«Kirche in Not» macht Opfer zu Tätern und blendet Fakten aus

Die katholische Organisation Kirche in Not hat einen Bericht zur Lage der Religionsfreiheit weltweit veröffentlicht. Ihr Urteil über Israel beruht auf dubiosen Quellen, macht Opfer zu Tätern und blendet Fakten aus.

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Israelische Polizisten und muslimische Waqf Wachleute auf dem Tempelberg in Jerusalem, 24. Mai 2017. Foto Mati Amar/TPS
Israelische Polizisten und muslimische Waqf Wachleute auf dem Tempelberg in Jerusalem, 24. Mai 2017. Foto Mati Amar/TPS
Lesezeit: 14 Minuten

Die päpstliche Stiftung Kirche in Not/Aid for the Church in Need (ACN) ist ein 1947 gegründetes Hilfswerk, das anfänglich deutsche Heimatvertriebene unterstützte, ab 1952 dann die verfolgte Kirche in Osteuropa. Heute ist Kirche in Not nach eigenen Angaben in mehr als 140 Ländern aktiv, in denen die Kirche verfolgt wird oder nicht genügend Mittel für ihre seelsorglichen Aufgaben hat. Zudem veröffentlicht Kirche in Not alle zwei Jahre einen Bericht zur Religionsfreiheit.

Im April ist der Bericht „Religionsfreiheit weltweit 2021“ erschienen.

Ein Kapitel darin beschäftigt sich mit Israel. Was sofort ins Auge sticht, ist, wie dürftig die Informationen sind. Die geradezu absurde Oberflächlichkeit des Berichts fällt vor allem auf, wenn man ihn etwa mit dem Weltverfolgungsindex der christlichen Hilfsorganisation Open Doors vergleicht. Dieser enthält detaillierte Schilderungen und Analyse von Hintergründen, stützt sich auf Quellen vor Ort, häufig auf Augenzeugenberichte aus erster Hand. Der Bericht Religionsfreiheit weltweit 2021 von Kirche in Not/ACN  ist hingegen in weiten Teilen nichts anderes als eine Presseschau. Nachrichten aus Zeitungen werden wiedergegeben und dabei auf wenige Sätze verkürzt, so dass der Informationsgehalt vielfach nicht den einer Schlagzeile übertrifft.

Sind die Meldungen überhaupt wahr?

Die Frage, ob die von den zitierten Zeitungen und Websites veröffentlichten Nachrichten auch wahr sind, wird nicht gestellt. Zudem sind einige der verwendeten Quellen möglicherweise veraltet: Der Berichtszeitraum ist 2019/2020, was bedeutet, dass viele der von ACN zitierten Nachrichten zwei Jahre alt sind. Da würde man erwarten, dass geprüft wird, ob sich in diesem Zeitraum neue Erkenntnisse über Vorfälle ergeben haben: Der Kenntnisstand vom Frühjahr 2019 muss nicht dem heutigen entsprechen. Aktuelle Erkenntnisse über Ereignisse von vor zwei Jahren wird man indessen in Zeitungen oft nicht finden, weil diese schnell das Interesse an einem Gegenstand verlieren, nachdem sie einmal darüber berichtet haben. Eine Lokalzeitung etwa, die einen Beitrag über einen Verkehrsunfall veröffentlicht und über den Hergang spekuliert, wird das Thema in der Regel nicht Wochen oder Monate später noch einmal aufgreifen, weil es neue Erkenntnisse gibt. Wer sich also allein auf Zeitungsartikel stützt, die mehrere Jahre alt sind, muss damit rechnen, dass der Inhalt überholt sein könnte. Wenn eine – personell sicherlich gut ausgestattete – päpstliche Stiftung einen Bericht über Religionsfreiheit veröffentlicht, würde man erwarten, dass nicht bloss alte Zeitungsartikel wiedergekäut werden, sondern der Inhalt durch eigene Recherchen geprüft und, wo nötig, aktualisiert und ggf. korrigiert wird. Das haben die Autoren des Berichts offenkundig nicht getan.

Dieser Fehler wiegt umso schwerer, als sich die Autoren meist nur auf eine einzige Quelle stützen. Und als wäre das alles nicht schon schlimm genug, ist diese Quelle mitunter dubios. Mehrmals etwa wird als Beleg die türkische Nachrichtenagentur Anadolu Ajansi zitiert, obwohl diese als Propagandasprachrohr des türkischen Präsidenten Erdogan bekannt ist, eines berüchtigten Antisemiten. Ein anderes Mal berufen sich die Autoren auf den katarischen Sender Al-Jazeera, bekanntlich das Sprachrohr der Muslimbruderschaft, wo Scheich Jussuf al-Qaradawi, ein Befürworter von Selbstmordanschlägen auf Israelis, seine eigene Sendung hat. Wer schwerwiegende Anschuldigungen gegen Israel auf solche Gewährsleute stützt, diskreditiert seinen eigenen Bericht.

Täter-Opfer-Umkehr

Unter Berufung auf Anadolu Ajansi heisst es in dem Bericht:

„Im Juni 2019 kam es am Jerusalemtag zu Auseinandersetzungen zwischen palästinensischen Muslimen und den israelischen Streitkräften auf dem Gelände der Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem. Auslöser dafür waren jüdische Besucher am Ende des Fastenmonats Ramadan. ‚Ungefähr 1.179 jüdische Extremisten stürmten seit dem Morgen das Gelände’, berichtete Omar Kiswani, der Leiter der Al-Aqsa-Moschee, gegenüber der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu Ajansi. ‚Die Siedler stürmten über das Mughrabi-Tor unter dem Schutz der israelischen Polizei das Gelände und verletzten damit massiv die Bestimmungen des heiligen Monats Ramadan’, führte er weiter aus.“

Der Propaganda entkleidet stellt sich der Vorfall so dar: Eine Gruppe von religiösen Juden – Erwachsene und Kinder – hat, beschützt von der Polizei, das Tempelbergplateau besucht, so, wie unzählige Touristen auch. Natürlich gingen sie durch das Mughrabi-Tor, das einzige der zwölf Tore, das Nichtmuslime benutzen dürfen. Und natürlich besuchten sie den Tempelberg zur für Nichtmuslime vorgeschriebenen Zeit, wenn dort keine Gebete stattfinden. Und selbstverständlich wurden sie am Eingang kontrolliert und mussten vor dem Betreten alle religiösen Gegenstände oder Bücher abgeben. Kaum nötig zu betonen, dass sie auch nicht gewalttätig wurden. Und dennoch wurden sie auf dem Tempelberg von muslimischen Randalierern mit Stühlen und anderen Gegenständen beworfen. Statt die Gewalt zu verurteilen, macht ACN die Opfer zu Tätern: Die jüdischen Besucher seien die Auslöser!

Dann werden die Juden noch als „Extremisten“ diffamiert. Ausgerechnet jemanden, der selbst Partei und dabei durchaus radikal zu nennen ist – Al-Aqsa-Direktor Omar Kiswani, der den Tempelberg judenrein halten will – lässt Kirche in Not als Richter darüber auftreten, wer „extremistisch“ zu nennen ist. Um wirklich zu entscheiden, ob die jüdischen Besucher „Extremisten“ waren, hätte man in ihre Köpfe gucken müssen. Dass sie „Siedler“ seien und Al-Aqsa „gestürmt“ (!) hätten, wie Kiswani behauptet, ist, wie jeder wissen sollte, der sich mit der Thematik befasst hat, die stereotype Standardformulierung von Islamisten, für die jeder Israeli, selbst wenn er in Tel Aviv wohnt, ein „Siedler“ ist, und die von „Stürmen“ sprechen, wann immer irgendwelche Juden das Tempelbergplateau besuchen. Kiswanis Äusserungen gegenüber Anadolu Ajansi sind nichts anderes als antisemitische Hetze, und Kirche in Not gibt diese Hetze unkommentiert weiter, als wäre es die reine Wahrheit.

Ausschreitungen auf dem Tempelberg 2019

Audiatur-Online bat Werner Bischof von der International Christian Embassy Jerusalem um einen Kommentar. „Angesichts der Tatsache, dass hier für viele Jahrhunderte der jüdische Tempel stand, muss der Anspruch von jüdischen Gläubigen auf Besuch der Stätte durchaus als legitim betrachtet werden“, so Bischof. „Diese Besucher einfach als fanatische Siedler zu bezeichnen, muss dem Versuch zugeordnet werden, ihnen die Legitimität eines Besuches abzusprechen.“ Und das im Namen der Religionsfreiheit.

Von Audiatur-Online darauf angesprochen, dass ACN eine Täter-Opfer-Umkehr betreibt und die Religionsfreiheit von Juden offenbar für nicht so wichtig hält, antwortete Maria Lozano, die Pressesprecherin von ACN:

„Der Religionsfreiheitsbericht macht, gestützt auf staatliche und weitere öffentliche Quellen, mit zahlreichen konkreten Beispielen auf den bedrohlichen Anstieg antisemitischer Übergriffe in zahlreichen Ländern aufmerksam. Die Religionsfreiheit von Jüdinnen und Juden – in Israel und weltweit – ist ACN in seinem Bericht ein wichtiges Anliegen.“

Auf die Kritik geht sie mit keinem Wort ein. Gefragt, ob sich ACN dafür einsetzt, auch Christen und Juden auf dem Tempelberg das Beten zu gestatten, antwortet sie ebenfalls ausweichend:

„Als Hilfswerk ist unsere Policy, uns nicht zu abstrakten Fällen zu äussern. Grundsätzlich ist der Tempelberg als ein äusserst kontroverses Heiligtum bekannt, wo sich Religion und Politik im Zusammenhang mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt vermischen. Darüber hinaus sind uns bislang keine Bitte oder Forderung der katholischen Bischöfe des Heiligen Landes zu einer Veränderungen des Status quo mit Blick auf den Tempelberg bekannt.“

Na dann. Auch nur ein leises Wort der Kritik an der Praxis, jüdische Besucher des Tempelbergs mit Steinen oder Stühlen zu bewerfen, war Frau Lozano auch auf Nachfrage nicht zu entlocken. Dass sich Kirche in Not/ACN die Sichtweise radikaler Medien wie Anadolu Ajansi und Al-Jazeera zu eigen macht, war also kein Unfall, sondern beruht offenbar auf echter Geistesverwandtschaft.

Jüdische Besucher auf dem Tempelberg unter Polizeischutz. Foto Kobi Richter/TPS

Informationen werden ausgeblendet

Die Einseitigkeit des Berichts manifestiert sich auch durch Auslassung. Zum Verständnis wichtige Informationen, die die Lage der Christen in ein freundliches Licht rücken würden, werden weggelassen, und Einschränkungen der Religionsfreiheit sind überhaupt nur dann ein Thema, wenn Juden oder dem Staat Israel die Schuld daran gegeben werden kann. Über Israel erfährt man gleich zu Beginn Folgendes:

„Im Jahr 1967 nahm Israel Ostjerusalem, das Westjordanland, den Gazastreifen und die Golanhöhen ein. Bis zum heutigen Tag sind diese Gebiete umstritten.“

Dass Israel diese Gebiete im Zuge eines Verteidigungskrieges eroberte, der auf seine Auslöschung zielte, wird nicht erwähnt. Es scheint, als habe Israel aus freien Stücken entschieden: „Heute nehmen wir Ostjerusalem, das Westjordanland und den Gazastreifen“ ein. Dass die israelische Regierung gleich nach Kriegsende die Rückgabe des grössten Teils der Gebiete anbot, wird ebenso verschwiegen wie die Tatsache, dass Israel sich 2005 vollständig aus dem Gazastreifen zurückgezogen hat (der de facto seit 1994 von Israel unabhängig ist). Der Eklektizismus bei Tatsachen ist typisch für den gesamten Bericht: Aufgenommen wird nur, was Israel schlecht aussehen lässt; wichtige Informationen werden ausgespart, als wären sie die Bananenschale, die man nicht mitisst, sondern in den Müll wirft. Nehmen wir z.B. die folgende Aussage des Berichts:

„Im März 2019 liess die israelische Staatsanwaltschaft die Anklage gegen zwei jüdische Extremisten fallen. Diese waren einer Reihe von Verbrechen angeklagt, darunter Vandalismus an der katholischen Dormitio-Abtei in Jerusalem.“

Mehr erfährt der Leser nicht. Dass die Verdächtigen als „zwei jüdische Extremisten“ bezeichnet werden, soll suggerieren, dass sie schuldig seien. Dass die Staatsanwaltschaft die Anklage dennoch hat fallen lassen, erweckt beim Leser den Eindruck, als scheue der israelische Staat die Konfrontation mit jüdischen Extremisten oder fasse sie mit Samthandschuhen an. Ein Eindruck, der sich niemals einstellen könnte, wenn die Autoren von ACN auch nur ein paar Basisinformationen liefern würden. Da der Bericht nicht informiert, muss der Leser sich die Hintergrundinformationen selbst im Internet suchen. Ein Bericht der Nachrichtenwebsite Times of Israel von März 2019 lässt den fraglichen Fall in einem ganz anderen Licht erscheinen. Tatsächlich war es so, dass der Inlandsgeheimdienst Shin Beth und die israelische Polizei etwas zu sehr darauf erpicht waren, die Täter hinter Gittern zu bringen – so sehr, dass sie zu illegalen Mitteln griffen. Die beiden jüdischen Tatverdächtigen wurden statt in echte Untersuchungshaft für vier Tage lang in ein Scheingefängnis gesperrt, in dem Polizisten, die vorgaben, Insassen zu sein, sie mit Drohungen dazu nötigten, ihre Schuld einzugestehen. Als das der Staatsanwaltschaft bekannt wurde, zog sie die Anklage zurück, da sie keine anderen Beweise für die Schuld der Angeklagten hatte und auf unrechtmässige Art erzwungene „Geständnisse“ vor Gericht nicht zugelassen worden wären. Die Sache wirft kein gutes Licht auf die israelischen Polizisten und Geheimagenten, die daran beteiligt waren – aber was man ihnen bzw. dem israelischen Staat gewiss gewiss nicht vorwerfen kann, ist, nicht genug getan zu haben, um die beiden Tatverdächtigen einer Strafe zuzuführen. Es wurde zu viel – und vor allem das Falsche – getan, aber sicherlich nicht zu wenig. Letzteres ist aber der Eindruck, den die Autoren von Kirche in Not erwecken wollen, indem sie alle wesentlichen Informationen auslassen.

Israels wahres Gesicht: Solidarität mit Christen

Nicht weniger als sieben Mal ist im Text von Übergriffen „jüdischer Extremisten“ auf Christen die Rede. Derartige Vorfälle gibt es in Israel leider wirklich. Da jedoch im Bericht nicht erwähnt wird, dass die Taten von der Gesellschaft verurteilt werden und die Justiz versucht, die Täter zu ermitteln, entsteht der Eindruck, dass Angriffe von „jüdischen Extremisten“ in Israel Normalität seien und die Gesellschaft das billige. Wie die Situation in Israel wirklich ist, zeigt der Fall der Brandstiftung in der Brotvermehrungskirche von Tabgha im Juni 2015. Dieser verursachte in der israelischen Gesellschaft einen Aufschrei der Empörung. Der Wiederaufbau erfolgte auch mit privaten Spenden von Israelis und umgerechnet rund 360.000 Schweizer Franken vom israelischen Staat. Bei der Wiedereinweihung im Februar 2017 hielt der israelische Staatspräsident Reuven Rivlin eine Rede, in der er sagte:

„Der Staat Israel ist der Freiheit aller Religionen und Gläubigen zutiefst verpflichtet. Wir setzen uns für die Religionsfreiheit ein, weil wir als Volk sehr gut wissen, was es bedeutet, religiöse Verfolgung zu erleiden. Und wir setzen uns für Religionsfreiheit ein, weil wir ein demokratischer Staat sind. Als ich das letzte Mal hier war, standen wir zusammen und sahen uns die verbrannten Wände und die schrecklichen Graffiti an. Heute stehe ich hier wieder und sehe die Erneuerung dieses historischen, besonderen und heiligen Ortes. Ich möchte allen Menschen danken, die hart gearbeitet haben, um diesen Ort wiederherzustellen, und klar sagen: Dieser Hass kann nicht gewinnen.“

Der Täter wurde zu vier Jahren Gefängnis verurteilt, die Staatsanwaltschaft hatte sogar auf neun Jahre Haft plädiert. Der Rechtsanwalt des Täters beklagte, dass dies ein viel härteres Urteil sei, als es gegen Araber verhängt werde, die Synagogen anzünden. Dies sei eine harte und „besonders unvernünftige Strafe für einen jungen Mann ohne Vorstrafen, der kürzlich geheiratet hat und während seiner Haft ständig vom israelischen Gefängnisdienst und Shin Bet belästigt wurde“, so der Anwalt. Davon, dass der israelische Staat Milde gegenüber jüdischen Gewalttätern zeigen würde, kann also keine Rede sein. Man vergleiche das mit dem Amtsgericht Wuppertal und dem Oberlandesgericht Düsseldorf, die vor einigen Jahren den Brandanschlag auf eine Synagoge als „Kritik an Israel“ werteten.

Beschlagnahmung kirchlicher Grundstücke?

An einer Stelle des Berichts wird behauptet, dass Israel ein Gesetz geplant habe, um „kirchliche Grundstücke“ zu beschlagnahmen. Ein Zusammenhang wird nicht genannt, es entsteht der Eindruck einer antichristlichen Willkürherrschaft. Sollen womöglich gar Kirchen beschlagnahmt werden? In Wahrheit geht es um Wohngebiete, deren Grundstücke zur Zeit des britischen Mandats von jüdischen Organisationen gepachtet wurden. Sie gehören Kirchen, die sie zur Zeit des Osmanischen Reichs erworben haben. Werden die Bewohner der Häuser nach Ablauf der 99-jährigen Pachtzeit auf die Strasse gesetzt? Das ist die Sorge, um die sich der Streit dreht. „Die Frage der kirchlichen Grundstücke ist eine juristische Frage, die offen und intensiv von Fachleuten in Israel zwischen der Regierung und den Kirchen behandelt wird“, schreibt Pfarrerin Dr. Petra Heldt, Direktorin der Ökumenisch-theologischen Forschungsgemeinschaft in Jerusalem, von Audiatur-Online um einen Kommentar gebeten. „Darüber in einem kurzen Absatz in Popularsprache zu berichten, ist unsachgemäss und trägt den Anstrich von Propaganda.“

Falsche Behauptung

Besonders verstörend ist auch die folgende Behauptung in dem Bericht:

„Der Tempelberg bzw. Al Haram al Scharif (arabisch für „das edle Heiligtum“) in Jerusalem ist kontinuierlich Ursache für Spannungen zwischen Israel und muslimischen Gläubigen. Muslimische und christliche Besucher der Stätte sind regelmässig Bedrohungen und Angriffen von jüdischen Extremisten ausgesetzt, die teilweise ungestraft davonkommen.“

Auf Nachfrage von Audiatur-Online, was das denn für „Bedrohungen und Angriffe von jüdischen Extremisten“ sein sollen (wo es ja in Wahrheit genau umgekehrt ist: Jüdische Besucher sind Bedrohungen und Angriffen von muslimischen Extremisten ausgesetzt), räumte ACN-Pressesprecherin Maria Lozano einen Fehler ein. Sie erklärte, dass in der englischen Fassung davon die Rede sei, dass der Tempelberg ein Ort „ständiger Spannungen“ sei und dass Muslime und Christen immer wieder Bedrohungen und Angriffen von jüdischen Extremisten ausgesetzt seien; beide Aussagen seien aber unabhängig voneinander, es gebe „keinen Bezug zwischen beiden Sätzen“. Soll heissen: Es gibt Bedrohungen und Angriffe, aber eben nicht am Tempelberg, auch wenn das beim Lesen so zu verstehen ist. Frau Lozano weiter:

„Ich habe gebeten, das zu ändern, mindestens in der online Version. Ausserdem wird die Ordnung der Sätze in Englisch umgestellt, damit es nicht irreführend ist.“

Es ist löblich, wenn Fehler eingestanden und korrigiert werden. Wie aber konnte es überhaupt dazu kommen, dass eine solch absurde Behauptung Eingang in den offiziellen Bericht fand, den sicherlich viele Augenpaare vor Drucklegung gelesen haben? Man stelle sich vor, Kirche in Not würde schreiben, protestantische und muslimische Besucher des Petersplatzes in Rom seien dort „immer wieder Bedrohungen und Angriffen von katholischen Extremisten ausgesetzt“. Würde nicht jemand diesen Fehler bemerken? Man täusche sich nicht: Dass niemandem auffiel, dass es offensichtlicher Stuss ist, dass Juden am Tempelberg Muslime und Christen angreifen und bedrohen, liegt daran, dass die Verantwortlichen Vorurteile haben, die sie dazu bringen, so etwas für möglich zu halten. Es passt einfach so gut in den Bericht, der ja allerlei Fiktionen enthält.

Eine Frage, die sich Kirche in Not ebenfalls stellen muss: Warum wird keine Korrektur im Fall der grotesken Täter-Opfer-Umkehr vorgenommen, warum beharrt man darauf, dass Juden, die auf dem Tempelberg mit Stühlen beworfen werden, „Extremisten“ und „Auslöser von Gewalt“ seien, nur weil Erdogans Agit-Prop-Fachleute das so darstellen?

Konzertierte Angriffe auf Israel?

Wie sieht die Wahrheit aus, was Christen in Israel betrifft? „Israel stellt das Wohlergehen und die Sicherheit aller seiner Bürger an erster Stelle, selbst all derer, die nicht als Staatsbürger in Israel lang- oder kurzfristig leben“, schreibt Pfarrerin Petra Heldt. „Sie werden, wie alle Israelis, gegen Corona geimpft, vor Terrorattacken beschützt und, falls sie Opfer von Terroranschlägen werden, genauso behandelt wie alle Israelis.“ Israel sei das einzige Land im Nahen Osten, „das allen seinen Glaubensgruppen, ob Christen, Muslimen, Drusen, Jazidis, Bahais usw. Sicherheit und Religionsfreiheit“ gebe. „Wer das in Frage stellt, kennt die Situation vor Ort überhaupt nicht“, so Heldt. Das Einzige, was manche Christen einer kleinen jüdischen Gruppe vorwürfen, sei, dass sie bespuckt würden. „Gegen diese schreckliche Angelegenheit geht Israel in vielfacher Form vor, pädagogisch, politisch und juristisch. Die israelische Regierung ist empört über diese Handlungen“, so Heldt.

Sie sieht den Bericht von Kirche in Not in Zusammenhang mit anderen Angriffen auf Israel, die im Augenblick stattfinden: „Generell fällt der Zeitpunkt jenes Berichtes auf.“ Sie erinnert daran, dass Fatah und Hamas zu Beginn des Ramadan zur Jerusalem-Intifada aufgerufen haben. „Diese Aufrufe wurden seit Wochen in den palästinensischen TV Programmen vorbereitet. Die Anführer der beiden islamischen Gruppierungen stacheln junge Menschen zum Kampf durch Terrorakte gegen Israel auf.“ Zudem habe die amerikanische Regierung eine erneute finanzielle und ideologische Öffnung zur Unterstützung der Palästinenser verkündet. „Die erwiesenermassen erfolglose Zwei-Staaten-Ideologie wird wieder hoffähig und unterstützt die EU in ihrer gescheiterten Forderung nach der Zwei-Staaten-Lösung“, so die Pfarrerin. Gleichzeitig verstärke die iranische Regierung den Aufruf zur Vernichtung Israels und führe Angriffe gegen Israel auch durch Proxi-Terrorgruppen wie die Hisbollah durch, während die UNO Israel „zu Unrecht für eine angebliche Apartheidspolitik“ verurteile und zu Boykottmassnahmen aufrufe. Heldts Fazit: „In der Situation, in der Israel seine Bevölkerung vor Terrorangriffen an der Nordgrenze zum Libanon, an der Südgrenze zu Gaza, im israelischen Kernland durch palästinensische Terrorgruppen und international gegen falsche Anklage schützen muss, kommt ein kirchlicher Bericht, der auf der Seite der Angreifer Israels zu stehen scheint.“

Audiatur-Online bat auch Werner Bischof von der International Christian Embassy Jerusalem um eine Einschätzung der Sicherheitslage von Christen in Israel. Er schreibt: „Es gibt in Israel Vorfälle von extremistischen jüdischen Gruppen auf Christen oder christliche Institutionen. Was ich mit meinem Wissensstand feststellen kann, ist, dass die staatlichen Organe hier jeweils und in der Regel in angemessener Weise eingreifen. Wäre das nicht der Fall, wie könnte man sich sonst allein die Existenz und das Wirken von messianischen Werken wie z.B. TV7 Israel News oder ONE FOR ISRAEL Ministry erklären?“ Man könne „immer einzelne abweichende Vorfälle herausgreifen und diese in unangemessener Weise aufbauschen“, so Bischof. „Wenn allerdings Vertreter von gewissen Kirchen von etablierten Denominationen ein klar pro-palästinensisches Narrativ – bis hin zur generellen Ablehnung des Staates [Israel] – und dschihadistische Tendenzen vertreten, so muss auch hier allfälliges staatliches Eingreifen von dieser Sichtweise her beurteilt und begriffen werden und kann nicht als Unterdrückung einer Minderheit verstanden werden.“

Stefan Frank ist freischaffender Publizist und lebt an der deutschen Nordseeküste. Er schreibt regelmässig über Antisemitismus und andere gesellschaftspolitische Themen, u.a. für die „Achse des Guten“, „Factum“, das Gatestone Institute, die „Jüdische Rundschau“ und „Lizas Welt“. Zwischen 2007 und 2012 veröffentlichte er drei Bücher über die Finanz- und Schuldenkrise, zuletzt "Kreditinferno. Ewige Schuldenkrise und monetäres Chaos."

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