Foto Al Jazeera English - P1020739, CC BY-SA 2.0, Link

Das Konzept palästinensischer Identität und palästinensischen Nationalismus‘ ist eine Erfindung neuerer Zeit. Früher wurden die im heute als Palästina bekannten Gebiet lebenden Araber genau wie zur heutigen Zeit sowohl von Aussenstehenden als auch von ihren eigenen Wortführern als Mitglieder der allgemeinen arabischen Bevölkerung angesehen, ohne weitere eigene oder gesonderte Identität. In jüngerer Zeit hat sich allerdings ein palästinensischer Nationalismus entwickelt, der zu einem politischen Faktor geworden ist.

von Prof. Michael Curtis

Die jüngst von Newt Gingrich gemachte Äusserung, die Palästinenser seien ein „erfundenes Volk“, wurde von politischen Gegnern als Zeichen mangelnder Nüchternheit und Stabilität kritisiert. Doch was auch immer man auch von Gingrichs Scharfsinn oder Urteilsvermögen im Hinblick auf andere Fragen hält und ungeachtet der eigenen Ansicht zur Frage eines neben dem Staat Israel existierenden palästinensischen Staates und seines Charakters: Gringrichs Behauptung über die Palästinenser ist richtig. Zwei Faktoren zeigen dies. Der erste ist der bereits genannte: weder in früheren Zeiten noch derzeit werden die im heute als Palästina bekannten Gebiet lebenden Araber als eine eigene Einheit betrachtet, sondern als Teil des allgemeinen arabischen Volkes. Das wurde von arabischen Wortführern, von Gelehrten und von objektiven internationalen offiziellen Berichten so festgestellt. Der zweite Faktor: es hat bisher niemals einen unabhängigen palästinensischen Staat gegeben, geschweige denn einen, der eine „palästinensische Identität“ manifestiert hätte.

Einige Beispiele verdeutlichen dies. Der erste Kongress der muslimisch-christlichen Vereinigungen in der Region kam im Februar 1919 zusammen, um sich mit der Zukunft des Gebietes zu befassen, das vormals durch das nach dem Ersten Weltkrieg aufgelöste Osmanische Reich regiert worden war. Der Kongress erklärte: „Wir betrachten Palästina als Teil des arabischen Syrien, da es zu keiner Zeit davon getrennt gewesen ist. Wir sind mit ihm durch nationale, religiöse, sprachliche, moralische, wirtschaftliche und geographische Verbindungen verbunden.“ Die Aussage des berühmten Wissenschaftlers Philip Hitti im Jahr 1946 vor dem Anglo-American Committee lautete, so etwas wie Palästina gebe es in der Geschichte nicht, „absolut nicht“.

Das United Nations Special Committee on Palestine (UNSCOP) merkte in seinem Bericht vom 3. September 1947 an, dass der palästinensische Nationalismus, im Gegensatz zum arabischen Nationalismus, ein verhältnismässig neues Phänomen sei. Es befand, dass die palästinensische Identität Teil eines umfassenden Geflechts von Identitäten sei, das sich hauptsächlich auf arabische und islamische Solidarität begründet.

Die Palästinenser selbst sind zum gleichen Ergebnis gelangt. Der palästinische Wortführer Ahmad Shukeiri sagte dem UN-Sicherheitsrat im Jahr 1956, Palästina sei nichts anderes als das südliche Syrien. Der Anführer der Abteilung der militärischen Angelegenheiten der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), Zuhair Muhsin, erklärte am 31. März 1977: „Nur aus politischen Gründen unterstreichen wir sorgfältig unsere palästinensische Identität. … die Existenz einer eigenen palästinensischen Identität ist aus taktischen Gründen da.“ Die PLO erklärt in ihrer eigenen Charta oder Berichtigten Verfassung (Artikel 1), dass Palästina Teil der arabischen Nation sei.

Zur dieser „arabischen Nation“ gehörte niemals ein als „Palästina“ bekannter Staat. Vielmehr waren die Bewohner des allgemeinen palästinensischen Gebietes nicht Untertanen einer arabischen Nation, sondern des Osmanischen Reiches, das von 1516 bis 1918 über das Gebiet herrschte. Dies war die letzte anerkannte souveräne Hoheitsgewalt in der Region. Das Gebiet Palästinas war ein Distrikt des Reiches, offiziell ein Vilayet (eine Grossprovinz), keine eigene politische Einheit. Kein unabhängiger palästinensischer Staat ist jemals gegründet worden, und es gab noch nie eine administrative oder kulturelle Einheit der Palästinenser. Araber dieser Region unterschieden sich in keiner Weise von anderen Arabern des Nahen Ostens. Und Israel wurde auf den Überresten keines anderen Staates als denen des Osmanischen Reiches gegründet.

Auf der anderen Seite existierte ein souveräner jüdischer Staat schon bevor das Römische Reich gross wurde. Obwohl die Römer den herodianischen Tempel zerstörten, den Namen des Landes änderten in Syria Palaestina und die Juden aus Jerusalem verbannten, löschte dies nicht die gesamte jüdische Präsenz in der Region aus. Zudem hielten die Juden in der Diaspora ein starkes Bewusstsein der historischen Verbindung des jüdischen Volkes mit Palästina wach – einer Verbindung, die im Mandat des Völkerbundes bestätigt wurde. Für den jüdischen Nationalismus waren legendäre Erzählungen von Gestalten wie Moses und anderen als gemeinsame Vorfahren und Begründer des jüdischen Volkes wichtig.

Auch in anderen Völkern gibt es mythische Gestalten, die ihre Herkunft begründen: Vercingetorix und Chlodwig in Frankreich, der Cherusker Herrmann in Deutschland, und Romulus und Remus in Italien. Genauso kann es im jüdischen Nationalismus ausser jahrhundertealten Traditionen auch gewisse erfundene Elemente geben. Wichtig ist jedoch, dass die Juden ein Volk bilden – eine Gruppe von Personen, die nicht nur durch eine gemeinsame Religion verbunden sind, sondern auch als Mitglieder einer ethnischen Gemeinschaft mit Erinnerungen an eine gemeinsame Vergangenheit, gemeinsame Zeremonien und eine eigene Kultur sowie an gemeinsame Rechtskodizes, soziales Verhalten, Mythen und Symbole. Zwischen den Juden gibt es eine Volkszugehörigkeit, eine subjektive Überzeugung von der gemeinsamen Abstammung von Vorfahren in Judäa und Samaria.

Die erste offizielle Benennung Palästina als eigenständiger bestimmter territorialer Bereich kam zusammen mit der Entscheidung des Völkerbundes im Hinblick auf die Gebiete des vormaligen Osmanischen Reiches, ein Mandat für Palästina zu schaffen. Es wurde Grossbritannien übertragen, das das Gebiet vom Mittelmeer bis westlich des Jordan von 1922 bis Mai 1948 regierte.

Alle in diesem Gebiet lebenden Einwohner wurden ohne jegliche ethnische Implikationen als „Palästinenser“ bezeichnet. Ironischerweise wurde der Name nicht von den Arabern, sondern nur von den Juden in der Region benutzt, wie in The Palestinian (heute: Jerusalem) Post oder im Palestine Symphony (heute: Israel Philharmonic) Orchestra. Erst nach der Gründung des Staates Israel im Mai 1948 wurde der Begriff „Palästinenser“ ausschliesslich in Bezug auf die Araber der Region verwendet.

Inzwischen nun ist das Konzept palästinensischer Identität und palästinensischen Nationalismus entstanden und zu einem politischen Faktor geworden. Ob es zuerst vor einem Jahrhundert aus literarischen Gesellschaften und Missionsgruppen, aus dem Einfluss der Arabischen Revolte von 1916-1918 in der Wüste des Hedschas in Arabien oder als Nachahmung der Aktionen der Jungtürken, die im Jahr 1908 die Macht im Osmanischen Reich ergriffen, hervorging, ist irrelevant. Das neue Konzept wurde in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg wichtig als Forderung der Araber auf Selbstbestimmung und als Reaktion auf die zunehmende Bedeutung des Zionismus und die Durchsetzung der Selbstbestimmung des jüdischen Volkes. Der wichtigste Faktor, der zur Idee und Entwicklung einer palästinensischen nationalen Identität führte, war die Gründung des Staates Israel und die arabische Niederlage gegen Israel im Jahr 1948/1949. Man könnte sogar sagen, sie entwickelte sich in der Nachahmung der zionistischen Bewegung. Eine palästinensische nationale Identität wurde formal erst mit der Bildung der PLO im Jahr 1964 geltend gemacht.

Das wesentliche Problem ist nicht nur ein terminologisches – die Weigerung vieler, anzuerkennen, dass die Kategorie der palästinensischen Identität eine neuere Erfindung ist. Vielmehr wird das Beharren auf einem mutmasslichen, altehrwürdigen Recht des palästinensischen Volkes auf das umstrittene Land als argumentative Waffe gegen das Existenzrecht Israels benutzt. Dieses Beharren ist ein Hindernis für ein friedliches, ausgehandeltes Abkommen zwischen den Palästinensern und Israel. Die Entscheidung über die Ausübung hoheitlicher Gewalt in Palästina muss in einer umfassenden Friedensvereinbarung festgelegt werden.

Michael Curtis ist Professor emeritus für Politikwissenschaften an der Rutgers University. Originalversion: Palestinians: Invented People by Prof. Michael Curtis © BESA Perspectives Papers on Current Affairs # 157, December 20, 2011.

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5 KOMMENTARE

  1. Es gibt ein Land, das Schweiz heißt. Da leben überwiegend Schweizer. Die Bürger Norwegens nennt man Norweger. Es gibt eine Gegend, die heißt Palästina. Die Leute, die da wohnen, wären also normalerweise überwiegend Palästinenser.
    Solange die Realität mit Spitzfindigkeiten aus dem Blickfeld geschoben wird, gibt es im Staate Israel wohl kein ernsthaftes Interesse am Frieden. Denn das würde voraussetzen, dass man eigene Fehler der Vergangenheit und der Gegenwart erkennt.
    Dass man die Palästinenser als gleichwertige Bürger akzeptiert.
    Das ist eine der Hauptursachen des Konfliktes, dass viele Juden die Menschenrechte der Palästinenser nicht anerkennen.
    Und mit solchen Artikeln wie dem obigen wird diese Ignoranz noch gefördert.

  2. Geschätzter Zahal
    Danke für den Hinweis: Habe im Text von Olaf Köndgen Bücher von "Neuen Historikern" entdeckt, die ich noch nicht gelesen habe.
    Dass Arthur Koestler darüber geschrieben hat, ist nicht neu (Siehe dazu Tony Judts Kommentar). Dass Shlomo Sand von verschiedener Seite auch kritisiert wurde, erstaunt weiter ja nicht. Aber – zumindest gemäss Wikipedia – auch Shlomo Sand wird den "Neuen Historikern" zugerechnet, die ja eben versuchen, mit (Nationalstaats-begründenden) Mythen aufzuräumen.
    Im übrigen war mein "Kommentar" ja keine Kritik an Michael Curtis, es war lediglich ein Hinweis auf weitere Literatur zur gleichen Thematik.

  3. Shlomo Sand ist längst widerlegt, einfach mal nach "Neue Historiker" googlen….Sands Argumentation basiert zum Teil auf Hypothesen zu den Chasaren, die bereits u. a. von Arthur Koestler in seinem Buch Der dreizehnte Stamm (The Thirteenth Tribe) vertreten wurden. Demnach seien die osteuropäischen, aschkenasischen Juden Abkömmlinge konvertierter Chasaren. Derartige Thesen sind in der Fachwissenschaft und von Journalisten vielfach als unhaltbar bezeichnet worden. Koestler selbst war Zionist, seine Thesen wurden aber auch von Neo-Nazis, Holocaustleugnern und dem iranischen Staat propagiert. Von Journalisten und Historikern wurde eingewandt, es gebe durchaus archäologische und historische Belege für die Präsenz von Juden auch nach dem Bar-Kochba-Aufstand. Und die gibt es durchgehend…… nein, der Artikel hat Recht, auch wenn es politisch nicht gewollt ist.

  4. Vollständigkeitshalber und fairerweise müsste hier wohl auch das Buch von Shlomo Sand: Die Erfindung des jüdischen Volkes erwähnt werden. Shlomo Sand ist Geschichtsprofessor an der Universität Tel Aviv; die deutsche Ausgabe des fast 500 Seiten starken Buches erschien 2010 in Berlin. Zum gleichen Thema siehe auch Gideon Levy http://www.haaretz.com/print-edition/opinion/jewi

  5. Das Faisal-Weizmann-Abkommen ist eine am 3. Januar 1919 auf der Pariser Friedenskonferenz zwischen Arabern (Delegationsleiter Emir Faisal) und Zionisten (Delegationsleiter Chaim Weizmann) getroffene Übereinkunft über die politische Neuordnung Palästinas, die niemals in Kraft trat.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Weizmann-Faisal-Abkommen
    http://en.wikipedia.org/wiki/Faisal–Weizmann Agreement

    Faisal-Weizmann-Abkommen bestimmte die einvernehmliche Festlegung von Staatsgrenzen für das von Faisal angestrebte arabische Königreich und den von Weizmann gemäß der Balfour-Deklaration angestrebten jüdischen Staat.

    Die Araber stimmten damit der Herauslösung Palästinas aus dem arabischen Königreich und der Existenz eines jüdisch-zionistischen Staates grundsätzlich zu.

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