Die Sicherheitslage an Israels Grenzen – Teil II

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Eine Explosion auf den syrischen Golanhöhen am 16. Juni 2015, wo die Al-Nusra-Front gegen Assads Truppen kämpft. In der Nähe des syrischen Drusendorfes Hadar. Foto von Basel Awidat / Flash90
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Nachdem letzte Woche die Sicherheitslage an Israels südlicher Grenze analysiert wurde, soll in einem zweiten Teil auf die Situation in Syrien eingegangen werden.

Während Israel in den letzten sieben Jahren in drei grössere militärische Konfrontationen mit der Hamas verwickelt war, ist die Lage im Norden seit Ende des Zweiten Libanonkrieges von 2006 bemerkenswert ruhig geblieben. Insbesondere die Grenze zu Syrien galt über Jahrzehnte als ruhig und das Assad-Regime als berechenbar. Der seit 2011 anhaltende syrische Bürgerkrieg stellt Israel indes vor neue Dilemmata.

Ganz gemäss dem alten Witz von „zwei Juden, drei Meinungen“ gibt es im israelischen Sicherheitssektor verschiedene, sich oftmals widersprechende Positionen zum syrischen Bürgerkrieg. Offiziell hält sich Israel aus dem Konflikt heraus und ergreift weder Partei für Assad, noch für die Rebellen. Laut der Perspektive, die etwa von Verteidigungsminister Ya’alon vertreten wird, handelt es sich beim Konflikt in Syrien um eine Konfrontation zwischen Iran auf der einen Seite und jihadistischen Organisationen auf der anderen. Gemäss Ya’alon sollen sich beide Seiten ruhig gegenseitig ausbluten.

Allerdings hat Israel auch bereits zu einem frühen Zeitpunkt seine roten Linie bekanntgegeben: Darunter etwa der Transfer von komplexen Waffensystemen, wie Boden-Luft-Raketen oder auch Chemiewaffen an die Hisbollah. Und im Gegensatz zu den USA akzeptiert Israel keine Verletzung dieses Prinzips, wie verschiedene Angriffe auf Waffenlager und Konvoys in Richtung Libanon in den vergangenen 2 Jahren demonstrierten.

Es gibt allerdings auch Hinweise auf eine zumindest punktuelle Kooperation zwischen Israel und den Rebellen in Syrien. Gemäss UN-Berichten gab es an der Grenze regelmässige Treffen zwischen Israel und Anführern der syrischen Opposition. Fest steht ebenfalls, dass Israel humanitäre Hilfe für verwundete syrische Zivilisten (und gemäss Berichten auch Rebellen) leistet und diese etwa in Feldlazaretten oder Spitälern im Norden Israels pflegt. Wenig verwunderlich wird in iranischen, syrischen und libanesischen Medien eine regelrechte Verschwörung von Israel und Al Qaeda/Islamischer Staat gegen die „Achse des Widerstandes“ herbeifabuliert, doch dies entspricht kaum den Tatsachen vor Ort.

Vielmehr hat Israel gemäss dem neuen Buch von Michael Oren, dem früheren israelischen Botschafter in den USA, der Obama-Administration offenbar geholfen, ihre eigenen roten Linien nicht forcieren zu müssen, nachdem Assad Chemiewaffen gegen Zivilisten einsetzte. Oren schreibt aber auch, dass Israel sich nicht grundsätzlich gegen amerikanische Luftschläge gegen das Assad-Regime ausgesprochen habe.

Eine weitere Sichtweise, vertreten etwa vom früheren Generalstabschef Dan Halutz, zieht die Herrschaft Assads gegenüber einem Sieg der Rebellen vor. Gemäss Halutz wäre eine Herrschaft von Jihadisten in Damaskus, die die Mehrheit der syrischen Rebellen ausmachten, wesentlich problematischer als Assad. Tatsächlich scheint es mittlerweile aber ausgemacht, dass das Assad-Regime längerfristig – wenn überhaupt – nur als Rumpfstaat in der Region Damaskus überleben wird, allen grossartigen Ankündigungen des iranischen Kommandanten der Al Qods-Einheit, Qassem Soleimani, zum Trotze. Insofern besteht eine relativ hohe Wahrscheinlichkeit, dass Israel in den nächsten Jahren mit einer massiven jihadistischen Präsenz in einem völlig dysfunktionalem Syrien konfrontiert sein wird. Abgesehen von anti-israelischer und anti-jüdischer Propaganda gab es bislang von Seiten der Jihadisten keine ernsthaften Versuche, einen Konflikt mit Israel anzuzetteln. Diese könnte sich aber in den kommenden Jahren ändern, denn es kann kein Zweifel daran bestehen, dass die blosse Existenz Israels, ein Dorn in den Augen der Anhänger von Al Qaida, Islamischem Staat etc. ist.

Die unmittelbar grössere Gefahr ist aber ein Überschwappen des Konflikts auf den Libanon. Dies hätte schlimmstenfalls einen weiteren blutigen Bürgerkrieg zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen Libanons zur Folge und würde einen fruchtbaren Boden für einen jihadistischen Aufstand, inklusive Eroberung von Territorium à la Syrien, Irak und Libyen schaffen. De facto bedeutete dies, dass der gesamte Norden Israels an Gebiete ohne staatlichen Einfluss, bzw. mit äusserst beschränkter staatlicher Kontrolle, grenzen würde; ein ideale Voraussetzung für jihadistische Agitation und ein Szenario, welches der Doktrin des Urvaters des Jihadismus, Abdullah Azzam, entsprechen würde.

Bereits jetzt besteht aber die Möglichkeit, dass Israel schon bald stärker in den Konflikt in Syrien verwickelt sein könnte. Israelische Druzen rufen ihr Land nämlich dazu auf, ihren Angehörigen in Syrien zu Hilfe zu eilen, die vom Al-Qaida Ableger Jabhat Al-Nusra bedroht werden. Die Nusrah-Front beging vergangene Woche ein Massaker an mindestens 20 Drusen im Dorf Qalb Lawzeh und startete eine Offensive gegen die Ortschaft Hader, in der 25‘000 Drusen leben und die sich vis-à-vis Majd Al-Shams befindet, einer drusischen Ortschaft im israelischen Golan.

Gemäss Jerusalem Post warnte Israel die Nusrah-Front davor, den syrischen Drusen Schaden zuzufügen und Ministerpräsident Netanyahu erklärte, Israel verfolge die Situation aufmerksam und werde alles nötige unternehmen. Zugleich erklärte aber ein anonymer IDF-Offizier, dass die Gefahr für Hader und die syrischen Drusen aufgebauscht werde.

Bislang ist es Israel gelungen, sich nicht in den syrischen Konflikt verwickeln zu lassen, doch ist fraglich, wie lange sich dieser Zustand aufrechterhalten lässt. Sollte eine der Konfliktparteien einen entscheidenden Sieg erringen, wird sich das israelische Kalkül wohl oder übel daran neu orientieren müssen.

In einem dritten Teil wird nächste Woche die Gefahr eines weiteren Konfliktes zwischen Hisbollah und Israel analysiert werden.

Über Michel Wyss

Michel Wyss ist freischaffender Analyst bei der Audiatur-Stiftung und beschäftigt sich hauptsächlich mit Sicherheitspolitik im Nahen Osten. Er absolviert derzeit ein MA-Studium in Government mit Fokus auf Internationale Sicherheit am Interdisciplinary Center in Herzliya, Israel und ist als Research Assistant beim International Institute for Counterterrorism (ICT) tätig.

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