IDF-Rettungsbrigade im Einsatz. Foto zVg
IDF-Rettungsbrigade im Einsatz. Foto zVg

Aviah wartet auf mich in Karkur bei Hadera. Die Sprecherin der israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) hatte mich eingeladen, einen Militärstützpunkt tief im Westjordanland zu besuchen, den Kommandanten und seinen Soldaten zu treffen und mir vor Ort ein Bild von der Art ihres Einsatzes und ihrer Tätigkeit zu machen. Gemeinsam fahren wir einige Kilometer weiter, durch die sogenannten „Basel-Achse“, eine Landstrasse, die die Zone C (Gebiet unter israelischer Zivil- und Militär Kontrolle) mit den Zonen A und B (also den arabischen — sowie den gemeinsam von Israelis und Arabern-kontrollierten — Ortschaften) verbindet. Wenige Minuten später gelangen wir zur Kaserne Mevo Dotan, einem der Stützpunkte der IDF-Rettungsbrigade, wo uns Oberstleutnant Daniel Nahari und seine Mannschaft willkommen heissen.

 

Der Zauber von Mevo Dotan

Der Ort selbst wirkt nicht sonderlich imposant – einige Baracken, die Kommandantur, und mehrere gepanzerte Fahrzeuge, die, wie ich alsbald lerne, “David” genannt werden. Zu einem dieser imposanten Vehikel werde ich geführt, noch bevor ich die erste Frage stellen kann. “Um wirklich zu begreifen, was wir hier machen, und wie wir hier leben, müssen Sie sich die Gegend anschauen”, erklärt mir Daniel Nahari. Auf der sogenannten Mevo Dotan-Anhöhe angelangt, verstehe ich dann, was er meint. Die Landschaft raubt mir den Atem. Und zwar nicht nur weil sie den Blick auf eine paradiesische Landschaft mit prächtigen Olivenhainen und satten Tierherden preisgibt. Und auch nicht allein deshalb, weil sie mir die unmittelbare physische Nähe israelischer und arabischer Siedlungen konkret vor Augen führt. Nein, vor allem, weil sie von einer tiefen Stille, einem berührenden Frieden, durchzogen ist.

“Machen Sie sich nichts vor”, holen mich die Worte von Nahari nach diesen meditativen Betrachtungen rasch wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. “Die Ruhe täuscht. Der kleinste Funken kann hier einen mächtigen Brand auslösen!“

Die IDF-Rettungsbrigade und ihre Aufgaben

Gefährliche Übergriffe schon im Vorfeld zu vereiteln, das sei eine der drei Hauptaufgaben seiner Brigade. Tatsächlich ist die Rettungsbrigade, die aus mehreren Einheiten besteht und in Eilat und im Jordantal stationiert ist, neben Rettungsaktionen in nationalen und internationalen Katastrophengebieten auch für die Ermittlung und den Schutz gegen C-Waffen, sowie vor allem für die laufende Terrorbekämpfung verantwortlich.

Klar, dass es gerade in letzterer Sparte viel zu tun gibt. Erst kürzlich, so Nahari, habe sich eine Terroristin hier einem vierköpfigen Schutztrupp mit einem Messer genähert und zwei Soldaten verletzt. Im vergangenen März dieses Jahres sei ein Palästinenser mit seinem Fahrzeug auf vier seiner Soldaten zugesteuert und habe zwei getötet und zwei weitere verletzt.

“Unsere Aufgabe ist es, die Gefahr zu erkennen und rechtzeitig abzuwenden”, meinte Nahari. Das gelänge auch zumeist — aber eben nicht immer.

Die Rolle der Intuition

Wie er, bei der explosiven Lage, die Ruhe zumindest weitgehend gewährleistet? Seine Mannschaft, die zu 60% aus männlichen und zu 40% aus weiblichen Soldaten bestünde, würden auf drei Dinge setzen: die nahtlose Zusammenarbeit mit den IDF-Informationseinheiten, präzise und professionell durchgeführte Kontrollaktionen, sowie ein ausgeprägtes Bauchgefühl. „Wenn man hier lebt, entwickelt man eine ganz feine Intuition“, erklärt Nahari. Die Landschaft, die Tiere, die Luft – es fühle sich einfach anders, irgendwie eigenartig an, wenn unmittelbar Gefahr lauere.

Tägliche Hausdurchsuchungen

Wie er Informationen aus dem Gegnergebiet bezieht, darüber will und kann Nahari nicht sprechen. Also befrage ich ihn zu den Aktionen, die er mit seiner Einheit durchführt, Aktionen, die nicht zuletzt auch als Abschreckung konzipiert sind. „Wir machen regelmässig Hausdurchsuchungen in den arabischen Gebieten. Das ist für die Einwohner und ihre Familien natürlich schwierig. Deshalb achten wir so akribisch darauf, mit maximalem Feingefühl vorzugehen. Wir sind höflich und streng darauf bedacht, die traditionellen und kulturellen Gepflogenheiten des Hauses zu achten. Und wir hinterlassen das Haus in Ordnung, wie wir es vorgefunden haben“ erklärt Nahari.

Die Mevo Dotan Anhöhe. Foto zVg

Ob ihm von der lokalen Bevölkerung, auch wegen dieser Aktionen, massive Feindschaft entgegenweht, will ich wissen. „Nein, eigentlich nicht. Die Mehrheit, sprich etwa 70% der Palästinenser, wollen einfach nur in Ruhe und Frieden mit ihren Familien leben und ihrer Arbeit nachgehen“, entgegnet er. Es sei lediglich eine Minderheit, die Gewalt ausübe und damit das Zusammenleben verhindere.

Eine anspruchsvolle Ausbildung

Eine Soldatin, die uns bei der Besichtigungstour begleitet, erzählt mir dann von ihrem Werdegang. Sarina Solomon ist 20 Jahre jung und stammt ursprünglich aus den USA. Bei einem ihrer Israel-Aufenthalte hat sie sich in das Land verliebt und war kurz darauf der IDF beigetreten. „Erst waren meine Eltern ganz schön sauer, mittlerweile sind sie stolz auf mich“, versicherte mir die rothaarige Kämpferin. Sie hat sich für die Rettungsbrigade entschieden, weil ihr der Einsatz hier besonders sinnvoll und wichtig aber auch interessant und vielschichtig erschienen war. Erst vor zwei Wochen hat sie ihr fundierte Ausbildung beendet. „Erst gab es ein drei-monatiges Basistraining, dann ein vier-Monate währendes Ausbildungsprogramm, bei dem wir lernten, wie man Rettungskationen in Katastrophengebieten durchführt, wie man atomare, biologische und chemische Waffen ermittelt und entschärft, und wie man im urbanen Umfeld kämpft.“

Sarina Solomon. Foto zVg

Die Ausbildung sei anspruchsvoll gewesen, so Solomon weiter, und sie habe das Gefühl gehabt, Frauen müssten sich doppelt beweisen. „Es hat sich aber gelohnt, “ versichert sie und deutet stolz auf die orange Kappe in der Schulterschlaufe ihres Militärhemdes, dem Markenzeichen der IDF-Rettungsbrigade. Seit zwei Wochen ist Solomon in der Mevo Dotan-Kaserne stationiert, weiss aber, dass sie, falls erforderlich, jederzeit zu einem Katastrophengebiet innerhalb oder ausserhalb Israels abberufen werden kann.

Internationale Rettungsaktionen

Wie so eine internationale Rettungsaktion aussieht, das schildert mir Daniel Nahari dann nach unserer Rückkehr zur Kaserne bei einer Tasse pechschwarzem Kaffee. Er und seine Mannschaft waren im Jahr 2015 gleich nach dem Gorkha-Erdbeben nach Nepal abberufen worden, um vor Ort Rettungs- und Hilfsmassnahmen durchzuführen. Bei einer solchen Aktion, in der Nahari auch mit einem holländischen Rettungsteam zusammenarbeitete, ging es darum, einen Menschen aus den Ruinen eines sechsstöckigen Hauses zu bergen. Unter den Trümmern hatte die Mannschaft nämlich ein Handy-Signal vernommen. Nahari gelang es trotzt aller Widrigkeiten tief unter dem Erdboden zu besagtem Telefon zu gelangen. Die Inhaberin hatte sich, wie sich später herausstellte, rechtzeitig in Sicherheit gebracht. „Aber solange wir Hinweise hatten, dass ein Menschenleben in Gefahr war, gaben wir nicht auf. Im Übrigen ist das prinzipiell unsere Einstellung“ versichert Nahari. Zu Hilfe kämen ihm bei diesen Rettungskationen technisch-ausgereifte Tools aber zunehmend auch die sozialen Netzwerke, über die sich wichtige Informationen rasch verbreiten können.

Was Nahari der Welt verkünden möchte

Bevor sich unser Gespräch dem Ende zuneigt, frage ich Daniel Nahari, was er von seinem Stützpunkt tief im Westjordanland den Lesern draussen sagen will. „Die Wahrheit“ kommt seine rasche Antwort. „Ich möchte, dass die Menschen die Wahrheit über die Situation hier erfahren.“ Die IDF, so Nahari, sei eine starke, professionelle Armee, die jeder Herausforderung mit Mut, Entschlossenheit und Können begegne und die Bevölkerung vor Schaden bewahre. „Sehen Sie, ich bin nicht des Geldes wegen hier; mir geht es um die Mission“, bekräftigt Nahari. „Meine Aufgabe und die Aufgabe aller IDF-Kommandanten ist es, die Menschen dieses Landes – und das gilt für Araber und Juden gleichermassen – optimal zu beschützen. Jeder, der uns bedroht, wird auf eine starke Gegenwehr stossen.“ All das sei aber nur eine Seite der Medaille. „Die IDF ist — und das wird oft unter den Tisch gekehrt — eine ethische Armee. Moral und Werte begleiten uns bei jeder unserer Aufgaben. Unsere höchste Priorität ist die Wahrung der Menschenwürde.“ Bei den anstehenden Aktivitäten der IDF sei diese bedingungslose Einstellung aber ein schwieriger Drahtseilakt – eine tägliche Herausforderungen, die die Armee zumeist aber eben nicht immer bewältige. „Leider hört man allerdings immer nur von den wenigen Fällen, bei denen etwas schief läuft. Sehen Sie, es ist so wie mit Stöckelschuhen. Obwohl man normalerweise gut mit ihnen geht, geniessen sie einen zweifelhaften Ruf, weil ihre Trägerinnen manchmal straucheln.“ Ähnlich ergehe es auch der IDF, meint Nahari lächelnd, was mich zu dem Schluss verleitet, dass die israelische Armee Stöckelschuhe trägt und Aviah kichernd auf ihre derben Militärstiefel blicken lässt.

Oberstleutnant Daniel Nahari. Foto zVg

Frieden als Vision, Engagement als Lebenszweck

Zum Abschluss frage ich Nahari nach seiner Vision für die Zukunft. Er wünschte, es würde dereinst Frieden herrschen, glaube es auch, denn „keiner wolle im ständigen Konflikt leben.“ Er selbst sei aber entschlossen, in der IDF zu bleiben und dorthin zu gehen, wo ihn die Armee brauchen würde. Er sei der erste Kasernenkommandant, der als Soldat in der Einheit begonnen habe und war von Anfang an mit Leib und Seele dabei. „Am Vorabend meiner Hochzeit kämpfte ich noch gegen Hamas in der Operation Wolkensäule und wusste nicht, ob ich es rechtzeitig heim schaffen würde. Aber am Tag selbst kam es zum Waffenstillstand und wir konnten, wie geplant, heiraten; alle meine Mitstreiter kamen, und wir feierten gemeinsam “, berichtet mir Nahari und zeigt stolz ein stimmungsvolles Hochzeitsfoto. Seine Frau würde die gemeinsame Tochter, grösstenteils allein erziehen müssen. Das sei der Preis für sein Amt und sein bedingungsloses Engagement, fügt er einigermassen nachdenklich hinzu.

Dann springt er schwungvoll auf, lächelt strahlend und erklärt, er müsse jetzt gehen. Heute sei nämlich sein sechster Hochzeitstag, und seine Frau erwarte ihn.

Über Yvette Schwerdt

Yvette Schwerdt ist internationale Marketingexpertin und Wirtschaftsjournalistin. Sie schreibt und referiert regelmäßig über neue Trends und Entwicklung in ihrem Fachbereich. Besonders am Herzen liegen ihr auch die Themen Israel, jüdische Geschichte und jüdische Kultur. Yvette ist, aufgrund ihrer mehrsprachigen, multikulturellen Ausbildung und ihrer internationalen Laufbahn, in Israel, Amerika und im deutschsprachigen Raum gleichermaßen zu Hause.

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