Wenn man den Fürsprechern und Unterstützern der Palästinenser, die ausserhalb des Nahen Ostens leben, überhaupt Beachtung schenkt, dann könnte man den Eindruck bekommen, dass das Interesse der Palästinenser im Westjordanland und dem Gazastreifen in erster Linie dem Siedlungsbau, Boykotts, „Besetzung“, Angriffen auf Israel und der Erlangung einer Zwei-Staaten-Lösung gilt.

von Mitchell Bard, The Algemeiner

Man muss sich allerdings fragen, ob diese Aktivisten jemals mit den Palästinensern reden, die in diesen Gebieten leben – denn wenn diese in Umfragen um ihre Meinung gefragt werden, stellt sich heraus, dass sich ihre tatsächlichen Ansichten doch sehr von den ihren unterscheiden.

Das Palästinensische Zentrum für Politik und Meinungsumfragen (PSR) fand bei seiner diesen Monat durchgeführten, aktuellen Befragung heraus, dass „eine überwältigende Mehrheit der palästinensischen Öffentlichkeit um die Zukunft der bürgerlichen Freiheiten in Palästina besorgt ist.“ Mahmoud Abbas im Westjordanland und die Hamas im Gazastreifen verweigern den Palästinensern ihre grundlegenden Bürgerrechte: das Recht auf freie Meinungsäusserung, Religionsfreiheit sowie Presse- und Versammlungsfreiheit. Frauenrechte sind faktisch nicht existent, und es gibt keinerlei Toleranz gegenüber Palästinensern mit LGBTQ-Ausrichtung.

Wie ich schon früher geschrieben habe, gehen die Fürsprecher, denen das Wohlergehen der Palästinenser doch angeblich so sehr am Herzen liegt, nie für die Rechte der Palästinenser auf die Barrikaden, wenn eben diese Rechte von der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) mit Füssen getreten werden. Ebenso wenig kritisieren sie je die autoritäre Herrschaft Abbas‘. Wie lange ist es her, dass sich das American-Arab Anti-Discrimination Committee, das Arab American Institute, die Students for Justice in Palestine, Jewish Voice for Peace, der Council on American–Islamic Relations (CAIR) oder irgendeine andere pro-palästinensische Gruppierung gegen diesen Missbrauch ausgesprochen hat? All diese Organisationen melden sich erst dann wieder zu Wort, wenn sie in irgendeiner Weise die Juden anprangern können – weil sie zur Unterstützung der Palästinenser schlicht und einfach anti-israelische Propaganda bevorzugen.

Die von ihren Anführern unterdrückten Palästinenser wissen es jedoch besser. Während ihre Fürsprecher im Ausland ihre Meinung frei äussern können – dies jedoch nicht tun – werden Journalisten und Aktivisten in den Palästinensergebieten mit schöner Regelmässigkeit verhaftet. Mehr als 80 % der Befragten gaben an, die PA habe nicht das Recht, Aktivisten festzuhalten wie z. B. Issa Amro, der verhaftet und Berichten zufolge zusammengeschlagen wurde, weil er die Festnahme des palästinensischen Journalisten Ayman al-Qawasmi durch die PA kritisiert hatte. Die meisten Palästinenser geben allerdings zu, dass sie Angst haben, Kritik an der Palästinensischen Autonomiebehörde zu üben.

Das grösste Problem: Armut und Arbeitslosigkeit

Auf die Frage, was sie für das grösste Problem der palästinensischen Gesellschaft hält, nennt die Bevölkerung an erster Stelle Armut und Arbeitslosigkeit sowie zunehmende Korruption in öffentlichen Institutionen. Lediglich 23 % geben die Fortführung von Besetzungs- und Siedlungsaktivitäten als oberste Priorität an. Wann aber hat man zuletzt einen palästinensischen Aktivisten über Armut und Korruption reden hören?

Während Abbas als Reaktion auf israelische Aktionen regelmässig damit droht, die PA aufzulösen – als ob dies eine Bestrafung für die Israelis wäre – wünschen sich 50 % der Palästinenser, er würde dies tatsächlich tun, denn sie halten die PA für „eine Belastung für das palästinensische Volk.“ Ganze 67 % der Bürger wollen ausserdem, dass Abbas sein Amt niederlegt (80 % der Bewohner des Gazastreifens), und 65 % sind mit seiner Leistung als Präsident nicht zufrieden.

Von Israel-Kritikern hört man viel über die durch die Terroranschläge der Hamas ausgelöste Blockade des Gazastreifens, die Bewohner von Gaza sind jedoch zunehmend wütend auf Abbas. Laut der Umfrage, „distanzieren sich in bislang nie dagewesener Weise die Bewohner des Gazastreifens von der Fatah und der palästinensischen Führung“, wegen der von Abbas über den Gazastreifen verhängten Sanktionen, deren Ziel es war, die dort lebenden Menschen zu zwingen, sich gegen die Hamas aufzulehnen.

Angesichts der unter der PA herrschenden Bedingungen ist es nicht weiter verwunderlich, dass 43 % der im Gazastreifen und 22 % der im Westjordanland lebenden Palästinenser angeben, sie wollten in andere Länder auswandern. Beachtenswert ist ausserdem, dass man nie hört, dass Palästinenser oder deren Unterstützer dazu aufrufen, in die Gebiete der PA zu gehen, um den Staat aufzubauen oder für Unabhängigkeit zu kämpfen. Dies ist einer der vielen Unterschiede zum Engagement des jüdischen Volkes für sein Heimatland.

Fürsprecher der Palästinenser, die Friedensgesprächen und einer Zwei-Staaten-Lösung gegenüber tendenziell feindlich gesinnt sind, sind schon eher auf einer Linie mit dem palästinensischen Volk in den Palästinensergebieten. Nahezu Dreiviertel der palästinensischen Öffentlichkeit sind der Meinung, dass die Trump-Regierung nicht ernsthaft versucht, eine Friedensvereinbarung zu erreichen, und 55 % sind dagegen, eine Einladung der Regierung zur Wiederaufnahme der Verhandlungen mit Israel anzunehmen. Eine knappe Mehrheit (52-47 %) ist für die Zwei-Staaten-Lösung. 31 % bevorzugen eine Einstaatenlösung.

Eine positive Entwicklung in der Umfrage war die zunehmende Unterstützung von gewaltlosem Widerstand (immer noch nur 26 %), welche die Meinungsforscher dem erfolgreich auf Israel ausgeübten Druck zur Entfernung von Metalldetektoren am Eingangsbereich zum Tempelberg zuschreiben. Die Umfrage ergab jedoch auch, dass die Unterstützung von Gewalt zugenommen hat und dass 35 % der Öffentlichkeit der Ansicht sind, Gewalt sei das effektivste Mittel, um Unabhängigkeit zu erreichen. Noch bedrohlicher ist, dass – in Ermangelung von Friedensverhandlungen – 45 % für die Rückkehr zu einer bewaffneten Intifada sind.

Ein interessante Erkenntnis ist, dass die Palästinenser scheinbar eine realistischere Sicht auf die Wichtigkeit ihrer Sache für die arabische Welt entwickelt haben. Während einige Befürworter (und Arabisten) den Mythos aufrechterhalten, dass die Palästinenser-Frage für die Stabilität des Nahen Ostens von zentraler Bedeutung ist, glauben 77 % der Palästinenser, dass „die arabische Welt zu sehr mit ihren eigenen Angelegenheiten, internen Konflikten und dem Konflikt mit dem Iran beschäftigt ist und Palästina nicht mehr das wichtigste und primäre Anliegen der Araber ist.“

Israel-Befürworter werden bisweilen der blinden Unterstützung der israelischen Regierung beschuldigt, obwohl in Wirklichkeit kein Mangel an Israelis herrscht, die die Führung und die Politik des Staats kritisieren. Selbiges trifft allerdings nicht auf unsere palästinensischen Freunde zu.

Die selektive Empörung und Moral der Fürsprecher der Palästinenser ist erkennbar an ihrem Schweigen, wenn es um die schlechte Behandlung von Palästinensern durch ihre eigenen Führer geht. Diese verlogene Fixierung auf die realen und imaginären Verfehlungen Israels betont ihre Unehrlichkeit und zeigt, dass es den meisten weniger um das Wohlergehen der Palästinenser geht, als um die Dämonisierung, um nicht zu sagen, die Zerstörung von Israel.

Dr. Mitchell Bard ist Autor und Herausgeber von 24 Büchern, darunter das 2017 erschienene „Myths and Facts: A Guide to the Arab-Israeli Conflict“

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