Professor Uzi Rabi, Direktor des Moshe Dayan Center for Middle Eastern Studies an der Tel Aviv University. Foto Times of Israel
Professor Uzi Rabi, Direktor des Moshe Dayan Center for Middle Eastern Studies an der Tel Aviv University. Foto Times of Israel

In den letzten Wochen hat sich die Lage in und um den Gazastreifen dramatisch verschärft. Der aktuelle Waffenstillstand, den Benjamin Netanyahu im Kabinett durchgesetzt hat, stösst in Israel selbst auf Widerstand. Die Einwohner im Süden des Landes wollen nicht mehr unter konstantem Bombenalarm und Raketenbeschuss leben. Sie verlangen eine umfassende Lösung. Ob es eine solche überhaupt gibt, und wie sie aussehen könnte, darüber sprach Yvette Schwerdt mit Professor Uzi Rabi, einem anerkannten Experten für den Nahen Osten und Direktor des Moshe Dayan Center for Middle Eastern Studies an der Tel Aviv University.

 

Sie haben vor kurzem in einem Interview geklagt, Israel habe an “Schlauheit” verloren. Wie meinen Sie das?

Israel scheint festgefahren und muss agiler werden. Es gilt, eine neue Strategie zu entwickeln. Besonders wichtig wird dabei sein, die Essenz des Gegners besser zu verstehen. Terrorgruppen kann man nicht behandeln wie traditionelle Kontrahenten. Erst wenn wir die Kultur, Mentalität und Gesinnung unserer Feinde besser kennen, können wir ein neues System entwickeln, um effektiver vorzugehen.

Sie sprechen von einem neuen Modus Operandi.

Ja. Es geht darum, dem Feind klar zu machen: Wir kennen Euch ganz genau und wir wissen, was ihr im Schilde führt. Aber um das zu tun, muss Israel sich einerseits in das Denken und Fühlen des Anderen hineinversetzen können und andererseits die Agilität und Spitzfindigkeit zurückgewinnen, die seinerzeit die Operation Entebbe bestimmte und ihren Erfolg geleitet hat.

In den vergangenen Wochen kam es wieder zu massiven Unruhen in und um den Gazastreifen. Das tägliche Leben der Israelis im Süden des Landes wird von Bombenangriffen bestimmt. Nun fordern sie die Regierung auf, mit aller Härte durchzugreifen. Diese zog vor wenigen Tagen aber ein Waffenstillstands-Abkommen vor. Wird es demnächst zu einem Krieg kommen?

Nein, es wird jetzt keinen Krieg geben, weil Israel keinen Krieg in Gaza will. Und zwar nicht deshalb, weil Israel Angst vor der Konfrontation mit Hamas hat. Israel hat Angst vor den Konsequenzen einer solchen Konfrontation. Die Nachwirkungen würden viele Fragen aufwerfen, und Israel könnte für die eskalierende Situation vor Ort verantwortlich gemacht werden. Selbstverständlich argumentieren die Einwohner im Grenzgebiet zum Gazastreifen mit Recht, dass ein Staat sein Hoheitsgebiet verteidigen muss. Wenn Raketen in einem Wohnhaus in Beer Sheva einschlagen können, wie es neulich der Fall war, dann gibt es einen massiven Imageschaden für Israel in der Region. Im Übrigen agieren hier nicht nur Hamas, Hisbollah, der Islamic Jihad usw… sie alle wollen Teil der Story sein. Kurz: Israel hat es hier mit einem Mob zu  tun, nicht mit Staaten, ja nicht einmal mit Armeen. Das sind Leute, die ihre eigenen Menschen gefangen halten und Kapital aus deren Elend schlagen.

Wie kann man ihnen beikommen?

Nicht mit einem Raketenbeschuss auf Gaza. Nicht mit der Armee, obwohl sie natürlich sehr wichtig ist. Nicht mit der üblichen Kriegsführung. Vielmehr mit einer Kombination aus kunstreicher Spionage, Cyberwar, scharf-gezielten, militärischen Operationen und der Vermittlung einer Botschaft, die lautet: „Israel ist Euch auf der Schliche. Wir kennen Euch ganz genau, wir wissen, was ihr plant. Seid gewarnt! “ Alles, was für die Anführer dieser Terrororganisationen zählt, ist ihr eigenes, politisches Überleben und ihr Eigentum. Das sind Diebe, Unruhestifter. Israel muss Stärke zeigen und das angreifen, was ihnen wichtig ist – sprich sie selbst, ihre Familie und ihr Eigentum.

Avi Gabbai, der Vorsitzende der israelischen Arbeiterpartei, meint, Israel müsse Mahmoud Abbas wieder nach Gaza zurückbringen. Was halten Sie davon?

Abbas ist nicht mehr relevant. Wir kennen die Fakten. Wir wissen von dem tiefen Hass zwischen den Palästinensern und den Einwohnern von Gaza. Wir wissen, dass Abbas Fehler gemacht hat, dass er eine echte Chance auf einen Staat verspielt hat. Sehen Sie Gabbai und andere, die so denken wie er, unterliegen wohl ohne Absicht einer grundlegenden Fehleinschätzung. Sie meinen, man kann „Oslo“ reparieren.  Wir wissen aber — das geht nicht. Denn „Oslo“ ist kaputt. Eine Zweistaaten-Lösung ist nicht mehr machbar. Menschen können das einfach nicht akzeptieren. Sie haben zu lange mit dieser Aussicht gelebt und schaffen es nicht, über den Tellerrand hinwegzusehen. Abbas weiss, dass eine Zweistaaten-Lösung nicht mehr möglich ist. Deshalb hat sich seine Position verhärtet und seine Rhetorik verschärft.

Warum ist die Zweistaatenlösung nicht mehr möglich?

Sie ist undurchführbar. Man kann 500.000 Menschen nicht einfach umsiedeln. Zudem denken Sie nur: Wie würde ein palästinensischer Staat denn aussehen? Hamas will ein islamisches Palästina, die Fatah mit Abbas wünschen sich einen säkularen Staat. Kurz, der innerpalästinensische Konflikt selbst ist unlösbar – eine sich unendlich wiederholende Geschichte ohne echten Ausweg. Er führte dazu, dass die Palästinenser den Staat, den sie nach Oslo bereits in der Hand hatten, kurzerhand verspielten.

Der konstante Konflikt wirkt sich massiv auf die Lebensqualität der Einwohner von Gaza aus und beeinträchtigt auch die Zufuhr von Hilfsmitteln…

Natürlich befürworte ich humanitäre Hilfe. Aber wenn sich Konvoys lediglich als solche tarnen und in Wirklichkeit dazu dienen, Terrororganisationen vor Ort aufzurüsten, dann muss man Härte zeigen. Wir sind nicht verantwortlich für das Leiden der Bevölkerung in Gaza, auch wenn wir dergestalt wahrgenommen werden.

Sie haben Hisbollah erwähnt. Wie sollte Israel, ihrer Meinung nach, dieser Terrorgruppe begegnen?

Auch hier hat Israel einen grundlegenden, psychologischen Fehler begangen. Der Rückzug aus dem Libanon wurde als Schwäche und die eigene Haltung, sprich der blutige Widerstand, den sie bis zum „endgültigen Sieg“ durchzuziehen entschlossen waren, als Erfolg interpretiert. Nun ist Hisbollah ja der verlängerte Arm des Iran und geniesst die finanzielle und ideologische Unterstützung des Ayatollah-Regimes. Als der Libanon vor 100 Jahren gegründet wurde, machten die Schiiten gerade mal 13% der Bevölkerung aus. Heute sind es 50%. Früher waren Christen in der Mehrheit. Wo sind sie heute? Der einzige Staat im nahen Osten,in dem sich Christen heute sicher fühlen können, ist Israel. Libanon, die einstige „Schweiz des nahen Osten“ ist zu einer Raketen-Festung geworden. Das ist ein Desaster, und es konnte nur dazu kommen, weil Israel die falschen Signale ausgesendet hat. Natürlich ist das Problem mit Hisbollah kritischer als mit Hamas. Denn die Hisbollah hat eine Kreatur mit einem Riesenappetit im Rücken, einen starken Staat mit einer reichen Geschichte, der wirklich glaubt, dass er das auserwählt Volk beherbergt. Hinzu kommt die wachsende Involvierung von Russland. Kurz, die „Oper“, die hier entstanden ist, hat die hegemonialen Ambitionen des Iran gestärkt. Heute sorgt die Hisbollah dafür, dass sich der Libanon und Syrien weiter „schiitisieren“.

Führt diese Entwicklung dazu, dass sich Sunni- Staaten nun allmählich an Israel annähern?

Ja, es gibt tatsächlich eine Verschiebung. Viele arabische Staaten, die wissen was Iran oder Schi’a repräsentiert, suchen nun die Zusammenarbeit mit Israel. Sie begreifen endlich, wer ihr wirklicher Feind ist.  Wenn Israel nun wirklich verstünde, wie die „Anderen“ denken, wenn es ihre Sprache, Kultur und Gepflogenheiten kenne,  könnte es zu einer ganz neuen Situation im Nahen Osten kommen. Das ist ein ganz wichtiges Vermächtnis für die nächste Generation.

Mit herkömmlichen Mitteln kommt Israel gegen seine aktuellen Feinde also nicht weiter.

Nein. Es geht hier darum, die richtige Botschaft auszusenden.  Obwohl Israel kulturell-gesehen ein westlicher Staat ist, darf es seine Kontrahenten nicht mit westlichem Mass messen. Unser Job ist es also, ein neues Gleichgewicht zu schaffen und Israel in den Nahen Osten zurückzubringen.

Dabei arbeitet Israel doch so fleissig an seinem Image als westliche „Start Up Nation“…

Das ist ja alles gut und schön, darf aber nicht auf Kosten des lokalen Verständnisses gehen. Ich meine jetzt nicht, Israelis sollen mehr Hummus und Falafel essen, obwohl diese Köstlichkeiten sicher nicht zu verachten sind. Es geht darum, sich an die örtlichen Gegebenheiten auch psychologisch anzupassen.

Sie schlagen also vor, dass Israel seinen Charakter verändert.

Sehen Sie, mir geht es darum, dass wir uns mit der Realität auseinander setzen, und zwar so, wie sie sich darstellt, und nicht so, wie sie sein sollte. Viele Israelis machen diesen Fehler, schwingen grosse Reden, etwa „zwei Staaten für zwei Völker“. Sie sind so verwirrt.

Sie sprachen von der zunehmenden Involvierung Russlands im Nahen Osten.

Russland ist der wichtigste Player hier. Wenn Israel irgendeine Aktion setzten will, etwa in Syrien oder im Libanon, dann muss es diese erst mit  Russland absprechen.

Das Problem ist, dass die Russen und Iraner eine echte Interessengemeinschaft bilden. Zu Israel kann Russland nie eine so nahe Beziehung haben wie zum Iran. Israel muss sich also mit Russland auseinandersetzen, aber auch mit den USA und mit China, mit Saudi Arabien, mit Ägypten, mit der Türkei und mit Iran. Und jedes Land hat hier seine eigenen Interessen.

Können strategische Allianzen helfen?

Ja, sie können das Ausmass der Gefahr minimieren, das Problem lösen können sie aber leider nicht.  Passen Sie auf und Sie werden sehen, dass Lösungen nur jene vorschlagen, die die Komplexität der Probleme nicht verstehen. Israelis wollen das nicht wahrhaben, weil sie immer einen raschen „Exit“ anstreben. Den gibt es aber leider nur in der High Tech-Industrie.

Sie sagen also, es gibt keine Lösung.

Nein, eine Lösung gibt es nicht. Ich wäre schon froh mit einem Frieden, wie wir ihn mit Jordanien und Ägypten haben – mit einem kalten Frieden. Ich begrüsse den Besuch von Netanyahu in Oman und seine Annäherung an Saudi Arabien. Nicht weil ich glaube, dass diese Länder Israel lieben, sondern weil ich meine, dass es hier gemeinsame Interessen gibt. Israelische Entscheidungsträger müssen sich mit den Vertretern dieser Länder zusammensetzen und die eigenen Strategien und Taktiken and die veränderten Umstände anpassen.

Wie sehen Sie die Region in 5 und in 25 Jahren?

Diese Region hat so viel Trauma erlebt. Eine Million Muslime wurden von anderen Muslimen ermordet. Viele haben ihre Heimat, ihre Angehörigen verloren.  Ihre Kultur ruft nach Rache. Zudem ist die Region in Umbruch. Denken Sie nur daran, wie viele Syrier geflüchtet sind. Rückkehrer werden sich womöglich in grosse Gefahr begeben. In den nächsten Jahren und Jahrzehnten sehe ich also nur geringe Chancen für eine wirklich positive Veränderung. Ich fürchte sogar, dass alles noch schlimmer wird. Denn der Nahe Osten hat es geschafft, seinen Virus in der ganzen Welt  zu verbreiten.

Das alles klingt nicht sehr hoffnungsvoll.

Sehen Sie, ich selbst habe zwar keine Komplettlösung, aber zumindest einen Ansatz, einen Plan, von dem ich meine, dass er Akzeptanz finden könnte, wenn auch nicht bei der palästinensischen Führung, so doch zumindest bei der palästinensischen Bevölkerung.

Bitte beschreiben Sie diesen Plan

Palästinenser (aber auch Drusen, Tscherkessen, und andere) können israelische Staatsbürger werden – mit allen Rechten und Pflichten. Wohlgemerkt: Israel bleibt die nationale Heimat des jüdischen Volkes. Hatikva ist die Nationalhymne, und das Land steht weiterhin für die Freiheit und Selbstbestimmung der Juden. Schliesslich ist es ihr einziges Land; sie haben kein anderes. Das alles steht fest.  Aber jüdische und nicht-jüdische Staatsbürger bekommen die gleichen Chancen und allerorts herrscht Respekt für das Anderssein des Anderen.  Kurz ich würde den Palästinensern zeigen, wie gut, wie unvergleichlich gut, es sich in Israel leben lässt.  Aber die palästinensischen Anführer werden das nicht zulassen. Sie versichern ihrer Bevölkerung, dass Israel der Teufel ist. Bevor wir also über eine militärische oder politische Lösung sprechen, gilt es eine kulturelle Revolution zu starten. Jungen Israelis rufe ich zu, nicht arrogant zu werden, offen zu bleiben, aber auch wachsam. Wir haben eine ungeheuer wichtige Mission zu erfüllen. Wir haben ein Land, ein Privileg, nach dem wir uns seit Jahrtausenden gesehnt haben. Dieses Privileg gilt es in Sicherheit zu erhalten.

Professor Rabi, vielen Dank für diesen Aufruf und für dieses Gespräch.

Über Yvette Schwerdt

Yvette Schwerdt ist internationale Marketingexpertin und Wirtschaftsjournalistin. Sie schreibt und referiert regelmäßig über neue Trends und Entwicklung in ihrem Fachbereich. Besonders am Herzen liegen ihr auch die Themen Israel, jüdische Geschichte und jüdische Kultur. Yvette ist, aufgrund ihrer mehrsprachigen, multikulturellen Ausbildung und ihrer internationalen Laufbahn, in Israel, Amerika und im deutschsprachigen Raum gleichermaßen zu Hause.

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