Avraham Burg. Foto David Shankbone. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons.
Lesezeit: 2 Minuten

Abraham Burg wollte einmal Minister, besser noch Ministerpräsident Israels werden. Er hatte dazu viele Voraussetzungen. Seine Familie gehört zur zionistischen Aristokratie,  von der Seite des Vaters wie der Mutter. Abraham hat glänzende Positionen eingenommen. Er war Sprecher der Knesset, des israelischen Parlaments; er war der Leiter der Jewish Agency und Präsident der zionistischen Weltorganisation. In dieser Eigenschaft habe ich ihn kennen gelernt, und zwar anlässlich der Hundertjahrfeier für den 1. Zionistenkongress in Basel. Das war 1997.  Seine Mutter und sein Vater waren auch zugegen. Gefehlt hat der damalige Staatspräsident Israels, Ezer Weizmann. Mein Freund Alex Carmel, sein Andenken sei zum Segen, Professor in Haifa und Berater für das Jubiläum, und ich haben lange Zeit versucht, Ezer Weizmann doch dazu zu bringen, dieses wichtige Datum nicht zu versäumen. Doch er hatte Probleme mit Herzl, dem Mann mit dem schwarzen Bart, dem er nicht verzeihen konnte, dass er auch Uganda für eine mögliche Option für die jüdische nationale Wiedergeburt angesehen hat. Dass Herzl insofern schwach geworden war, ist wohl richtig. Dass ohne Herzl kein jüdischer Staat hätte entstehen können, freilich ebenso. Nun fehlte also Ezer Weizmann, und der offizielle Vertreter des Staates Israel, der damalige Sprecher der Knesset,  war insbesondere dadurch von Bedeutung, dass seine Frau, Ludmilla, die Photoapparate der Presse anzog.

Ohne Weizmann, den Staatspräsidenten, konnte Abraham Burg sich gewissermassen als der Vertreter Israels und des Zionismus aufführen. Und er hat es genossen. Ich habe das am eigenen Leib erfahren, als ich versuchte, ihm die Hand zu schütteln, als ich ihn zu einem Vortrag begrüsste. Er war umgeben von Sicherheitskräften, die mich sofort abgedrängt haben. Das war ein Ausdruck davon, und ich habe das verstanden, dass ein israelischer Politiker unter schwierigen Sicherheitsbedingungen leben muss. Aber das gilt nicht nur für prominente Politiker. Es ist das ganze Volk, das einem Sicherheitsproblem ausgesetzt ist.

Seit einiger Zeit hat Abraham sich entschieden, uns – als der wahre Freund Israels (denn Zionist will Burg nicht mehr sein) – zu belehren, dass die wahren Feinde des Staates Israel dessen Politiker sind, an der Spitze natürlich Netanjahu, und dass es nicht zu verkennen sei, dass das ganze israelische Volk blind und taub ist. Diese Kritik kennen wir von manchen Propheten in der Hebräischen Bibel. Aber Abraham ein Prophet? Ich glaube es nicht. Abraham ein Opportunist? Wohl möglich. Aber entscheidend, meine ich, ist, dass Abraham die zionistische Tradition seiner Familie aufgegeben hat, seit man ihm versagt hat, Israels Politik zu bestimmen. Nun tourt er durch Europa, um Boykotte zu organisieren. Und – es ist wahr: Die Europäer lieben ihn mehr als die Israelis. Sie brauchen ihn, um die antiisraelischen Gefühle, die epidemische Hassagitation, die wir erleben, als legitim und moralisch zu begründen. Und wer Chef der Jewish Agency und Präsident der World Zionist Organization war – kann der eigentlich falsch liegen? Ich fürchte: ja.

Über Ekkehard W. Stegemann

Ekkehard W. Stegemann war von 1985 bis 2014 Ordinarius für Neues Testament an der Theologischen Fakultät der Universität Basel.

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1 KOMMENTAR

  1. Sie haben auch schon gegen Dr. Mitri Raheb eine Hetzschrift verfasst. Und diesem Pfarrer in Bethlehem gratuliere ich von Herzen, dass er den Olof-Palme-Preis 2015 erhält. Offensichtlich ist Ihre Position nicht populär in demokratischen Kreisen.
    U.Russek

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