„Wem gehört Jerusalem?“ fragte sich Ende 2017 die ganze Welt, eigenartig emotional, als ginge es um ihre Existenz. US-Präsident Donald J. Trump hatte am Nikolaustag Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt. Ausdrücklich wollte er damit lediglich eine Tatsache zur Kenntnis nehmen. Immerhin hatte der Staat Israel niemals eine andere Hauptstadt. Jerusalem war am 13. Dezember 1949 von der israelischen Regierung zur Hauptstadt erklärt worden. Gemeinhin ist es üblich, souveränen Staaten die Entscheidung über ihre Hauptstadt und den Sitz ihrer Regierung selbst zu überlassen.

 

Ein Kommentar von Johannes Gerloff

Trump liess in seiner Erklärung sehr viel offen. Im auffallenden Gegensatz zu seinen Vorgängern Clinton und Obama sprach er nicht von der Unteilbarkeit Jerusalems. Er vermied die Fragen künftiger Grenzen, der palästinensischen Flüchtlinge oder der jüdischen Siedlungen. Objektiv gesehen trägt Trumps Jerusalem-Statement all die verhängnisvollen Merkmale der Mehrdeutigkeit so vieler Dokumente zum Nahostkonflikt.

Wem gehört Jerusalem? Donald Trump hat durch seine Erklärung klargestellt: Jerusalem gehört nicht den Amerikanern. Im Namen des amerikanischen Volks hat er verlautbart: Wir halten uns heraus. Wir anerkennen die „facts on the ground“, die Tatsachen vor Ort. Eigentlich hätte der amerikanische Präsident für seine Realitätsnähe Lob verdient. Doch die Weltöffentlichkeit quittierte die Erklärung des US-Präsidenten mit einem Aufschrei der Empörung.

Die Notfall-Sondersitzung der UNO-Vollversammlung

Wenige Tage vor Weihnachten verurteilte die Vollversammlung der Vereinten Nationen dann in einer Notfall-Sondersitzung Trumps Jerusalem-Erklärung. 128 UNO-Mitglieder unterstützten die Resolution. 35 Staaten enthielten sich. Togo, Mikronesien, Nauru, Palau, die Marshall-Inseln, Guatemala und Honduras stimmten gemeinsam mit Israel und den Vereinigten Staaten von Amerika gegen die Verurteilung.

Zur Erinnerung: Notfall-Sondersitzungen der UNO-Vollversammlung können einberufen werden, wenn der Weltfrieden akut bedroht ist. Bislang wurde dieses Instrument der Vereinten Nationen elfmal zur Anwendung gebracht, wobei es in sieben Notfall-Sondersitzungen um Israel ging. Auslöser waren die Suezkrise, der Sechstagekrieg, die Annexion Jerusalems und der Golanhöhen, der Bau des Jerusalemer Stadtteils Har Choma und jetzt die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt durch die USA.

Wie absurd diese Prioritätensetzung der Vereinten Nationen ist, zeigt eine einfache Google-Suche. Da findet man beispielsweise eine „Weltrangliste der blutigsten Konflikte seit 1950“ die von China (40 Mio. Tote), der Sowjetunion (10 Mio. Tote) und Äthiopien (4 Mio. Tote) angeführt wird. Mit 0,051 Mio. Toten findet sich der arabisch-israelische Konflikt auf Platz 49. Das war vor dem so genannten „Arabischen Frühling“, der im zurückliegenden halben Jahrzehnt pro Jahr mehr Todesopfer gefordert hat, als der gesamte Konflikt zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn in sieben Jahrzehnten.

Die Palästinenser schauen befremdet zu

Doch zurück zu Trumps Jerusalem-Erklärung Anfang Dezember. Interessant war die spontane Reaktion einfacher Palästinenser bevor die Welle europäischer Empörung den östlichen Rand des Mittelmeers erreichte. Mancher wusste gar nicht, wozu die Aufregung. Lea Frehse traf den Nagel auf den Kopf, wenn sie in der ZEIT die Beobachtung festhielt: „Die Welt ist in Aufruhr. Die Palästinenser schauen befremdet darauf.“

Ein ehemaliger PLO-Kämpfer, der in der eigenen Gesellschaft als hochverdient gilt, meinte: „Wir haben andere Probleme. Allein in den vergangenen Tagen wurden in der jemenitischen Hauptstadt Sana’a mehr als 1.000 Menschen getötet.“ Der Flächenbrand im Nahen Osten, den Europa so sehr fürchtet, ist längst entfacht und frisst die Länder rings um Israel. Allerdings hat das nichts mit dem jüdischen Volk, seinen Ambitionen oder seinem Staat zu tun.

Wenn Europa geschwiegen hätte

Man stelle sich nur einmal vor, wie die Zeit nach dem Nikolaustag 2017 ausgesehen hätte, hätten die Europäer den Mund gehalten. Vielleicht wäre gar nichts passiert? Oder hat irgendein arabisches Land aufgrund der Trump-Erklärung seine diplomatischen Beziehungen zu den USA abgebrochen? Natürlich konnten weder Hamas noch Palästinensische Autonomiebehörde weniger pro-palästinensisch sein als die Europäer. Deshalb musste die Empörung der Europäer in „Palästina“ einen Widerhall finden.

Die Tatsache, dass die palästinensische Führung Jugendliche dafür bezahlen musste, mit Steinen auf die Strasse zu gehen, spricht für sich. Der demonstrativ verkündete Generalstreik der Palästinenser diente offensichtlich nur der Show und schadete lediglich den Palästinensern. Wer bei jüdischen Israelis arbeitete, ging geflissentlich seiner Arbeit nach. Wer sein Geschäft in arabischen Gebieten geöffnet hätte, hätte befürchten müssen, dass es angezündet wird.

Stadt der drei grossen Religionen?

Aber ist die Stadt der drei Religionen nicht ein Pulverfass, das auch der kleinste Funke zur Explosion bringen kann? Immerhin bemühte Trump selbst dieses Klischee, wenn er forderte, Jerusalem müsse ein Ort bleiben, wo Juden an der Westmauer beten, Christen den Kreuzweg abmarschieren und Muslime in der Al-Aqsa-Moschee Gottesdienst feiern.

Zunächst sind Jerusalem und der Berg in seinem Herzen dem jüdischen Volk heilig. Dort hat Abraham seinen Sohn auf den Altar gelegt. Dorthin hat Mose den israelitischen Kult zentralisiert. Dort hat Salomo seinen Tempel gebaut und gebetet: „Auch wenn ein Fremder aus fernem Lande kommt, um zu diesem Hause hin zu beten, so wollest du hören“. Nach biblischer Vorstellung sollte Jerusalem von Anfang an nicht nur geistliches Zentrum Israels, sondern „Bethaus für alle Völker“ sein. Für das jüdische Volk ist Jerusalem so bedeutend, dass es kein Tischgebet, keinen Gottesdienst, kein Fest und keine Hochzeit gibt, in dem nicht um seine Wiederherstellung gebetet würde.

Martin Luther hatte die Zentralität Jerusalems und des Landes Israel für den jüdischen Glauben erkannt. Wenn er in seinem Brief „Wider die Sabbater“ im Jahr 1538 die Juden zu diskreditieren suchte, dann führte er ihre gebrochene Beziehung zu Jerusalem vor. Der deutsche Reformator spottete: „So lasst sie noch hinfaren jns land und gen Jerusalem, Tempel bawen, Priesterthum, Fuerstenthum und Mosen mit seinem gesetze auffrichten und also sie selbs widerumb Jueden werden und das Land besitzen. Wenn das geschehen ist, so sollen sie uns bald auff den ferssen nach sehen daher komen und auch Jueden werden.“ Luther fühlte sich seiner Analyse sicher. Er lehnte sich so weit aus dem Fenster seiner dogmatischen Burg, dass er prophezeite, selbst Jude zu werden, würden die Juden jemals in ihr Land und nach Jerusalem zurückkehren.

Damit verkündete der deutsche Reformator aber gleichzeitig, dass das irdische Jerusalem und das Land Israel für das Christentum keine Bedeutung mehr haben. Luther war Teil einer Christenheit, die ihr geistliches Zentrum von Jerusalem weg verlegte nach Antiochien, Byzanz, Rom, Wittenberg, Genf oder Los Angeles.

Historisch gesehen kamen die ersten westlichen Christen Mitte des 19. Jahrhunderts als Missionare nach Jerusalem. Der erste lateinische Patriarch wurde installiert, „um das protestantische Treiben zu neutralisieren“. Bis heute kommen Christen nur selten nach Jerusalem, um von dort Weisung zu erfahren. Vielmehr kommen sie, um von ihrem jeweiligen geistlichen Zentrum aus, Jerusalem und Israel zu sagen, was Sache ist.

Wie wichtig ist Jerusalem für den Islam?

Zunächst einmal ist richtig, dass Jerusalem kein einziges Mal namentlich im Koran erwähnt wird. Erst sechs Jahre nach dem Tode Mohammeds, im Jahre 638 n.Chr., wurde die Stadt unter dem Kalifen Omar Ibn al-Khattab von Muslimen erobert. Historiker vermuten, dass der grösste Prophet des Islam Al-Quds, „die Heilige“, nie betreten hat.

In Sure 2 erwähnt der Koran die Stadt dann allerdings doch noch, indirekt. Dort schreibt Mohammed seinen Anhängern eine neue Gebetsrichtung vor. Er macht sie zum Merkmal des rechten Glaubens. Ausdrücklich im Gegensatz zu Juden und Christen ist Muslimen geboten in Richtung Mekka zu beten. Allah achte auf die Gebetsrichtung, so der Koran, und unterscheide daran die Rechtgläubigen von den Frevlern. Wer die im Orient äusserst wichtige Körpersprache versteht, weiss was es bedeutet, wenn Zigtausende von Muslimen in der Al-Aqsa-Moschee fünfmal am Tag beten und dabei ihren „Allerwertesten“ ich Richtung auf den Ort richten, der in der Bibel als „Allerheiligstes“ gilt.

Und wieder bestätigt die Geschichte diese religiöse Einstellung. Von 638 bis 1967 war Jerusalem mit kurzen Unterbrechungen in muslimischer Hand. Kein einziges Mal war es Hauptstadt eines islamischen Staates oder auch nur einer moslemischen Provinz. Das ist bemerkenswert, weil am 2. Juni 1964 die „Palestine Liberation Organization“ (PLO) im Hotel Intercontinental – dem heutigen Seven Arches Hotel – auf dem Ölberg gegründet wurde. Damals war die Altstadt Jerusalems mit allen heiligen Stätten, nicht in israelischer Hand, sondern stand unter arabischer Herrschaft. Trotzdem dachte niemand daran, „die Heilige“ als Hauptstadt eines Palästinenserstaates zu fordern. Im Grundlagendokument der PLO, der sogenannten „palästinensischen National-Charta“, wird Jerusalem kein einziges Mal erwähnt.

Warum regt sich die Welt so auf?

Warum ist jedes neue Stadtviertel in Jerusalem ein Grund für eine Notfall-Sitzung der Generalversammlung der Vereinten Nationen? Dabei hat es nie eine Notfall-Sitzung der UNO-Vollversammlung wegen Nordkorea, oder während des Kalten Kriegs, oder wegen des Iran gegeben – um nur einige auffallende Beispiele wahllos herauszugreifen. Warum wird der Staat Israel so schnell verdächtigt, den Weltfrieden ernsthaft zu gefährden? Dabei ist Israel tatsächlich ein Stabilitätsfaktor im Nahen Osten, und sei es nur, weil es Todfeinde gegen sich vereint, die einander sonst zerfleischen würden. Man braucht kein Experte zu sein, um feststellen zu können, dass Israel heute nicht nur einzigartig wirtschaftlich erfolgreich, sondern auch das einzige stabile Land der Region ist.

Wer seine eigene Habsucht zur Kosteneffizienz erklärt und sich dann über das Finanzjudentum beschwert, das die Welt beherrscht, wird heute schnell als Antisemit erkannt. Aber wie ist das, wenn es nicht ums Geld geht, sondern um Gewalt? Wenn man die eigenen Exzesse mit Abermillionen von Toten als Herausforderung behandelt oder gar als Lappalie abtut, um sich dann über den Gewaltzionismus zu echauffieren, der die Welt in den Abgrund zieht? Steht dahinter nicht die Vorstellung „die Juden sind unser Unglück“?

Keine logische Antwort – aber eine biblische Perspektive

Es gibt keine logische Antwort auf die Frage nach dem Wahn, der die Vereinten Nationen treibt. Aber es gibt eine biblische Perspektive. Das heisst, Bibelleser – seien sie nun Juden oder Christen – sollten eigentlich alles andere als erstaunt sein über das aktuelle Geschehen.

„Warum toben die Heiden?“ fragt der Autor des biblischen Psalms 2. Theologen haben Schwierigkeiten, diesen antiken Text historisch einzuordnen. Aber er beschreibt verblüffend zutreffend die Beratungen und Resolutionen der Mächtigen dieser Welt und entlarvt ihr Bemühen als „gegen den Herrn und seinen Messias“ gerichtet. Der Psalmist erkennt, dass aller Aktivismus der Völker ziellos, „ins Leere hinein“, vergeblich ist. Lachend hält der lebendige Gott seinen Widersachern entgegen: „Ich habe meinen König auf dem Zion eingesetzt.“

Auch der Prophet Sacharja schreibt Ende des 6. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung davon, wie sich „die Völker des Landes“ gegen Jerusalem versammeln. In dem von ihm beschriebenen Szenario wird Jerusalem ein „Laststein“ für alle Völker der Welt, während die Heilige Stadt für „die Völker ringsumher“ ein berauschender, selbstmörderischer Giftbecher ist.

Stimmt, rational nachvollziehbar ist diese biblische Perspektive nicht. Aber sie passt. Und von der Vernunft scheint sich unsere postmoderne Gesellschaft ohnehin verabschiedet zu haben. Sonst würde sie den jüdischen Staat Israel und seine Rolle im aktuellen Geschehen ganz anders beurteilen.

Johannes Gerloff ist ein deutscher Journalist und Autor mit Schwerpunkt Israel und Naher Osten.

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