Jerusalem Foundation: MINT-Unterricht für ultra-orthodoxe und muslimische Mädchen und Jungen

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Am 11. Februar ist jeweils der Internationale Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft. Warum dies wichtig ist, zeigt bereits ein Blick auf die Zahlen, denn lediglich ein Drittel der Forscher weltweit sind weiblich. Auch bei der Vergabe von unbefristeten Stellen gewinnt das vermeintlich „starke Geschlecht“. Vor allem in den sogenannten MINT-Fächern mangelt es nach wie vor an weiblichen Absolventen und auch in Führungspositionen sind sie nach wie vor selten anzutreffen.

Die vielen Ungleichheiten haben mannigfache Ursachen. Der Grundstein für eine spätere berufliche Karriere wird jedoch bereits in der Schulzeit gelegt. Auch hierbei gibt es viele Probleme, die von unterschiedlichen Faktoren wie etwa der Religion und Herkunft abhängen können.

In der israelischen Hauptstadt hat sich die Jerusalem Foundation unter anderem der Bekämpfung dieser Missstände im Bildungssektor verschrieben. Die Organisation unterstützt neben Mädchen auch Jungen aus den jüdisch-orthodoxen und muslimischen Vierteln in Jerusalem, da auch dort der Schulunterricht in den MINT-Fächern oftmals vernachlässigt wird. Diese Bildungsoffensive wurde ursprünglich vom Israel Center for Excellence through Education (ICEE) initiiert und erstmals im Rahmen des Schuljahr 2019/2020 für die Klassenstufen 3-6 durchgeführt. Die Rolle der Jerusalem Foundation besteht hierbei im Verbindungsaufbau zu den jeweiligen Schulen, da sie bereits mannigfache Bildungsprojekte in der jüngsten Vergangenheit geplant und durchgeführt hat.

Erika Gideon, Gründungsmitglied Jerusalem Foundation Switzerland, stand Audiatur-Online für ein kurzes Interview zur Verfügung:

Audiatur-Online: Was sind die Haupthindernisse für Mädchen?

Die fehlende Präsenz von Frauen in der Wissenschaft in Bezug auf die MINT-Fächer ist ein weltweites Problem. Auch in der Schweiz staunt man noch häufiger darüber, wenn eine Frau Ingenieurwissenschaften studiert. In Nahen Osten und Nordafrika wird dieses Phänomen durch kulturelle und religiöse Einflüsse noch verstärkt. Sowohl in den jüdisch-orthodoxen als auch in den arabischen muslimischen Schulen sind die Jungen von den Mädchen zumeist getrennt. Trotzdem gibt es in Bezug auf die Mädchenbildung grosse Unterschiede. In den jüdisch-orthodoxen Schulen werden die Mädchen meist besser ausgebildet als die Jungen, da sie sich später als Männer dem Thora Studium widmen sollen, während die Frauen nebenher arbeiten gehen, um die Familie zu ernähren. Die MINT-Fächer spielen hierbei eher eine marginale, bis gar keine Rollen. In den arabischen muslimischen Schulen werden die Jungen zumeist besser ausgebildet, da die Mädchen sich im Erwachsenenleben viel eher um die Ehe, den Haushalt und die Kinder kümmern sollen. Aus diesem Grund ist es wichtig, ein passendes Konzept für die unterschiedlichen Bildungseinrichtungen zu erarbeiten. Die Lehrer werden vor Ort von erfahrenen Coaches unterstützt, dich sich im Detail um die besonderen Bedürfnisse kümmern und Probleme gezielt angehen können. Die orthodoxen Schulen benötigen vor allem Hilfe bei der IT-Ausstattung und auch der Ausbildung, da häufig nicht einmal die Lehrer über fundierte Kenntnisse in Bezug auf die Computeranwendungen verfügen. Das macht sich nun vor allem in der Corona Zeit bemerkbar, da die Schulstunden oftmals ausfallen und vieles nur noch über Online Unterricht und E-Mail-Programme funktioniert.

Foto Jerusalem Foundation

Wonach erfolgt die Auswahl der Schulen und wie genau werden sie gefördert?

Für das Projekt fiel das Augenmerk vor allem auf Schulen aus den ärmeren Teilen der Stadt, da sie am meisten unsere Hilfe benötigen, vor allem in Bezug auf die Ausrüstung mit der IT-Technik und die Lehrerausbildung.

Können Sie mir mehr über die Al Mada-Lehrerausbildung erzählen?

Bei der Al Mada-Lehrerausbildung handelt es sich um ein Fortbildungsprogramm für Lehrkräfte in den sogenannten MINT-Fächern. Hierbei wird ein besonderes Augenmerk auf die Ausarbeitung des jeweiligen Curriculums gelegt. Das ICEE hat hierfür spezielles Lehrmaterial zusammengestellt, um das Lernen so effektiv wie möglich zu gestalten. Ebenfalls wichtig ist die kulturelle und religiöse Komponente, die bei der Fortbildung eine grosse Rolle spielt, weswegen sie z.B. in Hebräisch und Arabisch angeboten wird. Seit kurzem gibt es auch eine spezielle Website, auf der sich die Lehrer Tipps und Hilfestellung holen können. Insgesamt nehmen 110 Lehrer von 48 säkularen, 90% aller arabisch muslimischen und zum ersten Mal auch haredischen Schulen an unserem Projekt Teil.

Welches Feedback bekommen Sie von den Lehrern und Schülern?

Bisher haben wir nur positives Feedback erhalten. Das Lehrpersonal hat häufig schon eine Erweiterung des Projekts für die Klassenstufen 1-2 angeregt. Die Schüler, sowie die Coaches zeigen sich durchweg begeistert und entwickeln oft bereits eigene Ideen für die Zukunft des Projekts. Der MINT-Unterricht eröffnet den Schülern für die Zukunft neue Berufsperspektiven, was ihnen dadurch zu mehr Selbstvertrauen verhilft. Vor allem die Stadtweiten Wettbewerbe zwischen den Schulen, bei denen MINT-Themen aufgegriffen werden, motivieren die Schüler und erweitern das Spektrum des Unterrichts. Insgesamt haben sich 44 Gruppen im ersten Jahr bei den Wettbewerben beteiligt. Dies fordert auch den interkulturellen Austausch zwischen den arabischen und jüdischen Schülern, was bereits seit langem eine Herzensangelegenheit der Jerusalem Foundation ist. Ein Beispiel hierfür ist das Projekt des Bloomfield Wissenschaftsmuseum, bei dem die Jüdisch-Arabische Verständigung und die Förderung von hilfsbedürftig Schülern im Vordergrund steht.

Frau Gideon, vielen Dank für das Interview.

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