Was Israel seit Jahren dokumentiert, sagen inzwischen die offiziellen Medien der Palästinensischen Autonomiebehörde selbst: Internationale Spenden für die Zivilbevölkerung im Gazastreifen landeten bei der Terrororganisation Hamas – und verschwanden dort.
Es ist ein Eingeständnis aus unerwarteter Richtung. Über Monate hinweg haben offizielle Medien der Fatah-geführten Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) der Terrororganisation Hamas in ungewöhnlicher Deutlichkeit vorgeworfen, Milliarden an Spendengeldern veruntreut zu haben, die für die notleidende Bevölkerung im Gazastreifen bestimmt waren. Die Medienbeobachtungsstelle Palestinian Media Watch (PMW) hat die Aussagen zusammengetragen.
Den Anfang machte kein Unbekannter, sondern ein enger Vertrauter von PA-Präsident Mahmoud Abbas. In einem am 4. Juni 2026 verbreiteten Interview wurde Mahmoud al-Habbash, Abbas‘ Berater für religiöse Angelegenheiten und islamische Beziehungen, gefragt, wohin die als Spenden für die Bewohner Gazas gesammelten Millionen geflossen seien. Seine Antwort:
«All diese Gelder und die Millionen wurden gesammelt und sind verschwunden, verdampft, weil sie über parteipolitische und machtorientierte Elemente gesammelt wurden.»
Auf die Nachfrage des Moderators, ob er die Hamas des Diebstahls beschuldige, wurde al-Habbash konkret:
«Ich sage es klar: Die Gelder wurden über die Hamas, ihre Vertreter und ihre Führer gesammelt, sowie über arabische und islamische Elemente, die sie an die Hamas übergaben.» – «Und sie erreichten Gaza nicht, sie verschwanden.» – «Und sie verschwanden.»
Bei al-Habbash blieb es nicht. Bassem Barhoum, regelmässiger Kolumnist der offiziellen PA-Tageszeitung Al-Hayat Al-Jadida, führte den Vorwurf aus. Wer im Ausland spende, so Barhoum, glaube, das Leid der Palästinenser zu lindern – tatsächlich flössen die Gelder an die Muslimbruderschaft:
«Diese Spenden erreichen die Muslimbruderschaft und ihre internationale Organisation, die nun mit Milliarden aus dem vergossenen Blut der Palästinenser gefüllt sind.»
In einer früheren Kolumne ging Barhoum noch weiter und stellte den Terrorüberfall auf Israel selbst als kaltes Geschäftsmodell dar. Der 7. Oktober – das Massaker, das die Hamas als «Al-Aqsa-Flut» bezeichnet – sei kein spontaner Akt gewesen:
«Die im Ausland lebende Hamas-Führung sieht und fühlt die Tragödie der Menschen im Gazastreifen weder, noch geht es ihr um deren Lage, sondern um das Sammeln von Geld durch Spenden im Namen der Tragödie des Gazastreifens. […] Was wir naiv für eine unkalkulierte Handlung hielten, war in Wahrheit ein finanziell kalkulierter Schachzug der internationalen Muslimbruderschaft. Zwei Jahre Krieg und zwei Jahre Spendensammeln – welches Projekt könnte für die Organisation lohnender sein als dieses?»
Auch die Leitartikel des Blattes verfolgten dieselbe Linie. In einem Editorial vom 6. Januar 2026 hiess es, dieselben Akteure, die zwei Jahre lang Milliarden «im Namen des Widerstands» eingesammelt hätten, sammelten nun erneut – diesmal im Namen der Kriegswaisen:
«Sie tun dies mit Parolen voller Emotion und mit denselben Krokodilstränen! Für sie ist der Widerstand keine begehrte Ware mehr, mit der sie handeln, um reich zu werden – sie haben die Waisen zu ihrer neuen Ware gemacht.»
Ein weiteres Editorial vom 14. Dezember 2025 beschrieb prall gefüllte Tresore – bei gleichzeitiger Untätigkeit gegenüber der eigenen Bevölkerung. Als Beleg zitierte die Zeitung den Hamas-Chef im Gazastreifen, Khalil al-Hayya:
«Die Tresore der Hamas sind voll mit Geschenkgeld, Zuwendungen und Spenden für die Muslimbruderschaft […]. Doch nicht ein einziger Dirham wurde diesen Tresoren entnommen, um Nothilfe für die verzweifelte Lage im Gazastreifen zu leisten, und es wird auch keiner entnommen werden! Denn die Hamas hat nicht die Absicht, einen einzigen Cent dafür auszugeben – wie [Hamas-Chef in Gaza] Khalil al-Hayya erklärte: ‹Das Geld der Hamas ist für die Hamas!›»
Konkrete Summen nannte das PA-Fernsehen bereits in einer Nachrichtensendung vom 16. November 2025. Darin beschuldigten sich Hamas und Muslimbruderschaft gegenseitig, Spendengelder für Gaza in Höhe von rund einer halben Milliarde Dollar unterschlagen zu haben – gesammelt von Vereinen, die sich als Wohltätigkeitsorganisationen ausgaben. Der Sprecher formulierte es scharf:
«Während unser hilfloses Volk im Gazastreifen unter härtesten Bedingungen lebt […], leben ihre Landsleute unter den Führern der Muslimbruderschaft im Ausland komfortabel und werden fett vom Geld der Spendenfonds […]. Es geht um insgesamt 500 Millionen Dollar, über deren Verbleib sich die Führer von Hamas und Muslimbruderschaft gegenseitig beschuldigen.»
Die Sendung zeigte ausserdem Fotos überdimensionierter Spendenschecks aus Mauretanien. Auf zweien davon war als Begünstigter «Muhammad Subhi Abu Saqr – Hamas-Vertreter in Mauretanien» vermerkt; die höchste ausgewiesene Einzelsumme belief sich laut PMW-Umrechnung auf über 25 Millionen Dollar. Damit trägt die PA erstmals Namen und Belege in einen Vorwurf, den Israel seit Langem erhebt.
Die grösste Zahl lieferte schliesslich ein Beitrag vom 16. Dezember 2025. Unter Berufung auf – so der Wortlaut – «zuverlässige Forschungsschätzungen» behauptete Al-Hayat Al-Jadida, die Hamas habe im Verlauf des Krieges rund elf Milliarden Dollar «im Namen der Bewohner Gazas» eingesammelt. Diese Angabe ist eine PA-nahe Schätzung und lässt sich nicht unabhängig verifizieren; die Zeitung selbst zog daraus folgenden Schluss:
«Es gibt keine Spur eines Teils dieser Milliarden im verwüsteten Gazastreifen. Das bedeutet, dass sie zu keinem anderen Zweck verwendet wurden, als sich in den bis zum Rand gefüllten Lagern [der Hamas] anzuhäufen. […] Elf Milliarden Dollar – und davon wird nicht ein einziges Zelt für die vertriebenen Menschen gekauft.»
Einzuordnen ist all das im Wissen, dass die PA keine neutrale Instanz ist. Sie konkurriert mit der Hamas um die Macht, wurde 2007 von ihr gewaltsam aus dem Gazastreifen gedrängt und wirbt zugleich um eine «Einheit» mit der Hamas, weil diese unter Palästinensern populärer ist als die Abbas-Partei Fatah. Der Vorwurf des Milliarden-Diebstahls dient somit auch dem innerpalästinensischen Machtkampf. Gerade das macht ihn bemerkenswert: Nun beschreiben selbst die palästinensischen Rivalen der Hamas öffentlich, was Israel seit Jahren belegt.
Hinzu kommt: Beim Umgang mit Geld ist die PA selbst nicht über jeden Zweifel erhaben. Ihr sogenannter Märtyrerfonds – von Kritikern «pay for slay» genannt – zahlt inhaftierten Attentätern und den Familien getöteter «Märtyrer» monatliche Renten, gestaffelt nach Haftdauer: Je schwerer der Anschlag, desto höher die Zahlung. Zwar erliess Präsident Abbas im Februar 2025 ein Dekret, das die alten Zahlungen offiziell beendet und durch ein «bedürfnisorientiertes» System ersetzt haben soll. Israel, die USA und die EU kommen jedoch zum Schluss, dass die Zahlungen in neuer Form weiterlaufen; nach israelischer Einschätzung stiegen sie 2025 sogar auf rund 214 Millionen Dollar, gegenüber 144 Millionen im Vorjahr.
Dass es sich um mehr als eine Formalie handelt, zeigen jüngste Vorgänge: Im November 2025 entliess Abbas seinen Finanzminister, weil dieser Zahlungen an Sicherheitsgefangene ausserhalb des neuen Systems bewilligt haben soll; die EU verlangt seither Aufklärung. Im Mai 2026 ordnete zudem ein Verwaltungsgericht in Ramallah an, die gestrichene Zahlung an einen Häftling wieder aufzunehmen – laut der unabhängigen palästinensischen Menschenrechtskommission ein möglicher Präzedenzfall für rund 1600 weitere Gefangene. Mitten in einer schweren Finanzkrise schützt Ramallah damit ausgerechnet jene Zahlungen. Das entkräftet die Enthüllungen über die Hamas nicht – es fügt sie in ein grösseres Muster, in dem Spenden- und Hilfsgelder Budgetspielraum für fragwürdige Zwecke schaffen.
Unabhängig davon fügen sich die PA-Aussagen in ein breiter dokumentiertes Muster. Die genannte Grössenordnung von rund einer halben Milliarde Dollar deckt sich mit einem Spendenskandal um die in Istanbul ansässige, der Muslimbruderschaft nahestehende Stiftung Waqf al-Ummah, über den Ende 2025 unter anderem die Jerusalem Post berichtete. Israel wiederum weist seit Kriegsbeginn nach, dass die Hamas Hilfslieferungen systematisch abzweigt.
Der Befund bleibt für westliche Geldgeber unbequem. Während die Verantwortung für das Leid in Gaza reflexhaft Israel zugeschrieben wird, wäre eine Prüfung angebracht, wohin die eigenen Zahlungen tatsächlich fliessen – bevor der nächste Scheck ausgestellt wird.





















