Franzöische Juden bei der Ankunft in Israel. Foto: World Jewish Congress

Der französische Wirtschaftsminister Emmanuel Macron traf bei einer dreitägigen Israelreise französische Juden, die Aliyah gemacht haben – und versuchte, sie nach Frankreich zurückzulocken.

von Stefan Frank

Es war im Sommer 2004, als der damalige israelische Ministerpräsident Ariel Scharon Frankreich besuchte und die französischen Juden angesichts des in Frankreich grassierenden Antisemitismus zur Aliyah aufforderte: „Wenn ich unseren Brüdern in Frankreich einen Rat geben sollte, dann würde ich ihnen eines sagen: Zieht nach Israel, so schnell wie möglich. Ich sage das zu Juden überall auf der Welt, aber dort [in Frankreich] ist es, denke ich, unbedingt notwendig, und sie müssen sofort wegziehen.“

Fast 30.000 französische Juden sind seitdem nach Israel ausgewandert, in den letzten Jahren gingen die Zahlen steil nach oben: Laut den Daten des israelischen Einwanderungsministerium kamen im letzten Jahr 6.961 Neuisraelis aus Frankreich – mehr als doppelt so viele wie 2013 und mehr als aus jedem anderen Land der Welt. Israels Mittelmeerstadt Netanja nennt sich wegen der vielen aus Frankreich kommenden Neubürger, die es dorthin zieht, inzwischen „die israelische Riviera“.

Für Frankreich ist das ein bitterer Verlust, auch ökonomisch. Die sozialistische Wirtschaftspolitik hat zu einer permanenten Krise und einer Jugendarbeitslosigkeit von 25 Prozent geführt. Auf der anderen Seite sind viele der französischen Juden, die das Land verlassen, hochqualifiziert – über 36 Prozent von ihnen haben einen Universitätsabschluss, 17 Prozent in Ingenieurswissenschaften – und würden in Frankreich dringend gebraucht, um in der Zukunft einen Beitrag zur Wiederbelebung der Wirtschaft zu leisten.

Beinahe verzweifelt klangen die Appelle, die Frankreichs Wirtschaftsminister Emmanuel Macron an aus Frankreich stammende Israelis richtete, als er vergangene Woche im Rahmen eines dreitägigen Besuchs des jüdischen Staats Israels führendes Hightech-Zentrum, das Technion, besuchte. Ob sie sich denn vorstellen könnten, nach Frankreich zurückzukehren, fragte er. „Über die Feiertage“, antwortete einer. In einem Interview sagte der Minister: „Viele dieser Leute haben Energie, Tatendrang. Sie wollen Jobs schaffen, Startups gründen und hier innovativ sein. Diese Innovationen könnten sie ebenso gut in Frankreich schaffen.“

Doch diese Saat dürfte wohl kaum auf fruchtbaren Boden gefallen sein, wie der israelisch-französische Journalist Jean Patrick Grumberg im Gespräch mit Audiatur Online erklärt. Grumberg, Beiträger des populären französischen Politikblogs „Dreuz“, verließ sein Heimatland Frankreich 1990 mit Ziel USA, kehrte für einige Zeit nach Frankreich zurück und lebt seit 2005 in Israel. Er verweist darauf, dass Macron zwei Tage vor seinem Besuch im Technion eine – nicht in der Presse veröffentlichte – Ansprache an Schüler des franco-israelischen Gymnasiums in Holon gehalten hatte.

„Darin bestätigte er den jungen Juden, dass sie die richtige Entscheidung getroffen haben und gab ihnen lauter gute Gründe, nicht nach Frankreich zurückzukehren.“ In Holon sprach Macron davon, wie schlecht es um die Wettbewerbsfähigkeit französischer Unternehmen bestellt ist; wie niedrig deren Profitraten sind; dass die Staatsquote von 57 Prozent (der Teil des Bruttoinlandsprodukts, den der Staat sich aneignet) deutlich gesenkt werden und die Wirtschaft modernisiert werden müsse und dass unter der jetzigen Lage vor allem die jungen Leute litten. Selbst einfache Maßnahmen seien in Frankreich schwer umzusetzen, so der Minister. Ganz anders stelle sich die Lage in Israel dar, dort herrsche eine bessere Kultur: „Hier [in Israel] kann man die Fähigkeit beobachten, Risiken einzugehen … und das ist es, was die französische Wirtschaft braucht, dass sie mehr Wagnisse eingeht, so wie Sie das hier machen. … In Frankreich haben wir das Paradox, dass auf der einen Seite diejenigen stigmatisiert werden, die [als Unternehmer] scheitern, auf der anderen Seite jene suspekt sind, die Erfolg haben … Das ist ein komisches Land, wo man nicht das Recht hat, zu scheitern, wo man aber auch nicht zu erfolgreich sein darf.“

Warum sollten junge Israelis ausgerechnet in dieses Land zurückkehren wollen? Grumberg erinnert daran, dass Präsident Hollande 2014 bei seinem Besuch in Silicon Valley ebenfalls versucht hatte, die dort arbeitenden französischen Spitzenkräfte und Unternehmer wieder nach Frankreich zu locken: „Ohne den geringsten Erfolg.“ Wie Macron habe Hollande seinerzeit von Plänen für niedrigere Steuern und weniger Bürokratie gesprochen. Doch die Informatiker und Startup-Unternehmen, so Grumberg, seien lieber in Kalifornien geblieben: „Und das, obwohl sie, anders als die jungen Israelis, noch nicht einmal von der antisemitischen Gewalt zur Auswanderung gedrängt worden sind.“

Zwar hat Frankreichs Innenminister Cazeneuve den Kampf gegen Antisemitismus zur großen Aufgabe für 2015 erklärt, doch nichts sei in dieser Richtung geschehen. „Die Regierung hat unter den Juden jegliche Glaubwürdigkeit verloren.“ Seit der Jahrtausendwende wurden bereits 16 Juden auf französischem Boden von Muslimen ermordet. Die Zahl der Fälle antisemitischer Gewalt stieg im Zeitraum von Januar bis Mai 2015 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 84 Prozent; gegenüber demselben Zeitraum im Jahr 2013 ist sogar eine Zunahme um 161 Prozent zu verzeichnen. „Die Einwanderung aus afrikanischen Ländern bringt judenfeindliche und israelfeindliche Gewalt mit sich, die Lage verschlimmert sich nach jeder neuen Welle von Einwanderern und Flüchtlingen“, so Grumberg. Und auch der Staat schürt den Hass: „Die Franzosen mit jüdischer Religion haben eine tiefe Bindung zu Israel. Sie werden zerfressen vom radikalen Antizionismus der Medien und französischen Fernsehstationen, angefangen mit den Staatssendern.“

Was nützt es da, wenn ein Minister versucht, vage Hoffnungen auf eine vernünftigere Wirtschaftspolitik zu schüren? “Emmanuel Macrons Reklame mit Versprechen eines Wandels der Wirtschaft, des Steuerrechts und der Bürokratie ist zum Scheitern verurteilt, weil sie an der Sache vorbeigeht und überhaupt nicht die Hauptsorge der jungen Juden anspricht: den Antisemitismus“, so Grumberg.

Als Ariel Scharon vor elf Jahren zu Frankreichs Juden sagte, sie sollten nach Israel kommen, löste das in Frankreichs Politik- und Medienestablishment eine Welle der Empörung aus. Scharon habe keine Ahnung und mische sich in innere Angelegenheiten Frankreichs ein, hieß es damals. Macrons Aufruf an Neuisraelis, nach Frankreich zurückzukehren, sorgt in Israel hingegen nicht für Unruhe. Die Befürchtung, dass ausgerechnet Frankreich dem Staat Israel Bürger abwerben könnte, hat dort niemand.

Über Stefan Frank

Stefan Frank ist freischaffender Publizist und lebt an der deutschen Nordseeküste. Er schreibt regelmässig über Antisemitismus und andere gesellschaftspolitische Themen, u.a. für die „Achse des Guten“, „Factum“, das Gatestone Institute, die „Jüdische Rundschau“ und „Lizas Welt“. Zwischen 2007 und 2012 veröffentlichte er drei Bücher über die Finanz- und Schuldenkrise, zuletzt "Kreditinferno. Ewige Schuldenkrise und monetäres Chaos."

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