Foto Andreas Praefcke. Lizenziert unter CC BY 3.0 via Wikimedia Commons.
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Mit der Macht des Bildes gewinnen vor allem die arabischen Medien und Organisationen weltweite Sympathien für den Kampf gegen Israel.

Von Sabrina Goldemann, freie Autorin

Medienkonsumenten werden bewusst in eine emotionale Sackgasse geführt, die keinen Raum bietet, präsentierte Fakten zu hinterfragen. Verschiedene politische Intentionen, moralische Ansprüche und der mediale Kundenfang spiegeln sich oft in einer künstlichen Realität des Nachrichtengeschäfts. Dazu gehört auch die Arbeit der Organisation Youth against Settlements, die mit ihren Fotos und Videos den Medien gerne bei einem Mangel an Material für israelkritische Meldungen hinweghelfen.

Ein tödlich verlaufender Vorfall an einem israelischen Checkpoint bei Hebron, Westbank, ist genau das richtige für die händereibend erwarteten spektakulären Israel-Meldungen. Der Blick stürzte sich in sichtbarer Dankbarkeit auf die Nachricht: „Israelische Soldaten erschiessen Studentin“. Ein Highlight für die Sensationspresse. Die Aussage zum Hergang von der israelischen Seite steht jener eines „europäischen Beobachters“ gegenüber, der aussagt, die Frau habe nur da gestanden. Von angeblich zufällig anwesenden Youth against Settlements „Aktivisten“ geschossene Fotos, sollen „beweisen, dass die junge Frau im schwarzen Tschador aufgrund von sprachlichen Missverständnissen, den Anweisungen der Soldaten, zu stoppen, nicht gefolgt ist. Es seien die „letzten Momente in ihrem Leben“. Auf sie schossen Soldaten, die sie anschliessend in ein Krankenhaus überführten, wo sie tatsächlich gestorben ist. Hauptquelle natürlich die israelkritische New York Times und keine israelischen Medien, wie Ynet, das die Gesichter der Betroffenen auf den Fotos sogar schwärzte. Hier heisst es weiter, dass die Fotos die Frau zeigen, bevor sie ein Messer zückte. Blick.ch veröffentlicht pietätlos diese Patchwork – Nachricht während der Fastenzeit des Yom Kippur, die aus widersprüchlichen Zeugenaussagen unreflektiert komponiert scheint. Der Text ist vollständig im Konjunktiv, denn letztendlich weiss niemand genau was, warum und wie passierte.

Nach israelischen Nachrichten-und Armeequellen handelt es sich bei der 18jährigen Palästinenserin um eine „Attentäterin“. Laut Jerusalem Online war die Frau den Sicherheitsbehörden bereits einschlägig bekannt und habe in den vergangenen Tagen mehrmals den Wunsch geäussert einen Terroranschlag ausführen zu wollen.

Die Situation in Israel gleicht vor dem Hintergrund der höchsten jüdischen Feiertage und dem muslimischen Opferfest einem Pulverfass. Die Blickredaktion vergisst dabei, zu erwähnen, dass vollverschleierte Attentäterinnen keine Seltenheit sind. Sie nehmen ihren Tod in Kauf, um diesen schrecklichen Effekt zu erzielen, eine Märtyrerin zu sein.

Eine Schlagzeile ist es alle Male wert, weil es erfolgreich das negative Standardbild der israelischen Armee bestätigen soll. Diese Art der Berichterstattung, die auf Effekthascherei aus ist, lässt leider die persönlichen Tragödien auf beiden Seiten zu einer Farce verkommen. Vielleicht ist das der Grund, warum sich andere Schweizer Medien an diese Meldung bisher nicht herantrauten.

Der kürzlich stattgefunde Besuch der US-Justizministerin Loretta Lynch überforderte die Sprengstoff-Schüffelhunde der Schweizer Polizei und das Sicherheitsteam. Das wiederum animierte den Leiter des Tagesanzeiger-Rechercheteams, Thomas Knellwolff sich persönlich eines brisanten wie spannenden Spionagefalls anzunehmen und somit ein reisserisches Israelthema zu veröffentlichen. Auch wenn die Geschichte nicht mehr taufrisch ist. Eine nicht ganz plausible Agentengeschichte und Lobeshymne auf die schweizerischen Sicherheitsbehörden folgte.

Knellwolf führt den Leser zu einer bereits bekannten vermeintlichen Abhöraffäre während der Irankonferenzen im Frühjahr des Jahres. Gemäss unbekannter „Kenner“, berichtet er in einer langatmigen Beschreibung dem Leser über den Trojanerfund, Duqu 2.0 in den Rechnern des Softwareproduzenten Kaspersky. Der Trojaner soll auch vom israelischen Mossad benutzt worden sein. Zudem wisse die geheimnisvolle „Kenner“-Quelle, dass das Sicherheitspersonal im Luxushotel, Président Wilson, einem Kasperskykunden und Tagungsort für die Irangespräche, beim israelischen Geheimdienst war. Die schweizerischen Sicherheitsbehörden vermuteten bereits vor der Razzia „Israel hinter der Cyberattacke – und sie tun es heute noch.“ Der Chefrechercheur vergisst dabei, dass auch die USA zu den möglichen Entwicklern gehören könnte. Dem russischen Kaspersky Konzern interessierte es letztendlich wenig, wer für den Spionagevirus auf der Antivirussoftware zuständig war. Denn die Verdächtigungen beruhten alle auf Spekulationen, die eher ein schlechtes Licht auf Kasperskys Sicherheitssystem warfen als auf den israelischen Geheimdienst, der seinerzeit jegliche Beteiligung dementierte.

Warum eigentlich brach die Neue Zürcher Zeitung zum Jom Kippur und kurz vor dem muslimischen Opferfest mit Hilfe ihres Autors, Simon Hehli eine Beschneidungsdebatte im Leserforum vom Zaun?

Wie Hehli feststellte, ziehen die Juden den Mohel, (Fachmann, der die männliche Beschneidung nach jüdischer Sitte, vollzieht. Die Ausbildung dazu dauert mehrere Jahre und erfolgt z.B. an grossen Schulen in Israel.) einem ambulanten Klinikbesuch, wie es die Muslime machen, vor. Die ambulante Beschneidung muss privat bezahlt werden. Nun entdeckte der NZZ-Experte für Religiöses, dass die „verrechneten 1500 Franken“ deutlich unter den Kosten liegen, „die uns in der Infrastruktur einer Universitätsklinik für eine tagesklinische Operation entstehen». Zitiert wird der Direktor der Kinderchirurgie am Berner Inselspital, Steffen M. Berger. Da hilft auch keine zarte Bemerkung, dass es sich um nur ca. 20 Beschneidungen im Jahr handelt. Es folgt die Steuerzahlerkeule und ein weiteres Statement des Direktors, der seine Menschenfreundlichkeit unter Beweis stellt. Er wolle vermeiden, dass die nicht „immer wohlhabenden Eltern“ ihre Beschneidungen bei „nichtärztlichen Beschneidern“ (wie die Juden), „oder im Herkunftsland durchführen“. Als gebe es in der Türkei keine professionellen Beschneidungen.

Schlagartig entbrannte im Leserforum eine eigenartige Diskussion, die an die Beschneidungsdebatte im Sommer 2012 in Deutschland erinnerte. Es fing damals mit einem verletzten türkischen Jungen an und endete in purem Hass gegen Juden. Sämtliche totgeglaubten antisemitischen und rassistischen Ressentiments aus einer dem multikulturellen Charakter entrinnen wollenden Gesellschaft traten nicht nur in den öffentlichen Medien, sondern vor allem in den sozialen Netzwerken zu Tage. Von den 48 Kommentaren zum Hehli Artikel gab es auch die bekannten ethischen, religiösen und medizinischen Bedenken. European Man schreibt: „Beschneidung ist Genitalienverstümmelung“ und kriminalisiert dadurch jüdische und muslimische Eltern. Truman verurteilt Mediziner, „die sich für sowas hergeben“ und Pro Kinderrechte Schweiz weist auf „lebenslängliche physische und psychische“ Schäden hin.

Es gibt aber auch den anderen Leser wie Herrn Adrian Wehrli, der den Beschneidungsgegnern bescheinigt, „weder anatomisch noch anthropologisch den Schimmer einer Vorhaut haben“ und Christoph Amman mit seinen Bedenken, unter dem „Deckmantel des kritischen Journalismus Polemik gegen religiöse Minderheiten zu betreiben und den Wutbürger aufzustacheln“. Er bedauert, dass die NZZ „solch billigen pseudo-investigativen Journalismus nötig hat“. …und nun beginnt ein neues jüdisches Jahr.

1 KOMMENTAR

  1. >Es fing damals mit einem verletzten türkischen Jungen an und endete in
    purem Hass gegen Juden. Sämtliche totgeglaubten antisemitischen und
    rassistischen Ressentiments aus einer dem multikulturellen Charakter
    entrinnen wollenden Gesellschaft traten nicht nur in den öffentlichen
    Medien, sondern vor allem in den sozialen Netzwerken zu Tage.<
    Das ist falsch!
    Von Befürworterseite wurde den Kritikern, selbst wenn sie sachlich argumentierten, sofort Antisemitismus und Rassismus unterstellt! (Evtl. weil die Argumente für die Beschneidung tatsächlich schwach waren! Die Aussage: "Das haben wir schon immer so gemacht!" (obwohl nachweislich auch geschichtlich falsch) ist halt kein besonders schlagkräftiges Argument!)
    Wenn jemand Abgasmanipulationen im Allgemeinen verurteilt, ist es kein Wunder daß sich VW angesprochen fühlt, wenn sie die einzigen sind die solche Manipulationen auch durchführen!
    Das ist aber kein Anti-VW-itismus!

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