Die Gewerkschaft syndicom, zuständig für die Bereiche Post, Logistik und Medien, verliert Mitglieder. An ihrer Delegiertenversammlung lagen vier Resolutionen vor. Zwei davon handelten von Israel. In der Medienmitteilung kam davon nichts vor.
Am 20. Juni 2026 versammelten sich 108 Delegierte im Kursaal Bern. syndicom vertritt Briefträger, Paketsortierer, Telekom-Angestellte, Journalisten und Druckereiarbeiter. Rund 30’000 Mitglieder, sagt die Gewerkschaft heute. Die Statistik des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds weist per Ende 2024 noch 27’864 aus, ein Minus von 4,03 Prozent.
Unter Traktandum 10 lagen vier Resolutionen vor. Zwei behandelten künstliche Intelligenz und Beschäftigungssicherheit, also die Arbeitswelt ihrer Mitglieder. Die anderen beiden behandelten Israel.
Die Resolution der Sektion Arc Jurassien verlangt, die Suva müsse israelische Staatsanleihen und Wertpapiere der Bank Leumi aus ihrem Portfolio entfernen. Genannt werden 24,7 Millionen und 2,53 Millionen Franken.
Die Resolution der Jugendkommission geht weiter. Angenommen wurde sie nach Auskunft der Medienstelle «mit einem deutlichen Mehr», in einer Fassung, die einen Aspekt aus dem Gegenvorschlag des Sektors ICT aufnimmt. Sie stellt fest:
«Israel begeht weiterhin einen Genozid im Gazastreifen an den Palästinenser:innen und setzt ein System der Apartheid durch.»
Die syndicom Jugendkommission verdreht dabei Täter und Opfer. Sie spricht vom «Krieg in Südwestasien, den die USA und Israel mit Angriffen auf Iran und Libanon begonnen haben». Den Überfall der Terrororganisation Hamas am 7. Oktober 2023 erwähnt das Papier mit keinem Wort. Kein Wort zum Massaker an rund 1200 Menschen, kein Wort zu den Geiseln.
Die Medienmitteilung vom 23. Juni 2026 teilt mit, die Delegierten hätten Resolutionen «zu KI, Beschäftigungssicherheit, Menschenrechten und internationaler Solidarität» verabschiedet. Das war es. Die Wörter Israel, Gaza, Suva und Bank Leumi kommen nicht vor. Die Resolution mit dem Genozid-Satz wird nicht einmal erwähnt.
Das Beschlussprotokoll ging am 24. Juni online. Es dokumentiert die Traktanden 4 und 5, also Anträge und Wahlen, säuberlich mit «angenommen» und «abgelehnt». Traktandum 10 kommt darin nicht vor. Auf Nachfrage schreibt die Medienstelle: «Das ordentliche Protokoll ist in Finalisierung, darin werden auch die Resolutionen gelistet sein.»
Das Resolutions-PDF selbst wurde erst am 13. Juli aufgeschaltet, drei Wochen nach der Versammlung. Wer am 23. Juni wissen wollte, was «internationale Solidarität» bedeutet, konnte es nicht nachlesen.
Soweit ersichtlich berichtete lediglich der Klein Report über die Versammlung und übernahm die Mitteilung wörtlich. Die Begriffe Israel, Gaza, Suva, Leumi, Genozid und Apartheid kamen nicht vor.
Ungeprüfte Zahlen
Die Suva sagt nicht, welche einzelnen Wertpapiere sie hält. In ihrem Jahresbericht 2025 stehen deshalb weder Israel noch die Bank Leumi. Die Beträge in der syndicom-Resolution hat die sogenannte «Association suisse des avocat·es pour la Palestine» geliefert, eine weitgehend anonyme pro-palästinensische Aktivistenorganisation. Sie hat die Zahlen über das Öffentlichkeitsgesetz bei der Suva erfragt und publiziert.
Auf Anfrage bestätigt die Gewerkschaft, dass sie nichts davon geprüft hat: «Die in der Resolution ‹Achtung der Menschenrechte und internationale Solidarität› genannten Anlagebeträge stammen aus dem von der Sektion Arc Jurassien eingereichten Resolutionstext. syndicom verfügt über keine darüber hinausgehenden eigenen Erhebungen zu den entsprechenden Anlagen der Suva.» Dies geht aus der Antwort auf eine Anfrage von Audiatur-Online hervor.
Eine Gewerkschaft verlangt also den Abzug von Wertpapieren im Umfang von 27 Millionen Franken, gestützt auf Zahlen einer Aktivistenorganisation, die sie selbst nie überprüft hat und deren Mitglieder niemand wirklich kennt.
Kein Gericht hat einen Genozid festgestellt
Weiter stützt die Resolution ihre Forderung auf einen Satz, den sie dem Internationalen Gerichtshof zuschreibt.
«Der Internationale Gerichtshof (IGH) hat in seinen einstweiligen Massnahmen vom 26. Januar 2024 ein plausibles Risiko eines von Israel begangenen Völkermords anerkannt.»
Das hat der Gerichtshof allerdings nicht gesagt. In der Anordnung vom 26. Januar 2024 steht etwas ganz anderes. Randnummer 54 lautet: «at least some of the rights claimed by South Africa and for which it is seeking protection are plausible.» Der IGH stellte also am 26. Januar 2024 fest, dass zumindest einige der von Südafrika geltend gemachten Rechte nach der Völkermordkonvention plausibel seien, darunter das Recht der Palästinenser in Gaza, vor Völkermordhandlungen geschützt zu werden. Ob Israel gegen die Völkermordkonvention verstossen hat, entschied der Gerichtshof ausdrücklich nicht.
Die Formulierung «a plausible claim of genocidal acts» steht ein einziges Mal in der Anordnung, in Randnummer 38, und zwar als Wiedergabe dessen, was Südafrika vorgetragen hat. Von dort stammt der «Irrtum». Wer den Satz ohne diese Zuordnung zitiert, unterstellt dem Gericht, dass es das behauptet hat, was die Klägerin gesagt hat.
Die Richterin, die den Gerichtshof damals präsidierte, hat das selbst richtiggestellt. Joan Donoghue erklärte in der am 25. April 2024 ausgestrahlten BBC-Sendung «HARDtalk», das Gericht habe nicht entschieden, dass ein Genozid-Vorwurf plausibel sei.
Bis heute ist überhaupt nichts entschieden. In der Falldatenbank des Gerichtshofs wird das Verfahren gegen Israel weiterhin als schriftliches Verfahren geführt. Mit der jüngsten Verfügung vom 21. Mai 2026 wurden die Fristen für die nächsten schriftlichen Eingaben gesetzt. Über die Hauptsache hat der Gerichtshof jedoch noch nicht befunden. Andere Gremien mögen sich festgelegt haben, die UNO-Untersuchungskommission etwa. Gerichte sind das aber nicht, und ihre Stellungnahmen sind nicht bindend.
Die Gewerkschaft syndicom schreibt trotzdem, Israel begehe «weiterhin einen Genozid».
Der Suva-Rat
Die Resolution verlangt, die Leitungsgremien sollten «ihren Vertreter im Suva-Rat ausdrücklich beauftragen, diese Forderung voranzutreiben».
Dieser Vertreter ist – welch ein Zufall –Matteo Antonini, der Präsident von syndicom. Er gehört dem Suva-Rat für die Amtsperiode 2024 bis 2027 als Arbeitnehmervertreter an.
Eine Gewerkschaft fordert also quasi von sich selbst, was ihr Präsident längst hätte einbringen können. Ob Antonini die Forderung vorgebracht hat, ist nicht bekannt.
Der Bundesrat hat die Forderung jedenfalls zurückgewiesen. Am 26. November 2025 antwortete er auf zwei Interpellationen, die am 8. September 2025 von der Grünen Nationalrätin Delphine Klopfenstein Broggini und dem SP-Nationalrat und VPOD-Präsidenten Christian Dandrès, der für das Personal öffentlicher Dienste zuständig ist und die Gaza-Flotilla unterstützt.
Beide Interpellanten lehnten es am 16. Juni 2022 ab, einer parlamentarischen Initiative für ein Verbot der Hamas Folge zu geben, und stimmten am 28. April 2026 für die Standesinitiative des Kantons Genf zur Anerkennung Palästinas. Die Suva selbst äussert sich nicht. Ihre publizierte Anlagepolitik lautet, man setze «auf Engagement statt auf Devestitionen».
Was syndicom auf Nachfrage sagt
Audiatur-Online hat syndicom sechs Fragen gestellt. Die Antwort enthält das Eingeständnis zu den ungeprüften Zahlen. Sie bestätigt die Annahme der Resolution. Bei drei Punkten weicht sie aus.
Audiatur-Online hat gefragt, weshalb Israel, Gaza, Suva und Bank Leumi in der Medienmitteilung nicht vorkommen. Die Medienstelle schreibt: «Die Medienmitteilung vom 23. Juni fasste die zentralen Themen und Beschlüsse der Delegiertenversammlung zusammen. Sie hatte nicht den Anspruch, sämtliche Inhalte der vier Resolutionen wiederzugeben.»
Wir haben gefragt, ob syndicom hinter dem Satz steht, Israel begehe einen Genozid und setze ein System der Apartheid durch. Die Antwort lautet: «Die Begründungen und Quellen der Resolutionen sind den veröffentlichten Texten zu entnehmen.»
Wir haben den Präsidenten gefragt, ob er den Auftrag im Suva-Rat vorgebracht hat, wann und mit welchem Ergebnis. Die syndicom-Medienstelle schreibt: «Die Delegiertenversammlung hat mit der Resolution einen politischen Auftrag an die Leitungsgremien von syndicom formuliert. Wie dieser innerhalb der zuständigen Gremien umgesetzt wird, ist Gegenstand der weiteren Behandlung.» Und: «Die Anlagepolitik der Suva wird von den dafür zuständigen Organen bestimmt und nicht von einem einzelnen Mitglied des Suva-Rats.»
Löhne von 10 Millionen und neue Jöblis
Die letzte von syndicom publizierte Jahresrechnung betrifft das Geschäftsjahr 2024. Vorgelegt wurde sie am Kongress vom 20. und 21. Juni 2025 in Baden. Das Betriebsergebnis vor Zinsen und Steuern (EBIT) schloss mit einem Minus von 398’194 Franken. Dennoch resultierte ein Jahresgewinn von 1,42 Millionen Franken. Ausschlaggebend dafür war das Finanzergebnis: syndicom verbuchte Finanzerträge von 2,26 Millionen Franken, darunter erhebliche realisierte und nicht realisierte Kursgewinne. Die Mitgliederbeiträge gingen gegenüber dem Vorjahr um rund 40’068 Franken auf 9,51 Millionen Franken zurück. Eine Rechnung für das Jahr 2025 hat syndicom bisher nicht veröffentlicht.

In ihrer publizierten Jahresrechnung legt syndicom die Vergütungen der Geschäftsleitung nicht offen. Ausgewiesen wird lediglich der Sammelposten «Gehälter inkl. Zuschläge» von 10,22 Millionen Franken. Einschliesslich Sozialversicherungen und weiterer Personalaufwendungen belief sich der gesamte Personalaufwand 2024 auf 12,81 Millionen Franken. Zum Vergleich: Die Mitgliederbeiträge brachten syndicom im selben Jahr 9,51 Millionen Franken ein. Damit entsprechen die gesamten Mitgliederbeiträge rechnerisch rund 93 Prozent der ausgewiesenen Gehälter inklusive Zuschläge beziehungsweise rund 74 Prozent des gesamten Personalaufwands. Wie viel davon auf die Geschäftsleitung oder einzelne Kader entfällt, geht aus der Rechnung nicht hervor.
Die Menschen, die syndicom mit ihren Beiträgen finanzieren, sortieren und liefern Pakete aus, arbeiten bei Post und Logistik, bauen und unterhalten Telekommunikationsnetze, arbeiten in Druckereien und Redaktionen – in Branchen, die unter massivem wirtschaftlichem und technologischem Druck stehen. Stellenabbau, Automatisierung, Digitalisierung und zunehmend auch künstliche Intelligenz verändern Berufsbilder, Arbeitsbedingungen und ganze Geschäftsmodelle. In vielen Berufen stellt KI inzwischen die Frage, welche Tätigkeiten künftig noch von Menschen ausgeübt werden und wie viele Arbeitsplätze erhalten bleiben. Doch statt diesen Herausforderungen vollste Aufmerksamkeit zu widmen, beschäftigten sich zwei von vier Resolutionen dieser Versammlung mit Israel. Dabei werden umstrittene Zahlen und schwerste völkerrechtliche Anschuldigungen gegen den einzigen jüdischen Staat präsentiert, als seien sie erwiesene Tatsachen. syndicom nennt das «internationale Solidarität» – und spricht von Apartheid in einem demokratischen Staat, in dem rund 2,1 Millionen Araber leben und arabische Staatsbürger wählen, gewählt werden und politische Parteien bilden können.
Ein Genozidvorwurf ist keine politische Floskel. Paketboten, Techniker und Medienschaffende finanzieren syndicom, damit ihre Interessen vertreten werden – nicht damit überbezahlte Funktionäre linke Nahostpolitik betreiben. Wer aus einer Arbeitnehmervertretung eine politische Anklageplattform gegen Israel macht, missbraucht das Vertrauen seiner Mitglieder. Das ist keine Solidarität. Das ist eine Schande.























Israel als Sündenbock.
Vielleicht ist es Zeit, diese selbstgerechten und herzigen Edelschweizer so nebenbei – beim Tee quasi – auf den „Schattenfinanzindex“ hinzuweisen. Alex Cobham von Tax Justice Network (TJN) beschreibt ihn im Jahr 2020 folgendermassen: „Schattenfinanz öffnet Drogenkartellen den Zugang zum Banksystem, macht Steuerhinterziehung zum Kinderspiel und Menschenhandel profitabel.“ Auf diesem Index steht die Schweiz absolut vorne oder extrem weit vorne.
Da muss man sich echt mal die Zeit nehmen und ein paar Sekunden visualisieren, was die Schweiz hier leistet: Die Schweiz ist diesbezüglich – gemessen an ihrer Grösse – der überhaupt stärkste Schädling des Planeten. Gleichzeitig getrauen sich ganz viele Menschen und Organisationen in diesem Land, das alles zu 100% auszublenden. Stellvertretend – falls das Gewissen doch einmal ein ganz klein wenig juckt – wird dann sofort Whataboutismus betrieben, notfalls vermittels Täter-Opfer-Umkehr: Was aber ist mit Israel… Die bösen Juden… Das Grosskapital… Die Genozidisten…
Israel ist ohnehin eine geniale Erfindung: Immer wenn Intellekt und Gewissen nicht ausreichen um eigene Fehler zu benennen – somit eigentlich meistens – wird Israel geschlagen. Also: den Sack schlagen und den Esel meinen. Anzuführen wäre auch das Gleichnis vom Balken und dem Splitter.