Das Leben von Sarah Aaronsohn ist die Geschichte einer mutigen Frau, die für eine jüdische Nation und Heimstätte in Palästina kämpfte und 30 Jahre vor der Gründung des Staates Israel dort lebte.

 

von Tal Leder

„Glauben Sie mir, ich habe nicht mehr die Kraft zu leiden und es wäre besser mich zu töten, als unter ihren blutigen Händen gefoltert zu werden. Wenn wir uns nicht mehr an unseren Mut und Idealismus erinnern, dann sollten es wenigstens die nachfolgenden Generationen tun. Als Helden starben wir ohne den Türken etwas gestanden zu haben. Ich habe für mein Volk und für Ihr Wohlergehen gesorgt, und wenn mein Volk eine Grundlage hat, dann soll es so sein.“

Dies ist ein Teil des Abschiedsbriefes von Sarah Aaronsohn, einer nationalen Aktivistin sowie Koordinatorin und späteren Ortsleiterin der jüdischen, pro-britischen Untergrundorganisation „NILI,“ welche Palästina von der osmanischen Herrschaft befreien wollte und sich genau vor 100 Jahren, am 10. Oktober 1917, das Leben nahm. Es stellt ein neues Verständnis der Rolle der Frau innerhalb des nationalen Projekts und der jüdischen Wiederbesiedelung in Palästina nach 1881 dar.

Sarah war das fünfte der insgesamt sechs Kinder von Efraim Fischel Aaronsohn und seiner Frau, Malka Glatzano. Beide stammten aus Baku in Rumänien. Zusammen mit weiteren 64 Familien kamen sie 1882 als Teil der ersten „Alijah- (Hebräisch für „Aufstieg,“ also die Einwanderung nach Eretz Israel)“ Welle nach Palästina und waren Mitbegründer der Stadt Zichron Ja’akov, wo Sarah am 05. Januar 1890 geboren wurde. Die Aaronsohns gehörten zu den prominentesten Familien im Ort, nicht zuletzt wegen der Karriere und Bekanntheit von Aaron (1876-1919), Sarahs ältestem Bruder und Mentor, einem weltberühmten Agronomen und Botaniker.

Doch die Lebensbedingungen waren extrem hart. Männer und Frauen mussten schwer arbeiten und hatten kaum Zeit für ihre Kinder. Sarah, die keine richtige Ausbildung hatte, wollte nicht wie so viele andere Mädchen nur als Mutter und Ehefrau leben und sah ihre Brüder als Vorbilder. Von Aaron wurde sie daraufhin ermutigt mehrere Sprachen zu studieren und war nach kurzer Zeit fliessend in Hebräisch, Jiddisch, Türkisch und Französisch. Auch verfügte Sarah über sehr gute Kenntnisse in Arabisch und Englisch. Sie liess sich ebenfalls in Agrarwissenschaften und Botanik ausbilden und begleitete ihren so erfolgreichen Bruder auf seinen Reisen durch Palästina.

Aaron Aaronsohn arbeitete zu Beginn des Öfteren mit dem charismatischen Avshalom Feinberg aus Gedera zusammen, von dem einige Historiker annehmen, dass er eine Liebesbeziehung zu Sarah hatte. Nachdem ihre Romanze zerbrach, verlobte sich Avshalom mit ihrer jüngeren Schwester Rivka. Doch zuallererst sollte Sarah den Bund der Ehe eingehen und auf Druck ihres Vaters heiratete sie den viel älteren Geschäftsmann, Chaim Abraham, einen bulgarischen Juden, der in Konstantinopel lebte. Doch die Ehe mit dem viel älteren Mann stand unter keinem guten Stern und mit ihm in der türkischen Metropole zu leben machte sie sehr unglücklich. Im Sommer 1915 liessen sie sich scheiden und Sarah kehrte über Land nach Palästina zurück und sollte Zeuge eines grausamen Ereignisses werden, welches ihr weiteres Leben stark beeinflussen sollte.

Avshalom Feinberg und Sarah Aaronsohn . Foto PD
Avshalom Feinberg und Sarah Aaronsohn . Foto PD

Spionagenetzwerk

Als der Erste Weltkrieg im Jahre 1914 ausbrach, stand die Region Palästina unter der Herrschaft des nicht mehr allzu mächtigen Osmanischen Reiches. Unter den jüdischen Siedlern war die Meinung gespalten, ob es besser wäre, die Mittelmächte und damit die Türken oder doch lieber die Alliierten, also die Engländer, zu unterstützen.

Aaron Aaronsohn, sowie einige Männer und Frauen seiner Gemeinde neigten eher dazu, den Briten zu helfen und die Türken aus Palästina zu vertreiben, um selber vom Krieg profitieren zu können. Sie dachten, dass eine neue Ordnung im Nahen Osten unter der Herrschaft Grossbritanniens anstelle einer korrupten Türkei dazu beitragen würde,die Autonomie der Juden in Palästina zu erreichen. Nach einer kurzen Zeit der Zusammenarbeit mit den türkischen Behörden, die Mitte 1915 zu Ende ging, beschlossen Aaronsohn und Feinberg eine aktive anti-osmanische Politik anzunehmen und gründeten ein Spionagenetzwerk.

Währenddessen durchquerte Sarah auf ihrer langen Heimreise Anatolien und Syrien, die zu dieser Zeit ebenfalls Teil des Osmanischen Reiches waren. Dort lebte seit Jahrhunderten eine grosse Bevölkerung von Armeniern. Wie die meisten ethnischen Minderheiten hatten sie unter türkischer Herrschaft einen schweren Stand.

Inmitten des grossen Krieges wurden sie von den Türken beschuldigt, den eindringenden russischen Streitkräften auf ihr Territorium geholfen zu haben. Massendeportationen- und Erschiessungen sollten zum armenischen Genozid (mit insgesamt ca. 1,5 Millionen Opfern) führen. Aaronsohn war entsetzt über die Ermordung Tausender Armenier durch die Türken und dieses Ereignis sollte ihr weiteres Handeln stark prägen.

Nach ihrer Rückkehr nach Palästina trat sie im November 1915 der Untergrundorganisation ihres Bruders bei, die sich „NILI“ nannte. NILI ist ein Akronym einer Redewendung aus dem ersten Buch Samuel 15:29, Netzach Jisrael Lo Jishaker, „Die Ewigkeit Israels (hier: Gott) täuscht nicht.“ Das Spionagenetzwerk bestand zunächst aus 40 Personen.

Berichte über den armenischen Völkermord drangen auch bis nach Zichron Ja’akov vor, und die Mitglieder von NILI waren überzeugt, dass die Juden in Palästina schliesslich ein ähnliches Schicksal wie die Armenier erleiden würden.

Von Ende 1916 bis zu ihrer Gefangennahme und ihrem Tod im Oktober 1917 operierte Sarah mit ihren insgesamt 40 Agenten in Palästina und im Libanon. Da ihr Bruder Aaron regelmässig reiste und Avshalom während einer Mission nach Kairo verschwunden war (seine Überreste wurden erst nach 1967 in der Wüste Sinai gefunden) wurde Sarah zur führenden Person der Untergrundorganisation.

Ein Organigramm von Nili. Foto Nili Museum.
Ein Organigramm von Nili. Foto Nili Museum.

NILI besass einen grösseren Kreis von Befürwortern und Informanten, sowie einige welche die Organisation auch finanziell unterstützten.

Sarah entschlüsselte und sammelte Informationen, codierte sie und kommunizierte mit dem Hauptquartier des britischen Geheimdienstes in Kairo von ihrer Station aus in Atlit – welche ihr Bruder Aaron als bekannter Agronom als sein Versuchslabor nutzte –  um mit dem britischen Kriegsschiff „Managam“ Kontakt aufzunehmen. Ihre Agenten reisten stets mit dem Boot von Palästina nach Ägypten.

Sie überwachte auch die Übermittlung des Geldes von amerikanischen Juden, welches NILI für Gold tauschte, um der jüdischen Bevölkerung zu helfen, die unter Not, Hunger und Umsiedelung litt. Sarah arbeitete auch mit den türkischen Behörden zusammen, um diese stets auf eine falsche Fährte zu bringen.

Obwohl sie um die Risiken wusste, lehnte Sarah es stets ab, die Aktivitäten von NILI einzustellen. Auch lehnte sie den Rat des britischen Geheimdienstes ab, dass die Zeit gekommen war, sich langsam aus dem Staub zu machen und Palästina auf dem Seeweg zu verlassen. Sie blieb in Zichron Ja’akov und sah ihre Arbeit für die Untergrundorganisation und das jüdische Volk als oberste Priorität.

Folter und Gefängnis

Im September 1917 fingen die Türken zufällig eine Brieftaube mit Beweisen für einen jüdischen Spionagering in Palästina ab und begannen, das Netzwerk zu zerstören. Als Sarah Aaronsohn davon erfuhr, half sie vielen Mitgliedern von NILI unterzutauchen. Sie selbst blieb zu Hause um den Anschein der Normalität zu bewahren.

Einen Monat später umzingelten die Türken Zichron Ja’akov und machten eine Reihe von Verhaftungen, darunter auch jene von Sarah. Sie wurde vier Tage lang gefoltert, weigerte sich aber irgendwelche Informationen preiszugeben. Als sie am 05. Oktober über das türkische Gefängnis in Nazareth nach Damaskus überführt werden sollte, erlaubten ihr die Behörden noch eine Bitte.

Sie wurde in ihr Haus gebracht und durfte sich waschen und die Kleider wechseln. In einer Geheimwand hatte sie aber einige Zeit davor eine Pistole versteckt. Als sie kurz alleine war, nutzte sie die Gelegenheit um die Waffe zu laden und schoss sich in den Mund. Allerdings traf sie nicht das Gehirn, sondern die Wirbelsäule und lag schwer verletzt am Boden. Sie flehte den herbeieilenden Arzt an, sie zu töten, da sie die Folter und Schmerzen nicht mehr ertragen könnte.

Vier weitere Tage lang sollte sie noch schwer verletzt und gequält weiterleben. Manchmal gab Sarah in Trance einige Sätze von sich, bevor sie dann in den frühen Morgenstunden des 10. Oktober 1917 verstarb.

Kurz bevor sie sich das Leben nehmen wollte, hinterliess Sarah eine kleine Notiz: „Denken Sie daran, denen die nach uns kommen von uns zu erzählen, was wir erlebt haben. Wir sind als Krieger gestorben und haben nicht nachgegeben … Sie kommen. Ich kann nicht mehr schreiben.“

Auch wenn viele Agenten gefangen, getötet oder inhaftiert wurden, hatte NILI sein Ziel erreicht. Im Dezember 1917 hatten die Briten unter der Führung von General Edmund Allenby Palästina erobert und die Balfour-Deklaration erlassen. Sie versprachen, bei der Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina mitzuhelfen.

Ein paar Jahre später sagte Raymond Savage, stellvertretender Militärsekretär bei Allenby, auf einer New Yorker Pressekonferenz: „Es war grösstenteils die gewagte Arbeit junger Spione, die meisten von ihnen Juden aus Palästina, die es dem Feldmarschall ermöglichten, sein Ziel zu erreichen und effektiv durchzuführen.“

Die Briten hatten aber auch den Arabern ihre Unabhängigkeit versprochen, denn um die osmanischen Türken zu besiegen, benötigten sie ihre Hilfe. Doch schon zu Beginn der Auseinandersetzungen planten die Briten und Franzosen, gleich nach dem gewonnenen Krieg die Region unter sich aufzuteilen.

Neben Sarah sollte auch die gesamte Führungsriege von NILI ein unrühmliches Ende haben. Ihr Bruder Aaron wurde nach dem Krieg von Chaim Weizmann (der später der 1. Präsident des Staates Israel wurde) zur Versailler Friedenskonferenz beordert. Doch unter unklaren Umständen starb er bei einem Flugzeugabsturz über dem Ärmelkanal auf dem Weg nach Frankreich. Nicht wenige beschuldigten die britische Regierung zu diesem Unglück. Ein weiterer Bruder, Alexander, starb 1948 an einem Herzinfarkt während eines Aufenthaltes in Südfrankreich, kurz vor der Staatsgründung Israels.

Der Datteljude

Avshalom Feinberg verschwand, wie schon erwähnt, während einer Mission nach Kairo. Auf dem Rückweg aus Ägypten wurde er am 20. Januar 1917 von Beduinen in der Nähe von Rafah bei Gaza entdeckt und bei einem Schusswechsel mit türkischen Grenzpolizisten getötet. Sein Schicksal blieb jedoch bis zum Sechstagekrieg ungeklärt. Einige israelische Soldaten wussten um die Legende des „Datteljuden“, aus dessen Grab heraus eine inzwischen grosse Dattelpalme gewachsen war. Es stellte sich heraus, dass ein Beutel mit Datteln in Avshaloms Hose war. Man exhumierte seinen Leichnam und im November 1967, im Rahmen eines Staatsaktes, wurde Feinberg feierlich auf dem Herzlberg in Jerusalem beigesetzt. Dabei wurde auch die Dattelpalme geborgen und an seiner Grabstelle neu eingepflanzt.

Dattelpalme über dem Grab von Avshalom Feinberg.
Dattelpalme über dem Grab von Avshalom Feinberg. Foto צילום:ד“ר אבישי טייכר, CC BY 2.5, Link

Nach Sarahs Tod, wurde sie für viele Anhänger der rechten „Bet’ar“ Bewegung zum Märtyrer. Wegen dem jüdischen Verbot, Selbstmord zu verüben, wurde Aaronsohn eine traditionelle Bestattung auf einem jüdischen Friedhof verweigert. Die Ablehnung eines jüdischen Begräbnisses für einen jüdischen Kriegshelden war natürlich unpopulär. Als Kompromiss wurde ein kleiner Zaun um ihr Grab auf dem Friedhof gelegt, und der Grabstein ist nur mit ihrem Vornamen “Sarah“ beschriftet. . Die Bet’aristen sahen in ihr eine nationale Heldin, die im Kampf für das jüdische Volk starb. Ab 1935 begannen sie, jährliche Pilgerfahrten zu ihrem Grab auf dem Friedhof von Zichron Ja’akov zu organisieren und idealisierten sie als „Heldin von NILI.“ Dies erhöhte Sarah zu einem Symbol eines aktivistischen Nationalismus. Nicht wenige sahen in ihr eine Art „jüdische Jeanne d’Arc.“

Aus Sarahs Briefen kann man unmissverständlich ihr unabhängiges Denken herauslesen, aber auch die Weigerung, vorgeschriebene Rollen für Frauen zu übernehmen. Ihr vorsätzlich inszenierter Selbstmord ist der erste Tod einer säkularen jüdisch-zionistischen Frau in der Neuzeit für „Eretz Israel,“ die sowohl im geschichtlich-religiösen Märtyrertum als auch in der in Palästina etablierten zionistischen Tradition beispiellos war.

Nationalheldin

Obwohl die Agenten von NILI lange vor der Staatsgründung Israels einen Teil dazu beigetragen haben, dass 31 Jahre später der jüdische Staat in Palästina entstehen sollte, waren die NILI Erfolge jahrzehntelang unbekannt. Die jüdische Gemeinschaft des britischen Mandats Palästina und später des Staates Israel sahen in den Tätigkeiten Sarah Aaronsons und der NILI- Gefolgschaft eine Art „Verantwortungslosigkeit“, weil die NILI-Operationen nicht mit der zionistischen Führung koordiniert wurden und dadurch den „Jishuv (die jüdische Gemeinde in Palästina)“ gefährdeten. Die Angelegenheit fand im November 1967 offiziell seinen Frieden, als Feinbergs Überreste auf dem Berg Herzl mit vollen militärischen Ehren beigesetzt wurden und die Beisetzung von höchster politischer und militärischer Führung geehrt wurde. In Zichron Ja’akov beherbergt das Aaronsohn Haus das im Jahre 1955 gegründete Nili-Museum zum Gedenken an das erste jüdische Spionagenetzwerk der Neuzeit im heiligen Land.

Sarah Aaronsohns Grab (rechts) und das Grab ihrer Mutter auf dem Zikhron-Friedhof in Israel.
Sarah Aaronsohns Grab (rechts) und das Grab ihrer Mutter auf dem Zikhron-Friedhof in Israel. Foto Rebkos CC BY-SA 3.0, Link

Im heutigen Israel hat Sarah Aaronsohn ihren Platz in den Geschichtsbüchern gefunden. Nach dem Sechstagekrieg von 1967 wurde sie und die Untergrundorganisation NILI in der zentralen, staatlich geförderten Verehrung rund um moderne jüdische Helden und in der Kinderliteratur verewigt. Im Schulunterricht wird sie als Nationalheldin gefeiert und zu ihrem Todestag besuchen viele Israelis ihr Grab in Zichron Ja’akow, um an eine grosse Frau zu erinnern.

Tal Leder ist Doktorand der Politischen Wissenschaften an der Humboldt Universität Berlin und beschäftigt sich in seiner Dissertation u. a. mit dem Syrischen Bürgerkrieg. Er ist als Sohn israelischer Eltern in Deutschland geboren und in Nürnberg und Frankfurt/ M. aufgewachsen. In den 1990er Jahren leistete er freiwillig seinen Armeedienst bei der Nahal- Brigade in der IDF und lebt seit Dezember 2006 mit seiner Belgischen Frau in Tel Aviv. Tal Lederschreibt regelmässig für verschiedene Medien, unter anderem für die „Jüdische Rundschau“ und „Jüdische Allgemeine.“ Zudem ist er auch als Freiberuflicher Producer bei Dokumentarfilmen, sowie auch für israelische und deutsche TV- Sender tätig.

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