Israelbezogener Antisemitismus in Bayern 2021

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Foto zVg RIAS
Foto zVg RIAS
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Auf antiisraelischen Versammlungen in Bayern 2021 war israelbezogener Antisemitismus stets präsent, wie eine Broschüre der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern zeigt.

Die Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus e.V. (RIAS) gründete sich im Jahr 2018, um deutschlandweit antisemitische Vorfälle zu erfassen und zu dokumentieren. Das Ziel der Organisation ist es, das Ausmass des Antisemitismus in der Bundesrepublik nachvollziehen zu können und somit eine Grundlage für dessen Bekämpfung und Erforschung zu liefern.

Der bayrische Verband von RIAS lud am 1. Oktober 2021 zur Vorstellungsveranstaltung ihrer neuen Broschüre „‚From the River to the sea‘ Israelbezogener Antisemitismus in Bayern 2021“ ein. Der Bericht enthält Informationen über die in Bayern dokumentierten antisemitischen Vorfälle, bezüglich der Geschehnissen in Israel im Mai 2021. Im Mai 2021 kam es zu massiven Kampfhandlungen zwischen der israelischen Armee und palästinensischen Terrororganisationen. Im Zuge dessen wurden auch in Bayern zahlreiche Versammlungen mit Bezug zum Nahostkonflikt durchgeführt.

Ebenfalls in der Broschüre enthalten ist eine soziologisch, sowie historische Einordnung des Antizionismus und die jeweilige Zuordnung von Parolen, Begriffen und Symbolen, die es vor allem denjenigen, die sich bisher noch nicht mit dieser Form des Antisemitismus auseinandergesetzt haben, ermöglicht, sich schnell und effektiv in das Themengebiet einzulesen. Zusätzlich kommen in der Broschüre Jüdinnen und Juden zu Wort, die darüber berichten, wie sie die jüngste antizionistische Welle erlebt haben und wie sie die diesbezüglich stattgefundenen Veranstaltungen beurteilen.

Laut der Leiterin von RIAS Bayern, Dr. Seidel-Arpacı, bezieht sich der Bericht auf den Zeitraum vom 11. Mai – 11. Juni 2021, in dem es zu massiven Gefechten zwischen Israel und der Terrororganisationen im Gazastreifen kam. Es seien hierbei nicht nur persönliche Fälle berücksichtigt worden, sondern auch Kundgebungen und Demonstrationen, die während dieses Zeitraums stattfanden. Bei jeder Versammlung und auch ausserhalb, seien antisemitische Inhalte festgestellt worden. Lag der Fokus vormals noch auf den antisemitischen Äusserungen in Bezug auf die Corona Pandemie, so habe sich dieser Umstand während der Eskalation in Israel schnell geändert, was aufzeige, wie wandelbar Antisemitismus in Kombination mit Politik und Pandemie sei. Antizionismus werde jedoch häufig durch den Bezug zu Israel als attraktivere Version des Antisemitismus gewählt, da es sich auf den jüdischen Staat als solches bezieht, anstatt direkt auf das Judentum an sich, so Seidel-Arpacı.

Im Zeitraum von lediglich einem Monat verzeichnete RIAS Bayern insgesamt 34 antizionistische Vorfälle, 22 davon ereigneten sich im Rahmen von Versammlungen. Sie äusserten sich in Form von Bedrohung, Sachbeschädigung, verletzendem Verhalten und einer Massenzuschrift. Die Lokalität der Vorfälle war so unterschiedlich wie ihre Ausdrucksform. Sechzehn davon ereigneten sich auf öffentlichen Strassen, im Internet, acht in Grünanlagen und zwei im Wohnumfeld der Betroffenen. Ein antisemitischer Vorfall konnte in einem öffentlichen Gebäude beobachtet werden, einer im öffentlichen Nahverkehr, sowie im Stadion.

RIAS nimmt bei all den aufgezeichneten Fällen eine Kategorisierung vor, die ebenfalls in der Broschüre näher erklärt wird. So sind 21 Vorfälle dem antiisraelischen Aktivismus, 3 dem Links-Antiimperialistischen und einer dem Islamistischen Spektrum zuzuschreiben.

Neben dem Antizionismus, wurden auch 18 Fälle von Post-Shoah Antisemitismus festgestellt, bei dem eine antisemitische Bezugnahme auf die Shoah vorgenommen wird, z.B. in Form der Ablehnung der Erinnerungskultur oder der Verherrlichung der NS Zeit. Vier der insgesamt 34 Vorfälle konnte dem Spektrum des modernen Antisemitismus zugeordnet werden, bei dem u.a. Juden die Beeinflussung der Welt und der Wirtschaft vorgeworfen wird. Zwei Vorfälle konnten dem Antisemitischen Othering zugeschrieben werden, was bedeutet, dass Juden als Fremdkörper in der Gesellschaft und als nicht zugehörig wahrgenommen werden. Abschliessend konnten neun Fälle dem antijudaistischen Spektrum bei dem Juden aus religiösen Gründen abgelehnt werden. Frau Dr. Seidel-Arpacı fügte abschliessend hinzu, dass die Dunkelziffer in Bezug auf die Untersuchung des Zeitraums jedoch sehr hoch läge, da nicht jeder sich trauen würde, antisemitische Vorfälle zu melden.

Michael Movchin, Vorsitzender des Verbands Jüdischer Studenten in Bayern (VJSB), schilderte anschliessend die Wahrnehmung der Jüdinnen und Juden aus Bayern während des Untersuchungszeitraums. Er betonte, dass bereits ein Social-Media Foto bezüglich des letzten Israel Urlaubs genügt hätte, um sich Anfeindungen gegenüber zu sehen. Er berichtete, dass ein Freund nach einem Solidaritäts-Post im Mai über 1000 Hasskommentare unter seinem Beitrag und über 100 Nachrichten auf Instagram erhielt, in denen er und seine Familie bedroht wurden. Nicht nur Einzelpersonen, sondern auch Gruppierungen stecken hierbei hinter den antisemitischen Anfeindungen und es ist auffällig, dass das Wort Jude und Zionist heutzutage häufig als Schimpfwörter benutzt werden. Movchin betont, dass die Broschüre von RIAS Bayern durch die Aufklärung und die Dokumentation des Antisemitismus einen grossen Beitrag leiste, in Bezug auf das Sichtbarmachen der so oft verharmlosten antisemitischen Angriffe. Er hofft, dass die verschiedensten Empfänger, z.B. Anwälte oder Lehrer, hieraus Erkenntnisse ziehen und sich dadurch besser in den breit gefächerten Themenkomplex Antisemitismus einarbeiten würden.

Tina Adcock ist Religionswissenschaftlerin und Historikerin.

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