Jom Kippur 2017 in Tel Aviv. Foto Miriam Alster/Flash90

Am Samstag war Jom Kippur. Da steht Israel still. Selbst der nationale Radiosender hat lediglich eine Tafel ins Internet eingestellt. Darauf steht:

Jom Kippur – Keine Sendung. Das nächste Programm: Jom Kippur – Keine Sendung.

Darunter der hauseigene Reklamesatz: „Die führende Sendeanstalt für Aktualität in Israel. Sie bringt Ihnen alle Neuigkeiten vor Ort, Recherchen und Kommentare der Ereignisse auf der israelischen Tagesordnung.“

Medien weltweit auf der Suche nach „passenden“ Opfern

Mangels wahrnehmbarer Ereignisse in Israel guckt man die grossen ausländischen Anstalten, wie CNN, Sky-News oder France24 und wundert sich, was alles eine Nachricht sein kann. Da ist ein überladenes Boot irgendwo in Bangladesch umgekippt. „Unter den Toten sind Frauen und Kinder“, heisst es. Tote Männer sind keine Nachricht. In „normalen“ Zeiten ist ein umgekipptes Boot kaum eine Randnotiz wert. Aber jetzt, wenn es um Rohingyas geht, eine halbe Million Flüchtlinge aus Myanmar, schafft es das Unglück in die ganz grossen Schlagzeilen. (Jahrzehnte langer muslimischer Extremismus von Rohingyas gegen die Regierung wird unterschlagen.

…und den richtigen Tätern:

Die nächste „Top Story“ ist Panik nach dem Einsturz einer Fussgängerbrücke bei einem Bahnhof im indischen Mumbai. Wieder gab es Tote, „darunter auch Frauen und Kinder“. Die „wahren Schuldigen“ sind schnell ausgemacht: Die Brücke war über 100 Jahre alt und wurde von der britischen Kolonialmacht errichtet. Mit den bösen Kolonialisten haben freilich die nächsten Bilder nichts zu tun: Eisenbahnen mit hunderten Passagieren auf den Dächern der Wagons sitzend. Wahrscheinlich gibt es da zahllose Unfälle. Über die wird aber nicht berichtet, weil sie nicht den britischen Kolonialisten angelastet werden können.

Selbstbestimmungsrecht nur für bestimmte Völker?

In den Medien geht es weiter mit Ereignissen, die eigentlich als Inbegriffe demokratischer Selbstbestimmung gelten müssten: das Unabhängigkeits-Referendum der Kurden im Norden des Irak und der Katalonier in Spanien. Bei diesem Thema ist es (zynisch formuliert) besonders schwierig, politisch korrekt zu berichten. Denn es gibt in der europäischen oder amerikanischen Medienwelt offenbar auch richtige oder eben „falsche“ Autonomiebestrebungen. Separatismus und Eigenwille scheinen nicht immer in das demokratische Konzept zu passen. In der Schweiz gelten Volksbefragungen und Wahlen als Höhepunkte der Demokratie. Den „Brexit“ hat man in Europa murrend akzeptiert, aber besonders glücklich scheint er niemanden zu machen. Die Bundesrepublik pochte vor der Wiedervereinigung 1990 auf dem „Selbstbestimmungsrecht“ des deutschen Volkes. Was folgte war die Einverleibung des Gebiets der DDR in die BRD unter der eleganten Headline: „Wiedervereinigung“. Gleichzeitig zog Bundeskanzler Kohl einen Schlussstrich, indem er die Oder-Neisse-Linie zur Ostgrenze Deutschlands erklärte. Nachträglich wurde so eine ethnische Säuberung von Millionen Deutschen, die Vertreibung der Schlesier, Sudeten und Anderer sanktioniert. Das für Separation und Vertreibung zuständige Völkerrecht wurde erst um 1949 erfunden, sodass „gerade noch rechtzeitig“ die Inder ihre Moslems in das neu entstandene Pakistan, die Türken alle Griechen und China die Tibeter rechtzeitig verschieben konnten, um hier nur drei Beispiele zu erwähnen.

„Jom Kippur – Keine Sendung“. Screenshot U.Sahm

Jom Kippur ist vorbei

Seit gestern ist die Welt wieder „normal“ und wir erfahren aus den arabischen Medien, wie der Weltfrieden hergestellt werden könnte: Israel ist der ideale Sündenbock, denn seine Entstehung und alles was danach geschah (Kriege, Vertreibung, Eroberung, Siedlungen usw.) werden von seinen Nachbarn als Verstoss gegen das Völkerrecht gesehen.

Die beste Lösung, den Weltfrieden wiederherzustellen, wäre nach deren Logik eine umgehende Abschaffung Israels und ein Verschwinden der Juden aus dem Nahen Osten. „Zurück in ihre Heimatländer“ wird allerdings nicht gewünscht, denn dann müssten die arabischen Staaten ja die aus ihren Gebieten ethnisch gesäuberten Juden zurücknehmen. Also bleibt nur der öfters von Palästinensern geäusserte Spruch „zurück nach Auschwitz“ oder die Warnung von Hisbollahchef Nasrallah, dass die „Zionisten“ sich rechtzeitig in „Sicherheit“ bringen sollten.

Aber mörderischer Antisemitismus ist für europäische Medien keine Nachricht.

Über Ulrich W. Sahm

Ulrich W. Sahm, Sohn eines deutschen Diplomaten, belegte nach erfolgtem Hochschulabschluss in ev. Theologie, Judaistik und Linguistik in Deutschland noch ein Studium der Hebräischen Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Seit 1975 ist Ulrich Sahm Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Medien und berichtet direkt aus Jerusalem.

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