Februar 1932. Foto Bundesarchiv, Bild 102-13166 / CC BY-SA 3.0 de, Wikimedia Commons.

Über das kürzlich veröffentlichte Werk aus vier Bänden, «Hitler – Das Itinerar“ , wurde bereits in vielen Medien – unter anderem auch in der NZZ und dem Tagesanzeiger –  ausführlich berichtet. Der Hobbyhistoriker Harald Sandner hat während über zwei Jahrzehnten akribische Forschungen bezüglich Adolf Hitlers täglichem Aufenthalt betrieben, und die gefundenen Belege veröffentlicht.

Audiatur-Online wollte mehr über die Person Harald Sandner erfahren. Die Tatsache, dass ein Deutscher, 1960 geboren, sich derart intensiv mit dem Alltag von Adolf Hitler befasst, wirft Fragen auf.  Dass Sandner und allen deutschen Nachkriegskindern eine belastende nationale Vergangenheit in die Wiege gelegt wurde, ist bekannt. Der deutsche Sozialpsychologe Harald Welzer machte in seinen Forschungen 1 mit jungen Deutschen überraschende Feststellungen in diesem Zusammenhang: je mehr die Nachkriegsgeborenen über den Holocaust Bescheid wussten, desto eher waren sie dazu geneigt, ihren Grosseltern eine kritische Haltung zum Nationalsozialismus zuzuschreiben. Sie waren sogar oft der Überzeugung, ihre Grosseltern „hätten den Verfolgten geholfen“. Welzer kommt zur Einsicht, dass es in deutschen Familien aus der Sicht der jüngeren Familienangehörigen „ keine Nazis, Antisemiten oder sonstige Täter gab.“

Harald Sandner sticht vor diesem Hintergrund heraus: Er wurde von fehler- und mangelhaften Informationen in Holocaustbüchern einerseits,  und von der erschreckend positiv bis gleichgültigen Haltung seiner Familie zu Hitler und seinen Verbrechen andererseits dazu angetrieben, sich fast obsessiv jahrzehntelang einer Aufdeckungsarbeit hinzugeben. Das hart erarbeitete Werk ist somit auch Ausdruck seines persönlichen Engagenement gegen das Verdrängen des Holocaust in seiner Familie, und in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft.

Audiatur-Online: Herr Sandner – inwiefern hat Ihr kürzlich veröffentlichtes Werk mit Ihrer persönlichen Vergangenheitsbewältigung zu tun?
Harald Sandner: Neben meinem allgemeinen Interesse für Geschichte des 19. und des 20. Jahrhunderts, und dem Umstand, dass, seit ich bewusst wahrnehmen kann, ich mit den Folgen des Zweiten Weltkrieges im Alltag konfrontiert wurde (Leben an der innerdeutschen Grenze, Kalter Krieg usw.) ist meine persönliche „Vergangenheitsbewältigung“ der weitere  Grund für meine jahrzehntelange Arbeit. Wobei ich dieses Wort nicht mag, weil man Vergangenheit eben nicht „bewältigen“, sondern nur verstehen kann, um sich mit ihr auseinander zu setzen und die Schlüsse daraus zu ziehen.

Ich habe in meiner geschichtsträchtigen Heimatstadt Coburg den Umgang mit der NS-Geschichte erlebt durch Verschweigen, Verharmlosen, Abblocken, Vergessen, Ignoranz und Bildfälschung – de facto also durch Geschichtsmanipulation. In meiner Familie herrschte das Schweigen vor und später bei Diskussionen nur die eigene Sicht, kein Bedauern mit den Opfern.

Gibt es in Ihrem Leben ein Schlüsselerlebnis, an welches Sie die Spannung zwischen der Familienloyalität einerseits und der Geschichte andererseits aufhängen könnten?
Irgendwann fragte ich nach meinen Vorfahren und bekam mit, dass einer meiner Grossväter seit Generationen aus Böhmen stammt, also in Österreich-Ungarn geboren wurde, aber eben kein Deutschstämmiger, sondern Tscheche gewesen ist. Er begrüsste den Anschluss des Sudetenlandes an das Deutsche Reich, ging zum Nationalsozialistischen Kraftfahrtkorps, meldete sich mit 33 Jahren 1940 freiwillig zu Deutschen Wehrmacht und änderte drei Wochen nach der deutschen Niederlage in Stalingrad seinen Namen (für sich und seine Familie) von Cermák in Sandner. Eine bewusste freiwillige Reaktion, vermutlich nach dem Motto „jetzt erst recht“ – und das als Tscheche.

Weitere  Schlüsselerlebnisse waren die Umstände, dass auch mein Vater und meine beiden Grossmütter, allesamt Heimatvertriebene, bis heute bzw. zu ihrem Lebensende nie für sich persönlich kritisch reflektiert haben, wer an der ganzen Katastrophe nicht nur im Allgemeinen, sondern auch im Persönlichen (Heimat verloren, Flucht. Vertreibung usw.) verantwortlich war – nämlich niemand anderes als Adolf Hitler.

Auch mein Vater war Weltkriegsfreiwilliger, kündigte dafür seinen sicheren Arbeitsplatz in einem Rüstungsbetrieb. Eine Grossmutter nahm im Winter vier Stunden Fussmarsch auf sich, um Hitler bei einer Vorbeifahrt zujubeln zu können. Die andere Grossmutter nahm ihr Hitlerportait erst im Herbst 1945 von der Wand – als US-Soldaten an ihre Haustüre klopften.

Man sah sich immer nur als Opfer, schimpfte über die allgemeinen Umstände, die „Feinde“ oder über die „Besatzer“, auch mal über die Parteibonzen der NSDAP – aber über Hitler selbst fiel niemals ein kritisches Wort.  Man verwendete auch selten den Namen, sondern sprach immer noch und ganz selbstverständlich vom „Führer“. Das Schicksal der Juden in ihrem früheren Umfeld war ihnen gleichgültig. Auf Nachfrage erklärte meine Grossmutter: „Die waren eines Tages halt weg“. Nach Kriegsende wurde sie gezwungen, sich einen Film über KZ-Greuel anzusehen. Nur die Vorlage des Kinobesuches berechtigte sie und ihre Familie zum Bezug von Lebensmittelkarten. Da ich sie aber ansonsten als liebevolle, normale, absolut gewaltfreie Menschen erlebt habe, ging das nicht in meinem Kopf.

Wie sieht die innere Landschaft eines Menschen aus, der sich über jahrzehntelang mit den alltäglichen Details eines der grössten Verbrecher der Menschheitsgeschichte befasst?
In sich ruhend und – man kann es sich vielleicht nur schwer vorstellen – normal. Wenn Sie mir nicht glauben, fragen Sie meine Lebensgefährtin. Mir ist bewusst geworden, dass ich de facto der erste Demokrat meiner Familie bin und ich bin sehr froh, in der heutigen Zeit leben zu dürfen. Wer sich wie ich mit den Folgen des Tuns dieses Menschen auseinander gesetzt hat, der kann nur jede radikale politische Strömung, egal ob von links oder rechts, entschieden ablehnen und ich kann auch Aussagen, uns ginge es heute schlecht, nicht nachvollziehen.

An meine Vorfahren denkend habe ich mir überlegt, wie hätte ich gehandelt, wenn ich damals gelebt hätte? Natürlich mit den Kenntnissen und dem Klima der damaligen Zeit. Ich bin mir ziemlich sicher, dass auch ich mindestens ein sogenannter Mitläufer gewesen wäre. Ganz sicher bin ich mir, dass ich keinen aktiven Widerstand geleistet hätte. Aus heutiger Sicht hätte ich mir gewünscht, dass wenigstens einer meiner Vorfahren vor 1945 eine Erkenntnis gezeigt oder durch eine, irgendeine und wenn banale Tat, demonstriert hätte, dass man das Verbrecherische am NS-Regime wenigstens ansatzweise erkannt hat und nicht gutheisst.

Mein Vater (93), bedauert noch heute, dass er im Zweiten Weltkrieg das Ritterkreuz nicht bekommen hat. Er hat im Herbst 1944 von Holland aus mitgeholfen, V2-Raketen auf London abzuschiessen. Es kam ihm bis jetzt kein Wort des Bedauerns über die (auch von ihm mitverschuldeten) Opfer über die Lippen. Dieser Gedanke kommt ihm überhaupt nicht in den Kopf und darauf direkt angesprochen, antwortet er „Es war ja Krieg“.

Auf welche Reaktionen in Ihrer Umgebung – Familie, Freunde, Archive, Adressaten bei der Quellensuche – sind Sie während Ihrer Arbeit gestossen?
Anfang stiess ich oftmals auf Zurückhaltung in den Archiven. Man hatte keine Unterlagen, wusste nichts usw. Das änderte sich nach Veröffentlichung meiner Chronik über Coburg im 20. Jahrhundert, da man merkte, das ich seriös arbeitete. Die Familie und Freunde akzeptierten meine Geschichtsforschungen, ohne sich im Detail darum zu kümmern und rechneten – wie ich selber auch – nicht damit, dass dies irgendwann publiziert werden würde. Seit ca. 20 Jahren ist – oft auch durch einen Generationswechsel in den Archiven – eine deutliche Besserung der Auskunftsbereitschaft und des objektiven Aufarbeiten-Wollens und der Zurverfügungstellung von Aktenmaterial zu verzeichnen.

Besteht die Gefahr, dass Ihr Werk von Hitler-Verehrern missbraucht werden könnte?
Auf keinen Fall, das Gegenteil ist der Fall. Gerade weil ich die Fakten über Hitler veröffentlicht habe (es ist das umfangreichste Werk über Hitler überhaupt) und es nun keinen Raum mehr gibt für Mythen, Verdrängung, Legendenbildung usw. Der Verlag bekommt natürlich auch Anfragen von rechten Versandhäusern. Im Gegensatz zu anderen Verlagen, die Hitler-Biographien publiziert haben, haben wir von vorneherein öffentlich gemacht, dass rechte Versandhäuser und Parteien von uns nicht beliefert werden, was uns bereits entsprechende Drohungen einbrachte.

Sebastian Haffner sagte schon vor Jahren: „Hitler ist medial omnipräsent. Das Faszinosum an seiner Person ist auch Jahrzehnte nach seinem Tod ungebrochen, weil wir nach wir vor im täglichen Leben mit den Folgen seines Wirkens zu tun haben. Das beste Mittel gegen Ansteckung durch infektiöse Hitleritis ist das Wissen über Hitler. Die beste Therapie ist Hitler selbst.“

Und der SPD – Politiker Klaus von Dohnanyi sagte: „In 12 Jahren seines Lebens hat er die grösste Katastrophe angerichtet, die in der Weltgeschichte mit dem Namen eines einzelnen Mannes verbunden werden kann. Seit Hitler fehlt uns die Fähigkeit, mit Gegenwart und Zukunft unbefangen und unmittelbar umzugehen. Er hat unser politisches Selbstvertrauen zerstört. So wie Goethe unser Goethe, wie Bach unser Bach, so war auch Hitler ‚unser‘ Hitler, denn er war Deutschlands gewählter Führer. Erst wenn wir das begreifen, haben wir uns von ihm befreit“. Ich möchte mit meinem Werk zu dieser Befreiung beitragen.

Zivilisten beim Einmarsch deutscher Truppen in Eger, Tschechoslowakei 1938. Foto Von Bundesarchiv, Bild 183-H13160 / Unbekannt / CC BY-SA 3.0 de, Wikimedia Commons.
Zivilisten beim Einmarsch deutscher Truppen in Eger, Tschechoslowakei 1938. Foto Von Bundesarchiv, Bild 183-H13160 / Unbekannt / CC BY-SA 3.0 de, Wikimedia Commons.

Wie würde für Sie eine konstruktive Vergangenheitsbewältigung von Nachkriegskindern, deren Eltern oder Grosseltern Kriegsverbrecher, Hitlerverehrer und/oder schweigende Unterstützer des Holocaust gewesen waren, aussehen?
Als erstes: bewusst werden, dass man selber nicht für die Taten seiner Vorfahren verantwortlich zeichnet. Als zweites: den Gedanken, dass man selbst damals von vorneherein dagegen gewesen wäre etc. sofort vergessen. Drittens: Das Ganze so neutral und objektiv wie möglich, möglichst unabhängig von persönlichen Sympathien oder Antipathien der betreffenden Person gegenüber. Viertens: Kein vorschnelles Urteil fällen.

Wenn noch Vorfahren leben, umgehend befragen. Dann die Rolle und das Tun dieser Personen im Kontext der Zeitumstände hinterfragen. War es nur ein Wegsehen, eine stillschweigende Duldung, ein Arrangieren mit dem System, eine indirekte oder direkte Unterstützung? Wenn ja in welcher Form und wie lange? Eine m.E. entscheidende Frage.

Waren sie schon immer gegen das NS-Regime oder erst, als sich die Wende im Zweiten Weltkrieg abzeichnete (so wie viele Generalstabsoffiziere, die dann ihr Gewissen entdeckten). Hielten Sie zum Regime bis Kriegsende und reflektieren dann ihr Tun bzw. Nichttun? Kehrte eine Einsicht ein oder nicht?

Welche Lehren sind aus dem Verhalten der eigenen Vorfahren damals auf das eigene Verhalten in der Gegenwart zu ziehen? Gibt oder könnte es Parallelen geben? Wie hätte man selber reagiert und wie reagiert man heute auf radikale Ideen?

Sie haben mit Ihrer Arbeit vielerorts die Wahrheit nicht nur über Hitler, sondern vor allem über die Deutschen aufgedeckt. Deutsche, die vorher behauptet hatten, mit Hitler nichts zu tun gehabt zu haben, oder dass Hitler nie in ihrer Ortschaft gewesen sei. Sie zitierten dazu auch Hanna Arendt, die sagte, dass „die Uneindeutigkeit des Machtzentrums  das entscheidende Charakteristikum totalitärer Herrschaft sei.“ Nach Ihren Enthüllungen ist klar geworden, dass Hitler fast überall war, und fast jede deutsche Ortschaft ihn irgendwann empfangen hatte. Haben Sie das Gefühl, dass diese Rieseninvestition, die Sie für das Aufdecken und Blosslegen der Wahrheit über Hitler und die Deutschen betrieben haben, für Sie eine Art Sühne darstellt? Dass Sie mit Ihrem Enthüllen für das Verdrängen Ihrer Familie sühnen?
Hitler hielt es selten lange an einem Ort aus, er führte ein unstetes Leben, in dem sich politisches und privates permanent vermischte. Wobei festgestellt werden muss, dass Hitler in dem normalen Sinne kein Privatleben hatte. Er war immer und überall, wenn er mit Menschen (auch mit seiner engsten Umgebung) in Kontakt war, der „Führer“ und wich niemals von dieser Rolle ab. Er hatte ein gutes Gespür dafür, in welcher Stadt oder Gegend er sich sehen lassen sollte oder nicht. Manche Städte bevorzugte er, manche waren ihm gleichgültig.

Ich denke schon, dass ich durch meine jahrzehntelange Arbeit – die Berufshistoriker laut ihren eigenen Aussagen nicht hätten machen wollen – eine Sühne für meine Vorfahren, im übertragenen Sinne auch für die Deutschen, geleistet habe. Dies wird mir aber erst jetzt, vor allem auch durch die positiven Reaktionen der Medien (bisher berichteten ca. 70 Medien weltweit) so langsam richtig bewusst. Als ich die Bücher schrieb, war da nur ein innerer Drang, im Rahmen meiner Möglichkeiten alles dafür zu tun, dass diese Daten qualitativ der wahrscheinlichen Wirklichkeit am nähesten kommen und am Ende auch publiziert werden.

Harald Sandner: „Hitler. Das Itinerar“ (Berlin-Story Verlag. 2432 S., 399 Euro / mit Daten-CD 499 Euro) ISBN 978-3-95723-095-9

  1. Opa war kein Nazi: Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis, von Harald Welzer, Sabine Moller und Karoline Tschuggnall, Fischer Verlag
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