Der Grossmufti von Jerusalem bei den bosnischen Freiwilligen der Waffen-SS. Foto Deutsches Bundesarchiv
Der Grossmufti von Jerusalem bei den bosnischen Freiwilligen der Waffen-SS. Foto Deutsches Bundesarchiv
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Kürzlich äusserte sich Mahmoud Al-Habbash, welcher der Berater für religiöse Angelegenheiten und islamische Beziehungen unter dem Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas, ist, positiv bezüglich der historischen Figur des Nazi-Kollaborateurs und seinerzeit Grossmuftis von Jerusalem, Haj Amin Al-Husseini.

 

Vieles wurde bereits über Al-Husseini geschrieben, vor allem von Historikern, die sich auf die Zusammenarbeit zwischen den Nationalsozialisten und den arabischen Nationalisten konzentrierten (z.B.: „Blind für die Geschichte? Arabische Begegnungen mit dem Nationalsozialismus“ (2004) von Gerhard Höpp, Peter Wien und René Wildangel). Husseini befand sich u.a. auf der Liste der gesuchten Kriegsverbrecher in Jugoslawien, er war verantwortlich für eine muslimische SS Division, die Tausende Serben und Kroaten ermordete und er setzte sich erfolgreich gegen die Befreiung von 5000 jüdischen Kindern zur Wehr, die deshalb ihren Tod in den Gaskammern fanden. Der Grossmufti galt als offizieller Verbündeter Hitlers und residierte in Berlin.  

Am Jahrestag von Husseini‘s Tod, postete Mahmoud Al-Habbash nun ein Foto des Grossmuftis, nannte ihn ein „Vorbild“ und fügte die folgende Beschreibung hinzu:

„An diesem Tag, am 4. Juli 1974, verstarb das grosse palästinensische Staatsoberhaupt, der ehemalige Mufti von Palästina und Leiter des Arabischen Hochkomitees, Haj Amin Al-Husseini, der den palästinensischen Kampf gegen die britische und israelische Besatzung über viele Jahre hinweg anführte. Unsere Anführer sind unsere Vorbilder.“  

Die Ehrung von Naziverbündeten in unserer heutigen Zeit wirft die Frage auf, wie und in welchem Ausmass, die arabische Welt von Antisemitismus geprägt ist.

Der Fokus in der Forschung hat sich nicht vollständig von den Nazi Kollaborateuren wegbewegt. Im Laufe der Zeit warfen jedoch historische Ereignisse, wie zum Beispiel die Gründung des Staates Israel (1948), die Reparationszahlungen Deutschlands an den jüdischen Staat (1951-1953), oder der Eichmann-Prozess in Jerusalem (1960-1962), neue Forschungsfragen auf.

Das erste Werk, was sich dem Phänomen des zeitgemässen Antisemitismus in der arabischen Welt beschäftigte und auch heute noch als eines der Standartwerke der Forschung gilt, ist „From Empathy to Denial: Arab Responses to the Holocaust“ (2015) von den israelischen Historikern Meir Litvak und Esther Webman. Die Autoren untersuchen hierbei historische Ereignisse aus den vergangenen 60 Jahren und deren Rezeption in der arabischen Welt. Dafür analysierten sie Interviews, Reden, Artikel, Bücher und Reaktionen von Einzelpersonen, sowie Organisationen wie z.B. die Arabische Liga, um ein grösseres Spektrum des Diskurses in den arabischen Ländern zu erhalten. Eine zentrale These des Werks ist u.a., dass vor allem die Gründung des Staates Israel und die Shoah die Fähigkeit und Bereitschaft der Araber minderte, die jüdische Katastrophe anzuerkennen, oder gar Sympathie zu bekunden. Je mehr die Shoah eine bedeutende Rolle im israelischen und jüdischen Bewusstsein einnahm, desto mehr führte es dazu, dass ihre Einzigartigkeit geleugnet wurde, bis hin zu einer völligen Ablehnung der historischen Wirklichkeit. Die Vorstellung von einer Zusammenarbeit zwischen den Zionisten und den Nationalsozialisten war ebenfalls weit verbreitet und fand nicht zuletzt Einzug in Mahmud Abbas Doktorarbeit. Den Zionisten wird vorgeworfen die Nazis dazu gedrängt zu haben, die Juden derartig zu bedrohen, dass sie nach Palästina auswandern, oder sie zu töten. Ein ebenfalls bekanntes Phänomen, dem man bis heute immer wieder begegnet, ist das Vergleichen der Opferzahlen der Shoah und der Nakba, bis hin zur Relativierung der jüdischen Katastrophe. Der Einfluss von westlichen Holocaustleugnern, die immer wieder gern in der arabischen Welt rezitiert werden, ist ebenfalls ein nicht zu verachtender Faktor, der zu dem Antisemitismus in der arabischen Welt beitrug.

Die Manifestation des Antisemitismus sieht man heute, neben den Ehrungen von Judenmördern und Nazi-Kollaborateuren durch die PA, auch an anderen Stellen in den arabischen Ländern. Ein Beispiel hierfür ist ein Kleidungsgeschäft in Gaza mit den Namen „Hitler 2“. Ein Kunde des Ladens sagte aus: „Der Name des Ladens ist ‚Hitler 2‘ und ich mag ihn, da er die antijüdischste Person überhaupt war.“ Streift man durch die Bücherläden in der arabischen Welt, so findet man allzu oft „Mein Kampf“ von Adolf Hitler in den Schaufenstern, als wäre es das Normalste der Welt. Anzumerken ist hierbei ebenfalls, dass es sich nicht etwa um eine Version mit Anmerkungen und Richtigstellungen von Historikern handelt, wie es z.B. in Deutschland der Fall ist, sondern es sich vielmehr um die Originalversion handelt, die vor Judenhass nur so strotzt und ein Weltbild vermittelt, in dem Juden die Welt kontrollieren und unterwandern und deswegen schlecht für ein jedes Volk wären. In Marsa Matruh in Ägypten findet eine Verehrung von Hitlers Generalfeldmarschall Rommel statt, die u.a. mit einem eigenen Museum beginnt und damit endet, dass etwa Caffees, eine Brücke und eine Insel nach dem Nationalsozialisten benannt sind. Ein letztes und leider sehr aktuelles Beispiel dürfte hier wohl die Übersendung eines Ballons mit entzündbaren Materialien von Gaza nach Israel sein, welcher mit einem Hakenkreuz versehen u.a. am 20. April, dem Geburtstag von Adolf Hitler über die Grenze geschickt wurde.

Antisemitismus ist in der arabischen Welt ein Phänomen mit verschiedenen Wurzeln. Es verwundert nicht, dass die Gesellschaft, wenn überhaupt, nur einen geringen Wandel durchläuft, wenn etwa einer ihrer Anführer, Mahmud Abbas, in seiner Doktorarbeit den Holocaust leugnet und behauptet, dass „bestenfalls“ zwei Millionen Juden von den Nazis umgebracht worden seien und Gaskammern habe es in Auschwitz nicht gegeben. Der Nahostkonflikt gilt als ein Zündmittel für vieles und so auch für die eindeutig verquere Rezeption der Shoah. Es bleibt zu hoffen, dass mit der Zeit neue Politiker an die Macht gelangen und mit ihnen, eine bessere Aufklärungsarbeit geleistet wird, um statt Hass zu säen, die jüdische Katastrophe anerkannt wird und damit, in einer längst fälligen historischen Richtigstellung in den arabischen Ländern, ein besseres Verhältnis und Verständnis gegenüber Israel entstehen kann.

Über Tina Adcock

Tina Adcock ist Religionswissenschaftlerin und schreibt gerade in der Tel Aviv University an ihrer Masterarbeit für „Middle Eastern Studies“.

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1 KOMMENTAR

  1. Ein paar Punkte:

    Die bosnische SS-Division hat nicht unzählige serbische oder jüdische Zivilisten ermordet, wie es die falsche serbisch-jugoische Propaganda nahelegt.

    Jede flüchtige Untersuchung historischer Daten wird bestätigen, dass diese Angaben falsch sind.

    Zum einen gab es bis zum Einsatz der bosnischen SS-Einheit keine Juden mehr in Bosnien, außer denen, die glücklicherweise in den italienischen Sektor Kroatiens geflohen sind oder bei bosnischen oder albanischen Muslimen Zuflucht gesucht haben.

    https://www.yadvashem.org/yv/en/exhibitions/besa/index.asp

    Der Großmufti war ein begeisterter Nazi! Die SS-Bosnier waren es nicht! Ihre einzige Motivation war die Selbstverteidigung ihrer Heimat. Tatsächlich waren sie die einzige SS-Abteilung, die gegen ihren Nationalsozialismus meuterte!

    Zweite Überlegung

    All das ist umstritten!

    Die heutige so genannte palästinensische Führung klammert sich an die historische Mythologie und vergöttert den Großmufti als Helden, weil sie seine nationalsozialistische Ideologie teilt.

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