Soldaten in der West Bank haben, ob der sprachlichen und kulturellen Barriere, oft Verständigungsschwierigkeiten mit der palästinensischen Bevölkerung. Die neue Android-App, Bab Al Ta’am, verspricht Abhilfe. Audiatur-Online Autorin Yvette Schwerdt sprach mit Hauptmann Ran Canaan von der Kfir-Brigade über die Anwendung, und wie sie in seiner Kompanie genutzt wird.

 

Audiatur-Online: Die neue App, Bab Al Ta’am, vermittelt israelischen Soldaten arabische Sprachkenntnisse. Bitte beschreiben Sie die App etwas näher.

Hauptmann Ran Canaan: Ja, die Anwendung vermittelt grundlegende arabische Sprachkenntnisse und hilft Soldaten, die kein arabisch sprechen, palästinensische Einwohner korrekt, klar und respektvoll in ihrer Sprache anzusprechen. Aber das ist längst nicht alles. Sie hilft den Soldaten in Judäa und Samaria generell, ihre Aufgaben besser, verantwortlicher, und auch einfühlsamer auszuüben. So beinhaltet sie beispielsweise Lektionen zur lokalen Kultur, etwa zu den islamischen und allgemeinen Feiertagen oder zur korrekten Verhaltensweise gegenüber muslimischen Frauen. Zudem bietet sie gezielten Unterricht in erster Hilfe und in militärischem Know-How.

Die Anwendung ist demnach keine typische SprachApp, sondern geht speziell auf die Bedürfnisse der Soldaten an den Grenzposten ein.

Ja, genau. Sie qualifiziert den gesamten operativen Einsatz des Soldaten – und zwar nicht nur in Kampfsituationen. Die Anwendung heisst ja auch Bab Al Ta’am – zu deutsch etwa „Türe zum operativen Einsatz“. Ein Beispiel: Ein palästinensischer Einwohner verliert am Checkpoint plötzlich das Bewusstsein. Der Soldat ist mit einer Situation konfrontiert, die rasches und effektives Handeln erfordert. Dabei kommt ihm die Anwendung zu Hilfe. Sie fragt gezielt die Symptome ab und informiert den Soldaten, dass Verdacht auf Herzstillstand besteht. Der Soldat kann daraufhin sofort die korrekten administrativen und medizinischen Massnahmen einleiten, um dem Mann zu helfen.

Es geht also darum, das Handeln der Soldaten gegenüber der palästinensischen Bevölkerung zu qualifizieren?

Die Anwendung hilft natürlich auch im Umgang mit Israelis. Ihr Hauptzweck ist aber, der professionellere Umgang mit der palästinensischen Bevölkerung. Wenn ein Soldat sich beispielsweise vorab über kulturelle Gegebenheiten informiert, dann weiss er, diverse Verhaltensweisen richtig zu deuten. Unterrichtet ihn die App, dass ein bestimmter muslimischer Feiertag ansteht, so wird er versuchen, die palästinensische Familie in dieser Zeit, nicht zu stören.

Nutzen Soldaten die Anwendung, um sich auf den Einsatz vorzubereiten, oder behelfen sie sich mit ihr vor Ort?

Beides. Zum einen gibt es integrierte Lektionen. Damit können sich Soldaten beispielsweise vorab, gezielt, auf brenzlige Situationen vorbereiten und lernen, wie man sie entschärft oder möglichst ganz vermeidet. Zudem lernen sie auch viele andere Dinge, etwa wie man diverse Verwundungen behandelt.

Es gibt aber immer wieder Situationen, etwa medizinische Notlagen, in denen Soldaten auf der Stelle agieren und mit palästinensischen Einwohnern kommunizieren müssen. In diesen Fällen konsultieren sie die App ad hoc.

Gibt es auch Prüfungen, um zu sehen, ob sich die Soldaten mit der App verbessert haben?

Es gibt keine formalen, externen Prüfungen. Aber die Anwendungen beinhaltet Tests mit denen die Soldaten ihre Fortschritte selbst nachverfolgen können. Im Prinzip sind externe Prüfungen ja auch gar nicht nötig, weil der Soldat weiss, dass das Tool ihm hilft und seinen Einsatz massgeblich erleichtert.

Wer nutzt die App?

Bei uns nutzen alle Soldaten die Anwendung. Ich bin der Kompanie-Kommandant und nutze sie täglich, genau wie der Soldat am Grenzposten und jener, der das Essen verteilt. Der Einsatz ist bei uns also flächendeckend und rangübergreifend.

Seit wann wird Bab Al Ta’am eingesetzt und wer hat die Anwendung entwickelt?

Ich kenne die Anwendung seit fünf Monaten, seit ich in Judäa und Samaria stationiert bin, habe aber schon etwas früher von ihr gehört. Es handelt sich um eine Militärentwicklung, die von der „Ugdat Ayosh“, der Armeedivision in Judäa und Samaria, federführend gestaltet und aktualisiert wird.

Was gab den Anstoss für die Entwicklung? Gab es früher konkrete Kommunikationsprobleme aufgrund fehlender Sprachkenntnisse?

Die Sprachprobleme waren zwar nicht drastisch, aber es gab schon Situationen, in denen man auf den Verbindungsrepräsentanten warten musste. Das ist die Person, die zwischen Soldaten und Palästinensern vermittelt und sowohl der arabischen als auch der hebräischen Sprache kundig ist. Mit der App geht jetzt alles schneller und effizienter. Und weil die Soldaten nicht nur die richtigen Ausdrücke, sondern per Audio auch die richtige Aussprache vermittelt bekommen, machen sie sich viel besser verständlich als ehedem.

Die App hat sich also in der Praxis bewährt?

Bislang gab es durchweg positives Feedback. Die Anwendung ist zweckdienlich, ausgesprochen leicht zu nutzen, und selbst-lernend. Sie verbessert sich also laufend. Ausserdem hilft sie nicht nur, die richtigen Massnahmen zu setzen und die richtigen Worte zu finden, sondern, ob ihrer Audio-Komponente, auch diese Worte richtig auszusprechen. Wir sind happy mit ihr, und ich schätze, die palästinensische Bevölkerung ist auch zufrieden, weil sie die Soldaten jetzt viel besser versteht.

Können Sie mir ein paar konkrete Einsatzbeispiele nennen?

Neulich kam ein palästinensischer Einwohner zum Checkpoint. Er war verletzt und erklärte etwas, allerdings verstand unser Soldat, der im Übrigen ein Neueinwanderer aus Frankreich war, nicht, was passiert war. Er startete also die App, und realisierte so, nicht nur was vorgefallen war, sondern auch wohin der Mann gelangen und wie vielen Untersuchungen er sich unterziehen würde müssen. Weil der Soldat nun genau verstand, was der Betreffende brauchte, konnte er die Informationen korrekt weitergeben und  bekam auch rasch alle erforderlichen Erlaubnisse. Die App hat den gesamten Vorgang für alle Parteien damit massgeblich qualifiziert. Noch ein Beispiel: In unserem Sektor waren neulich zwei palästinensische Familien in einen Autounfall verwickelt. Als wir am Unfallort mit den Sanitätern ankamen, merkten wir, dass die Familien kein Hebräisch verstanden. Wir starteten die App, um zu verstehen, wo die Betroffenen wohnen, wohin wir sie bringen müssen, wie viele Leute in den Fahrzeugen gewesen waren, wer zu wem gehörte und dergleichen mehr. Wir nutzten auch die erste Hilfe-Anleitung der App, um medizinischen Beistand zu leisten.

Hat die Anwendung auch schon einmal geholfen, einen Anschlag zu vereiteln?

Die App unterstützt uns auch in nächtlichen Aktionen und bei Untersuchungen von verdächtigen Personen. Sie gibt uns wertvolle Tipps, wonach wir Ausschau halten müssen, um mögliche Gefahren und Attentäter frühzeitig zu erkennen. Wenn sich zum Beispiel ein Verdächtiger im Auto nähert, dann hilft die App, die richtigen Fragen in der richtigen Sprache zu stellen und damit auch die richtigen Plätze zu durchsuchen, etwa Kofferraum, Motor, Türe etc. Der mutmassliche Terrorist merkt, dass die Soldaten professionell vorgehen und auch seiner Sprache kundig sind. Das macht ihn unsicher.

Der neue israelische Filmhit, Foxtrot, zeigt mit welchen Dilemmas Soldaten am Checkpoint konfrontiert werden und die tragischen Konsequenzen, die aus der mangelnden Verständigung mit der palästinensischer Einwohnerschaft entstehen können. Kann Bab Al Ta’am helfen?

Ich habe den Film nicht gesehen und kann deshalb dazu keine Stellung nehmen. Aber ja, es stimmt. Soldaten am Checkpoint befinden sich zuweilen in einer menschlich sehr schwierigen Lage. Stellen Sie sich einmal vor, es kommt ein Palästinenser zum Checkpoint, der dringend ärztliche Hilfe braucht, aber keine Passiererlaubnis hat. Soll der Soldat ihn trotzdem durchlassen oder nicht? Die App hilft, weil sie auf konkrete Erfahrungswerte aufbaut und spezifisch für den Einsatz am Checkpoint konzipiert und optimiert wurde. Gezielte Fragen und Anleitungen erleichtern die Entscheidungsfindung.

Welche Wünsche haben Sie im Bezug auf die Weiterentwicklung der App?

Die App ist noch neu, und es gibt Qualifizierungspotentiale. Unsere Soldaten sind mit einer Vielzahl schwieriger Situationen konfrontiert. Für einige bietet die App schon Hilfestellung. Für andere, noch nicht. Um die Anwendung in diesem Sinn auszuweiten, müssen die Entwickler uns vor Ort treffen, (was sie im Übrigen auch tun) und die Soldaten selbst befragen, welche Funktionen und Erweiterungen sie sich noch wünschen. Schön wäre auch eine online Verbindung. Wenn zum Beispiel ein Soldat ein bestimmtes Problem hat, wäre es prima, wenn er sich gleich im interaktiven Modus Rat und Anweisungen einholen könnte.

Hauptmann Ran Canaan, vielen Dank für dieses Gespräch.

Über Yvette Schwerdt

Yvette Schwerdt ist internationale Marketingexpertin und Wirtschaftsjournalistin. Sie schreibt und referiert regelmäßig über neue Trends und Entwicklung in ihrem Fachbereich. Besonders am Herzen liegen ihr auch die Themen Israel, jüdische Geschichte und jüdische Kultur. Yvette ist, aufgrund ihrer mehrsprachigen, multikulturellen Ausbildung und ihrer internationalen Laufbahn, in Israel, Amerika und im deutschsprachigen Raum gleichermaßen zu Hause.

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