Das seltsame Desinteresse am Leben und Sterben palästinensischer Frauen

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Der arabische Markt im muslimischen Viertel in der Altstadt von Jerusalem. Foto IMAGO / agefotostock
Der arabische Markt im muslimischen Viertel in der Altstadt von Jerusalem. Foto IMAGO / agefotostock
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„Palästinenserin nach Messerangriff auf Soldaten getötet“, so titelten einige deutschsprachige Zeitungen und Online-Medien (z.Bsp. auch der Stern) am 11. April 2022. „Palästinenserin bei Messerattacke erschossen“ titelte schon der BR 24 vom 9. November 2015.

Von Ulrich Sahm und Elisabeth Lahusen

Die Titel variieren über die Jahre, die Beschreibung des Hergangs ist nahezu identisch. Mal waren es Wellen, mal einzelne Vorfälle. Oft folgen auch Details zu den Umständen, etwa dass die Frau mit gezücktem Messer auf bewaffnete Posten an einem Kontrollpunkt zulief und die Rufe der Soldaten und Soldatinnen ignorierte, stehen zu bleiben. Manchmal gelingt es einer solchen Angreiferin auch, noch einen Soldaten zu ermorden, bevor sie selbst erschossen wird. Über die Motive der Frauen und ihre Lebensumstände erfährt man in europäischen Medien nichts. Interessiert es denn keinen, was die oft noch jungen Frauen dazu bringt, nur mit einem Messer bewaffnet einen Soldaten anzugreifen – wohl wissend, dass sie diese Tat auf keinen Fall überleben würden? Es sind Teenagerinnen darunter oder auch junge Mütter. Warum wird von ihrem Tod berichtet, aber weder von ihrem Leben davor noch von den Folgen ihres Todes für ihre Familie? Kann man das in dieser Häufung wirklich mit der typisch westlichen Erklärung: „Das sind halt weibliche Widerstandskämpferinnen“ abtun, wenn doch den beteiligten Frauen oft nur eines sicher ist – ihr eigener Tod? Besonders tragisch wird es, wenn eine Palästinenserin gar keine bösen Absichten hatte, sondern nur während eines anderen Festnahmeverfahrens angeschossen wird und stirbt, weil sie auf einen Zuruf der Soldaten nicht stehen blieb. So wie es am Sonntag vor einer Woche in der Nähe von Bethlehem geschah.

Wen interessiert das Schicksal der Palästinenserinnen?

Die europäischen Medien eint ein seltsames Desinteresse an dem Leben und Sterben palästinensischer Frauen. Dabei gäbe es Möglichkeiten, auch etwas über die Hintergründe der Suizide / Selbstmordattentate zu erfahren. Wenn ein Mensch an einem Kontrollpunkt erschossen worden ist, muss der Vorfall ja untersucht werden. Aber wenn die israelischen Behörden zu einem Ergebnis gelangt sind, ist es für die ausländischen Medien offenbar zu spät, über einen zeitlich zurückliegenden Fall noch einmal zu berichten.

Männliche Terroristen kennen wir auch in Europa. Man berichtet über junge Männer, die für den IS in den Dschihad gegangen sind –und von ihren europäischen Frauen, die sich freiwillig diesen Terroristen angeschlossen haben und dann später in Deutschland vor Gericht berichten, dass sie doch „nur Hausfrau und Mutter“ gewesen seien. Aber kann man die Lebensumstände der muslimischen Frauen in den Palästinensergebieten wirklich mit denen solcher Konvertitinnen gleichsetzen – von denen ihrer „Brüder“ ganz zu schweigen?

Der einsame „Suizid durch Soldaten“

Wenn eine suizidale Frau von einer Brücke oder einen Berghang in den Abgrund springt, oder sich mit Tabletten umbringt, ist das tragisch genug. Aber in Europa wäre es wohl undenkbar, dass eine Frau vor dem Gang in den Supermarkt oder gar vor einem Urlaubsflug in ihre Küche geht und aus der Schublade ein spitzes langes Küchenmesser auswählt, um es für einen „Suizid durch Soldaten“ in ihre Handtasche zu packen. Warum also wundert man sich in deutschen Redaktionsstuben nicht, wenn Palästinenserinnen so anders handeln als Selbstmordkandidatinnen aus Europa?

Muslimisch-arabische Frauen sind in den sogenannten besetzten Gebieten oft einem enormen Druck ausgesetzt. Im arabischen Basar in der Altstadt Jerusalems kann man die Diskrepanz zwischen ihren privaten Wünschen und den Regeln ihrer Communitys täglich beobachten. Viele Läden bieten in ihrer Auslage offen hunderte bunte Büstenhalter und andere weibliche Unterwäsche an. Und zwar nicht etwa nur für Touristinnen vor der Coronazeit. Sondern auch in den vergangenen beiden Jahren. Die meisten Kundinnen sind komplett schwarz verhüllte Frauen. Selbst bei brüllender Hitze im Hochsommer in bodenlanger Kleidung. Durch einen schmalen Sehschlitz sind kaum die Augen zu sehen. Wenn sie einen knalligen sexy BH mit Strass und Glitter erwerben, Höschen mit Spitzen und knappe Hemdchen, ist klar, dass sie all diese bunten Dinge nur privat im eigenen Heim und fern jeglicher fremden Augen anziehen können. Demgegenüber können ihre weniger frommen Geschlechtsgenossinnen mit knappen Outfits am Strand von Tel Aviv oder sogar in den Strassen Jerusalems problemlos herumlaufen, wie sie wollen. Natürlich sieht man gerade in Jerusalem auch fromme Jüdinnen und Christinnen, die nicht in Shorts und bauchfrei auftreten, aber die Diskrepanz zwischen den „Verkaufsrennern im Basar“ und dem öffentlichen Auftritt der weiblichen Kundschaft ist nirgendwo so gross wie in den arabisch – muslimischen Läden.

Foto Ulrich Sahm

In Israel werden die Ergebnisse der Untersuchungen nach Attentaten registriert und berichtet. Denn sie dienen dazu, Terroranschläge besser zu verstehen und vielleicht in Zukunft zu verhindern. Erfahrungsgemäss finden die Ermittler zwei verschiedene Motive. Entweder verfolgen die Frauen politische Ziele und wollen israelische Besatzer töten, oder aber sie haben zum Beispiel Streit im Haus und wollen ihr Leben beenden.

Wenn tatsächlich politische Motive vorliegen, werden die meist schon im Voraus über soziale Medien verbreitet, um Gefolgsleute zu rekrutieren. Um mögliche Anschläge zu verhindern, verfolgen die israelischen Sicherheitsdienste sehr genau die arabischen sozialen Netzwerke. Dabei setzen sie Algorithmen ein, die Alarm schlagen, sowie gewisse Schlagworte verbreitet werden.

In mehreren Fällen ist es den Israelis schon gelungen, auf diese Weise ganz gezielt Attentäter oder Attentäterinnen auf dem Weg zu einem mörderischen Anschlag zu finden und rechtzeitig zu stoppen. Schwieriger ist es, Selbstmörderinnen vorab zu finden, für die der Anschlag ein letzter Ausweg aus der privaten Hölle ist, weil die häuslichen Streitereien nur selten öffentlich in den Netzwerken ausgetragen werden.

Statt Frauenhäusern werden Terrorrenten finanziert

Da die getötete Person nicht mehr befragt werden kann, erfahren die Behörden die Ursache dann erst durch ein Überprüfen des allgegenwärtigen Smartphones oder durch Befragen der Freunde, Nachbarn und Angehörigen.

Der Koran sagt, dass der private Suizid eine Sünde sei. Aber vorehelicher Sex wird auch oft mit dem Tod bestraft, wenn Verwandte die Familienehre wieder herstellen wollen. Das eigene Heim darf eine gute Tochter nicht „beschmutzen“. Da die muslimischen Frauen keinerlei Hilfe bei ihrer Emanzipation aus den starren Rollenmustern erwarten können, verwundert es nicht, dass besonders in den Palästinensergebieten immer wieder einige von ihnen versuchen, diesem „Gefängnis“ durch einen Selbstmord zu entrinnen, der formal kein Selbstmord ist. Am einfachsten ist es für sie dann, mit gezücktem Messer auf israelische Sicherheitsleute zuzugehen.

Diese wiederum gehen kein Risiko ein und schiessen scharf, wenn jemand mit gezücktem Messer auf sie zu rennt, um sie zu töten. Das ist dann reine Notwehr. Denn oft genug wurden Soldaten oder Polizisten auf offener Strasse oder an den Kontrollpunkt durch Messerstiche ermordet.

Es klingt makaber, aber einen Anschlag zu verüben, statt eine Überdosis Tabletten zu schlucken bietet neben dem religiösen Aspekt der Befreiung von der „Sünde“ für die Täterin auch handfeste Vorteile für die Hinterbliebenen. Für Mütter gilt zudem, dass sie auch ihre Kinder über ihren Tod hinaus versorgt wissen.

Denn die palästinensische Autonomiebehörde stiftet den Angehörigen von „Märtyrern“ grosszügige Renten. Je mehr Juden sie umbringen konnten, desto höher sind die teilweise von den Europäern mitfinanzierten Zahlungen. Es ist allgemein bekannt, dass es für Attentate in Jerusalem auch noch einen Zuschlag gibt.

Wie aber soll man eine Tat ahnden, wenn der Täter nicht mehr lebt? Selbst wenn die Israelis das Heim der Attentäter zerstören, kommen begeisterte „Gleichgesinnte“ oder gar die palästinensische Autonomiebehörde, um das Haus wieder zu errichten. Zudem ist die propagandistische Wirkung der international verbreiteten Bilder von zerstreutem Spielzeug in zertrümmerten Kinderzimmern verheerend. In der israelischen Bevölkerung nimmt die Verunsicherung zu. Man ist zunehmend ratlos, wie dieser Terror am besten bekämpft werden kann. Die Autonomiebehörde hat an dem Schutz der Frauen kein Interesse.  Frauenhäuser gibt es im muslimischen Kulturkreis nicht. Selbst die Türkei ist aus der sogenannten Istanbul- Konvention zum Schutz der Frauen wieder ausgetreten. Die Proteste der Feministinnen in der Türkei am 1. Juli 2021 verhallten in Europa genauso wirkungslos, wie die stummen Hilfeschreie vieler „Täterinnen“ im Nahen Osten.

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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1 Kommentar

  1. Als „private Wünsche“ der Frauen ausgerechnet die Spitzen-BH`s anzuführen ist eine männliche Sichtweise… Den Wunsch mag es, neben anderen, durchaus geben. Aber es dürfte zuerst der Wunsch der Männer sein. Im lsIam ist die Frau in sexueller Hinsicht ja letztlich Besitz des Mannes, muss ihm zu Diensten sein. Sie ist sein „Acker, den er bestellen darf, wie es ihm beliebt“. Siehe der Fall des Pakistaners, der erzwungen hat, dass seine Frau nach einer Unterleibsoperation mit ihm Sex haben musste…

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