Soldaten bei der
Soldaten bei der "Operation Defensive Shield" 2002. Foto IDF / Flickr.com

Stellen Sie sich vor, sie sitzen beim Pessach-Seder und es erscheint ein Besucher, der Sie töten will. Dieser Besucher ist nicht der Prophet Elijah oder der fünfte Sohn* – der, der nicht mit am Tisch sitzt – der einen plötzlichen Sinneswandel vollzogen hat. Nein, er ist ein Mörder, der Juden hasst und sie vernichten will.

Ein Kommentar von David Suissa  

Vor fünfzehn Jahren, am 27. März 2002, verliess Abdel-Basset Odeh sein Haus im Westjordanland und platzte in einen Sederabend im Park Hotel Netanya in der gleichnamigen Stadt. Dann sprengte er sich selbst in die Luft und tötete dabei 29 hauptsächlich ältere Juden; 64 weitere wurden verletzt.

Die jüdische Welt war erschüttert, aber nicht schockiert. Der Grund dafür ist, dass das Massaker in Netanya zur Zeit der blutigen Zweiten Intifada stattfand, die mehrere Jahre andauerte und bei der über 1.000 israelische Juden getötet wurden. Damals hatte man den Eindruck, es fände jede Woche eine andere, vergleichbare Katastrophe statt – ein Palästinenser kam aus dem Westjordanland nach Israel und sprengte Juden in Restaurants, Eiscafés, Discotheken, Cafés und öffentlichen Bussen in die Luft.

Anlässlich des diesjährigen 50. Jahrestags des israelischen Einmarsches im Westjordanland nach dem Sechstagekrieg im Jahr 1967, melden sich lautstark Kritiker zu Wort und fordern Israel auf, „die Besetzung ein für allemal zu beenden.“ Für die Mehrheit der Israelis stellt sich die Sache jedoch weitaus komplizierter dar.

Die Israelis erinnern sich nämlich an etwas, das geschah, unmittelbar bevor Juden im wöchentlichen Rhythmus von palästinensischen Terroristen in die Luft gesprengt wurden. Sie erinnern sich daran, dass ihr Premierminister Ehud Barak in der Tat angeboten hatte, die Besetzung ein für alle Mal zu beenden – und die Palästinenser diesem Angebot den Rücken kehrten und davon zogen.

Dies geschah im Juli 2000, als der damalige US-Präsident Bill Clinton Friedensgespräche in Camp David ausgehandelt hatte. Ein Jahr später teilte er in einem Newsweek-Artikel mit der Überschrift „Clinton zu Arafat: Sie alleine tragen die Schuld“ der Weltöffentlichkeit mit, wer seiner Meinung nach den Grossteil der Verantwortung für das tragische Scheitern der Gespräche trug.

Als der palästinensische Führer Yasir Arafat zu ihm sagte: „Sie sind ein grosser Mann“, antwortete der Präsident: „Von wegen bin ich das. Ich bin ein kolossales Scheitern und Sie haben mich dazu gemacht.“

Woran sich die Israelis vor allem erinnern, ist, dass Arafat nach dem Scheitern der Friedensverhandlungen einen Krieg begann. Die Israelis erinnern sich daran, dass sie von den über das Westjordanland eindringenden Palästinensern in die Luft gejagt wurden, nachdem Ehud Barak das Angebot zur Beendigung der Besetzung unterbreitet hatte.

Und sie erinnern sich daran, dass Israel nach dem Pessach-Massaker in Netanya gesagt hatte: „Es reicht“.

Dem jüdischen Staat blieb keine andere Wahl, als die Besatzungskräfte zu verdoppeln und direkt an die Quelle des Terrors zu gehen – ins Westjordanland.

Also startete Israel 2002 die Operation Schutzschild, rief Reservisten zur Waffe und entsandte Truppen und schwere Waffen und Munition tief in die Zentren sechs grösserer palästinensischer Städte sowie in die umliegenden Ortschaften und Flüchtlingslager im Westjordanland.

Das Ziel war, durch die Zurückerlangung der Kontrolle über das Westjordanland – insbesondere über die Städte in Zone A, die sich unter der alleinigen Kontrolle der Palästinensischen Autonomiebehörde befanden – die Terroranschläge zu stoppen.

„Sprengstofflabors und enorme Mengen an Waffen“

Und was fanden sie vor, als sie die Kontrolle über das Gebiet zurückerlangt hatten? Genau das, was sie erwartet hatten. Wie in der Jerusalem Post veröffentlicht, entdeckte Israel 23 Sprengstofflabors und beschlagnahmte enorme Mengen an Waffen.

„Die Situation, die wir damals hatten – mit Selbstmordattentätern, die bis ins Herz unseres Landes vordrangen, um sich dann dort in die Luft zu sprengen – die haben wir heute nicht“, sagte vor Kurzem Oberstleutnant Yair Pinto, der einer der Befehlshaber bei der Operation Schutzschild war, gegenüber der Jerusalem Post.

In der Tat fällt es angesichts unseres heutigen Eifers für den Frieden leicht, diese dunklen Tage der Vergangenheit zu vergessen. Damals riskierten Israelis jedes Mal ihr Leben, wenn sie mit ihren Kindern ein Eis essen gingen, in den Bus stiegen, sich mit Freunden auf einen Kaffee trafen oder sich zum Pessach-Mahl in einem Hotel an den Tisch setzten.

Also, ja, beklagen Sie die Besatzung. Halten Sie Israel Vorträge darüber, wie wichtig es ist, sie zu beenden. Ich habe genauso viel Verständnis wie jeder andere für die Notwendigkeit, am Status Quo zu rütteln und einen dauerhaften Frieden zwischen Israelis und Palästinensern zu erreichen.

Aber ich ich habe auch Verständnis für die Israelis, die sich an die Zeit erinnern, als Israel vom täglichen Terrorismus traumatisiert wurde – es war nicht weniger Besatzung, die sie rettete, sondern mehr.

*Anspielung an die am Seder Abend, in der Haggada erwähnten vier Söhne, welche Fragen über Sinn der jüdischen Gesetze stellen. (Anm.d.Red.)

David Suissa ist Präsident der TRIBE Media Corp./Jewish Journal. Auf Englisch zuerst erschienen bei The Jewish JournalKontakt davids@jewishjournal.com.

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