Symbolbild. Foto Jerusalem Construction News.
Symbolbild. Foto Jerusalem Construction News.

Das von den reformierten Kirchen der Deutschschweiz betriebene Internet-Portal ref.ch hat in Nahost einen neuen „Zankapfel“ entdeckt.

Es geht um einen Plan der israelischen Regierung: „Eine Seilbahn soll von der alten Bahnstation im jüdisch geprägten Westteil der Stadt hoch auf den Ölberg im arabisch geprägten Ostteil der Stadt sowie an den Rand der Altstadt zur Klagemauer führen. Dort befindet sich allerdings auch der Tempelberg mit der für Muslime heiligen Al-Aksa-Moschee.“

Die reform-geprägten Christen aus der Schweiz sollten allerdings etwas genauer hinschauen. Wenn die Seilbahn „am Rand der Altstadt“ vorbeiführt, würde sie erst das „armenisch geprägte“ Viertel und danach das „jüdisch geprägte“ Viertel in der Altstadt passierten. Und dort, wo sie „hoch auf den Ölberg“ schweben soll, liegen eine halbe Million Juden begraben. Das ist also durchaus ein „jüdisch geprägter“ Friedhof.

„Rund 55 Millionen Franken soll der Bau der 1,4 Kilometer langen Seilbahn nach Angaben des Tourismusministeriums kosten. Von 2021 an könnte sie bis zu 130’000 Besucher pro Woche an die für Juden heilige Klagemauer bringen.“

Es ist natürlich sehr verwerflich, ein neues Verkehrsmittel einzusetzen, anstelle der langen und überfüllten Dieselbusse oder einer motorbetriebenen Bimmelbahn, die heute für umgerechnet 2,50 Euro Besucher vom Jaffator zur Klagemauer bringt.

"Bimmelbahn" zur Klagemauer. Foto U.Sahm
„Bimmelbahn“ zur Klagemauer. Foto U.Sahm

„Dort befindet sich allerdings auch der Tempelberg mit der für Muslime heiligen Al-Aksa-Moschee.“ Das ist „allerdings“ ein schwerwiegender Einwand und das Portal ref.ch sollte vielleicht mal prüfen, an welchen Stellen die Seilbahnen in der Schweiz vorbeifahren.

„Schliesslich hat Israel den Ostteil Jerusalems mit der Altstadt während des Sechs-Tage-Krieges erobert und später annektiert. International wurde die Annexion allerdings nie anerkannt. Die Palästinenser wollen Ost-Jerusalem als Hauptstadt eines unabhängigen Palästinenserstaates.“

Das ist zwar richtig. Nur warum wird verschwiegen was 19 Jahre zuvor geschehen ist. Da hatten die Jordanier den Osten Jerusalems erobert und annektiert, was auch „nie anerkannt“ worden ist. Ebenso wurden aus dem alten jüdischen Viertel in der Altstadt alle Juden entfernt. Wären diese Juden die heute so genannten „Palästinenser“, hätten Illan Pappe und andere Professoren von einer „ethnischen Säuberung“ gesprochen.

Da wird behauptet, dass die Palästinenser dort ihre Hauptstadt einrichten wollen. Na und? Der Vatikan will dort eine internationalisierte UNO-Kontrolle und die Israelis wollen dort eben auch ihre Hauptstadt. Viele Länder sehen dort einen „corpus separatum“, der aber nie Wirklichkeit geworden ist, wegen einem Krieg der Araber gegen den frisch gegründeten Staat Israel 1948. Wer hat mehr recht mit dem was er „will“?

Weiter geht es mit einer primitiven Geschichtsklitterung:

„Als Benjamin Netanjahu 1996 während seiner ersten Amtszeit als Ministerpräsident einen Tunnel an der Klagemauer öffnen liess, kam es zu blutigen Unruhen in den Palästinensergebieten.“

Falsch. Den Tunnel, wo die israelische Regierung getagt hat, gab es immer schon, Jahrhunderte vor Netanjahu. Die Unruhen gab es, als in etwa einem Kilometer Entfernung ein Durchbruch zur Via Dolorosa geschaffen wurde. Offenbar erwartet ref.ch ein Blutbad infolge des Baus der Seilbahn, nur weil sie „allerdings“ an der den „Muslimen heiligen El Aksa Moschee“ vorbeiführen soll.

Immerhin schreiben die sda/dpa Autoren Stefanie Järkel und Maher Abukhater vom „Tempelberg“. Aus muslimischer Sicht ist es ein übler Frevel, den „Haram a Scherif“ (das erhabene Heiligtum) mit dem „Tempel“ in Verbindung zu bringen. Wessen Tempel war das? Etwa ein jüdischer Tempel? Dann müsste da auch anerkannt werden, dass dieser „Tempelberg“ vielleicht auch den Juden heilig sein könnte. Für Muslime und Palästinenser ist es übrigens eine unerträgliche Provokation, den Tempelberg als Tempelberg zu bezeichnen, weil das an die Juden erinnert, deren pure Existenz und besonders in Jerusalem auch als reine Provokation gilt.

Zu den palästinensischen Protesten kommt auch gleich noch ein passendes Zitat: «Dies ist alles Teil des politischen Spieles, die volle Kontrolle über die Stadt zu erlangen und jeglichen Hinweis darauf, dass Jerusalem eine besetzte Stadt ist, zu vernichten», sagt Siad Hamuri, Direktor des Jerusalemer Zentrums für soziale und wirtschaftliche Rechte.

„Sollen überall Schilder aufgestellt werden mit der Aufschrift „besetzte Stadt“?“

Da die Israelis, wie eben noch behauptet, die Stadt erobert, besetzt und sogar annektiert haben, fragt sich, welches „Spiel“ gemeint ist, um die Kontrolle erst noch zu erlangen? Was meint Herr Hamuri mit der „Vernichtung“ jeglicher Hinweise, dass Jerusalem eine besetzte Stadt sei. Sollten überall Schilder aufgestellt werden mit der Aufschrift „besetzte Stadt“? Und was wird „vernichtet“, wenn man mit der Seilbahn über besetztes Gebiet schwebt?

„Israel wolle mit der Seilbahn den Blick der Besucher stärker auf die jüdischen Seiten der Stadt lenken statt auf die arabisch-muslimischen Orte. Israel versuche, den Charakter der Stadt zu verändern.“

Das klingt alles wie ein grosser Widerspruch, wenn es eben noch geheissen hat, dass die Seilbahn an der den muslimischen El Aksa Moschee vorführen sollte. Wollen die Autoren behaupten, dass die Sicht auf die Altstadt mit ihren muslimischen, christlichen und jüdischen Sehenswürdigkeiten (Heiligen Stätten) mit Gardinen verhängt werden soll? Das hat bisher noch niemand behauptet und das steht auch nicht in dem Regierungsbeschluss.

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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