Israel, der Corona-Virus und ein Schabbat für die ganze Welt

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Rishon Leziyyon. Foto Kobi Richter/TPS
Rishon Leziyyon. Foto Kobi Richter/TPS
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Israel fühlt sich als Familie. Das Konzept der Privatsphäre ist unbekannt, meint ein Soziologe. Am dritten Wochenende im März verordnete die Regierung Distanz. Damit standen viele Israelis vor einem Riesenproblem: Keine Umarmungen, kein In-die-Wange-Kneifen, kein Küssen, kein Händeschütteln, keine Berührung.

Amerikaner, Deutsche oder Tschechen treffen sich vielleicht einmal im Jahr als Grossfamilie. Israelis, und seien sie noch so säkular, jeden Freitagabend zum Erev Schabbat, oder dann wenigstens am Schabbat. Im Schatten der Corona-Pandemie geben sich Israelis nun alle Mühe, sich umzustellen, auf Fernumarmungen, Luftküsse, virtuelle Handschläge, Ellbogenstösse, Fersenkicks und Salutieren.

Erfahrungen aus der Einzelhaft

Nathan Scharansky, ehemaliger Kabinettsminister und Geschäftsführer der Jewish Agency, meldet sich zu Wort. Weil er sich für die Auswanderung der Juden nach Israel stark gemacht hatte, hat er als „Zionshäftling“ neun Jahre in sowjetischen Gefängnissen verbracht. „Die Hälfte dieser Zeit war ich allein. 405 Tage in Isolierhaft. Ich habe Erfahrung, wie man Isolierung überlebt“, erklärt Scharansky in einem Kurzfilm und gibt fünf Ratschläge:

„Erstens: Mach dir klar, warum du isoliert bist. Ich bin Soldat. Ich habe eine Aufgabe. Wir stehen in einem weltweiten Krieg. Das muss unser Verhalten bestimmen.“

„Zweitens: Täuscht euch nicht, indem ihr glaubt, dass alles bald wieder vorbei ist. Enttäuscht werden macht schwach. Ich wusste, dass es nicht an mir abhängt, wann ich freigelassen werde. Aber ich wusste auch, dass es an mir liegt, ob ein freier Mensch bleibe. Macht Pläne und setzt sie um! Nehmt euer Leben in die Hand!“

„Drittens: Verliert euren Sinn für Humor nicht, nicht einen Augenblick. Solange ich über mich und andere lachen kann, bin ich ein freier Mensch.“

„Viertens: Erinnert euch an euer Hobby.“ Scharansky hat im Gefängnis im Kopf gegen sich selbst Schach gespielt, „um den Verstand nicht zu verlieren.“ Er wurde dabei so gut, dass er später sogar einmal Schachweltmeister Gary Kasparov besiegte. „Ihr müsst nicht ohne Schachbrett spielen“, beruhigt Scharansky seine Zuschauer und rät, es auch mit anderen Hobbys zu probieren. „Jetzt ist die Zeit, das Leben zu geniessen!“

Fünftens, rät Scharansky: „Vergesst nicht, dass wir ein Volk sind. Fühlt die Verbindung mit allen, die in Zion wohnen und mit all denen, die noch nicht in Zion wohnen.“

Blütezeit für Witze

Während die Welt darauf wartet, dass „die schlauen Juden“ ein Wundermittel gegen COVID-19 erfinden, scheinen Israelis vor allem Scharanskys dritten Ratschlag besonders ernst zu nehmen. Überhaupt produzieren Krisenzeiten die besten Witze:

„Hast du deinen Geldbeutel oder deine Brille verloren? Ruf einfach bei „Mada“ (Abkürzung für „Magen David Adom“, den „Roten Davidstern“, Israels Rettungsdienst) an und beklage dich über Fieber. Die werden dir helfen, dich an alle Orte zu erinnern, an denen du in den vergangenen Tagen warst.“

Oder: „Tatsache ist, es ist gar nicht so langweilig Zuhause. Es ist doch interessant, wie es kommt, dass in einer Packung Reis 7.456 Körner sind, in einer anderen Packung aber 7.489.“

Oder: „An einer der typischen Falafelbuden hängt ein Schild auf Arabisch und Hebräisch: ‚An alle, die sich über den neuen Geschmack des Schwarmas und der Falafeln in der letzten Zeit beklagt haben: Macht euch keine Sorgen! Der Grund dafür ist, dass unsere Mitarbeiter sich die Hände waschen. Mit Gottes Hilfe wird der ursprüngliche Geschmack bald wieder zurückkehren.‘“

Oder: „Ein Paar mit Atemschutzmasken kommt in die Postbank. Alle sind in Panik. Da rufen die beiden: ‚Beruhigt euch. Dies ist nur ein Bankraub!‘“

Aus dem Ehe-Alltag

Die Anordnungen des Gesundheitsministeriums engten den Lebensraum der Israelis in der zweiten Märzhälfte immer mehr ein. Grundsätzlich wird in Israel keine Gelegenheit verpasst, zusammenzukommen. Jetzt sollte man sogar die Beteiligung an Beerdigungen und Hochzeiten einschränken.

„Gibt es eine Möglichkeit, dass das Gesundheitsministerium Hochzeiten auch rückwirkend absagt?“, fragt einer per Facebook, schiebt dann zur Sicherheit aber sofort noch nach: „Ich soll die Frage für einen Freund stellen!“ – Nathan Scharansky hatte schon in seinem Beratungsvideo die Antwort gegeben: „Das Gesundheitsministerium betont: Nur die Hochzeiten sind abgesagt. Wer verheiratet ist, macht weiter, wie bisher.“

Israels heiss umstrittener Premierminister Benjamin Netanjahu hat durch die Corona-Krise eine neue Aufgabe gefunden, die er gar nicht schlecht erfüllt. Er klärt sein Volk auf, wie man sich verhalten soll: Richtiges Niesen, richtiges Schnäuzen, richtiges Begrüssen, richtiges Abstandhalten.

„Bibi, Schalom!“, schreibt daraufhin ein Fernsehzuschauer per WhatsApp, „gestern hast du erklärt, wir sollten zwei Meter Abstand einer vom anderen halten. Unser Bett ist aber nur 1,80 Meter breit. Meine Frau weigert sich, auf dem Boden zu schlafen. Was sollen wir tun?“

Ein anderer meldet sich aus der Isolierhaft: „Meine Frau und ich sind in Quarantäne. Nach zwei Tagen haben wir angefangen, miteinander zu reden. Sie ist eigentlich eine sehr nette Frau.“

Alte Klüfte

Neben Netanjahu ist es vor allem sein ultra-orthodoxer Gesundheitsminister Jaakov Litzman, der in diesen Tagen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. Wer den würdigen Herrn mit dem langen Bart sieht, wird unwillkürlich an die tiefe Kluft zwischen Religiös und Säkular erinnert, die die israelische Gesellschaft zerreisst – zumal Litzman auch auf Pressekonferenzen mit Streimel auftreten kann.

„Wie sollen wir arbeiten“, fragt ein Internetnutzer seinen Gesundheitsminister, „wenn du uns Quarantäne und so harte Einschränkungen auferlegst?!“ – Antwort: „Ich und meine Gemeinschaft arbeiten ein ganzes Leben lang nicht. Und ihr heult jetzt schon wegen ein paar Wochen?! Schämt euch!“

Neue Ängste

Am Parlament vorbei hat Israels Regierung dem Inlandsgeheimdienst „Schin Bet“ erlaubt, Mobiltelefone zu verfolgen, um so Leute warnen zu können, die mit Coronavirus-Patienten in Berührung gekommen sind. Freilich gibt es darüber heftige Diskussionen in der der Gesellschaft, den Medien und auch unter Juristen.

Die Witzindustrie fragt sich: „Aus welchen Bestandteilen setzt sich die Furcht der Israelis vor dem Coronavirus zusammen?“ – Antwort: „Ein Prozent Todesangst und 99 Prozent Angst davor, dass jemand deinen peinlichen Terminkalender veröffentlicht.“

Pessimisten, die in Israel traditionell Seltenheitswert haben, munkeln derweil: „Wartet nur, wenn wir mit ‚COVID-19‘ fertig geworden sind, werden die Chinesen ganz unversehens mit ‚COVID-19s plus‘ dastehen.“

Ein neues Fest am Horizont

Ohne Religion ist das Leben in Israel undenkbar. Und die Coronavirus-Hysterie fällt ausgerechnet in die Zeit vor dem Passahfest. Irgendwo tief im Unterbewusstsein wissen Israelis, dass Gott sich der Existenz des Volkes Israel verpflichtet hat (siehe zum Beispiel Jeremia 31,35-37). In der Praxis bedeutet das, dass bei jeder existentiellen Bedrohung, die das jüdische Volk im Laufe der Geschichte erfahren hat, bislang immer die Bedrohung oder derjenige, der das auserwählte Volk bedroht hat, vernichtet wurden.

Dem Volk Gottes dagegen wurde bei so einer Gelegenheit jedes Mal ein neues Fest verordnet – wie an Purim, Passah oder Chanukka sehr gut zu sehen ist. Auf diesem Hintergrund ist die folgende Nachricht zu verstehen, die in den sozialen Netzwerken die Runde machte:

„Wir werden Corona überleben. Da mache ich mir keine Sorgen. Aber denkt nur einmal an die Urenkel der Urenkel unserer Urenkel. Die werden jedes Jahr gezwungen werden, sich zwei Wochen lang in ihren Häusern einzuschliessen und nur aus Dosen zu ernähren. Dabei müssen sie dann Loblieder aufs Klopapier singen und mit anderen eigenartigen Bräuchen des Corona-Festes der Wunder gedenken, die der Heilige, gelobt sei Er, an den Kindern Israel vollbracht hat.“

Die Lösung des Problems

Es war Janiv Kalif von der hebräischen Nachrichtenwebseite Hamal, der Litzman fragte, ob die Israelis nun bis zu den Festtagen am 8. April in Quarantäne bleiben müssten.

Die Antwort von Israels ultra-orthodoxem Gesundheitsminister war: „Wir beten und hoffen, dass der Messias vor Pessach kommen wird, und damit die Zeit unserer Erlösung. Bald werden wir in Freiheit ausziehen. Der Messias wird kommen und uns von allen Problemen dieser Welt erlösen.“

Dass ausgerechnet der Gesundheitsminister in Zeiten einer Pandemie zu so einer Antwort in der Lage ist, hat freilich unter Israelis, die „eine Bewältigung dieser Krise allein von der Wissenschaft“ erwarten, grosse Empörung ausgelöst.

Es ist nur schwer auszumachen, wie ernst sich ultraorthodoxe Rabbiner selbst nehmen, wenn sie erklären „ich mache keinen Spass“, um dann ausführlich und umständlich auszuführen, wie man ein Gebräu aus Zimt, Kardamom und Ingwer zubereitet. „Das macht pfff“, erklärt der ehrwürdige Mann mit dem schwarzen Hut und dem langen Bart seinen Schülern, „und die ganze Grippe flieht. Du wirst kein Corona haben dein ganzes Leben lang – und auch danach nicht, nach der Auferstehung von den Toten. Das ist geprüft und getestet!“

Erzwungener Schabbat

Es gibt eine positive und erfreuliche Seite der Corona-Seuche, stellte ein Israeli Mitte März fest. „Der nächste Schabbat wird der erste Schabbat in der Geschichte des Staates Israel sein, an dem es keinen öffentlichen Verkehr, keine Autos, keine Arbeit, keine Restaurants, keine offenen Läden, keine Bars und keine Clubs, kein Kino, keinen Strand und keinen Fussball geben wird.“

„Es wird ein wirklich reiner Schabbat sein, an dem jede Familie in Israel zuhause um den Tisch sitzen und die vorgeschriebenen drei Mahlzeiten gemeinsam einnehmen wird. Keiner muss sich irgendwohin beeilen. Denn wohin sollte man auch gehen?“

Überhaupt scheinen die Frommen Israels die Gelegenheit zu nutzen, darauf hinzuweisen, dass „alles von oben kommt“. „Der Heilige, gelobt sei Er, beherrscht die Welt. Er hat durch einen Virus, den man kaum mit dem Mikroskop erkennen kann, der ganzen Welt einen Schabbat verordnet.“

Tatsächlich entdecken auch säkulare Israelis: „Der Wettlauf gegen die Zeit wurde angehalten. Die Welt geht in einen Standby-Modus. Das hat sein Gutes.“ Und die religiösen betonen: „Dieser Alptraum erweist sich als wunderbares Geschenk, wenn wir es anzunehmen wissen. Wie wir am Freitagabend zwei Lichter anzünden und dem Schöpfer der Welt sagen: Hier sind wir.“

Über Johannes Gerloff

Johannes Gerloff ist ein deutscher Journalist, Theologe und Autor mit Schwerpunkt Israel und Naher Osten. Er ist im Nordschwarzwald aufgewachsen und hat in Tübingen, Vancouver/Kanada und Prag/Tschechien Theologie studiert. Seit 1994 lebt er mit seiner Familie in Jerusalem.

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