Weltweit nimmt Antisemitismus in dramatischem Ausmass wieder zu: von Verbalattacken in Zeitungen und auf der Strasse, über körperliche Angriffe und die Verwüstung und Schändung jüdischer Einrichtungen bis hin zu Morden und Terrorattacken, wie sie sich vor allem gegen Israel richten. Neben Fragen der Prävention und Repression stellt sich immer wieder auch die nach der Erklärung: man muss versehen, was Antisemitismus ist, warum er die Antisemitinnen und Antisemiten zum Handeln motiviert, um aus diesem Wissen Gegenstrategien entwickeln zu können.

von Samuel Salzborn

Die theoretische Forschung in den Sozialwissenschaften hat hierzu hilfreiche Antworten formuliert, von diesen wird im Folgenden die Theorie von Jean-Paul Sartre skizziert, der den Zusammenhang von Weltanschauung und Leidenschaft im Antisemitismus betont, also hervorhebt, dass neben einer weltanschaulichen Haltung stets auch Emotionen eine Rolle spielen.

Jean-Paul Sartre ist einer der bekanntesten Philosophen des 20. Jahrhunderts, der immer wieder auch in sozialwissenschaftlich relevanten Feldern gearbeitet hat. In seinem Portrait de l’antisémite, das der französische Philosoph während des Nationalsozialismus verfasst hat und das 1945 erstmals erschienen ist, versteht Sartre den Antisemitismus als nicht aus der jüdischen Religion erklärbar, sondern aus dem Denken und Fühlen der Antisemiten, für die die Vorstellung von „dem Juden“ eine symbolische Funktion übernehme. Insofern müssen für Sartre zum Verstehen des Antisemitismus auch die Antisemiten in den Blick genommen werden, während die jüdische Religion oder das reale Verhalten von Jüdinnen und Juden letztlich irrelevant für die Entstehung von Antisemitismus ist – das zu betonen ist heute noch genauso wichtig wie bei der Erstveröffentlichung von Sartres Essay.

„Existierte der Jude nicht, der Antisemit würde ihn erfinden“

Sartres Essay beginnt mit der Feststellung, dass der Antisemit für sich das Recht einfordere, im Namen von Demokratie und Meinungsfreiheit den antijüdischen Kreuzzug zu predigen. Damit weist Sartre darauf hin, dass Antisemiten menschenverachtende und barbarische Rechte für sich unter dem Signet von Freiheit und Demokratie einfordern, also dass sie sich diejenigen gesellschaftlichen Strukturen zunutze machen, gegen die sie kämpfen. Sartre hält weiter fest, wodurch Antisemitismus nicht gekennzeichnet ist: Er ist keine Meinung, keine Erfahrung und keine historische Tatsache. Beim Antisemitismus handelt es sich deshalb um keine Meinung, da er auf die Vernichtung von Menschen zielt und nicht einfach ein in den Debatten zwischen Menschen verhandelbares Gut darstellt. Überdies basiert Antisemitismus auch nicht auf Erfahrung, da antisemitische Ressentiments gänzlich unabhängig von realen Kontakten von Antisemiten mit Jüdinnen und Juden artikuliert werden: „Die Erfahrung ist also weit davon entfernt, den Begriff des Juden hervorzubringen, vielmehr ist es dieser, der die Erfahrung beleuchtet; existierte der Jude nicht, der Antisemit würde ihn erfinden.“

Insofern ist für Sartre der Antisemitismus auch nicht von einem äusseren Faktor (der sozialen oder historischen Erfahrung) her erklärbar: Nicht der reale Jude, nicht das reale Verhalten von Jüdinnen und Juden, sondern „l’idée de Juif“, die Vorstellung, die sich der Antisemit vom Juden macht, sind bedeutsam. Sartre versteht Antisemitismus als Kombination aus Weltanschauung und Leidenschaft, als „synkretistische Totalität“, in deren Mittelpunkt die Idee vom Juden stehe. Der Antisemitismus entspringt der freien Wahl der Antisemiten, sich auf diese Weise die Welt zu erklären und der Leidenschaft, den eigenen Emotionen freien Lauf lassen zu wollen: „Der Antisemitismus ist eine freie und totale Wahl, eine umfassende Haltung, die man nicht nur den Juden, sondern den Menschen im allgemeinen, der Geschichte und der Gesellschaft gegenüber einnimmt; er ist zugleich eine Leidenschaft und eine Weltanschauung. Gewiss werden bei diesem Antisemiten bestimmte Merkmale ausgeprägter sein als bei jenem. Sie sind jedoch immer alle gleichzeitig vorhanden und bedingen einander. Diese synkretistische Totalität müssen wir jetzt zu beschreiben versuchen.“

Bei dieser Leidenschaft, die der Antisemit gegenüber den Juden entwickle, handelt es sich um Hass- bzw. Wutaffekte, die der tatsächlichen Realität vorausgehen und vermeintliche soziale oder historische Belege für das antisemitische Ressentiment nutzen. Das heisst, die Antisemiten machen sich auf die Suche nach realen oder fiktiven Belegen für ihre Positionen, um damit ihren Affekten in scheinbar berechtigter Form freien Lauf lassen zu können. Das Ziel ist ein Zustand heftiger Erregung, wie Sartre schreibt, wobei die Antisemiten selbst gewählt haben, sich in einen solchen Zustand heftiger Erregung – den der Wut und der Aggression – zu versetzen: „Da der Antisemit den Hass gewählt hat, müssen wir schliessen, dass er den leidenschaftlichen Zustand liebt.“

Die Ursache für diese Wahl der Leidenschaft und antisemitischen Begeisterung für den Hass sieht Sartre in einer Sehnsucht nach Abgeschlossenheit und einer Angst vor Veränderung. Der Antisemit will keine Veränderungen und keine Kontroversen oder Widersprüche, er will sich stattdessen nur auf das verlassen, was er als natürlich versteht – Gegebenheiten, die als angeboren begriffen werden, wobei das Erworbene und das Soziale verneint wird.

Die Antisemiten sehnen sich nach Krisenperioden, in denen gemeinschaftliche Urformen plötzlich wieder auftauchten und ihre Fusionstemperatur erreichten – um dann dem Wunsch nachgeben zu können, in der Gruppe zu verschmelzen und vom kollektiven Strom fortgerissen zu werden. Es ist, wie Sartre sagt, die antisemitische Sehnsucht nach der „atmosphère de pogrome“. Deshalb strebe der Antisemit auch nicht danach, eine soziale Ordnung konstruktiv zu verändern, sondern im Gegenteil danach, politische Unordnung zu stiften und zu provozieren, um die demokratische soziale Ordnung zugunsten einer primitiven Gemeinschaftsordnung unter Ausschluss der Juden zu zerstören. Zugleich geht dieser Destruktionswille einher mit einer ausgeprägten Furcht vor dem, was als jüdisch phantasiert wird.

„Sartre sieht den Antisemitismus als eine Furcht vor dem Menschsein“

Sartre sieht den Antisemitismus als eine Furcht vor dem Menschsein, die von antisemitischer Seite durch eine strikte Abgezogenheit von der Aussenwelt mit ausbleibender Realitätsprüfung der eigenen Weltsicht strukturiert wird, bei denen die Antisemiten auf eine nicht vorangegangene Aktion oder Äusserung (die eben lediglich von ihnen phantasiert wurde bzw. wird) (schein-)reagieren, wobei als „Jude“ oder „Jüdisch“ auch Menschen oder Eigenschaften deklariert werden können, die es real nicht sind. Weil dieser Prozess auf antisemitischer Seite mit der Formierung einer Idee des Jüdischen stattfindet, für die jüdische Kultur, Religion oder Geschichte zwar als Transparenzfolie dienen, aber letztlich willkürlich entstellt oder auch neu generiert werden, hält Sartre es für geboten, den Blick auf die Weltanschauung und die Leidenschaft der Antisemiten zu lenken, um den Antisemitismus verstehbar machen zu können.

Gerade vor dem Hintergrund des irrationalen Hasses, der sich heute massiv gegen Israel richtet und die israelische Politik verteufelt und dämonisiert, zeigt sich die weitreichende Bedeutung von Sartres Überlegungen zum Antisemitismus.

Prof. Dr. Samuel Salzborn ist Politikwissenschaftler und Autor zahlreicher Veröffentlichungen im Bereich Antisemitismus-, Rechtsextremismus- und Demokratieforschung. Sein Buch „Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne. Sozialwissenschaftliche Theorien im Vergleich“ führt in die sozialwissenschaftliche Antisemitismusforschung ein und stellt neben der Theorie von Sartre noch zahlreiche weitere Theorien vor. Mehr zum Buch unter http://www.salzborn.de/habil_de.html

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