durchgängige Muster: die Delegitimierung des Staates Israel, die Darstellung von Juden und Christen als religiöse Feinde des Islams, die Verherrlichung des Dschihad und des bewaffneten Kampfes sowie die Prägung einer geschlossenen Weltsicht von früher Kindheit an. Diese Botschaften seien nicht auf ein einzelnes Fach beschränkt, sondern über mehrere Disziplinen und Altersstufen verteilt.
Israel wird von der Landkarte gelöscht
Am deutlichsten zeigt sich das bei der Delegitimierung Israels. In einer Übung zu Syriens Grenzen im Arbeitsbuch Sozialkunde der 4. Klasse werden Schüler gefragt: «Wie heisst das Land, das der zionistische Feind geraubt hat?» Der Begriff «zionistischer Feind» wird nicht als Gegenstand einer politischen Debatte eingeführt, sondern als feststehende Tatsache. Auf Karten der Region Bilad al-Sham taucht der Staat Israel überhaupt nicht auf; das gesamte Gebiet ist als «Palästina» und Teil der arabisch-islamischen Region beschriftet (Sozialkunde 4. Klasse, S. 9; Sozialkunde 5. Klasse, S. 50). Israels Existenz als souveräner Staat wird damit aus der Landkarte getilgt.
Der «Angriffs-Dschihad» als Unterrichtsstoff
In einem Kapitel über «zeitgenössische dschihadistische Bewegungen» (Islamkunde, 4. Klasse, S. 86) wird der Dschihad in «Palästina» gegen «die unterdrückerischen Juden» nahegelegt und in eine Reihe mit anderen Konfliktschauplätzen gestellt. Dasselbe Schulbuch definiert den «Angriffs-Dschihad» (jihad al-talab, S. 57) als das Ausziehen gegen den ungläubigen Feind, um ihn und sein Land zu unterwerfen, «bis die Länder und die Menschen sich dem Islam unterwerfen». Der Feindbegriff umfasst dabei laut Analyse eine einzige Front von «Ungläubigen» – darunter Israel, Iran, der Westen und das gestürzte Assad-Regime, das durchgängig als «kriminelles» und «untergegangenes» Regime bezeichnet wird (Islamkunde, 6. Klasse, Teil II, S. 86).

Ein Kapitel für den Namensgeber der Hamas-Brigaden
Besonders aufschlussreich ist ein Kapitel des Sozialkunde-Arbeitsbuchs der 4. Klasse über Izz ad-Din al-Qassam – jenen Prediger der Mandatszeit, dessen Namen der militärische Arm der Terrororganisation Hamas später für seine «Izz-ad-Din-al-Qassam-Brigaden» übernahm. Al-Qassam habe «bis zur letzten Minute seines Lebens» seine Waffe gegen Christentum und Judentum in Syrien und Palästina getragen (S. 117). Weiter heisst es, die Juden hätten das Land gefüllt und geraubt; angeführt wird ein al-Qassam zugeschriebener Satz, er werde nicht in diese Moschee zurückkehren, «bis die Juden und die Engländer vertrieben sind». Darüber steht der Koranvers Sure at-Tauba 123: «Kämpft gegen jene der Ungläubigen, die euch nahe sind» (S. 119).
Wie handfest diese Botschaften in den Schulalltag einsickern, hatte Alma schon zuvor an einem Beispiel gezeigt: In einer Mathematikprüfung der 5. Klasse an einer Netzwerkschule in Darat Izza bei Aleppo lautete eine Rechenaufgabe sinngemäss, die «Mudschahedin in Gaza» hätten 32 «feindliche (israelische)» Panzer mit je sechs Insassen zerstört – gefragt war die Zahl der getöteten Feinde. Neben der Aufgabe war der inzwischen getötete Hamas-Sprecher Abu Obaida abgebildet.
Hypothek für die Sicherheit Israels und den Westen
Die politische Brisanz liegt im Kontrast: Al-Sharaas Regierung wird international zusehends normalisiert. Die USA strichen die HTS im Juli 2025 von ihrer Liste ausländischer Terrororganisationen; Grossbritannien folgte im Oktober 2025, Kanada im Dezember 2025, und im Februar 2026 wurde die Organisation von der Sanktionsliste des UN-Sicherheitsrats genommen. Während sich das Regime nach aussen als gemässigt präsentiert, deutet die Alma-Analyse darauf hin, dass sein staatlich anerkanntes und finanziertes Bildungssystem junge Syrer weiterhin von klein auf mit dschihadistischer und antiisraelischer Indoktrination konfrontiert.
Angesichts geografischer Ausbreitung, offiziellen Status‘, staatlicher Finanzierung und attraktiver Konditionen verfügt das Netzwerk laut Alma über erhebliches Potenzial, die kommende Generation Syriens zu prägen. Ein Bildungssystem, das Kindern das Existenzrecht Israels abspricht und den bewaffneten Kampf gegen Juden und Christen zur religiösen Pflicht erklärt, ist mehr als eine innersyrische Angelegenheit – es ist eine Hypothek für die Sicherheit Israels und den gesamten Westen.



















