
Israel nimmt erstmals seit Jahrzehnten eine grosse Bahnstrecke in Betrieb, die nicht durch das überlastete Tel Aviv führt – ein Infrastrukturprojekt, das dem Norden, der Scharon-Ebene und Samaria neue Verbindungen eröffnet.
Israel hat den ersten Abschnitt seiner neuen Ostbahn eröffnet und damit eine grundlegend neue Achse im Schienennetz geschaffen: Am Sonntag, dem 28. Juni 2026, nahm Israel Railways den Personenverkehr auf der nördlichen Teilstrecke auf. Es ist die erste grosse Verbindung, deren Züge nicht durch den Engpass von Tel Aviv fahren müssen.
Der eröffnete Nordabschnitt umfasst auf 42 Kilometern drei neue Stationen: von Chadera Ost über Schomron–Taibe und Tira–Kochav Jair bis zur bestehenden, umfassend modernisierten Station Rosch HaAjin Nord. Die verbleibenden 22 Kilometer des südlichen Abschnitts sollen im kommenden Jahr folgen und die Strecke über eine neue Station in Schoham an Lod anbinden. Insgesamt entsteht so eine durchgehende Linie von rund 64 Kilometern entlang der Autobahn 6. Es ist die erste neue Linie von Israel Railways seit der Schnellverbindung nach Jerusalem im Jahr 2018.
Entlastung für den Norden, den Scharon und Samaria
Profitieren sollen vor allem die Bewohner des Nordens, der Scharon-Ebene und Samarias. Sie können künftig Arbeitsplätze, Hochschulen, Spitäler und Einkaufszentren erreichen, ohne im Nadelöhr der Stationen von Tel Aviv stecken zu bleiben. Zugleich bringt das Projekt mit den neuen Bahnhöfen in Tira und Taibe auch arabischen Ortschaften einen direkten Anschluss ans Schienennetz.
Die Fahrzeiten nach Tel Aviv – jeweils mit Umstieg in Rosch HaAjin – betragen laut Israel Railways rund 60 Minuten ab Chadera Ost, 46 Minuten ab Schomron–Taibe und 39 Minuten ab Tira–Kochav Jair. Die Linie verkehrt vorerst von Sonntag bis Donnerstag zwischen etwa 6 und 21 Uhr, mit zwei Zügen pro Stunde und Richtung; der Umstieg in Rosch HaAjin dauert etwa sieben Minuten.
Mehr Kapazität, weniger Lastwagen
Das Projekt – dessen Nordteil von Netivei Israel und dessen Südteil von Israel Railways gebaut wird – kostet insgesamt rund 8,5 Milliarden Schekel. Es soll das Verkehrsangebot im nationalen Netz, das bislang auf den beiden stark ausgelasteten Küstenbahnen beruhte, um etwa 30 Prozent erhöhen. Ein weiteres erklärtes Ziel ist die Verlagerung von Gütern auf die Schiene, um Lastwagen von den Strassen zu nehmen.
Einweihung durch Netanyahu
Bereits im Mai 2026 hatte Ministerpräsident Benjamin Netanyahu die Ostbahn gemeinsam mit Verkehrsministerin Miri Regev an der Station Schomron–Taibe eingeweiht. Das Projekt komme «all unseren Bürgern – Juden wie Arabern» zugute und fördere die regionale Entwicklung, sagte Netanyahu damals.
Auch alte Probleme bleiben
Bei allem Fortschritt gibt es auch Kritik: Einige Stationen seien ungünstig konzipiert, der Zugang teilweise kompliziert, und die grossen Parkplätze könnten rund um die Bahnhöfe neue Staus verursachen. Diese Schwächen schmälern den grundsätzlichen Gewinn der neuen Linie jedoch kaum.
Unter dem Strich markiert die Ostbahn einen Meilenstein für Israels Verkehrsinfrastruktur. Während im Land weiterhin Krieg herrscht, gibt das Land der Peripherie spürbar mehr Anschluss – und schafft eine zweite Nord-Süd-Achse, die das Rückgrat des Schienennetzes auf Jahrzehnte hinaus entlastet.






















