Der Fernsehsender Euronews erreicht mehr Zuschauer als CNN International und CNBC International. Im Jahr 2015 erwarb der ägyptische Milliardär Naguib Sawiris die Mehrheit an dem Unternehmen und expandiert Richtung Mittlerer Osten und Afrika. Die Nahost-Berichterstattung ist konsequent israelfeindlich.

 

von Florian Schwab

Vor wenigen Tagen wurde in Kuala Lumpur, Malaysia, der bekannte Hamas-Ingenieur Mohammad al-Batsh durch Schüsse getötet. Die Terrororganisation und die Familie des Toten beeilten sich, den Mossad für die Tat verantwortlich zu machen. Israels Verteidigungsminister Avigdor Lieberman stellte eine Beteiligung des Mossad in Abrede. Über die Angelegenheit berichtet der Nachrichtensender Euronews wie folgt:

„Ein Onkel des Toten sagt, der israelische Geheimdienst Mossad stecke hinter der Ermordung vieler gebildeter Leute, denn diese seien diejenigen, die Palästina befreien würden. Sein Neffe sei ein palästinensischer und arabischer Wissenschaftler gewesen und habe von Malaysias Ministerpräsident einen Preis für seine Arbeit im Fach Elektrotechnik erhalten, sagt der Angehörige.“

In dem Euronews-Beitrag wird die These von der Mossad-Beteiligung unkritisch wiedergegeben. Keine Erwähnung finden das israelische Dementi sowie die Tatsache, dass der Getötete offenbar für die Terrororganisation Hamas Raketen entwickelt hat.

Ähnlich einseitig fällt die Behandlung des 70. Jahrestages der Gründung Israels aus. Am 19. April berichtet Euronews unter dem Titel „Palästinenser gedenken der Nakba“, im Zuge der Staatsgründung sei es zur „Vertreibung von Hunderttausenden aus Palästina im Jahr 1948“ gekommen. Bereits eine Woche früher hatte der Sender mit Bezug auf Ausschreitungen im Gazastreifen getitelt: „70 Jahre Israel, 70 Jahre Palästinenservertreibung“. Allerdings ist unter Historikern umstritten, ob und in welchem Ausmass man von Vertreibungen sprechen kann. Arabische Führer hatten die auf dem Gebiet Israels lebenden Araber aufgerufen, das Land zu verlassen und von aussen zu bekämpfen.

Bereits 2016 ist Euronews durch einseitige Israel-Berichterstattung aufgefallen. Der Sender hatte getitelt, israelische Soldaten hätten den Fahrer eines Lieferwagens erschossen, ohne zu erwähnen, dass der Mann sein Fahrzeug absichtlich in eine Gruppe israelischer Soldaten gelenkt hatte. Nachdem Kritik laut wurde, korrigierte Euronews die Nachricht.

Trotzdem werden Nahost-Themen bei Euronews bis heute, so scheint es, konsequent aus palästinensischer Perspektive dargestellt. Beim Einspielen von O-Tönen kommen fast nur Palästinenser zu Wort und auch der Hamas-Flagge wird viel Bildraum eingeräumt.

Der Eindruck verstärkt sich, wenn man das arabischsprachige Angebot des internationalen Nachrichtensenders betrachtet (hier mit Google Translate übersetzt). Ein paar Kostproben:

Mit solchen Nachrichten erreicht Euronews laut eigenen Angaben 456 Millionen Haushalte weltweit. In der Region Europe, Middle East & Africa schauen jeden Monat 299 Millionen Menschen zu und damit mehr als bei CNN International (188 Millionen) und CNBC International (134 Millionen).

25,5 Millionen Euro aus der EU-Kommission

Der Sender beschäftigt 400 Journalisten und wird jährlich mit 25,5 Millionen Euro aus Mitteln der EU-Kommission unterstützt, was rund einen Drittel seiner Einnahmen deckt.

Für die Schlagseite in der Israel-Berichterstattung gibt es institutionelle Erklärungen. Gegründet wurde Euronews im Jahr 1992 als Verbund von zehn öffentlich-rechtlichen Sendern. Nebst neun europäischen Häusern war die Ägyptische ERTU vertreten. Erklärtes Ziel der Gründung: Ein Gegengewicht zur amerikanischen CNN als 24-Stunden-Nachrichtenkanal bilden.

Später kamen weitere Aktionäre hinzu, darunter auch ENTV aus Algerien, ERTT aus Tunesien, SNRT aus Marokko und TRT aus der Türkei. Von den zwanzig staatlichen Rundfunkanstalten, die heute noch Anteile an Euronews halten, stammen vier aus muslimisch geprägten Ländern. Dagegen sind weder Israel noch Deutschland vertreten. Die französische France Télévision und die Spanische RTVE haben sich zwischenzeitlich zurückgezogen.

Schweiz mit herausragender Rolle

Der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG SSR) kommt unter den 20 öffentlichen Stationen, die bei Euronews investiert sind, eine herausragende Rolle zu. Sie war bis 2015 der viertgrösste öffentliche Investor, nach der italienischen RAI, RTR aus Russland und TRT aus der Türkei. (RTR zog sich 2017 aus Euronews zurück.)

Die Mehrheit an Euronews halten mittlerweile nicht mehr die öffentlichen Rundfunkanstalten. Im Jahr 2015 verkauften sie für 35 Millionen Euro eine 53-Prozent-Mehrheitsbeteiligung an das Media Globes Netzwork von Naguib Sawiris, einem ägptischen Milliardär und Bruder des Andermatt-Investors Samih Sawiris. Der Repräsentant der SRG bei Euronews und heutige Generaldirektor der SRG SSR, Gilles Marchand, freute sich auf seinem Weblog über den Geldgeber. „In Zeiten der Austerität“ brauche es für Investitionen frisches Geld. Er zelebrierte die Eröffnung des neuen Euronews-Hauptsitzes in Lyon, designt von den Stararchitekten Jakob+MacFarlane, auf 10 000 Quadratmetern, sechs Stockwerken und einer Redaktion von 450 Quadratmetern.

Der Euronews-Hauptsitz in Lyon. Foto Lydie22, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=45276721

Letztes Jahr erwarb die amerikanische NBC News weitere 25 Prozent an dem Unternehmen für 25 Millionen Euro, wobei Sawiris seinen Anteil auf 6o Prozent ausbaute. Der Anteil der öffentlich-rechtlichen Teilhaber beläuft sich damit nur noch auf 15 Prozent.

Die SRG besitzt nach eigenen Angaben noch 1,3 Prozent, womit sie nach wie vor einer der grösseren Aktionäre von der Gruppe der Rundfunkanstalten ist. Weitere Details zu ihrem finanziellen Engagement bei Euronews verrät die SRG auf Anfrage nicht. Und auch zur fragwürdigen Nahost-Berichterstattung äussert sie sich nur verklausuliert: „Euronews hat zur Qualitätskontrolle ein eigenes, regelmässig tagendes Board, welches sich diesen Themen und Feedbacks annimmt und damit laufend zur Verbesserung der redaktionellen Arbeit des Senders beiträgt.“

Euronews-Besitzer Naguib Sawiris ist ein koptischer Christ und Initiant der liberal-säkularen Partei Al Masreyeen Al Ahrrar (Partei Freier Ägypter). Er galt als Kritiker des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi, unter dessen Regentschaft er kurzzeitig das Land verliess. Später plädierte er allerdings gegenüber Foreign Policy dafür, die Muslimbruderschaft „wieder ins politische Spiel aufzunehmen“.

Sawiris’ Haltung zum Nahost-Konflikt ist nicht im Detail bekannt. Einerseits verbietet die koptische Kirche Ägyptens ihren Gläubigen Reisen nach Israel. Das Verbot wurde im Anschluss an den Krieg von 1967 durch Papst Cyril VI ausgesprochen und später durch seinen Nachfolger Papst Shenouda III erneuert. Im Gegensatz dazu hat Sawiris’ politische Partei in einem Statement festgehalten, Israel sei „nicht der Feind“. Sawiris selbst kritisierte auf Twitter US-Präsident Donald Trump für die Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem.

Sein Interesse an Euronews bezeichnete der ägyptische Tycoon an öffentlichen Auftritten als geschäftlich. Euronews sei ein „unterbewertetes Asset“ gewesen. Mittelfristig möchte Sawiris den Kanal betriebswirtschaftlich so fit machen, dass er auf die Gelder aus Brüssel verzichten kann.

Mittel dazu ist offenbar auch eine Wachstumsstrategie im arabischen Raum. 2016 startete Euronews ein afrikanisches Angebot namens Africanews. Gegenüber der TAZ sagte Euronews-Chef Michael Peters, es gehe darum, vom „weissen Blickwinkel“ in der Berichterstattung wegzukommen. Vor wenigen Wochen wurde ein Büro in Abu Dhabi eröffnet.

Laut Guardian ist Sawiris der Überzeugung, ein Medien-Kanal könne nur dann erfolgreich sein, „wenn er beide Seiten präsentiert“. Wenn er aber „nur eine Seite präsentiert, oder Einfluss nimmt, indem er die Sicht einiger Leute unterdrückt, dann ist es kein respektabler Kanal und verliert an Glaubwürdigkeit.“ Vergisst Euronews beim Thema Israel die Mahnung seines Besitzers?

Euronews liess eine Anfrage zum Thema bislang unbeantwortet.

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