Start News Antisemitismus in Italien: «Zionist» – Das neue Wort für Jude

Antisemitismus in Italien: «Zionist» – Das neue Wort für Jude

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Palästina-Flagge am Tourismus-Info-Point in Assisi am 27. Juli 2026. Foto GRA
Palästina-Flagge am Tourismus-Info-Point in Assisi am 27. Juli 2026. Foto GRA
Lesezeit: 13 Minuten

In Assisi weht an städtischen Gebäuden die palästinensische Flagge. Wer nachfragt, warum daneben keine israelische Flagge hängt, erhält eine Antwort, die er nicht mehr vergisst. Was dem Autor des Berichts dort geschah, geschieht in ähnlicher Form in ganz Italien immer öfter.

Am Montag, dem 27. Juli 2026, stand ich gegen halb elf Uhr morgens mit meiner zwölfjährigen Enkelin auf der Piazza del Comune in Assisi. Am Gebäude mit der Aufschrift «Info Point» und dem Wappen der Stadt hing eine grosse palästinensische Flagge. Keine andere. Ich sprach zwei Carabinieri an, freundlich.

Die ersten Sätze waren höflich. Assisi sei eben «per la Pace», für den Frieden, sagten sie, deshalb hänge die Fahne dort, schon länger. Ich erwiderte, zum Frieden gehöre dann doch auch die israelische Flagge. Der Ton kippte von da an schnell. Einer fragte mich, ob ich Jude sei. Ich verneinte nicht. Nachdem ich weiter versuchte herauszufinden, warum nur die palästinensische Flagge dort hing, wurde die Stimmung aggressiver. Einer der Beamten schrie mich an, ich würde nicht zuhören und ich solle doch einfach in mein Land zurück gehen.

Ich bin Schweizer, mit italienischen Wurzeln. Mein Land ist die Schweiz, das Land meiner Familie ist Italien. Wohin er mich genau schicken wollte, überlasse ich den Gedanken der Leserschaft.

Ich hob mein Smartphone, um sein unfassbares Verhalten zu dokumentieren. Erlaubt ist das, ein Verbot gab es nicht. Er riss mir das Gerät aus der Hand und befahl mir, ihn auf die Wache zu begleiten. Dabei schrie er «Kommen Sie, kommen Sie, ich zeige Ihnen jetzt, was ich draufhabe». Meine Enkelin begleitete mich schockiert. Auf der Wache verlangte man meinen Ausweis und kopierte ihn ohne weitere Begründung. Dann hielt mir vor, ich hätte ein Dienstfahrzeug der Carabinieri fotografiert – fotografiert hatte ich das Gebäude mit der Flagge, das Fahrzeug stand davor. Ein Beamter forderte mein Handy-Passwort. Ich gab es nicht heraus. Er hielt mir das Gerät ins Gesicht und durchsuchte es: ohne Tatvorwurf, ohne Anordnung eines Richters und damit ohne jedes Recht dazu. Nach ihren Namen habe ich gefragt und keine bekommen; Italien kennt keine Kennzeichnungspflicht für Polizisten. Ein Protokoll bekam ich auch nicht.

Nachdem sich der Beamte etwas beruhigt hatte und ihm sein übergriffiges Verhalten offenbar bewusst geworden war, erzählte er etwas über seine «jüdischen Freunde» die er doch habe und das Museum der Judenrettung in Assisi während des Zweiten Weltkriegs. Zum Schluss seines Vortrags entschuldigte ich mich für meinen etwas emotionalen Ton während der Diskussion. Eine Entschuldigung für das, was er gesagt und getan hatte, kam von ihm nicht. Die Kopie meines Ausweises behielten die Carabinieri.

Was in Assisi hängt

Der Bürgermeister von Assisi, Valter Stoppini, hisste am 28. Juni 2025 die Palästina-Flagge neben jener der UNO, nach einer Videoschaltung mit dem Bürgermeister von Bethlehem, der Partnerstadt Assisis.

Einen Beschluss dazu gibt es nicht. Die Fahne hängt an städtischen Gebäuden, weil der Bürgermeister es so entschied. Angeregt hatte es auch ein Bündnis namens «L’Umbria della pace» (Das Umbrien des Friedens) , ein Zusammenschluss von 35 linken Organisationen unter der Losung «Gegen die Aufrüstung – Stoppt den Genozid in Gaza». Dazu gehören unter anderem Emergency Umbria, Rifondazione Comunista, die Fünf-Sterne-Bewegung und die Vereinigung für die Freundschaft Italien–Kuba. Was dieses linke Bündnis unter Frieden versteht, zeigt es auf seiner eigenen Facebook-Seite. Am Sonntag, dem 3. Mai 2026, lud es in Perugia zu einer öffentlichen Veranstaltung mit dem Titel «Der Iran hinter dem Schleier – die Gründe eines zähen Widerstands und die imperialistische Fabrik der Desinformation». Das Plakat zeigt die Flagge der Islamischen Republik, angekündigt war unter anderen Hanieh Tarkian, italienisch-iranische Professorin für Islamwissenschaft. Wenige Wochen vor meinem Besuch in Assisi posierten Mitglieder des Bündnisses auf der Piazza IV Novembre in Perugia mit palästinensischen Fahnen und einer grossen iranischen Staatsflagge.

Das Regime, das Israel die Auslöschung androht, Hamas und Hisbollah finanziert und im eigenen Land Frauen wegen eines Kopftuchs einsperrt, erscheint bei diesen Leuten als zäher Widerstand. Unter anderem auf ihre Empfehlung hin wurde in Assisi und zahlreichen anderen Gemeinden die «Palästina» Fahne gehisst.

Drei Tage nach meinem Vormittag auf der Piazza, am 30. Juli 2026, nahm der Gemeinderat von Assisi mit zehn zu fünf Stimmen einen Antrag zum Nahen Osten an. Vorgetragen wurde er vom gebürtigen Marokkaner Adil Zaoin, dem ersten muslimischen Gemeinderat der Stadt. Er wurde im Mai 2025 auf der «Progressiven Liste» von Kommunisten und der 5-Sterne-Bewegung gewählt, die auch Bürgermeister Stoppini ins Amt beförderte. Im September 2025 nahm Zaoin an einer Veranstaltung im Islamischen Kulturzentrum Perugia teil, überschrieben mit «Umbrien in vorderster Front gegen den Genozid in Palästina».

Der Antrag von Zaoin empfiehlt einen Bericht als sehr «nützlichen Bezugspunkt»: «Von der Ökonomie der Besatzung zur Ökonomie des Genozids», verfasst von Francesca Albanese. Die UNO-Sonderberichterstatterin steht seit dem 9. Juli 2025 auf der amerikanischen Sanktionsliste, Aussenminister Marco Rubio warf ihr antisemitische Positionen vor. Sie ist die Kronzeugin, auf die sich die Stadt des heiligen Franziskus in dem Beschlussdokument zum Nahen Osten stützt.

Zaoin verurteilte in seiner Rede den 7. Oktober ausdrücklich. Er sagte auch: «Das Völkerrecht muss für alle gelten.» Das ist richtig. Nur nennt der Antrag, den er verlas, keinen einzigen anderen Konflikt und keinen anderen Staat. Er stützt sich auf einen Bericht, der ausschliesslich Israel behandelt.

Deutlicher wurde Luigi Bastianini, Mitunterzeichner aus der Mitte-Links-Mehrheit: «Palästina muss verteidigt werden. Punkt.» Dann: «Für uns existiert das Wort Terrorismus nicht.» Er erläuterte den Satz sogleich, er wende sich gegen die Gegenüberstellung, wer zu Palästina stehe, legitimiere den Terror. Was er wenige Sätze später sagte, lässt sich nicht wegerklären: «Was am 7. Oktober geschehen ist, ist eine Schande, aber noch beschämender ist das, was bei den Bürgerrechten geschehen ist und weiter geschieht.» Am 7. Oktober 2023 ermordete die Hamas rund 1200 Menschen, vergewaltigte Frauen und verschleppte 251 Geiseln. Für Bastianini ist das eine Schande, aber nicht die grösste.

Die Antwort des Bürgermeisters

Auf eine Anfrage von Audiatur-Online hat Valter Stoppini am 4. August 2026 persönlich geantwortet, unterschrieben, auf Briefpapier der Stadt.

Die Palästina Fahne sei ein Zeichen der Solidarität mit Bethlehem, mit dem Assisi seit 1989 verschwistert ist, kein Akt der Gegnerschaft; die Friedensvorstellung seiner Stadt schliesse das israelische Volk vollumfänglich ein.

An der Hauptfassade des Rathauses hänge ein von Schülern gestaltetes Bild mit zwei Händen, die eine israelische und eine palästinensische Flagge halten, so Stoppini. Das stimmt zwar, allerding eher klein und unauffällig. Zudem wurde der Davidstern mit Klebern von Anarchisten verunstaltet. Weiter verweist Stoppini auf das Museum der Erinnerung, das dokumentiert, wie Bürger und Institutionen von Assisi im Zweiten Weltkrieg rund 300 Juden vor der Verfolgung retteten, wofür die Stadt die Goldmedaille für zivilen Verdienst erhielt, und auf die Ehrenbürgerschaft für alle italienischen Schoah-Überlebenden. Zu meinem Erlebnis habe er keine eigenen Erkenntnisse, distanziere sich aber von jedem respektlosen oder diskriminierenden Verhalten und werde jede Form von Intoleranz mitverurteilen.

Das ist eine anständige Antwort, und ich nehme sie so entgegen.

Zu Bethlehem. Die Stadt liegt im antiken Judäa und ist mit der jüdischen Geschichte verwachsen: Sie gilt als Heimatort König Davids, und die Bibel beschreibt sie als Ort im jüdischen Land, in dem Jesus, ein Jude, zur Welt kam. Wer die palästinensische Fahne hauptsächlich mit Bethlehem in Verbindung bringt, bezieht sich auf eine Stadt, die ursprünglich eine jüdische Bedeutung hat.

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Bürgermeister Valter Stoppini zeigt das Victory-Zeichen beim Aufhängen der Palästinenserflagge. In der Zwischenzeit wurde die UNO-Flagge entfernt. Foto Screenshot assisioggi.it

Eine Frage blieb offen. Ich hatte gefragt, ob Assisi bereit sei, neben der palästinensischen auch die israelische Flagge zu zeigen, und falls nicht, aus welchem Grund. Diese Frage beantwortet Stoppini nicht. Sie war die einzige, für die ein Wort genügt hätte.

Von den Carabinieri kam bisher nur eine Antwort, aber keine Stellungnahme. Die Bürgerkontaktstelle der Legione «Umbria» bestätigte am 3. August den Eingang meiner Anfrage, zeigte sich «betrübt über das Vorgefallene» und teilte mit, das Schreiben sei an das zuständige Comando Provinciale in Perugia weitergeleitet worden, zu den gebotenen Überprüfungen.

Kein Einzelfall

Bologna, Andria, Chieti, Castelnuovo Berardenga, Impruneta, Reggio Emilia, Neapel, Rom, Marianopoli, Civita Castellana, Assisi ist kein Einzelfall. Am 5. Juni 2025 hissten über hundert kalabrische Gemeinden am selben Tag die palästinensische Fahne. Andria begründete die Beflaggung amtlich mit dem «laufenden palästinensischen Genozid». In Cisternino wurden die italienische und die europäische Flagge nicht ergänzt, sondern ersetzt.

Es ist die Flagge eines Staates, den die Italienische Republik nicht anerkennt. Aussenminister Antonio Tajani bekräftigte am 29. Juli 2026, eine Anerkennung dürfe nicht «demagogisch und fiktiv» sein; nötig seien die Entwaffnung der Hamas und die Wiedervereinigung der Palästinensergebiete.

Rechtlich dürfen die Gemeinden das. Das Präsidialdekret Nr. 121 aus dem Jahr 2000 lässt fremde Staatsflaggen an öffentlichen Gebäuden zwar nur bei offiziellen Anlässen zu, gibt den Gemeinden für ihre eigenen Sitze aber Regelungshoheit, und eine Strafe sieht es nicht vor.

Die andere Fahne

Israelische Flaggen hingen in Italien auch. Sie hingen nur nie lange. Genua zeigte sie am 7. Oktober 2023 am Palazzo Tursi. Mailand hisste sie Anfang  Oktober 2023 und nahm sie am 13. Oktober wieder ab. Florenz hisste sie am 9. Oktober und entfernte sie am 27. Oktober nach parteiinternem Druck. Faenza beschloss im März 2024 einstimmig, israelische, palästinensische und Friedensfahne nebeneinander zu zeigen; nach dem Diebstahl der israelischen nahm man auch die palästinensische ab.

In Bologna hing nach dem 7. Oktober keine. Israels Botschafter Alon Bar hielt fest, der Bürgermeister habe sich schon geweigert, sie nach dem Massaker zu zeigen; die Weigerung bedeute, einen «Frieden ohne Israel» zu wollen.

Die eine Fahne hängt Tage, die andere Monate oder gar Jahre.

Wer in Italien Ferien macht kann was erleben

Die Fahne an einem Rathaus ist das eine. Was seit zwei Sommern mit israelischen und jüdischen Gästen geschieht, ist das andere.

Am 4. September 2025 erklärte die Residence Villa Ebner in Porto Pino auf Sardinien, sie werde keine israelischen Staatsbürger mehr beherbergen, «es sei denn, sie erklären offen, dass sie die von der israelischen Regierung und ihrer Armee begangenen Verbrechen verwerfen». Wer dort ein Zimmer wollte, musste sich zuerst politisch erklären oder von Israel lossagen.

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Antisemitismus in Italien: «Zionist» - Das neue Wort für Jude

Am 3. April 2026 demonstrierten Aktivisten vor dem Hotel Ariston in Capaccio Paestum gegen rund hundert israelische Feriengäste. Auf ihrem Flugblatt stand: «Wir sind hier, um unseren Widerspruch gegen Ihre Anwesenheit zu bekunden, nicht wegen Ihrer Religion, Ihrer Sprache, Ihrer Kultur, sondern weil wir in Ihnen den Ausdruck einer mörderischen, gewalttätigen, brutalen Regierung sehen.»

Am 28. Juni 2026 riefen sardische Gruppen zu einem Aktionstag an vier Orten auf, Losung auf Sardisch: «A foras sos sionistas» – raus mit den Zionisten. Fünf Tage später übernahm Sizilien das Muster. Der Aufruf für Palermo verlangt, an den Flughäfen zu rufen, dass die Zionisten in Sizilien nicht willkommen sind, und kündigt «die erste einer langen Reihe von Sommerinitiativen» an.

Anfang Juli stornierte eine israelische Geschäftsreisende ihr Zimmer im Decumani Hotel de Charme in Neapel, nachdem die Buchungsbestätigung die Unterstützung der Kampagne «No Room for Genocide» mitgeteilt hatte. Sie schrieb, sie fühle sich dort nicht sicher; das Hotel bestreitet jede Auswahl von Gästen. Der Werkzeugkasten der Kampagne von BDS Italia empfiehlt Betrieben, mutmassliche israelische Kriegsverbrecher von Buchungen abzuschrecken, und nennt als Prüfkriterien Militärdienst seit Oktober 2023 sowie Wohnsitz oder Arbeit in «Siedlungen».

Am 5. August 2026 meldete der Verband Osservatorio Israele ein Schild in einem Restaurant in Bastia Umbra, wenige Kilometer von Assisi entfernt, wo darauf steht: «ISRAELIS und Anhänger der genannten Pseudonation sind hier nicht willkommen». Der Verband erstattete Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Perugia. Die Wirte denken aber nicht daran, es abzunehmen.

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Foto Osservatorio Israele / Facebook

In zwölf Monaten hat sich verschoben, wer gemeint ist. Im Sommer 2025 richtete sich der Protest gegen mutmassliche Soldaten. Im Juni 2026 formulierte ein linkes Bewegungsportal die neue Regel: «Jeder Bürger des Staates Israel ist potenziell an den Besatzungs- und ethnischen Säuberungskampagnen beteiligt.»

«Deportationslisten»

Mitte Juli kursierte in italienischen Chatgruppen ein anonymes Google-Formular. Es rief dazu auf, die Anwesenheit israelischer Staatsbürger und von Juden in Hotels, Unterkünften und Geschäften zu melden, mit Region, Stadt und möglichst dem konkreten Haus. Erklärtes Ziel: eine «Kartierung des zionistischen Tourismus». General Pasquale Angelosanto, der nationale Beauftragte zur Bekämpfung des Antisemitismus, sorgte für die Entfernung.

Walker Meghnagi, Präsident der Jüdischen Gemeinde Mailand, sagte, man kehre in die Dreissigerjahre zurück, zur Judenjagd. Livia Ottolenghi, Präsidentin des Dachverbands der italienischen jüdischen Gemeinden, nannte das Formular einen «neuen gelben Stern». Senatspräsident Ignazio La Russa: «Dahinter steckt ein tiefer Antisemitismus».

Acht Tage später stand ich mit meiner Enkelin auf der Piazza del Comune und fragte nach einer Fahne.

Ein Wort verschiebt sich

Das Formular war nicht der erste Listenversuch. Im August 2024 veröffentlichte die Splitterpartei Nuovo Partito Comunista Italiano ein Dokument, das Vertreter jüdischer Gemeinden, Politiker, Journalisten und Unternehmer namentlich einem «zionistischen Block» zurechnete, mit dem Hinweis, die Recherche lasse sich erweitern.

Was da Furchtbares passiert, beschreibt Benjamin Birely, Doktorand an der Universität L’Orientale in Neapel. Nachdem bekannt wurde, dass er Israeli ist, bezeichnete ihn ein Aktivist als «Soldat ohne Uniform», eine Studentenorganisation als «Doktorand im Genozid». Es folgten Drohnachrichten von Leuten, die sein Institut und seine Adresse kannten. In Restaurants und Geschäften fragte man ihn, ob er Zionist sei. Ein Ja hätte ihn mehrfach den Platz gekostet, also sagte er manchmal, er sei gegen den Krieg. Sein Fazit: Wenn Leute «Zionist» sagten, sei das nur die neue Art, «Ebreo» zu sagen – Jude.

Dalia Gubbay, Vizepräsidentin der Jüdischen Gemeinde Mailand, beschreibt dieselbe Bedingung anders. Von italienischen Juden werde erwartet, dass sie sich öffentlich von Netanjahu distanzieren, bevor man sie akzeptiere: «Wenn ich nicht mit Bibi bin, bin ich in Ordnung. Aber warum sollte ich so etwas sagen müssen? Von Russen, Chinesen oder Iranern verlangt niemand, sich von der Regierung eines anderen Landes zu distanzieren.»

Am 25. April 2026, dem Befreiungstag Italiens vom Faschismus, wurden in Mailand jüdische Teilnehmer mit Fahnen der Jüdischen Brigade umringt, beschimpft und unter Polizeischutz aus dem Umzug gedrängt. Eine Frau nannte Dalia Gubbay eine Mörderin. Die Jüdische Brigade kämpfte im Zweiten Weltkrieg auf Seiten der Alliierten gegen den Faschismus.

Eltern in Mailand raten ihren Kindern inzwischen, keine Kippa zu tragen und in der Öffentlichkeit kein Hebräisch zu sprechen. Drei orthodoxe Kinder, dreizehn, elf und neun Jahre alt, wurden in einem Geschäft von einem Wachmann durchsucht, nachdem sie gesagt hatten, sie seien Israelis; gefunden wurde nichts. Tage später kam ihr älterer Bruder mit schwangerer Frau und Kleinkind in denselben Laden. Derselbe Wachmann durchsuchte ihn, hielt die Familie fest, und als der Mann zu filmen begann, verlangte die Geschäftsleitung die Löschung der Aufnahmen.

Antisemitismus von rechts und von links

Die Stiftung CDEC zählte für 2025 in Italien 963 antisemitische Vorfälle. 2024 waren es 877, 2023 waren es 453, 2022 waren es 241. Eine Vervierfachung in drei Jahren.

Am Abend des 2. August 2026 versammelten sich vor einem Hotel bei Sofia in Bulgarien Männer in schwarzen T-Shirts mit Totenkopfsymbolen. Sie zeigten den Hitlergruss, brüllten «Sieg Heil» und versperrten den Eingang. Im Haus waren rund 400 italienische Juden untergebracht, überwiegend Kinder und Jugendliche aus Rom und Mailand, auf dem Rückweg von einem Sommerlager in Bansko. Die Polizei rückte an; danach kamen die Angreifer zurück und blockierten die Zugänge erneut. Victor Fadlun, Präsident der Jüdischen Gemeinde Rom, sagte danach, «unsere Kinder können in Europa nicht mehr reisen, ohne Gewalt ausgesetzt zu sein».

Ende Oktober 2025 stand an der Synagoge von Sofia der Schriftzug «Free Palestine», gesprüht über die Aufkleber mit den Gesichtern der am 7. Oktober Ermordeten. Zwei Wochen zuvor, am 9. Oktober, hatte jemand das Denkmal für die Rettung der bulgarischen Juden mit roter Farbe übergossen, tags zuvor traf es das Dankbarkeitsdenkmal in Burgas. In Sofia marschieren jedes Jahr Neonazis zu Ehren von Hristo Lukov, dem Führer der bulgarischen Hitler-Legionen.

Die einen rufen «Sieg Heil», die anderen «Free Palestine». Sie kommen aus entgegengesetzten Richtungen und treffen dieselben Menschen, dieselben Gebäude, dieselben Kinder. Wer die eine Seite für Israelkritik hält und nur die andere für gefährlich, sieht nicht, was hier zusammenwächst.

In Assisi wollte man wissen, ob ich Jude bin. In Neapel wollte man von einem israelischen Doktoranden wissen, ob er Zionist ist. In Porto Pino soll man die israelische Regierung verurteilen, bevor man ein Zimmer bekommt. In einem Restaurant in Bastia Umbra fragt niemand mehr. Dort hängt ein Schild: «Israelis sind nicht erwünscht».

So fängt es an. Nicht mit Gewalt, sondern mit Worten.

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