Foto Screenshot Youtube
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Der Giro d’Italia, welcher zu den drei berühmtesten Radrennen der Welt zählt, wird in diesem Jahr in Israel starten. Die Italien-Rundfahrt wird am 04. Mai in Jerusalem beginnen, wo alle Rennfahrer am Yad Vashem Museum vorbeifahren werden, um dem „Gerechten unter den Völkern,“ der italienischen Radsportlegende „Gino Bartali“, Tribut zu zollen.

 

„Avanti, avanti Ginettaccio…,“ riefen einst die Menschen voller Leidenschaft und Inbrunst in jedem Dorf und an jeder Strassenkreuzung während des berühmten Giro d’Italia ihrem Idol, der Radsportlegende Gino Bartali, zu. Jenem konservativen Mann aus Florenz, den man durch die Unterstützung des Vatikans, „Il Pio“ (italienisch für ‚der Fromme‘), nannte und der sich sehr für den ländlicheren, unterentwickelten Süden des Landes stark machte.

Jede Sportart schreibt seine eigenen Geschichten und Helden, und davon bleiben viele für immer unsterblich. So auch der gebürtige Florentiner und dreimalige Sieger der Italien-Rundfahrt, der zusätzlich zu seinen sportlichen Spitzenleistungen auch zu den mutigen Helden des Zweiten Weltkrieges gehörte: zu der Gruppe von Menschen nämlich, die nicht wegschauten, als die italienischen Juden nach September 1943 von Benito Mussolini, dem Duce del Fascismo („Führer des Faschismus“) der deutschen Deportationsmaschine ausgeliefert wurden, sondern dem Faschismus die Stirn boten und dabei zu den „Gerechten unter den Völkern“ wurden.

Giro d’Italia erstmals in Israel

Bei der diesjährigen 101. Austragung des prestigeträchtigen Wettbewerbs wird die erste Etappe zu Ehren von „Il Pio“ gefahren. Denn dieses renommierte Radrennen, welches neben der „Tour de France“ und der „Vuelta a España“ zu den drei grössten der Welt gehört, wird 2018 zu aller Überraschung nicht in den Hügeln der Toskana oder in den Alpen beginnen, sondern auf den Strassen von Jerusalem, der Hauptstadt Israels.

Auch wenn es das erste Mal ist, dass eine der drei historischen „Grandtouren“ über Europa hinaus startet, begann der Giro d’Italia in der Vergangenheit schon insgesamt zwölfmal im Ausland, zuletzt 2016 in den Niederlanden, 2014 in Nordirland und 2012 in Dänemark.

Die berühmtesten Rennfahrer der Welt, die der Radsport aktuell zu bieten hat, werden dieses Jahr beim legendären Giro d’Italia – der erstmals im Jahr 1909 organisiert wurde und 21 Etappen beinhaltet – die ersten drei Etappen in Israel fahren und dort um den jeweiligen Tagessieg ringen. Ihre Tour wird mit einem zehn-Kilometer-Einzelzeitfahren in Jerusalem beginnen, bevor es dann am nächsten Tag über 167 km von Haifa nach Tel Aviv weitergeht. Der Abschluss des Abstechers nach Israel wird dann am 06. Mai 2018 über hügelige 226 km von Be’er Scheva nach Eilat am Roten Meer gehen.

Doch die Entscheidung des internationalen Radsportverbandes, dass der „Giro“ mit den ersten drei Etappen in Israel beginnen wird, wurde von vielen Sponsoren und Nationen von Anfang an sehr kritisch betrachtet. Allen voran von Staaten, welche Israel nicht sehr freundlich gegenüberstehen, sowie sämtliche Gruppen, die Israel der Besatzung und Apartheid beschuldigen. Doch die Organisatoren der Italien-Rundfahrt erklärten immer wieder, dass die Route kein Gebiet durchqueren wird, dass von der internationalen Gemeinschaft als besetzt angesehen wird. Das bedeutet, dass die Route das Westjordanland um Judäa und Samaria- und den Ostteil von Jerusalem umgehen wird. Also auch die Altstadt mit den heiligen Stätten für Juden, Christen und Moslems.

Auch Renndirektor Mauro Vegni erwähnte in einer Pressekonferenz, dass er sich der politisch heiklen Bedeutung des Rennens in Israel bewusst sei, und dass er den Kurs deshalb unter der Anleitung des italienischen Aussenministeriums erstellt habe: „Wir wollen, dass es sich hier um eine reine Sportveranstaltung handeln soll, fernab von jeder politischen Diskussion.“

Brennpunkt Jerusalem

Doch beim Umgang mit Jerusalem ist es trotzdem schwierig die Politik zu vermeiden, denn Israel betrachtet den Ostteil von Jerusalem als einen untrennbaren Teil seiner Hauptstadt, während die Palästinenser dieses Gebiet als ihre Hauptstadt beanspruchen. Die widersprüchlichen und emotionalen Ansprüche an diesen Ort, der die für alle drei Religionen heiligen Stätten der Stadt beheimatet, liegen im Zentrum des israelisch- arabischen Konflikts und erschweren oft alltägliche Angelegenheiten in anderen Teilen der Stadt.

Dem israelischen Aussenministerium war die heikle Lage bewusst, worauf es den italienischen Organisatoren half, den politischen Kontext besser zu verstehen und sicherzustellen, dass die Routen innerhalb der sogenannten Grünen Linie (der Grenze des Waffenstillstandes vom Israelischen Unabhängigkeitskrieges 1948/ 49) liegen wird.

Eine der treibenden Kräfte, den Giro d’Italia nach Israel zu bringen, ist der 58-jährige kanadische Immobilien-Tycoon, Sylvan Adams, der erst im letzten Jahr von Montreal nach Israel ausgewandert ist. Selbst ein versierter Radrennfahrer, der zahlreiche Meistertitel in seinem Geburtsland errungen hat, engagiert er sich sehr bei der Entwicklung des israelischen Radsports und hat sogar ein Fahrradnetzwerk in Tel Aviv ins Leben gerufen, um die „erste hebräische Stadt“ in das Amsterdam des Nahen Ostens zu verwandeln.

Adams und weitere Sponsoren ermöglichten die Italien-Rundfahrt zum ersten mal ausserhalb Europa und nach Israel zu bringen. Doch als im September 2017 der Giro-Organisator „RCS Media Group,“ welche für viele grosse Strassenradsportveranstaltungen in Italien verantwortlich ist, die Route in Jerusalem präsentierte, wurde die Gastgeberstadt der ersten Etappe unerwartet als „West-Jerusalem“ aufgeführt.

Von der israelischen Sportministerin Miri Regev und Tourismusminister Yariv Levin kam sofort Kritik auf und Israel drohte sogar, sich von ihrer Partnerschaft des Radrennens zurückzuziehen, wenn sich der Wortlaut nicht ändern würde: „In Jerusalem, der Hauptstadt Israels, gibt es keinen Osten oder Westen, sondern nur ein vereintes Jerusalem,“ hiess es aus Regierungskreisen. Und fügten noch hinzu, „dass der Giro Israels Geschichte, Erbe, seine zauberhafte Aussicht und die heiligen Stätten fördern würde“. Der Bürgermeister von Jerusalem, Nir Barkat, fasste es treffend zusammen: „Unsere Botschaft an die Welt ist klar: Jerusalem ist die Hauptstadt des Staates Israel und offen für alle.“

Einen Tag später kam umgehend die Erklärung von „RCS Sport“ und sie veröffentlichten die Mitteilung, dass der Start der Giro d’Italia in der „Stadt Jerusalem“ stattfinden wird.

Doch bei aller politischen Korrektheit, die man bei der Durchführung solch grosser Sportveranstaltungen in Israel beachten muss, wird das Einzelzeitfahren in Jerusalem mit Sicherheit an einem Ort vorbeiführen: dem Yad Vashem Museum, welches die bedeutendste Gedenkstätte der „Shoa“ ist. Dort werden auch die „Gerechten unter den Völkern geehrt“ und wie bereits erwähnt, wird im Mittelpunkt der ersten Giro-Etappen das Gedenken an die italienische Radsportlegende Gino Bartali stehen.

Gino Bartali

„Il Pio“, wie man ihn auch nannte, wurde am 18. Juli 1914 in Ponte a Ema bei Florenz geboren. Als Sohn eines Kleinbauers fing er im Alter von 13 Jahren mit dem Radsport an, als er nebenbei in einem Fahrradgeschäft aushalf. Mit 21 wurde er Profi, war bis 1953 aktiv und galt als der beste Bergfahrer seiner Zeit. Zweimal gewann „Ginettaccio“ die Tour de France (1938 und 1948), sowie dreimal den Giro d’Italia (1936, 1937 und 1946).

Der faschistische Führer des Landes, Benito Mussolini (Il Duce), wollte Bartali nach seinen Erfolgen für seine Propaganda benutzen: Bartali wäre ein geeignetes Symbol des Nationalstolzes und des faschistischen Ansehens gewesen. Als „Il Pio“ aufgefordert wurde, seinen ersten Sieg bei der Frankreich-Rundfahrt Mussolini zu widmen, lehnte er dies jedoch ab und beleidigte damit den italienischen Führer. Dieser hatte noch während der Tour ein Manifest veröffentlicht, welches später dazu führte, dass die Juden Italiens ihre Rechte sowie ihre Staatsbürgerschaft verlieren sollten.

Italien blieb jedoch ein Staat, in dem Juden zu Beginn des Krieges Zuflucht finden konnten, bis es sich 1943 den alliierten Streitkräften ergab. Die deutsche Armee besetzte daraufhin die nördlichen und zentralen Teile des Landes und Mussolinis Herrschaft wurde zu einer Nazi-Marionettenrepublik, die sofort damit begann, jüdische Bürger aufzuspüren und sie dann in die Konzentrationslager zu schicken.

Gino Bartali 1945. Foto PD
Gino Bartali 1945. Foto PD

Hier schlug die Stunde von Bartali. Und es sollte zu seiner grössten Errungenschaft ausserhalb des Radsports werden. Denn zu diesem Zeitpunkt wurde er, als sehr frommer Katholik, vom Kardinal von Florenz, Erzbischof Elia Dalla Costa, gebeten, sich dem geheimen jüdisch-christlichen Netzwerk anzuschliessen, welches der Geistliche zusammen mit Rabbi Nathan Cassuto leitete, und welche den verfolgten Juden und anderen gefährdeten Menschen Schutz und eine sichere Durchfahrt boten. Dabei organisierte Dalla Costa Kirchen und Klöster, die während der deutschen Besatzung als Zufluchtsort für mehrere Hundert Juden dienen sollten. Der Kardinal – der im Jahre 2012 in Yad Vashem auch als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt wurde – veranlasste Bartali, gefälschte Ausweispapiere an Juden zu verteilen, die Gefahr liefen, in Konzentrationslager deportiert zu werden.

Und so riskierte „Il Pio“ während des Holocaust sein eigenes Leben und das seiner Familie, um über 800 italienische Juden vor den Nazis zu retten.

Ich bin nur ein Radfahrer.

In der sehr gut recherchierten Biografie „Road to Valor (deutsch: Strasse zur Tapferkeit),“ von den Geschwistern Aili und Andres McConnon, wird genau beschrieben, wie er sein Training als eine Art „Kurier“ nutzte um durch das Land zu fahren, was anderen Personen verboten war, da die Bewegung generell eingeschränkt war und Verdacht erweckte. Er radelte in der Toskana, bis nach Umbrien und sogar manchmal bis nach Rom. Dabei fuhr er zuerst zu den Klöstern, wo er Fotos von den versteckten Juden holte. Die Fotos und andere Papier schmuggelte er dann zur geheimen Druckerpresse, wo mit den Fotos gefälschte Identitätsdokumente angefertigt wurden, die Bartali dann wieder den jüdischen Flüchtlingen in den Klöstern zurück brachte. Die Fotos und Dokumente versteckte er jeweils im Hohlraum des Velorahmens, unter dem Sitz und im Lenkerbügel. „Sollte er von den Nazis angehalten werden, würde er ihnen sagen, wie wertvoll sein Fahrrad sei und es daher niemand anfassen dürfte, weil es für den Rennsport gebaut wurde und er es zu seinem täglichen Training brauchte,“ erzählt Andres McConnon.

Tatsächlich haben Historiker erst kürzlich die Heldentaten der Radsportlegende dokumentiert, wie er all die Unterlagen, Fotos und Botschaften an die italienische Widerstandsbewegung schmuggelte, während er das italienische Renntrikot mit seinem Namen trug und vorgab zu trainieren. Weder die faschistische Polizei noch die deutschen Truppen hielten ihn fest. Man wollte keine Unzufriedenheit in der Bevölkerung riskieren. Nur einmal wurde er kurz verhaftet und in seinem Heimatort Florenz verhört. Aber der Polizeichef holte nichts aus ihm heraus. Danach tauchte er sogar eine Zeit lang unter und lebte inkognito in der Stadt Citta Di Castello in Umbrien.

Doch Bartali sollte sich nicht nur als Kurier betätigen. Bei den Recherchen zu „Road to Valor“ sollte sich herausstellen, dass Bartali die befreundete jüdische Familie Goldenberg im Keller seines Hauses bis zur Befreiung von Florenz 1944 versteckte, um ihr Leben zu retten.

Ebenso kamen weitere Geschichten ans Licht. So half „Ginettaccio“ im Jahre 1943 einigen jüdischen Flüchtlingen in die Schweizer Alpen zu fliehen, indem er sie in einem kleinen Wagen mit einem geheimen Abteil versteckte, das er unter dem Vorwand, es für das Training zu brauchen, mit seinem Fahrrad zog.

Als die Organisation „DELASEM – ein Netzwerk, welches jüdischen Italienern vor der Verfolgung half – im Herbst 1943 aufflog und alle Mitglieder in ein Konzentrationslager geschickt wurden, traf er Papst Pius XII und kam so in den Kontakt mit dem Erzbischof von Genua. Mit seiner Hilfe und jener von Franziskanern und einigen weiteren Geistlichen, reorganisierte er die jüdische Organisation und half dabei 800 Juden zu entkommen.

Der Dokumentarfilm „My Italian Secret: The Forgotten Heroes,“ des US-amerikanischen Filmemachers Oren Jacoby, erzählt die Geschichte der Rettung Tausender italienischer Juden während des Zweiten Weltkriegs durch gewöhnliche und auch prominente Italiener, darunter dem Radprofi Gino Bartali.

„Er wollte nicht für das gewürdigt werden, was er getan hatte und lehnte es ab, seine Taten als heroisch zu betrachten. Nur wenige, denen er geholfen hatte, kannten seinen Namen oder die Rolle, die er bei ihrer Rettung gespielt hatte,“ erzählt Jacoby und fügt noch ergänzend hinzu, dass „ungefähr 80 % der italienischen und geflüchteten Juden, die vor dem Zweiten Weltkrieg in Italien lebten, vor allem durch die Bemühungen italienischer Sympathisanten überlebten.“

Bei einem BBC-Interview vor einigen Jahren erklärte Bartali’s Sohn Andrea, dass sich sein Vater selber nie öffentlich über seine geheimen Kriegsaktivitäten äusserte, die er angeblich auf Geheiss des Erzbischofs von Florenz ausgeführt hatte. Immer wieder habe er ihm nur ein bisschen davon erzählt.

„Als ich meinen Vater fragte, warum ich es niemandem sagen könne“, erzählte Andrea, „antwortete er mir, dass ich Gutes tun müsste, aber nicht darüber reden dürfte. Wenn ich darüber spreche, nützte ich das Unglück anderer für mich selber.“

Im Jahre 2013 wurde Bartali von Yad Vashem, dem Holocaust-Gedenkzentrum in Jerusalem, der Titel „Gerechter unter den Völkern“ verliehen, welches sein Sohn Andrea Bartali stellvertretend für ihn entgegennahm. „Wenn Leute stets zu ihm sagten, ‚Gino, du bist ein Held‘, antwortete er: ‚Nein, nein – ich möchte nur für meine sportlichen Erfolge in Erinnerung bleiben. Wirkliche Helden sind andere, diejenigen, die in ihrer Seele gelitten haben, in ihrem Herz, in ihrem Geist, in ihren Gedanken, für ihre Lieben. Das sind die wahren Helden. Ich bin nur ein Radfahrer.“

„Gino Bartali, indimenticato.“

Während des Zweiten Weltkrieges gab es einige „Gerechte unter den Völkern“ wie „Gino Bartali“ und doch leider auch viel zu wenige. Anfangs Januar 2017 betrug ihre Zahl insgesamt 26’513. Darunter befanden sich unter anderem  5595 Niederländer, 3995 Franzosen, 1731 Belgier, 601 Deutsche, 682 aus Italien, 49 Schweizer und 109 Österreicher.

Italiens Sportminister Luca Lotti fasste die diesjährige Giro d’Italia perfekt zusammen: „Ein Aspekt, auf den ich besonders stolz bin, ist die Tatsache, dass diese Ausgabe des Giro d’Italia die Erinnerung an den grossen Gino Bartali feiert. Es ist wunderbar, dass er hier in Jerusalem in Erinnerung bleibt, weil der grosse „Ginettaccio“ nicht nur ein grossartiger Sportchampion war. Er war auch ein ausserordentlicher Sieger des Lebens und ein Mann mit heroischen Tugenden, und dies sollten wir stets gedenken und teilen, besonders die jüngere Generation. Er bleibt unvergessen.“ Der Held, der doch Mensch geblieben ist: „Gino Bartali, indimenticato.“

Über Tal Leder

Tal Leder, wurde 1973 als Sohn israelischer Eltern in Deutschland geboren wuchs hauptsächlich in Frankfurt am Main auf. Seit Ende 2006 lebt er als freier Autor in Tel Aviv und schreibt regelmässig für verschiedene Medien, unter anderem für "Audiatur-Online", die "Jüdische Allgemeine" und "Jungle World." Er ist Doktorand der Politischen Wissenschaften an der Humboldt Universität Berlin und beschäftigt sich in seiner Dissertation u. a. mit dem Syrischen Bürgerkrieg. Zudem ist er auch als Freiberuflicher Producer bei Dokumentarfilmen, sowie auch für israelische und deutsche TV- Sender tätig.

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1 KOMMENTAR

  1. Sehr guter Artikel. Eine Frage, wurden die 6,706 polnischen Gerechten unter den Völkern nur „zufällig vergessen“? Es ist immerhin die grösste Gruppe…

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