Eine Artikelserie zum Umgang heutiger Unternehmer mit der Arisierungsvergangenheit ihrer Firma. Teil 1 – Die Firma Gebrüder Vogel in Frankfurt am Main.

von Armin H. Flesch

Arisierung ist ein deutsches Wort. So deutsch, dass es im Duden lange Zeit nicht vorkam. In der Ausgabe von 1949 erschien lediglich das Adjektiv arisch, 1967 gesellte sich dann der Arier hinzu: „Edler, Angehöriger frühgeschichtl. Völker mit idg. Sprache; nationalsoz: Nichtjude, Angehöriger der nord. Rasse.“ Erst seit der Duden im Internet vorliegt, erfah­ren wir, was es mit dem Treiben der edlen nordischen Rasse ganz allgemein auf sich hatte: „(zur Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft) durch Enteig­nung oder zwangs­weisen Verkauf jüdischen Besitz in arischen Besitz überführen.“ Sieht man von der in mehr­facher Hinsicht fragwürdigen Wortwahl dieses Definitionsversuchs einmal ab, bleibt anzumerken, dass es auch nach Ende der national­sozia­listi­schen Herrschaft keineswegs sein Bewenden hatte. Bis heute wird arisiert: Die Wahrheit.

Die Nachkommen der Gebrüder Vogel: Rolf Stürm (li.) und seine Cousinen Susan Neulist (3.v.re.) und Nancy Ginsburg (2.v.re.) 2013 in den USA. Foto: Rolf Stürm
Die Nachkommen der Gebrüder Vogel: Rolf Stürm (li.) und seine Cousinen Susan Neulist (3.v.re.) und Nancy Ginsburg (2.v.re.) 2013 in den USA. Foto: Rolf Stürm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aus Gebrüder Vogel wurde Elsen & Hemer

Seit fünfunddreissig Jahren lädt die Stadt Frankfurt am Main ehemalige Bürger der Stadt, die zwischen 1933 und 45 als Juden, abweichender politischer Ansichten oder ihres Glau­bens wegen verfolgt wurden und das Glück hatten zu überleben, für eine Woche ein. Auch in diesem Jahr kamen 36 Angehörige ehemaliger Frankfurter in die Stadt am Main, unter ihnen Rolf Stürm aus Basel und seine amerikanischen Cousinen Nancy Ginsburg und Susan Neulist.

Ihr gemeinsamer Urgrossvater Heinrich Vogel hatte 1914, kurz vor Aus­bruch des Ersten Weltkriegs, einen der ersten Zulieferer der sich rasch entwickeln­den Automobil­indu­s­trie gegründet. Nach seinem Tod ging die Firma auf die beiden Söhne Ernst und Kurt über, die 1935, unter dem zuneh­menden Druck der „Entjudung des deutschen Wirtschaftslebens“, zwei ihrer leitenden Angestellten in die Geschäfts­leitung aufnehmen mussten. Zwei Jahre später übernah­men die „arischen“ Teilhaber Hein­rich Elsen und Georg Hemer das Unter­nehmen vollstän­dig. Aus „Gebrüder Vogel“ wurde „Elsen & Hemer“. So heisst die Firma bis heute.

„100 Jahre Familientradition“

Im Sommer 2013 – während eines Familientreffens in den USA – interessiert es die Enkel der Vogel-Brüder, wie man die 100jährige Firmenge­schich­te wohl auf deren Homepage darstellen würde. Was sie finden, verschlägt ihnen die Sprache. Unter der Rubrik „Historie“ finden sie einen dürren Text über die aktuelle Rechtsform des Unternehmens mit dem Verweis auf „100 Jahre Familientradition“. Eine E-Mail und ein Brief an die Inhaberfamilie Elsen, in denen Rolf Stürm darum bittet, korrek­ter­weise auch die Gründer und früheren Eigentümer aus seiner Familie dort zu erwäh­nen, bleiben unbe­ant­­wortet. Lediglich das Halbwort „Familien“ verschwindet.

Erlaubt ist, was gefällt

Sigmund Freud hat den Begriff der Verdrängung geprägt: Tabuisierte, als schmerzhaft oder bedrohlich empfundene Sachverhalte werden aus der bewussten Wahrnehmung ausgeschlossen, nach Freuds Theorie ein unbewusster Vorgang. Im Falle von Elsen & Hemer und vieler anderer Profiteure des Naziregimes und ihrer Nachkommen geschieht die Verdrängung der eigenen „Historie“ jedoch ganz bewusst. Geschichte wird umge­schrie­­ben, ausgeklammert und zurechtgebogen, bis aus unangenehmen Wahrheiten an­genehme Lügen werden, mit denen man sich öffentlich identifizieren kann. Erlaubt ist, was gefällt.

Einer der ersten Automobil-Zulieferer: Firma Gebr. Vogel in Frankfurt am Main und ihre Fabrik in Neu-Isenburg. Foto: Rolf Stürm
Einer der ersten Automobil-Zulieferer: Firma Gebr. Vogel in Frankfurt am Main und ihre Fabrik in Neu-Isenburg. Foto: Rolf Stürm

Ein prominentes Beispiel für derartiges Vergangenheitsmanagement ist die Internet­seite des deutschen Bundespräsidenten. Ganz oben auf www.bundespraesident.de gibt es eine Navigationsleiste mit sechs Wahlmöglichkeiten. Die vierte von links, „Die Bundespräsidenten“, führt zu den Lebens­läufen aller früheren Staatsoberhäupter der Bundesrepublik Deutschland seit Theodor Heuss. Über den erfährt man zum Beipiel, dass er 1924 als Abgeordneter der Deutschen Demo­kratischen Partei in den Reichstag gewählt wurde und sein Mandat 1933 verloren hat. Sein Nachfolger Heinrich Lübke war ab 1932 Vertreter des katholischen Zentrums im Preussischen Landtag und Gustav Heinemann trat 1930 der Partei Christ­lich-Sozialer Volksdienst bei.

„Nazis nicht aus dem Gedächtnis der Welt entlassen“

Politische Aktivitäten vor 1945 werden also durchaus erwähnt, freilich nicht in allen Fällen. So schweigt sich bundespraesident.de darüber aus, dass Walter Scheel, der vierte Präsident der Bundesrepublik, von 1942-45 unter der Mitgliedsnummer 8757104 Partei­genos­se der NSDAP war. Ebenso Karl Carstens: Der trat bereits 1934 in den Sturm 5/75 der SA ein; von 1940 bis 45 lautete Carstens’ NSDAP-Mitgliedsnummer 5736988. Unbe­wusst kann diese Verdrängung kaum stattgefunden haben, denn die Fakten sind seit Jahren öffentlich bekannt und können selbst bei Wikipedia nachgelesen werden.

Bei einem Em­pfang für Repräsen­tan­ten der Lagergemeinschaften hat Joa­chim Gauck unlängst den ehemaligen Häftlingen der Konzen­trations- und Vernichtungslager gedankt: „Sie engagieren sich, um die Erinne­rungen an das Lei­den wachzuhalten, um die Verbre­chen und die Untaten, den Terror und den Vernich­tungsfuror der Nazis nicht aus dem Ge­dächt­­nis der Welt zu entlassen.“ Kann man an die Taten erinnern wollen, ohne die Täter, Profiteure und Mitläufer – all jene Rädchen, die ein System am Laufen halten – beim Namen zu nennen?

„Das ist alles schon sehr lang her“

Die Vogel-Brüder, im Vordergrund die späteren Firmeninhaber Kurt (li.) und Ernst im Ersten Weltkrieg. Foto: Rolf Stürm
Die Vogel-Brüder, im Vordergrund die späteren Firmeninhaber Kurt (li.) und Ernst im Ersten Weltkrieg. Foto: Rolf Stürm

Nach mehrfacher Anfrage und anfänglicher Ablehnung sind die Inhaber von Elsen & Hemer bereit, ein Interview zu geben. Es dauert eineinhalb Stunden; ein Sohn und zwei Enkel des Ariseurs Heinrich Elsen wissen vieles sehr detailreich zu er­zäh­len: Dass Fir­mengründer Heinrich Vogel als Kutschenbauer begonnen und Gross­vater Elsen stets ausgefallene Krawatten und Fliegen getragen habe. Man beschreibt die freundschaft­lichen Beziehungen zu den Vogels und weiss sogar, dass Ernst ins schweize­rische Biel, Kurt zunächst nach Brüssel, dann in die USA ausgewandert sei. Man habe in der Nazizeit viel für die Vogels riskiert: Die Gross­mutter zum Beispiel habe im Büsten­halter eine Schiffs­karte nach Belgien geschmug­gelt – die man gar nicht schmuggeln musste, wie die er­hal­ten gebliebene Ausfuhrgenehmigung belegt. Ein Le­ben voller Gefahren, erinnert sich Senior Bernhard Elsen: „Denn Sie müssen sich ja über eins im klaren sein: Juden waren diejenigen, die ins Ausland gingen, weil sie ja mussten. Sie hatten ja diesen Druck der National­sozia­li­sten im Kreuz. Aber die, die ihnen hier gehol­fen haben, die standen ja auf der viel schlech­teren Seite.“

Warum Schmuggel im BH? Die sagenumwobene Schiffskarte für Kurt Vogel durfte ganz offiziell gekauft werden. Foto: Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStaW)
Warum Schmuggel im BH? Die sagenumwobene Schiffskarte für Kurt Vogel durfte ganz offiziell gekauft werden. Foto: Hessisches Hauptstaatsarchiv Wiesbaden (HHStaW)

Gefragt, warum sie trotz der freundschaftlichen Beziehungen so gar nichts über die Gründerfamilie der Firma auf ihrer Homepage erwähn­ten, lässt das Erinnerungs­ver­mögen schlagartig nach. Das sei alles schon sehr lang her, man wisse viel zu wenig, und bevor man etwas Falsches schreibe, schreibe man besser gar nichts. Vom Versuch der „prakti­zierenden Katholiken“ Heinrich und Auguste Elsen, im Jahr 1941 ein 4.700 Quadrat­me­ter großes Baugrundstück unweit ihres Frankfurter Privat­hauses zum Preis von 9.700 Reichsmark zu „entjuden“, wissen ihre drei Nach­kommen auch nichts. Diese Geschichte erzählt nur der notariell beglaubigte Kaufvertrag im Frank­fur­ter Stadtarchiv.

Spontanes Besuchsprogramm

Es ist der letzte Tag von Rolf Stürm, Nacy Ginsburg und Susan Neulist in Frankfurt am Main. Vormittags treffen sie sich mit Schülern eines Gymnasiums, für den Abend steht der abschliessende Empfang der Besuchergruppe im Kaisersaal des Rathau­ses auf dem Programm. Dazwischen gibt es eine Pause von vier Stunden; die drei Enkel der Gebrüder Vogel nutzen sie für einen Besuch der Firmenzentrale von Elsen & Hemer. Sie kommen unangemeldet, aber sie haben Glück: Michael Elsen, einer der beiden Inhaber, ist anwe­send und empfängt sie nach kurzer Wartezeit im Konferenzraum. Elsen ist aufgeregt, das kann man sehen. Aus dem Gesicht ist alles Blut gewichen, am Hals zeigen sich rote Flecken. Stürms Frage, ob denn seine E-Mail vom Vorjahr eingegangen sei, bestätigt er: „Wir haben eine E-Mail bekommen, das ist richtig.“ Warum sie nicht beant­wortet wurde, darauf geht er nicht ein. Ob denn die Vogel-Grossväter irgendwann einmal auf der Homepage erscheinen würden? „Darüber habe ich mir noch überhaupt keine Gedanken gemacht,“ antwortet Michael Elsen und sucht mühsam nach einer Erklärung: „Das ist … vielleicht eine … etwas … unbe­wus­ste … Unachtsamkeit. Keine Ahnung.“ Im weiteren Gespräch sagt er zu, diese Unachtsamkeit korrigieren zu wollen. Aber wer heute auf die Homepage von Elsen & Hemer geht, findet unter „Historie“ noch immer nichts anderes als den Satz: „Wir blicken auf eine über 100-jährige Tradition, die auf die Firmengrün­dung im Jahr 1914 zurück­geht.“ Auf wen diese Gründung zurückgeht und warum die Gründer das Unternehmen verkaufen mussten, diese Historie wird nicht er­zählt.

Geschichts(um)schreibung: Nach Rolf Stürms schriftlichem Einwand verschwand lediglich das Halbwort "Familien". Foto: Screenshot
Geschichts(um)schreibung: Nach Rolf Stürms schriftlichem Einwand verschwand lediglich das Halbwort „Familien“. Foto: Screenshot

In den Rucksack hineinschauen

Beim Abschlussempfang im Kaisersaal des Frankfurter Rathauses hält Rolf Stürm stell­ver­tretend für die jüdische Besuchergruppe eine Rede. Er erzählt davon, dass die Gene­ration ihrer Eltern und Großeltern nie über das hatte sprechen wollen, was man ihr an­getan hatte: „Der Schmerz, die Verbitterung über die Vertreibung aus ihrer deutschen Kultur und die Scham des Überlebthabens waren so gross, dass die meisten von ihnen für den Rest ihres Lebens keine Worte finden konnten, sie zu beschreiben.“ Und Stürm versucht zu erklären, warum die Kinder und Enkel aus Deutsch­land vertriebener Juden be­suchs­weise in die frühere Heimat ihrer Familien zurückkehren: „Vielleicht, weil wir alle irgend­wann erkannt haben, dass nur die Auseinander­set­zung mit unserer Geschich­te uns frei machen kann von der Vergangenheit. Nur wenn wir in den Rucksack hinein­schauen, den wir tragen und der die Schultern unserer Eltern und Grosseltern so sehr gedrückt hat, nur wenn wir wissen, was wir im Gepäck haben, können wir selbst ent­scheiden, was davon künftig noch zu uns gehören soll – und was tatsächlich vergan­g­en ist.“ Gilt das nicht auch für Elsen & Hemer, für all die Nachkommen und Nachfolger eins­tiger Täter, Ariseure und Profiteure des Nationalsozialismus? Sie trifft zwar keine Schuld, aber in ihrem Rucksack tragen sie Eigentum – und Verantwortung.

 

Der zweite Teil der Serie folgt nächste Woche.

Armin H. Flesch

Über Armin H. Flesch

Armin H. Flesch, Jahrgang 1962, lebt und arbeitet als Freier Autor und Journalist in Frankfurt am Main. Derzeit recherchiert er den Umgang heutiger Unternehmer und Eigentümer mit der Arisierungs-Vergangenheit ihrer Firma sowie die Familienschicksale der Angehörigen jüdischer deutscher Soldaten des Ersten Weltkriegs.

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