Zum Holocaust-Gedenktag Jom haScho’a: „Unsere Wünsche kommen aus übervollen Elternherzen“

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Berta und Josef Eschwege mit allen fünf Kindern. Foto Screenshot Youtbe / Yad Vashem
Lesezeit: 16 Minuten

Über die Briefsammlung der Eltern Eschwege an ihre in die Schweiz geflüchteten Kinder:

Liebe Kinder, schreibt Berta Eschwege am 8. Januar 1939 aus Frankfurt an ihre drei jüngeren Kinder Judith (14), Hanna (13) und Nathan (9) in der Schweiz, ihr seid jetzt schon seit einer halben Woche weg und erst heute komme ich dazu, Euch den ersten Brief zu schreiben. Gewiss habt Ihr so viel Neues gesehen und erlebt, dass die Zeit wie im Flug vergangen ist. Ich kann es kaum erwarten, Eure Berichte zu erhalten und hoffe, dass diese sehr ausführlich sein werden.

Dies sind die ersten Zeilen in einer Reihe von 500 Briefen, die 2008 an das Yad Vashem Archiv übergeben wurden. Geschrieben wurden sie während zweieinhalb Jahren von Berta und Josef Eschwege an ihre drei jüngeren Kinder, die am 5. Januar 1939 mit einem Kindertransport nach Heiden in der Schweiz geschickt worden waren.

Josef Eschwege, von Beruf Lehrer, wurde nach der Kristallnacht verhaftet und ins Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Nach fünf Wochen kehrte er in geschwächtem Zustand zurück, woraufhin er und seine Frau versuchten, eine Bescheinigung zu erhalten, die ihnen die Auswanderung von Deutschland nach Palästina ermöglichen würde. Sie warteten sieben Monate lang vergebens, nur um letzten Endes eine Ablehnung auf ihren Antrag zu erhalten. Den beiden älteren Söhnen der Familie, Simon (17) und Salomon (16), gelang es 1938 bzw. 1939 mit Jugend-Zertifikaten nach Palästina auszuwandern. Ihre Eltern schafften es nicht mehr zu fliehen und wurden am 22. November 1941 nach Kaunas (poln.: Kowno) deportiert, wo sie drei Tage später ermordet wurden. Die Kinder überlebten alle, doch der Jüngste, Nathan, starb tragischerweise 1945 in der Schweiz an einer Hirnhautentzündung.

Der allgemeine Inhalt der in altdeutscher Kurrentschrift geschriebenen Briefe bleibt über die zweieinhalb Jahre hinweg einheitlich. Von anderen uns bekannten Briefen, die aus der Hölle des Holocaust geschrieben wurden und die Gefühle der Hoffnung, Verzweiflung oder des Unheils reflektieren oder aber auch den Wunsch, dass man sich an den Schreiber erinnern möge, unterscheiden sich diese Briefe jedoch beträchtlich. Sie dokumentieren nicht das, was im Umfeld der Autoren geschieht, sie öffnen kein Fenster zu ihren seelischen Qualen, während sich die Schlinge der Nazis immer enger um ihren Hals legt, bis sie sich schliesslich zuzieht, als sie nach Kaunas und damit in ihren Tod geschickt werden. Diese Briefe zeigen uns ein Elternpaar, dessen einziges Anliegen im Angesicht ihrer eigenen, persönlichen Not die elterliche Sorge, Liebe und Verpflichtung gegenüber ihren Kindern ist.

Nachfolgend werden vier Hauptthemen aus dieser Briefsammlung vorgestellt – Themen, die aufeinander aufbauen und miteinander verwoben sind – und mit Zitaten veranschaulicht wurden.

„Hoffentlich geht es Euch gut. Das können wir auch von uns berichten.“

1. Beschützung und Glaube

Eine der Hauptanstrengungen von Berta und Josef besteht darin, ihre jüngeren Kinder davor zu bewahren, etwas über ihre eigenen schrecklichen Erlebnisse zu erfahren, welche die Kinder ganz gewiss mit Angst und Sorge erfüllt hätten. In allen Briefen, die vom Autor dieses Beitrags gelesen wurden, gab es nicht eine einzige Stelle, an der Josef oder Berta den Kindern von dem Leid berichtet hätten, das sie in Frankfurt erlebten. Ihr Wunsch, die Kinder zu beschützen, veranlasst sie, ihre Gefühle zu verbergen, ihnen die Wahrheit über das, was geschah, zu verheimlichen und ein Gefühl des Optimismus auszustrahlen.

Die Briefe vermitteln den Eindruck der Normalität. Dies wird hervorgehoben durch den Wunsch der Eltern nach Aufrechterhaltung ihrer elterlichen Autorität und nach der Beteiligung am Leben der Kinder.

Viele Briefe beginnen mit der Versicherung, dass es ihnen gut gehe, so z. B. am 10. März 1939:

Liebe Kinder – So Gtt *will, seid Ihr alle gesund und munter und kann ich dies von mir bzw. uns Euch mitteilen.

Oder am 26. März 1941:

Hoffentlich geht es Euch gut. Das können wir auch von uns berichten.

Und einige Tage zuvor, am 19. März 1941:

Euch bei bestem Wohle erhoffend, kann ich Gl (Gottlob) von uns Gutes melden.

Selbst in seinem allerletzten Brief schreibt Josef am 18. November 1941:

Wir schätzen Euch wohl und munter und können Gl auch Günstiges von uns Euch berichten.

Das Leitmotif in allen Briefen ist ihr religiöser Glaube. Tief verwurzelt im jüdischen Glauben spiegeln die Briefe die kontinuierliche Ermutigung der Eltern wider, niemals den Glauben zu verlieren und stets an Gott zu glauben und ihm zu vertrauen, was auch immer geschehen mag. Einerseits ist dies ihre Art und Weise, ihren Kindern zu helfen, gegen das Heimweh und die Sehnsucht nach ihren Eltern anzugehen; andererseits dient es auch dazu, ihren eigenen Glauben in den Herzen ihrer Kinder zu verankern. So zum Beispiel ist, nachdem ihr Auswanderungsantrag abgelehnt wurde, der Glaube an Gott das wichtigste Mittel, das die Eltern ihren Kindern bieten können, um diesen schweren Schlag abzumildern und um auch künftig mit weiteren Schicksalsschlägen fertig zu werden. Auch wenn sie nicht wussten, in welcher Form diese ihnen begegnen würden, so fürchteten sie doch das Schlimmste. So schrieb Berta im Mai 1940:

Der Transport, den wir uns zwecks Auswanderung nach Palästina … aussuchen wollten, geht nicht. Es ist zwar hart, nachdem wir 7 Monate gewartet haben, vor die Absage gestellt zu sein. Aber Gott hat es so gefügt, Seiner Fügung vertrauen wir uns weiter an. Auch dies ist zum Guten! Gott führt uns wieder zusammen. Wir müssen mit Geduld warten.

Bisweilen kommt der Leser nicht umhin zu fühlen, dass in den ermutigenden Worten und dem Aufruf, den Glauben nicht zu verlieren, die innere Stimme der Eltern mitschwingt, die sich selbst daran erinnern müssen, nicht zu verzweifeln oder die Hoffnung zu verlieren. So berichtet Berta beispielsweise am 31. März 1939, dass die Samson-Raffael-Hirsch-Schule, an der Josef unterrichtete, am Tag zuvor geschlossen wurde. Sie gibt keinen Grund für dieses dramatische Ereignis an und beschreibt nur kurz die „Schlussfeier“, die tatsächlich auch zu einer „Gedenkfeier“ wurde und lediglich der letzte Satz lässt den Leser erschauern:

Die S.R.Hirsch Schule existiert nicht mehr.

Drei Sätze weiter folgt ein Absatz, in dem Berta den Kindern nachdrücklich die Botschaft des bevorstehenden Pessachfests einprägt und dabei die Botschaft des Festes, das an den Auszug Israels aus Ägypten erinnert, dazu benutzt, um sich selbst und ihre Kinder zu ermutigen, niemals die Hoffnung oder den Glauben zu verlieren, selbst im Angesicht von Leid und Verzweiflung nicht.

… Die Nacht [Pessach] und der Feiertag, der uns eindringlich dazu aufruft: Vertraut auf G“ttes Hilfe! Ebenso wie Er unsere Vorväter befreit und ihnen stets helfend zur Seite gestanden hat, so ist Israels Hilfe nur möglich durch Ihn, durch G“tt … Durch G“ttes Hilfe und mit G“ttes Hilfe können wir sicher durchs Leben gehen …

Vollkommenes Vertrauen auf Gott und der Glaube, dass es für alles, was geschieht, einen tieferen Grund gibt und dass alles von Ihm gelenkt wird, war ihre innerste Überzeugung, die sie auch ihren Kindern nachdrücklich einprägen wollten. Die jüdische Lebensweise war in ihren Augen der ideale Nährboden für diesen höchsten Glauben.

Auszug eines Briefes vom 18. November 1941. Foto Screenshot Youtube / Yad Vashem
Auszug eines Briefes vom 18. November 1941. Foto Screenshot Youtube / Yad Vashem

2. Lehrer

Berta und Josef führen in ihren Briefen ihre Kinder durch alle Bräuche und Vorschriften eines jeden jüdischen Feiertags, bisweilen mit langatmigen Erklärungen. Sie unterrichten sie in den jüdischen Gesetzen, den Gebeten und im Brauchtum und lehrten sie sogar Auslegungen der Heiligen Schriften. Die Kinder werden an die Veränderungen in den Gebeten je nach Jahreszeiten erinnert:

Und vergesst nicht, erwähnt Josef, dass nach Pessach „Veten Tal Umatar“ ausgelassen wird und stattdessen „Veten Bracha“ in die Amidah aufgenommen wird“**,

oder sie erhalten Anweisungen bezüglich des Omer-Zählens zwischen den Festen Pessach und Schawuot und ihnen wird gesagt, wie sie den Segenspruch des Sefirat HaOmer sprechen sollen, falls sie vor Einbruch der Dunkelheit zu Bett gehen. Am 2. Oktober 1939 erinnert Josef daran, dass ….

ab dem Musaf [Mittagsgebet] am Donnerstag „Maschiv Haru’ach Umorid Hageschem“ *** eingefügt wird. Von diesem Tag an wird diese Einfügung immer gebetet.

Als Nathan seinen ersten Geburtstag ohne seine Eltern im Ausland feiert, erhält er von ihnen einen Brief (11. Februar 1940) mit einer kurzen Gratulation und einer ausführlichen Liste jüdischer Vorschriften, die er einhalten muss.

Die Kinder scheinen ihre Eltern als Lehrer zu betrachten, denn häufig beantworten die Eltern Fragen, welche die Kinder in ihren Briefen gestellt hatten. Wie z. B. in dem Brief vom 6. Juni 1940, in dem Josef schreibt:

Bezüglich des jüdischen Jahrs, wegen dem Du, Hanna, gefragt hattest, habe ich schon früher einmal etwas geschrieben. Heute werde ich mit meiner Erklärung fortfahren

anschliessend folgt ein Absatz mit seiner Erklärung. Und an Nathan gerichtet schreibt er:
Du hast gefragt, welchen Teil des Pentateuch Du lesen wirst, wenn Du 13 Jahre alt bist…

Der Aspekt des elterlichen Lehrens dient nicht nur dem Zweck der Vermittlung von Wissen und Tradition (für Gegenwart und Zukunft) an die Kinder, vielmehr bildet es einen weiteren Beitrag in dem Versuch, die Normalität zu wahren und die elterliche Autorität zu unterstreichen.

„Ihr haltet uns mit Eurem Schreiben recht knapp.“

3. Elterliche Autorität

Bereits in den ersten Briefen tritt die elterliche Autorität ganz offensichtlich zu Tage, die auch bis zum Ende nicht aufgegeben wird. Sehr häufig beziehen sich die Angst und die Sorge der Eltern auf die Beachtung des jüdischen Gesetzes, die Aneignung von Wissen und gute schulische Leistungen sowie die Erwartung korrekten Verhaltens, sei es Lehrern oder anderen Kindern gegenüber. Wie am 8. September 1939:

Seid gut und gehorsam und trachtet danach, den über Euch Stehenden zu gefallen; wenn Ihr dies tut, werdet Ihr auch uns damit glücklich machen.

Judith, die älteste der Drei wird mit der Aufgabe betraut, auf ihre beiden Geschwister Acht zu geben:

Dir, mein liebes Judithkind, besonderen Dank für Dein ausführliches Schreiben. Du hast viel Arbeit und überdies die schöne Pflicht, Deine Geschwister zu betreuen. …G“tt  gebe Dir Kraft, Klugheit und Geduld dies mit Erfolg durchzuführen. 15. Januar 1939.

Trotz der geografischen Entfernung wollen sie über das neue Leben ihrer Kinder in der Ferne stets informiert sein. Wer sind ihre Freunde? Was wird in der Schule gelehrt? Haben sie passende Bekleidung? Sie bestehen auf ihr Recht, über das Leben der Kinder Bescheid zu wissen, sie fühlen sich weiterhin verpflichtet, sie anzuleiten und empfinden es als ihr Privileg, die eigenen Werte auch an ihre Kinder weiterzugeben. Die Hoffnung, die Liebe und das Vertrauen ihrer Kinder zu erhalten und dass diese sich ihnen anvertrauen, wann immer sie etwas belastet, kommt mit der Zeit immer intensiver zum Ausdruck. Der Haken dabei ist, dass sie, wenn sie ihre Rolle als elterliche Autoritäten aufrecht erhalten wollen, auf die Mitarbeit ihrer Kinder angewiesen sind. Diese besteht darin, sich zu öffnen und den Eltern regelmässig über ihr Leben zu berichten. Dies ist einer der wunden Punkte in den Briefen: Die Erwartung der Eltern, Briefe von den Kindern zu erhalten, ist zentral und wenn sie nicht erfüllt wird, werden sie mit unmissverständlichen Worten getadelt:

Am 20. Oktober 1939:
Ihr haltet uns mit Eurem Schreiben recht knapp. Fehlt Euch Porto, um Briefe zu senden oder Zeit uns zu schreiben?
Oder am 29. Februar 1940:
Warum schreibst Du uns so einen kurzen Brief, liebe Judith? Ist es, weil der Nähkurs vorbei ist?
Oder:
Ihr habt wohl geahnt, wie sehr wir darauf warten, da wir seit den Karten vom 24.06. keine Nachricht von Euch hatten. Habt Ihr denn am 30. nicht geschrieben und warum nicht? Bitte Antwort. Am 12. Juli 1940.

Josef fragt Nathan, ob er die Mischna (mündliche Überlieferung, Basis des Talmud) lernt und aus dem von seinem Grossvater (Nathan ben Napthali ha-Levi Eschwege) geschriebenen Buch „Dass Jehudis“, einer Schrift mit Unterrichtsmaterial, Vorschriften und Gebeten für die jüdische Jugend.

Ich studiere täglich Mischnajot, Gemara und Dinim,

schreibt Josef, um die Bedeutung hervorzuheben,

dieses Lernen zeigt uns, dass wir Juden besondere Vorschriften haben, die wir unser gesamtes Leben davor schützen müssen, in Vergessenheit zu geraten.

Als Judith erwähnt, dass sie in der Schule Goethes „Faust“ lesen, warnt ihr Vater sie:

Weisst Du, dass dies das am schwierigsten zu verstehende Stück aus der Feder Goethes ist? Hüte Dich davor, falsche Schlüsse zu ziehen, insbesondere, was unsere jüdische Denkweise angeht.

Vor den Schulferien bittet Josef die Kinder darum, nicht mit dem Lernen aufzuhören:

Vor allem will ich Euch darum bitten, Eure Ferien zu nutzen, um Hebräisch zu lernen … 6 Wochen Ferien sind genug Zeit, um zu – vergessen. Aber Ihr sollt nicht vergessen und stattdessen jeden Tag wiederholen und weiter lernen.

Was die Eltern glücklich macht, sind Briefe, Informationen, Miteinbeziehung und Gehorsam seitens der Kinder. Das Ausbleiben von Briefen, mangelnde Miteinbeziehung der Eltern und Zweifel an ihrer Liebe sind Dinge, die die Eltern aus der Fassung bringen. Dies sind die Momente, in denen die Eltern das Gefühl haben, ihre Autorität – und was noch schlimmer ist, ihre Wichtigkeit – für die Kinder würde nachlassen; diese Verzweiflung ist zwischen den Zeilen zu lesen.

Die Video Aufzeichnung der Zeugenaussage von Chana Gutman-Eschwege in hebräisch.

„Es schläft u.schlummert nicht der Hüter Israels“

4. Gefühle

Liebe Kinder, wie haben wir uns über Euren Brief mit dem Bild gefreut! Vielen Dank dafür. Ihr könnt Euch vorstellen, wie lange und wie oft wir es uns ansehen.

Dies sind die Dankesworte der Eheleute Eschwege, nachdem sie ihre Kinder anderthalb Jahre nicht mehr gesehen haben. Die Worte, die zwar recht knapp gewählt sind, lassen dennoch die tiefe Sehnsucht und den Schmerz der Eltern spüren. Im Laufe der Zeit häufen sich Momente wie dieser immer mehr. Die Erwartung, Briefe von den Kindern zu erhalten, wurde bereits weiter oben erwähnt. Manchmal jedoch verwandelt sich diese Erwartung in eine vorwurfsvolle Bitte.

Wir haben uns so über Euren detaillierten Brief gefreut, nur von Dir, liebe Judith, vermissen wir mal wieder einen richtigen Brief – wir warten bereits sehnsüchtig darauf. Wird er nächstes Mal kommen? Ich kann gewiss verstehen, dass Dir manchmal die Lust und die Zeit für einen ausführlichen Brief fehlt, aber ständig? Bitte schreib uns wieder alles, was Dir auf dem Herzen liegt …

Aus diesen ungehaltenen Worten am 1. April 1941 ist ganz deutlich die Verzweiflung herauszuhören:

Liebe Kinder, wir haben immer noch keine weiteren Neuigkeiten von Euch erhalten. Was ist denn los mit Euch? Wenn einer von Euch nicht schreiben kann, dann sollten es zumindest die anderen tun! Wir hoffen ganz fest, dass Ihr alle gesund seid und dass wir nicht allzu lange darauf warten müssen, dass Ihr uns dies bestätigt!

Nachdem sie einen Brief von Judith erhalten hat, in dem sie offenbar gewisse religiöse Zweifel zum Ausdruck bringt, schickt ihre Mutter ihr eine liebevolle, jedoch dringliche Antwort, die sie am 14. Mai 1941 folgendermassen beendet:

Lass mich vorerst schliessen, liebes Kind und gib mir Antwort auf diesen Brief. Du weisst ja gar nicht, wie sehr ich mich nach Aussprache und gemeinsamem Gedankenaustausch mit Dir, meiner Grossen, sehne. Lass mich nicht vergebens warten. Sei geküsst, ihr alle gegrüsst, von Mutter.

Die Bemühungen der Eltern, Normalität und Optimismus aufrecht zu erhalten, sind möglicherweise mit den Gefühlen der Kinder kollidiert. Insbesondere Judith, die älteste der Drei, hatte es schwer in der Schweiz, so weit von ihren Eltern entfernt. Sie ist es, an die diese herzzerreissenden Worte gerichtet waren:

Du schreibst, mein liebes Kind, dass Du unseren Briefen entnimmst, dass wir gesund seien & viel Arbeit haben. Unseren Briefen ströme Dir nicht genug Liebe zu, um Dich zu befriedigen und zu stärken. Sieh, mein liebes Kind, schon 2 1/2 Jahre sind wir getrennt, können uns leider nicht ins Auge blicken, uns nicht die Hand reichen. Glaub mir, liebe Judith, das fehlt Mama und mir mehr als Dir, aber aus dem Grund, dass wir’s nicht können, unterdrücken wir’s gewaltsam, um Dich bzw. Euch nicht zu erregen und Euch unseren Schmerz und unser Herzweh nicht merken und fühlen zu lassen. Meinst Du, dass wir dies Euch absichtlich verbergen es uns leicht wäre, so zu tun? Du, liebe Judith, sollst nie in eine solche Lage kommen und Deinen Kindern jahrelang den Trennungsschmerz und Wiedersehenssehnsucht verbergen müssen wie wir es tun und trotzdem – glaube mir – Liebe für Euch in uns fühlen und das Wiedersehen ersehnen …

….Dir, mein l.Hannakind sende ich zu Deinem Geburtstag unsere innigsten Glückwünsche. G“tt möge Dich heranwachsen lassen zur Freude Deiner Eltern und Geschwister zu einem tüchtigen jüdischen Menschen. Wir kommen zwar mit leeren Händen, aber sei versichert, gern würden wir Dir und Deinen Geschwistern Euch erfreuende Dinge senden. Unsere Wünsche kommen aus übervollen Elternherzen, die das Beste für Euch ersehnen und erstreben und die in nie endender Liebe bis zu unserem letzten Atemzug in Liebe für Euch schlagen.

Wussten sie, als sie den Brief vor ihrer endgültigen Deportation schrieben, dass es ihr letzter sein würde? Wir werden es wohl nie mit Bestimmtheit wissen, aber der Inhalt birgt bereits eine böse Vorahnung in sich und er wird überschattet von einem Gefühl des Abschlusses. Berta schreibt ihren letzten Brief:

Liebe Kinder
Kurz vor der Ausreise sende Euch meine innigsten Herzensgrüsse. Weiter sehen wir voll Zuversicht u. Vertrauen zum Allvater, der Eurer, unser aller Geschick zum Guten lenkt.

Und Ihr, liebe Kinder, seid und bleibt stark im Vertrauen auf Ihn & lebet Seinen Willen & Gesetz getreu. Dann wird Er – wenn Er die Zeit gekommen hält, uns allen Seine Hilfe erweisen. Auf Deine Hilfe vertraue ich, Oh Gtt ! Seid geküsst von Mutter .

Josefs Botschaft ist noch deutlicher. Während er zuerst auf die Frage der Kinder nach den elterlichen Beschäftigungen eingeht, fährt er weiter indem er Sätze aus der biblischen Erzählung von Jakob zitiert, als dieser auf dem Totenbett liegend von den Kindern Ephraim und Manasse für immer Abschied nimmt und sie segnet. Hier der volle Wortlaut seines letzten Briefes am 18. Novemeber 1941:

L.Kinder
mit Euren Briefen haben wir uns innig gefreut und danken wir Euch innig dafür. Wir schätzen Euch wohl & munter und können Gl auch Günstiges von uns Euch berichten.

Ihr habt im Brief angefragt, ob wir noch in Schule bzw. Hort tätig sind. Wir haben bis heute unsere Tätigkeit erfüllt. Nun wir aber verreisen sagen wir unserer hiesigen Beschäftigung lebewohl. Unser Stammesvater Jakob sagt im 1.Buch Moses, Kap. 48, Vers 15 :“Der l.Gtt, der mich geführt von m.Geburt an bis auf diesen Tag. Satz 16: Der Engel, der mich beschützt vor allem Bösen, Er segne die Kinder usw“ (Bis Satz 17). So sage ich auch von uns Gtt hat uns geschützt und geschirmt bis heute, Er wird Seine schützende Hand über uns halten u. uns gesund zusammenführen, zu der Zeit, die Er für gut findet. Denn so beten wir im tgl. Nachtgebet: „Es schläft u.schlummert nicht der Hüter Israels“.
So seid denn nicht ängstlich, l.Kinder, bis unsere neue Adresse Euch wird. Bis dahin Gtt befohlen. Seid innigst gegrüsst, alles Gute, seid gebenscht [jidd: gesegnet], Schabbatwünsche, von Eurem Vater.

Gemäss Monica Kingreen („Nach der Kristallnacht“) hätte der 3.Transport aus Frankfurt die verschleppten Juden ins Ghetto Riga deportieren sollen. Doch dieser Transport musste schliesslich wegen „Aufnahmeschwierigkeiten“ nach Kaunas (Kovno) im besetzten Litauen umgeleitet werden. Während die Liste der Deportationen den handschriftlichen Vermerk „III.Transport voraussichtlich nach Riga“ enthält, wurde der Transport mit „abgemeldet nach Kowno“ in den städtischen Hausstandbüchern vom 21. November 1941 eingetragen. Monica Kingreen beschreibt, was mit den Menschen des 3.Transport, in welchem auch das Ehepaar Eschwege sich befand, schliesslich geschah:

„Die Frankfurter wurden, getrennt von den anderen Deportierten aus Berlin und München, in die Zellen des Fort IX gebracht und verbrachten dort die Nacht. Hinter den hohen Mauern des Forts, ausserhalb des Innenhofes – für die Ankommenden nicht sichtbar -, waren bereits grosse Gruben ausgehoben. Nach einem Augenzeugenbericht geschah folgendes: Die verantwortlichen Deutschen und Litauer liessen am nächsten Tag die Deportierten in Gruppen von 80 Leuten in Reihen antreten. Sie liessen sie eine Art Frühsportübung im Hof des Forts durchführen und begannen schliessliche, die Menschen im Dauerlauf aus dem Innenhof heraus zu den Gruben aussen der Mauer zu treiben. Als diese auseinanderzulaufen begannen, prügelte man sie in die Gruben hinein. Die meisten Opfer wurden, nachdem sie unten lagen, erschossen. Das Feuer kam aus Maschinengewehren, die auf den bewaldeten Hügeln oberhalb der Gruben versteckt gewesen waren. Aber auch diejenigen, die nicht gelaufen oder in eine andere Richtung gerannt waren, wurden von den Litauen und den Deutschen, wo sie sich gerade befanden, erschossen. Von den Opfern, die bis zum letzen Moment getäuscht worden waren, hat niemand überlebt. „ (Aus: »Nach der Kristallnacht«: Jüdisches Leben und antijüdische Politik in Frankfurt am Main 1938-1945, von Monica Kingreen)

Das Nazi-Regime war entschlossen gewesen, die jüdische Bevölkerung vor ihrer endgültigen Ermordung zu entmenschlichen. Dokumente wie die Briefsammlung von Berta und Josef Eschwege, die von emotionaler Grösse und Menschenwürde, tiefer elterlicher Fürsorge und unerschüttlichem jüdischen Glauben geprägt sind, stellen einmal mehr ein lebhaftes Zeugnis für das Versagen dieser Pläne der Nazis dar.

Die grosse Familie von Chana Gutman-Eschwege. Foto Screenshot Youtube / Yad Vashem
Die grosse Familie von Chana Gutman-Eschwege. Foto Screenshot Youtube / Yad Vashem

* Viele gläubige Juden schreiben das Wort Gott nicht aus, stattdessen G“tt oder Gtt
**“Amida“ ist das Hauptgebet, das stehend drei mal täglich gesagt wird. Dabei wird jeweils einen zur Jahreszeit passenden Segen eingefügt.
***Fürbitte für Regen

Der Artikel erschien erstmals, in abgeänderter Form, in „LEGACY – JOURNAL OF THE INTERNATIONAL SCHOOL FOR HOLOCAUST STUDIES „ Yad Vashem, Volume 3, 2010;

Die ganze Briefsammlung befindet sich im Archiv von Yad Vashem, unter der Signatur O.75, Akte 1428. Auch in Yad Vashem befindet sich die Original Video Aufzeichnung der Zeugenaussage von Chana Gutman-Eschwege, Tochter von Berta und Josef.