Kein Mensch muss den israelischen Regierungschef und seine Politik mögen. Aber ein Journalist und Gast in Israel hat nicht die Aufgabe, die Menschen dort zu belehren und ihnen zu sagen, was gut oder schlecht für das Land ist. Als Demokrat sollte man zunächst einmal akzeptieren, dass die Mehrheit der Wähler in einem demokratischen Staat bestimmt, wie die Politik dort auszusehen hat.

Bei der schweizer-jüdischen Publikation „Tachles“ hat Richard Chaim Schneider dem israelischen Ministerpräsident Benjamin Netanjahu vorgehalten, erstmalig die „Wahrheit“ gesagt zu haben: keine Bulldozer mehr zu schicken, „um Juden von ihrem Land zu vertreiben. Man werde weiter siedeln.“ Für Schneider ist das Verhalten des israelischen Premiers kritikwürdig. Doch genau dafür wurde Netanjahu gewählt. Soll er jetzt seine Wähler vor den Kopf stossen? Das klingt als erwarte man entsprechend von der deutschen Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel beim Wahlkampf zu hören: „Wir schaffen das nicht“. Damit könnte sie wohl kaum Wählerstimmen gewinnen.

Schneider ist sich zudem absolut sicher, dass Netanjahu zuvor immer nur gelogen habe: „Jedes Wort, das seinem Mund entschlüpft, ist eine Unwahrheit. Hand aufs Herz: Mögen Sie solch einen Politiker? Ja, ja, geschenkt, alle Politiker lügen. Aber so nahezu nonstop ohne Punkt und Komma? Das muss ihm erst mal einer nachmachen.“ (Zitat Ende)

R.C. Schneider scheint also auch von der Klugheit der Israelis nicht viel zu halten, wenn er unterstellt, dass diese seit Jahren wissentlich einen notorischen Lügner wählen. Ein wahrhaft bitteres Resümee für einen, der so viele Jahre im Land war.

Welchen Stellenwert die „Siedlungspolitik“ in Israel hat, seit den Aufbauzeiten vor 1948 und dann infolge der (linken) Regierungen seit 1967 sollte allgemein bekannt sein. Ohne die intensive Siedlungsaktivität vor 1948 wäre der jüdische Staat Israel nicht gegründet worden. Und nach 1967, als Israel grosse mit Arabern bewohnte Gebiete im Gazastreifen wie im Westjordanland eroberte, waren Siedlungen die Antwort der linksgerichteten israelischen Regierungen auf das dreifache „Nein“ der arabischen Staaten in Khartum: „Kein Frieden, keine Verhandlungen, keine Anerkennung“. Das kleine Israel musste mit einer vergleichsweise kleinen Bevölkerung einen Weg finden, die eroberten Gebiete zu kontrollieren, da eine „Rückgabe“ dieser Gebiete von den arabischen Staaten ausgeschlossen worden war. Ariel Scharon redete genauso wie Netanjahu heute, bis der dann 2005 alle Siedler aus dem Gazastreifen gewaltsam herausholte „um des Friedens willen“. Wie „die Palästinenser“ (nicht nur die Hamas) darauf reagierten, nämlich mit 15.000 Raketen auf israelische Bevölkerungszentren, ist den Israelis sehr wohl bewusst.

Die Verfehlung der Regierung (und anderer Stellen), die vertriebenen Siedler nicht zu kompensieren oder ihnen ordentlichen Wohnraum zu verschaffen, muss hier nicht kommentiert werden. Klar ist, dass ein Trauma geblieben ist, das nicht nur die Siedler, sondern auch grosse Teile der israelischen Bevölkerung trifft.

Schneider formulierte einen bemerkenswerten Satz an die Adresse Netanjahus: „Es gibt nur ein Problem: Sie könnten mit ihren Vorstellungen falsch liegen und bitter scheitern. Dann aber wären sie verantwortlich für den Untergang des jüdischen Staates.“

Dieses Endzeit -Raunen ist reine Überheblichkeit und klingt, als betreibe der ehemalige Israel-Korrespondent der ARD in Tel Aviv Wahlkampf für gewisse linksgerichtete/propalästinensische Parteien. Aus guten Gründen haben diese Parteien, die einen totalen Rückzug aus allen besetzten Gebieten inklusive Ostjerusalems propagieren, seit Ausbruch der 2. Intifada im Herbst 2000 (mit über 1.000 israelischen Toten) keine Chance mehr, eine Mehrheit im Land zu erlangen. Wer nun behauptet, dass das, was die Leute gewählt haben, alles eine „falsche“ Politik sei, sollte vielleicht das Volk auswechseln.

Dem Journalisten obliegt es, nüchtern festzustellen: Die Mehrheit der Israelis will offenbar wenig Rücksicht auf die Palästinenser nehmen, zumal die mit Raketen, Messerstechereien, Forderung nach „Rückkehrrecht“ und ihrem Narrativ letztlich eine Zerstörung des jüdischen Staates betreiben.

Wenn Schneider nun meint, dass die Israelis mit der Siedlungspolitik ihren eigenen Untergang betreiben, so entspricht das voll der palästinensischen Politik und Propaganda. Die sorgen mit ständigem Terror dafür, dass die Israelis ihre Siedlungen weiter befestigen. Das mag eine „falsche“ Antwort sein. Doch, wer am Ende Recht behält, falls es überhaupt je zu einem Ende kommt, kann niemand vorhersagen, auch nicht Richard Chaim Schneider.

Aussagen Netanjahus, wie „Israel als einzige Demokratie“ oder das „moralischste Militär“ erinnern zwar an Trumps „Make America Great Again“ oder Merkels „Wir schaffen das“. Doch nicht umsonst sagen selbst Trump Kritiker immer häufiger, es sei besser, wenn man auf die Fakten schaue, als auf die „Sprüche“. Moralforderungen von aussen sind zudem immer ein zweischneidiges Schwert. Die deutsche Bundeswehr ist vielleicht „moralischer“ als die israelische Armee. Die Bundeswehr darf nach dem eindeutigen Veto der SPD ja nicht einmal israelische Drohnen zur Aufklärung einsetzen, weil die auch bewaffnet werden „könnten“.

Das Dumme ist nur, wenn es Krieg gibt, fühlt man sich im Schutzbereich israelischer Soldaten erheblich sicherer als hinter Bundeswehrsoldaten. Ausserdem kann man alles mit Bomben bewaffnen: Schuhe, Kühlschränke, Fahrräder – um nur die bekanntesten Beispiele zu nennen.

Und was die Palästinenser angeht, um deren Wohl sich Schneider so sehr sorgt, ohne die Ursachen für deren Misere klar zu benennen, so haben die einen vor mehr als 10 Jahren für eine Kadenz von 4 Jahren gewählten „friedfertigen“ Präsidenten, ein Parlament (dummerweise aufgelöst), eigene Gesetze – sogar mit Todesstrafe, etwa für den Verkauf von Land an Juden – Folter für Journalisten und vieles mehr. Warum also wirft man Bibi Netanjahu dumme Sprüche und Unwahrheit vor, wenn auf der anderen Seite Abbas, Maschal, Hanijeh oder Nasrallah als „Verhandlungspartner“ stehen? Wenn man Schneider folgt, wird Netanjahu zum Glück bald in den Knast wandern und dann wäre wohl die Welt wieder in Ordnung. Einschränkend muss hier jedoch erwähnt werden, dass Netanjahu seit Jahren auf der Anklagebank der Medien sitzt, aber Polizei und Staatsanwaltschaft haben bis heute keinen Anhaltspunkt gefunden, den Premierminister zu verhaften und vor Gericht zu zerren. Ehud Olmert und andere Politiker beweisen, dass die israelische Justiz keine Angst hat, sogar einen amtierenden Premierminister oder gar Staatspräsidenten ins Gefängnis zu werfen. Gleichwohl müssen die Anklagepunkte hieb und stichfest sein.

Auf Facebook hat Schneider seine Selbstdarstellung noch gekrönt: „Nun, ich habe immer versucht, das, was gut ist zu zeigen und ebenso das, was schlecht ist.“ Dabei war er lange genug im Nahen Osten, um zu wissen, dass „schlechtes“ für die eine Seite meist „gut“ für die andere Seite ist. Vielleicht aber hat sein neuer Posten in Rom ihm den Weg von der journalistischen Dialektik zum Absolutismus gewiesen – so dass er jetzt definieren kann, was gut oder schlecht ist. An diesem Punkt wird es allerdings unmöglich, Schneiders weitere Äusserungen sachlich zu kommentieren, denn auch der Papst ist bekanntlich „unfehlbar“, wenn er explizit ex cathedra spricht.

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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  • Bjoern Luley

    Ihre Replik auf Herrn Schneiders richtige Israel-Analyse ist – pardon – zum Kotzen. Ihr Hinweis darauf, dass Netanyahu schliesslich vom Volk gewählt worden sei, ist doch keine Begründung für ein Loblied auf diesen jüdischen Faschisten und korrupten Machtmenschen, Zyniker und Rassisten. Auch die Deutschen haben Hitler in mehreren Wahlen gewählt, wodurch dessen Politik doch nicht akzeptabler geworden ist.
    Aber wenn Sie das damalige deutsche Volk als politisch dumm charakterisieren, was sicher stimmt, dann muss dies auch für das israelische (Stimm)volk gelten: es schaufelt sich mit einer solchen Politik und indem es solche Politiker wählt, sein eigenes Grab.

  • nussknacker56

    Als „Israel-Korrespondent der ARD“ muss man bestimmte Anforderungen erfüllen. „Israelkritik“ steht dabei an erster Stelle. Diese Anforderungen werden von Herrn Schneider entsprechend bedient. Mit Journalismus hat das nur nachrangig zu tun.