Jüdische Auswanderung aus der Sowjetunion – Erinnerungen an die 1970er Jahre

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Prime Minister Shimon Peres (left) welcomes released Prisoner of Zion Antatoly Sharansky as he steps off the Westwind plane arriving from Frankfurt at Ben-Gurion Airport. Foto Government Press Office (Israel), CC BY-SA 3.0, Link
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In den 1970er Jahren gab es noch den „eisernen Vorhang“, symbolisiert vor allem durch die Berliner Mauer. Die Menschen im ganzen Ostblock waren „eingesperrt“. Es gab kaum eine Möglichkeit, in den Westen zu fliehen, ohne das eigene Leben zu gefährden.

von Ulrich W. Sahm

Interessanterweise waren es insbesondere Deutschland und Israel, die sich bemühten, Bewohnern der Sowjetunion eine legale Ausreise zu verschaffen. Damals war Dr. Ulrich Sahm der deutsche Botschafter in Moskau. Ich studierte zu dieser Zeit in Jerusalem. Für einen „Heimatbesuch“ bei den Eltern musste ich von Israel aus erst nach Wien fliegen und von dort ging es dann weiter nach Moskau.

In der Moskauer Residenz gab es einen Bediensteten, der meinen Vater jeden Abend fragte, wo er denn seinen Whiskey trinken wolle. Wie ich herausstellte, stand dieser Mann in den Diensten des KGB. Er sorgte dafür, dass in jedem Zimmer, wo sich gerade mein Vater aufhielt, Abhörgeräte die Gespräche aufnahmen. Zu sehen war auch, dass viele Kabel ausgerechnet im Wächterhaus vor der Residenz zusammenliefen. Diese Abhörmethoden waren also dermassen offensichtlich, dass mein Vater sie bewusst nutzte, um den Russen seine Meinung kundzutun. So warfen damals die russischen Nachbarn ihren Bauschutt in unseren Garten. Beim Mittagstisch im Familienkreis sagte mein Vater laut und deutlich, dass er die Bundesrepublik zu Sanktionen gegen die Sowjetunion auffordern wolle, wenn das Territorium der Botschaft nicht respektiert würde. Nur kurze Zeit später war der Dreck weg.

Vor allem der Rückflug von Moskau nach Tel Aviv war erlebnisreich. Auf dem Wiener Flughafen fingen „unauffällige“ Agenten mit Regenmantel und Schlapphut alle aus Moskau kommenden Passagiere ab und befragten sie. Dank meines deutschen Diplomatenpasses wurde ich durchgelassen und durfte mich sogleich für die Weiterreise einchecken. Auswandernde Juden wurden herausgepickt und in ein Hotel in Schönau gebracht, entsprechend der Abmachung mit den Sowjets. So sollte der Anschein bewahrt bleiben, dass die Sowjetunion keine direkte Einwanderung nach Israel erlaube. Gleichwohl gelangten auf diesem Weg im Laufe der Jahre fast eine Million gut ausgebildete sowjetische Juden nach Israel und schufen die Grundlage für Israel als „Hightech-Nation“. Jeder nach Israel einwandernde Jude erhält schon auf dem Flughafen seinen israelischen Personalausweis, eine Arbeitserlaubnis. Sie konnten sofort wählen und ins Parlament gewählt werden.

Die Deutschen betrachteten ihrerseits die Wolgadeutschen als ihre Staatsbürger und verliehen ihnen bei der Ankunft in der Bundesrepublik mit ähnlichen Argumenten deutsche Papiere. In beiden Ländern gilt das sogenannte nationale „Rückkehrrecht“.

Zu den lautstärksten „Kämpfern“ für die jüdische Auswanderung aus der Sowjetunion zählten damals Ida Nudel und Anatoly Scharansky. Ihr Einsatz für die Freiheit barg ein hohes Risiko, was ihnen sehr wohl bewusst war.  Die Wirtschaftswissenschaftlerin Nudel wurde weltweit bekannt, als sie am Balkon ihrer Moskauer Wohnung ein Plakat „KGB, gib mir ein Visum für Israel“ anbrachte. Dieses „antisowjetische Verhalten“ erbrachte ihr eine mehrjährige Haft. Erst 1978 durfte Nudel auswandern. Dem Physiker und Mathematiker Scharansky warf der KGB Spionage für die USA vor. Sein Einsatz für die Freiheit der Juden brachte ihn fast 10 Jahre in ein Straflager nach Sibirien. Nach ihrer Einwanderung nach Israel hörte ihr Einsatz für die ausgewanderten Juden nicht auf. 2009 wurde Scharansky zum Vorsitzenden des Jüdischen Nationalfond (Jewish Agency) gewählt, deren Aktivitäten Putin derzeit verbieten will. Nudel kümmerte sich in Israel besonders um das Schicksal jüdischer Emigrantenkinder, denn bei den Auswanderern waren auch viele alleinerziehende Frauen.

Das Verhältnis zwischen Moskau und Jerusalem war nie ohne Spannung. Es ist also weitaus mehr als nur ein einfacher Prozess, wenn jetzt am 28. Juli am Moskauer Bezirksgericht Bassmany gegen die Organisation verhandelt wird, die sich um die Einwanderung von Juden aus aller Welt nach Israel bemüht. Was hier inszeniert wird, ist im Kern ein politischer Schauprozess. Ob es dabei „nur“ um Israels Haltung zum Ukrainekrieg geht, wie manche behaupten, wage ich zu bezweifeln. 17.000 russische Juden sind in diesem Jahr schon nach Israel eingewandert und viele weitere wollen folgen. Es bleibt zu hoffen, dass der eiserne Vorhang sich nicht vorher wieder schliesst.

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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1 Kommentar

  1. Wo jüdisches nicht gewollt ist, wo es geleugnet, bekämpft, diffamiert wird, ist der Boden gelegt für eine neue Einwanderungswelle nach Israel. Der jüdische Staat muss sich darauf vorbereiten. Es hilft nichts, wenn man Juden vorgaukelt, sie hätten in Russland eine Zukunft. Denn die Diaspora war, wenn überhaupt, immer nur vorübergehend ein Segen für jüdische Menschen.

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