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«Israel gehört nicht zu Kuwaits wahren Gegnern»

Der kuwaitische Investigativjournalist Jasem Aljuraid über Israel, die Abraham-Abkommen und das Regime in Teheran

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Jasem Aljuraid während einer Rede bei der UN Watch-Gala 2026. Foto Audiatur-Online / zVg
Jasem Aljuraid während einer Rede bei der UN Watch-Gala 2026. Foto Audiatur-Online / zVg
Lesezeit: 7 Minuten

Jasem Aljuraid gehört zu den profiliertesten arabischen Stimmen, die offen für eine Normalisierung der Beziehungen zu Israel und gegen den regionalen Machtanspruch der Islamischen Republik Iran eintreten. Der kuwaitische Investigativjournalist und Kolumnist schrieb fast ein Jahrzehnt lang für Al-Qabas, eine der einflussreichsten Tageszeitungen Kuwaits. Dort machte er sich einen Namen mit Recherchen über Korruption und mit kritischen Analysen islamistischer Netzwerke, namentlich der Muslimbruderschaft.

Seine Karriere im Inland endete, als er die politische Tabuzone seines Landes betrat: Aljuraid forderte öffentlich eine Annäherung Kuwaits an Israel, bezeichnete einen israelischen Journalisten als «Freund und Bruder» und erklärte, Israel habe Kuwait «keinerlei direkten Schaden» zugefügt. Auf die Entlassung folgte die Strafverfolgung. Ein kuwaitisches Gericht verurteilte ihn in Abwesenheit zu rund zwölf bis vierzehn Jahren Haft – gestützt auf Cyberkriminalitäts- und Anti-Normalisierungs-Bestimmungen, die selbst die digitale Kontaktaufnahme mit israelischen Bürgern unter Strafe stellen.

Aljuraid lebt heute im Exil. Anfang dieses Monats trat er als Redner an der UN-Watch-Gala in Genf auf, wo ihn Audiatur-Online zu diesem Interview traf.

Audiatur-Online: Sie haben fast ein Jahrzehnt bei Al-Qabas Korruption aufgedeckt und die Muslimbruderschaft kritisiert, dann öffentlich eine Normalisierung mit Israel gefordert. Verstehen Sie Ihren Aktivismus rückblickend eher als inneres Reformprojekt für Kuwait oder als Teil einer breiteren regionalen Neuausrichtung, in der arabische Gesellschaften Israel offen akzeptieren müssen?

Jasem Aljuraid: Für mich war beides immer ein und dasselbe Projekt: Kuwait und die arabische Welt von jenen Lügen, jener Angst und jenem Extremismus zu befreien, die uns geschwächt haben. Bei Al-Qabas habe ich jahrelang Korruption und die zerstörerische Rolle islamistischer Netzwerke dokumentiert. Über meine Recherchen auf Arabisch und Englisch zeige ich seither, wie die Hamas – mit ihren engen Verbindungen zur Muslimbruderschaft und zu den iranischen Revolutionsgarden – Desinformation verbreitet und palästinensische Hoffnungen in eine Tragödie verwandelt hat, zum Schaden arabischer Interessen. Zugleich fällt es mir schwer zu verstehen, was viele Palästinenser heute konkret unter „Palästina“ verstehen, da bis heute keine einheitliche und allgemein akzeptierte politische Definition einer palästinensischen Identität oder eines palästinensischen Staatsprojekts erkennbar ist.

Als ich öffentlich sagte, Israel habe Kuwait keinen direkten Schaden zugefügt, und zur Normalisierung aufrief, war das die logische Fortsetzung dieser Arbeit. Kuwaits wahre Gegner sind nicht der jüdische Staat, sondern das iranische Regime und seine Stellvertreter sowie jene Kräfte im Inland, die den Frieden kriminalisieren. Deshalb ist die Akzeptanz Israels für mich zweierlei zugleich: ein innerer Reformschritt, der uns von Indoktrination und Ablehnungshaltung löst, und genau jene regionale Neuausrichtung, die uns erlaubt, den tatsächlichen Bedrohungen unserer Souveränität zu begegnen.

Audiatur-Online: Sie wurden in Abwesenheit zu rund zwölf Jahren Haft verurteilt, nachdem Sie einen israelischen Journalisten als «Freund und Bruder» bezeichnet hatten. Sollte sich Kuwait eines Tages einer Beziehung im Stil der Abraham-Abkommen öffnen – was sollte dann mit Fällen wie dem Ihren geschehen? Erwarten Sie eine Entschuldigung, eine Begnadigung, oder schlicht, vom selben System vergessen zu werden, das Sie bestraft hat?

Jasem Aljuraid: Vergessen wäre eine weitere Ungerechtigkeit. Wenn Kuwait sich Israel zuwendet, kann es nicht einfach jene verschweigen oder still freilassen, die es genau für diesen Weg bestraft hat. Ich bin heute politischer Flüchtling, weil ich die Hamas und die Muslimbruderschaft entlarvt und es gewagt habe, einen israelischen Kollegen «Freund und Bruder» zu nennen. Das System, das mich in Abwesenheit zu zwölf bis vierzehn Jahren verurteilt hat, diente den Interessen von Extremisten, nicht denen des kuwaitischen Volkes.

Echte Gerechtigkeit verlangt eine vollständige Begnadigung, ein öffentliches Eingeständnis, dass diese Gesetze als unrechtmässige Waffen gegen Stimmen der Vernunft eingesetzt wurden, und eine Entschuldigung gegenüber allen politischen Gefangenen, die aus Gewissensgründen inhaftiert wurden. Versöhnung bedeutet, Rechte wiederherzustellen und eine sichere Rückkehr für diejenigen zu ermöglichen, die dies wünschen. Darüber hinaus sollte Mut gegenüber Extremismus und iranischer Aggression gewürdigt statt kriminalisiert werden.

Audiatur-Online: Vor den Vereinten Nationen bezeichneten Sie Israels Kampf gegen die Hamas und die Revolutionsgarden als «Geschenk an die Menschheit» und forderten die UNO auf, von Israel zu lernen, wie man Terror besiegt und freie Gesellschaften verteidigt. Welche konkreten Elemente der israelischen Strategie sollten arabische Staaten übernehmen, wenn sie eine stabile regionale Ordnung aufbauen wollen?

Jasem Aljuraid: Was arabische Staaten übernehmen sollten, ist nicht nur operative Wirksamkeit, sondern vor allem moralische und strategische Klarheit: die Weigerung, sich mit Terrorgruppen zu arrangieren, die sich hinter der Zivilbevölkerung verstecken, und die Entschlossenheit, ihre Strukturen und Führungskader zu zerschlagen.

Als jemand, der jahrelang die Desinformationskampagnen der Hamas und ihre Verflechtung mit der iranisch-islamistischen Achse untersucht hat, weiss ich, wie diese Gruppen Narrative manipulieren, um ihre Macht zu sichern – zum Schaden genau jener Menschen, die sie zu vertreten vorgeben. Arabische Staaten sollten das israelische Modell aus überlegener Aufklärung, technologischem Vorsprung und politischem Handlungswillen mit einer ebenso entschlossenen Auseinandersetzung mit der ideologischen Infrastruktur verbinden, die den Extremismus nährt. Terror zu besiegen, freie Gesellschaften zu schützen und Frieden aus einer Position der Stärke zu verfolgen – das ist die Lektion, welche die Region dringend braucht.

Audiatur-Online: Wie haben die Abraham-Abkommen den regionalen Sicherheitskomplex verändert? Ist faktisch ein israelisch-arabischer Sicherheitsblock gegen Iran entstanden, oder bewegen wir uns noch immer auf der Ebene von Symbolik?

Jasem Aljuraid: Die Abkommen haben die Sicherheitslandschaft weit über die Symbolik hinaus verändert. Sie legten das Fundament für eine faktische israelisch-arabische Ausrichtung gegen die gemeinsame iranische Bedrohung – eine Ausrichtung, die der laufende Konflikt mit Iran nur beschleunigt hat.

Zu den eindrücklichsten Initiativen unseres Jahrhunderts gehört das Abrahamische Haus in Abu Dhabi, in dem Moschee, Kirche und Synagoge nebeneinanderstehen – eine gelebte Verkörperung der Koexistenz. Doch wir müssen diese Vision nun um eine belastbare Verteidigungspolitik ergänzen. Mitglieder der Abkommen und Staaten, die ihnen beitreten möchten, werden bereits massiv ins Visier genommen und sehen sich existenziellen Drohungen durch Iran und seine Stellvertreter ausgesetzt. Eine formelle Verteidigungskomponente in den abrahamischen Rahmen einzufügen, ist deshalb keine Option mehr, sondern eine Notwendigkeit. Nur so lassen sich die historischen Fortschritte der Koexistenz schützen und ausweiten.

Audiatur-Online: Iranische Angriffe auf kuwaitische Kraftwerke und Entsalzungsanlagen haben gezeigt, wie verwundbar die Infrastruktur am Golf ist. Wenn Israel ein zentraler Sicherheitspartner werden soll – welche konkreten gemeinsamen Fähigkeiten möchten Sie sehen: integrierte Luftverteidigung, eine gemeinsame Cyber-Doktrin, Stützpunktrechte oder so etwas wie eine «Abraham-Sicherheitsallianz»?

Jasem Aljuraid: Iranische Raketen- und Drohnenangriffe auf kuwaitische Kraftwerke, Entsalzungsanlagen und selbst zivile Gebäude – teils während des Ramadan – haben unsere Verwundbarkeit bereits vorgeführt. Wenn Israel ein zentraler Sicherheitspartner werden soll, brauchen wir konkrete, integrierte Fähigkeiten: gemeinsame Raketenabwehr- und Frühwarnsysteme, eine zusammengeführte Aufklärung und Cyber-Doktrin gegen iranische und stellvertretende Netzwerke sowie regelmässige gemeinsame Übungen, damit unsere Streitkräfte reibungslos zusammenwirken können.

Audiatur-Online: Manche Analysten argumentieren, die Abkommen hätten Israel gestärkt und Iran isoliert, zugleich aber die Golfstaaten stärker iranischen Vergeltungsschlägen ausgesetzt. Sind tiefere Sicherheitsbeziehungen mit Israel dieses zusätzliche Risiko für Länder wie Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate wert?

Jasem Aljuraid: Eindeutig ja. Das Risiko iranischer Vergeltung ist nicht hypothetisch – es ist bereits Realität. Kuwait unterhält keine Beziehungen zu Israel, und dennoch lassen die Revolutionsgarden Raketen auf unsere Infrastruktur niedergehen. Für andere Golfstaaten gilt dasselbe.

Tiefere Sicherheitsbeziehungen mit Israel schaffen keine neuen Risiken – sie mindern bestehende, indem sie Abschreckung und Verteidigungsfähigkeit stärken. Israel hat sich als verlässlicher Partner erwiesen, der dieselben Gegner bekämpft wie wir: Hamas, Hisbollah, die Huthis und die Revolutionsgarden. Der einzige Weg, unsere Exponiertheit zu verringern, besteht darin, gemeinsam mit jenen zu stehen, die willens und fähig sind, entschlossen zurückzudrängen. Ohne diese verteidigungspolitische Dimension bleiben die Abraham-Abkommen und Initiativen wie das Abrahamische Haus verwundbar.

Audiatur-Online: Wird die palästinensische Frage zu einem «eingefrorenen Konflikt» am Rand einer neuen israelisch-arabischen Sicherheitsarchitektur, oder bleibt sie die zentrale Karte, mit der Iran und andere Akteure jedes Bündnis mit Israel unterlaufen können?

Jasem Aljuraid: Sie muss zu einem eingefrorenen Konflikt am Rand werden – das ist der einzig realistische Weg nach vorn. Iran hat die palästinensische Sache jahrzehntelang instrumentalisiert, um Araber zu spalten, Normalisierung zu blockieren und die eigene Aggression zu rechtfertigen. Wie ich in meinen Recherchen dokumentiert habe, haben die Hamas und ihre iranischen Förderer wiederholt die Zerstörung über das palästinensische Wohlergehen gestellt und Gaza in eine Abschussrampe verwandelt – zum Schaden der gesamten Region.

Sobald ein belastbarer Sicherheitsrahmen steht und Irans Fähigkeit zur Machtprojektion eingedämmt ist, verliert diese Karte viel von ihrer Wirkung. Arabische Staaten, welche die Sicherheit und den Wohlstand ihrer Bürger priorisieren, sollten nicht länger zulassen, dass Ablehnungshaltung und iranische Einflussnahme die regionale Agenda diktieren. Ein eingefrorener Konflikt am Rand, während wir unumkehrbare Kooperation aufbauen, ist weit vorzuziehen, als Geisel des Extremismus zu bleiben.

Audiatur-Online: Stellen Sie sich nach dem Iran-Krieg eine zweite Generation der Abraham-Abkommen vor, die womöglich Saudi-Arabien und Kuwait einschliesst. Welche strategischen Mindestgarantien sollte Israel erhalten – und welche politische Mindestgeste gegenüber den Palästinensern sollte Israel im Gegenzug zu machen bereit sein, um eine dauerhafte geopolitische Verständigung zu sichern?

Jasem Aljuraid: Ein Abraham-Abkommen 2.0, die Saudi-Arabien und Kuwait einbezieht, muss auf unumkehrbaren strategischen Fundamenten ruhen. Für Israel lauten die Mindestgarantien: volle diplomatische Anerkennung, die vollständige Aufhebung von Boykott- und Anti-Normalisierungsgesetzen – einschliesslich der Kriminalisierung digitaler Kontakte –, verbindliche Sicherheitskooperation und Verteidigungspakte sowie ein Ende der Verfolgung jener, die für den Frieden eingetreten sind. Diese Schritte müssen verfassungsmässig und politisch so verankert werden, dass sie nicht rückgängig gemacht werden können.

Entscheidend ist, dass dieser neue Rahmen ein formelles Verteidigungsabkommen einschliesst, das Initiativen wie das Abrahamische Haus in Abu Dhabi schützt und bereichert. Koexistenz ohne Sicherheit ist fragil. Mit einer Verteidigungskomponente kann die abrahamische Vision dauerhaft und erweiterbar werden.

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