In den ersten beiden Junitagen des Jahres 1941 wurden in Bagdad unzählige jüdische Frauen vergewaltigt, mehr als 2.000 Juden verletzt, 900 Häuser sowie 586 in jüdischem Besitz befindliche Unternehmen geplündert.

Nach Aussagen des im Irak geborenen Historikers, Elie Kedourie sind insgesamt 600 Juden, darunter Kinder und Säuglinge ermordet worden. Dieser durch die Nazis beeinflusste Pogrom ist als Farhud bekannt, kurdisch für gewaltsamer Raub, und er leitete den Beginn der Zerstörung der 2600 Jahre alten jüdischen Gemeinde im Irak ein.

Der Einfluss der Nazis im Irak lässt sich bis 1933 zurückverfolgen, als Hitler an die Macht kam, ein Jahr nachdem der Irak seine Unabhängigkeit von Grossbritannien erlangte. General Rashid Ali al- Gaylani und vier Generäle stürzten mit Unterstützung des Grossmufti von Jerusalem, Hadsch Amin al- Husseini, ein Nazi-Kollaborateur im Exil in Bagdad, die ehemalige pro- britischen Regierung und verbannten König Faisal II und Kronprinz, Abdul Ilah.

Aber Grossbritannien, das abhängig vom irakischen Öl war, erwiderte das Feuer und ging nach einmonatigem Kampf als Sieger hervor. Die britische Armee war ausserhalb Bagdads stationiert und am 30. Mai flohen al-Gaylani, seine Generäle und der Grossmufti aus dem Land.

Der Kronprinz konnte am nächsten Tag zurückkehren. Als eine Delegation der irakischen Juden zum Bagdader Flughafen fuhr, um ihn zu begrüssen, wurden sie von einem Mob irakischer Soldaten und Zivilisten angegriffen. Die Gewalt breitete sich von dort aus, während die Briten ausserhalb der Stadt blieben. Letztendlich stellten am 2. Juni britische Streitkräfte die Ordnung wieder her, aber für die Juden hatte sich das Leben im Irak unwiderruflich verändert.

Einige Juden flohen unmittelbar nach dem Farhud aus dem Irak. Die Mehrheit der jüdischen Gemeinde war nicht zionistisch und blieb. Doch als sich die Verfolgung der Juden fortsetzte, vor allem nach der Staatsgründung Israels im Mai 1948, wurden Tausende durch den zionistischen Untergrund herausgeschmuggelt. Im März 1950 verabschiedete der Irak ein Gesetz, das Juden erlaubte im Laufe des Jahres auszureisen, wenn sie ihre Staatsangehörigkeit aufgeben. Kurz danach, in den Operationen Esra und Nehemia, transportierte die israelische Regierung per Luftbrücke mehr als 100.000 Juden. Im März 1951 erweiterte die irakische Regierung das Gesetz verbot aber den Juden, jegliche Vermögenswerte auszuführen. Bis Anfang 1952 haben mehr als 120.000 Juden an der Massenauswanderung teilgenommen und liessen ungefähr 6000 zurück. Heute schätzt die israelische Einwanderungsorganisation, dass nur noch sieben Juden im Irak leben

Die folgenden Erinnerungen an den Farhud stammen von drei jetzt in Los Angeles lebenden irakischen Juden, die als Kinder das erlebten, was Professor Yitzchak Kerem, Hebrew University, „die Reichspogromnacht der irakischen Juden“ nennt.

Charles Dabby

Am 1. Juni 1941 schaute Charles Dabby, gerade 6 Jahre alt, aus einem im zweiten Stock gelegenen Schlafzimmerfenster des Hauses seiner Familie in Bagdad. Er konnte Menschen sehen, die in nahe Häuser in der engen Strasse einbrachen. „Die Leute nahmen Bettwäsche, Kissen und alles Mögliche“, erinnert er sich. Er hörte auch die Schreie und das Weinen der Kinder und Erwachsenen.

Charles‘ Eltern zogen ihn und seine beiden Schwestern, Bertha und Tikvah, vom Fenster weg und sagten: “ Mach dir keine Sorgen. Wir haben einen Beschützer. “ Die Familie fühlte sich sicher durch die Anwesenheit von Azawi ibn Tabra , dem grossen, muslimischen Inhaber des Lagers, wo Charles‘ Vater, Heskel, ein Gewürzimporteur und Händler, seine Waren lagerte.

Als Charles nach dem Farhud mit seinem Vater zur Schule ging, sahen sie oft Männer, die an Gerüsten hingen. Als Charles fragte, warum sie aufgehängt wurden, antwortete Heskel, „Weil sie Diebe sind.“ Er hat nie erklärt, dass sie Juden waren.

Eines Nachmittags, 1949, als Charles mit seinem Fahrrad von der Schule heimfuhr, griffen ihn zwei Jungen an. Charles begann die Jungen zu verprügeln und ihre Fahrräder zu zerstören. Nachdem bekannt war, dass die Eltern der Jungen wichtige Regierungsposten hatten, setzte Heskel Charles in einen Zug nach Basra, um bei seinem Onkel zu bleiben. Gegen den Wunsch seines Onkels und Vaters überquerte Charles mit einem Schmuggler den Iran, und nach einiger Zeit in Istanbul, reiste er nach Israel. Seine beiden Schwestern folgten ein Jahr später. Charles‘ Eltern blieben jedoch in Bagdad. Charles sah sie nur einmal wieder, 1971 in London. Im selben Jahr half Charles seinem jüngeren Bruder, Joseph, aus dem Irak zu entkommen. Im folgenden Jahr zog Joseph nach Los Angeles, wo Charles seit 1966 lebt.

Ruth Pearl

Ruth Pearl und ihre Schwestern, Bagdad, circa.1945 Von links, Carmela, Shulamit und Ruth. Foto Ruth Pearl.
Ruth Pearl und ihre Schwestern, Bagdad, circa.1945 Von links, Carmela, Shulamit und Ruth. Foto Ruth Pearl.

Als der Farhud ausbrach, war die 5-jährige Ruth Rejwan mit ihren Eltern und vier Geschwistern in ihrem Haus ausserhalb Bagdads jüdischem Viertel. Als Ruth und ihre Familie aus dem Fenster blickten sahen sie Plünderer durch die Strasse rennen. Sobald wieder Ruhe hergestellt worden war, sprach Ruths Familie mit ihren muslimischen Nachbarn und erfuhr, dass sie während der Unruhen ausserhalb des Rejwan Hauses standen und erklärten: „Es gibt keine Juden hier“, und so verhinderten, dass Plünderer einbrachen. Im Alter von 14, waren Ruth und ihre ältere Schwester in der zionistischen Bewegung aktiv. Ihre beiden älteren Brüder hatten sich bereits nach Israel geschmuggelt, und im Februar 1952 folgte der Rest der Familie. „Es musste eine harte Entscheidung getroffen werden“, sie durften jeweils nur einen Koffer nehmen, und dann wurde am Flughafen die Hälfte der Inhalte jedes einzelnen Koffers beschlagnahmt“. Nach der Ankunft in Israel lebten sie in einem Flüchtlingslager für mehrere Monate. „Niemand merkte, dass wir Flüchtlinge waren. Wir kamen mit nichts „, sagte Ruth.

Joe Samuels  

Links: the Sassoons (Samuels) family, Bagdad, 1944. Stehend, von links: Elisha, Marcelle, Aboodi; Sitzend von links, Yaakov, Shmail (Joes Vater), Nory (Schneidersitz), Aziza (Joes Mutter), Shemail, Josef (Joe); Joes Bruder Eliyahoo war schon in Israel. Foto Joe Samuels.
Links: the Sassoons (Samuels) family, Bagdad, 1944. Stehend, von links: Elisha, Marcelle, Aboodi; Sitzend von links, Yaakov, Shmail (Joes Vater), Nory (Schneidersitz), Aziza (Joes Mutter), Shemail, Josef (Joe); Joes Bruder Eliyahoo war schon in Israel. Foto Joe Samuels.

Joe Samuels (ehemals Josef Sassoon) blieb zu Hause mit seinen Eltern und sieben Geschwistern am Erew Schawuot, dem 31. Mai 1941. Seit dem Putsch Anfang April hatte er Angst gehabt, weinte jede Nacht im Bett. Am nächsten Tag begann die Familie die Vordertür durch Stamel schwerer Möbel zu verstärken. Vom Fenster im zweiten Stock aus, konnte Joe Plünderer auf der Strasse sehen. Die Familie blieb die ganze Nacht wach. Zwei von Joes Brüdern hielten vom Dach aus Kontakt mit den Nachbarn. Am Nachmittag des nächsten Tages hatten die Briten die Unruhen niedergeschlagen. Die irakischen Juden lebten meist friedlich unter der muslimischen Bevölkerung, aber nach dem Farhud, erkannten die Juden, dass es im Irak keine Zukunft für sie gab. Joes Bruder Eliyahoo ging 1942 nach Palästina; Dezember 1949 schmuggelten sich Joe und sein jüngerer Bruder, Nory, nach Israel. Joe zog 1956 nach Montreal und 1978 kam er mit seiner Frau Rebecca (Rubin) Isaac Samuels nach Los Angeles Der Farhud ist weitgehend unbekannt, so wie seine von den Nazis beeinflusste Enstehung. Laut Natalie Farahan, Los Angeles Programmdirektorin der in San Francisco ansässigen Organisation „JIMENA“ der Juden aus dem Nahen Osten und Nordafrika, „ist der Farhud ein integraler Teil der jüdischen Geschichte, und wenn wir ihn versäumen, zu unterrichten, dann versäumen wir es, die gesamte Geschichte des jüdischen Volkes erzählen“.

Originalbeitrag von: Jane Ulman via Jewish Journal. Übersetzung: Sabrina Goldemann

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