
Israel verfügt seit Anfang der 1970er-Jahre über das technologische und industrielle Können, eigene Jagdbomber zu bauen. Seit Mitte der 1980er-Jahre hat Jerusalem diese Möglichkeit jedoch immer wieder ausgeschlagen und stattdessen weiter auf die Vereinigten Staaten gesetzt, um den Bedarf der israelischen Luftwaffe an bemannten Flugzeugen zu decken. Angesichts der aktuellen Entwicklungen in Israel wie in den USA muss Jerusalem diesen Kurs dringend überdenken. Israel braucht ein eigenes Kampfflugzeug – einen Lavi 2.0.
von David Rodman
In den Jahren vor dem Jom-Kippur-Krieg von 1973 lieferte Israel Aircraft Industries (IAI) Jagdbomber vom Typ Nesher (Geier) an die israelische Luftwaffe (IAF). Das Unternehmen wurde später in Israel Aerospace Industries umbenannt, weil es zunehmend auch in Raumfahrtprojekten tätig war. Der Nesher war eine im Land gefertigte Weiterentwicklung der französischen Mirage V von Dassault Aviation. Im Krieg bewährte er sich gut, vor allem im Kampf um die Luftherrschaft. Wenige Jahre nach dem Jom-Kippur-Krieg begann IAI, Jagdbomber vom Typ Kfir (Junglöwe) für die Luftwaffe zu bauen. Der Kfir war eine deutlich anspruchsvollere Weiterentwicklung der Mirage V und erwies sich ebenfalls als erfolgreich. Spätere Versionen wurden sogar von einigen ausländischen Luftwaffen gekauft. Mitte der 1980er-Jahre baute IAI Prototypen des Jagdbombers Lavi (Löwe), eines modernen Flugzeugs, das eigens auf die damaligen Anforderungen der Luftwaffe zugeschnitten war. 1987 stellte die israelische Regierung das Lavi-Programm dann abrupt ein.
Seit Anfang der 1970er-Jahre besitzt Israel also das technologische und industrielle Können, hochwertige Jagdbomber herzustellen. Dennoch hat Jerusalem seit 1987 durchgehend darauf verzichtet. Dafür gibt es mehrere Gründe. Erstens haben die Vereinigten Staaten der israelischen Luftwaffe über die Jahre eine beträchtliche Zahl moderner Jagdbomber geliefert, damit Israel seine Luftüberlegenheit im gesamten Nahen Osten behält. Zweitens hat sich Washington der Entwicklung eines modernen israelischen Jagdbombers grundsätzlich widersetzt. Darin spiegelt sich die Sorge der amerikanischen Flugzeugindustrie, ein solches Flugzeug könnte den Absatz ihrer eigenen Produkte im Ausland beeinträchtigen. Drittens war der Bau eines modernen Jagdbombers nie günstig. Ein solches Vorhaben hätte die israelische Wirtschaft stark belastet, jedenfalls von Mitte der 1980er-Jahre bis mindestens ins erste Jahrzehnt der 2000er-Jahre.
Die Entscheidung, das Lavi-Programm zu beenden, war unter den damaligen Bedingungen der 1980er-Jahre eindeutig richtig. Heute ist es dagegen nicht mehr klug, auf einen modernen «blau-weissen» Jagdbomber zu verzichten, also auf ein Flugzeug aus israelischer Produktion. Das gilt besonders angesichts der jüngsten Entwicklungen in Israel und in den Vereinigten Staaten. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat vor kurzem einen umsichtigen, langfristigen Plan vorgestellt. Er sieht vor, die israelische Rüstungsindustrie deutlich auszubauen und so die Abhängigkeit des Landes von ausländischen Waffen erheblich zu verringern. Bisher scheint sich dieser Plan aber vor allem auf ergänzende Rüstungsgüter zu beziehen: auf Raketen, Bomben, Laser sowie auf zahlreiche Systeme der elektronischen Kriegsführung und der Cyberkriegsführung. Waffenplattformen wie ein Jagdbomber kommen darin kaum vor. Ohne moderne Plattformen lassen sich viele dieser ergänzenden Rüstungsgüter jedoch nicht voll ausschöpfen. Zugleich hat der Ministerpräsident den Wunsch geäussert, die amerikanische Finanzhilfe für Israel in den kommenden Jahren vollständig auslaufen zu lassen. Der Kauf amerikanischer Jagdbomber würde dadurch künftig deutlich teurer.
Hinzu kommt: Wenn sich die amerikanische Politik weiter in die heutige Richtung entwickelt, darf Israel künftig womöglich gar keine amerikanischen Jagdbomber mehr kaufen. Die gemässigten Linken und die gemässigten Konservativen haben die amerikanische Politik lange geprägt. Sie zählten immer zu den wichtigsten Stützen Israels in den Vereinigten Staaten. Ihre Zahl und ihr Einfluss schrumpfen jedoch rasch. An ihre Stelle treten immer häufiger radikale Ideologen von links und von rechts, die Juden und Israel äusserst feindlich gegenüberstehen. Wie stark solche Kräfte die Demokratische Partei bereits unterwandert haben, zeigen die jüngsten Abstimmungen im Senat und im Repräsentantenhaus: Grosse Teile der Partei stimmten dort gegen Militärhilfe für Israel. Die Republikanische Partei steht Juden und Israel derzeit weniger ablehnend gegenüber. Ihr radikaler Flügel, der zurzeit von Vizepräsident J. D. Vance vertreten wird, könnte in den kommenden Jahren jedoch die Oberhand gewinnen. Für Jerusalem wäre das gewiss keine gute Nachricht. Solche besorgniserregenden Entwicklungen könnten sich zwar wieder umkehren. Israel kann es sich aber nicht mehr leisten, auf die Hoffnung zu bauen, dass die Vereinigten Staaten zur Vernunft zurückkehren.
Die israelische Wirtschaft ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten enorm gewachsen und technologisch anspruchsvoller geworden. Israel muss seine Abhängigkeit von ausländischen Waffen verringern. Und die Vereinigten Staaten könnten sich künftig als unzuverlässige Schutzmacht erweisen. Aus all diesen Gründen muss Jerusalem dringend prüfen, einen modernen Jagdbomber im eigenen Land zu bauen. Technologisch, industriell und wirtschaftlich verfügt Israel zweifellos über die Fähigkeiten, ein solches Flugzeug zu entwerfen und herzustellen. Israelische Rüstungsunternehmen fertigen bereits heute wichtige Bauteile des Tarnkappenflugzeugs F-35 Lightning II, darunter Tragflächen und Pilotenhelme. Auch die Entwicklung und der Bau einer Flugzeugzelle, eines Triebwerks und aller weiteren Bestandteile eines modernen Flugzeugs liegen ohne weiteres in Reichweite des Landes. Sollten sich einzelne Bauteile eines modernen Jagdbombers als zu teuer oder zu zeitaufwendig für eine vollständige Eigenentwicklung erweisen, etwa das Triebwerk, so lassen sie sich in Israel in Lizenz bauen. Kommt eine Lizenz aus den Vereinigten Staaten oder aus einem europäischen Land nicht in Frage, dann eben eine aus Russland oder sogar aus China. Voraussetzung ist, dass dabei keine geschützte israelische oder amerikanische Technologie preisgegeben wird.
Fachleute aus Militär und Wirtschaft werden gegen den Bau eines modernen blau-weissen Jagdbombers natürlich alle möglichen Einwände vorbringen. Auf einige der naheliegendsten sei hier kurz eingegangen. Erstens werden sie sagen, ein solches Flugzeug wäre den amerikanischen Modellen in wichtigen Punkten trotz aller Modernität unterlegen. Das mag sein. Ein blau-weisser Jagdbomber wäre aber sicher gut genug, damit die israelische Luftwaffe ihre Luftüberlegenheit im gesamten Nahen Osten behaupten kann. Das gilt erst recht, wenn er mit modernster israelischer Elektronik und Bewaffnung ausgerüstet wird. Zweitens werden sie einwenden, die Vereinigten Staaten hätten Israel unabhängig von Washingtons künftiger Politik gegenüber Jerusalem bereits weitere F-35 sowie modernisierte F-15 zugesagt. Damit sei der Bedarf der Luftwaffe an Jagdbombern auf absehbare Zeit gedeckt. Das mag zutreffen. Washington kann sich aber selbst aus rechtlich bindenden Zusagen für den Verkauf von Flugzeugen an Jerusalem leicht herauswinden. Drittens werden sie argumentieren, Geld aus dem israelischen Verteidigungshaushalt für einen eigenen modernen Jagdbomber fehle bei anderen wichtigen Rüstungsprogrammen im Inland und ebenso bei Ausbildung und Einsatzbereitschaft der israelischen Streitkräfte. Das stimmt. Israel ist heute jedoch ein wohlhabendes Land. Es kann seinen Verteidigungshaushalt erhöhen und die zusätzlichen Kosten eines solchen Programms tragen, ohne Wirtschaft und Gesellschaft übermässigen Schaden zuzufügen.
Deutlich gesagt: Jerusalem braucht einen Notfallplan für den durchaus realen Fall, dass die israelische Luftwaffe in nicht allzu ferner Zukunft keinen Zugang mehr zu genügend modernen Jagdbombern hat. Der richtige Zeitpunkt dafür ist jetzt und nicht erst dann, wenn die Katastrophe bereits vor der Tür steht. Warum also nicht heute damit beginnen, die vollständige Abhängigkeit der Luftwaffe von den Vereinigten Staaten schrittweise zu beenden, indem Israel ein vergleichbares blau-weisses Flugzeug entwickelt und baut, sozusagen einen Lavi 2.0?
David Rodman ist unabhängiger Verteidigungsanalyst. Sein jüngstes Buch trägt den Titel «Israel’s National Security Predicament: Guarding the Third Temple». Der Beitrag erschien am 29. Juli 2026 als BESA Center Perspectives Paper Nr. 2398 im englischen Original.




















