Über 200.000 Juden wurden in Litauen zwischen 1941 und 1944, hauptsächlich durch Angehörige der dafür aufgestellten Einsatzgruppen und ihrer Helfer ermordet. Mehr als 20.000 Litauer waren an Pogromen und an der Ermordung der jüdischen Bevölkerung beteiligt. 

Manfred Gerstenfeld im Gespräch mit Ruta Vanagaite über ihr Buch «Musiskiai» («Die Unsrigen») in dem es auch um die historische Verantwortung der litauischen Gesellschaft am Holocaust geht.

„Mein Interesse am litauischen Holocaust rührt von meiner Beteiligung an einem Bildungsprojekt für junge Litauer, mit dem Titel ‚Jude sein‘. Viele der Teilnehmer dieses Projekts entdeckten ihr zunehmendes Interesse an jüdischer Geschichte, Kultur und Religion.

„Ich war überrascht, dass kaum einer der Teilnehmer je in Ponary, in der Nähe von Vilnius, war, wo rund 80.000 Juden von deutschen und litauischen Nazis ermordet wurden. 1 Auch über den Holocaust wussten sie so gut wie gar nichts. Zudem wurden viele von ihnen mit antisemitischen Anfeindungen von Freunden und Verwandten konfrontiert, nachdem sie ihnen von ihren Erfahrungen aus dem Projekt berichtet hatten.“

Die geborene Litauerin Ruta Vanagaite machte 1978 ihren Abschluss an der russischen Akademie für Theaterkunst in Moskau. Sie verfügt über langjährige Erfahrungen als Journalistin, Verlegerin, Theater- und Fernsehproduzentin, Festivalorganisatorin, politische PR-Beraterin und bis vor kurzem als Produzentin grossangelegter Lokalveranstaltungen. 1993 erhielt sie die Auszeichnung „Woman of the Year“.

„Durch dieses Projekt wurde mir klar, wie stark der Antisemitismus in der litauischen Gesellschaft verankert ist, selbst heute noch, wo es kaum noch Juden im Land gibt. Eine weitere schmerzliche Erkenntnis war, dass einige meiner Angehörigen am Holocaust beteiligt waren. Auch wenn sie keinen aktiven Anteil an den Gewalttaten hatten, so waren sie doch sehr wahrscheinlich an der Erstellung von Listen und vermutlich auch an der Isolierung der Juden vor ihrer Ermordung beteiligt.“

„Als ich mit meinen Recherchen über den Holocaust anfing, entschied ich, mich ausschliesslich auf litauische Quellen zu stützen. Ich wollte sicher sein, dass die Menschen nicht behaupten könnten, ich sei von den Veröffentlichungen „nicht objektiver“ Zeugen oder Autoren aus dem Ausland „beeinflusst“. Zu meiner Überraschung fand ich heraus, dass litauische Historiker die Wahrheit über die Holocaust-Täter unseres Landes aufgezeichnet hatten. Ich las ihre Bücher, ging zu ihren Vorträgen und unterhielt mich mit ihnen. Ausserdem verbrachte ich sechs Monate mit dem Durchforsten und Lesen der Berichte – von den Tätern und Zeugen der Verbrechen gleichermassen – in einem litauischen Spezialarchiv. All diese Menschen waren Litauer.“

„In Litauen spricht man nicht über die Zahlen.“

„Nach Auskunft jüdischer Quellen waren mehr als 20.000 Litauer am Völkermord des Holocaust beteiligt. In Litauen spricht man nicht über die Zahlen. Der offizielle Standpunkt war und ist, dass die Juden von einem Haufen von ‚Monstern‘ ermordet wurden.“

„Eine meiner wichtigsten Erkenntnisse war, dass nicht alle der Mörder auch Monster waren. 1941 traten viele Litauer den Selbstverteidigungs-Bataillons bei, um ihrem Land zu dienen. Die Holocaust-Verbrechen wurden möglich durch die Kollaboration der litauischen Offiziellen und der Zivilverwaltung mit den deutschen Nazis. Die Verwaltungsinfrastruktur unseres Landes stand im Dienst der Nazis.

Dann kontaktierte ich Dr. Efraim Zuroff vom Simon-Wiesenthal-Zentrum. Wir entschlossen uns, gemeinsam durch Litauen zu reisen. Wir besuchten mehr als 35 Städte, in denen es eine jüdische Gemeinde gab. Auf dieser Reise entdeckten wir, dass die Zeugen der Massenermordung sich auch heute noch fürchteten, von dem Geschehen zu berichten. Ausserdem entdecken wir eine weitere schmerzliche Tatsache: das Andenken an die Opfer wurde aus der öffentlichen Wahrnehmung nahezu völlig ausgelöscht und ihre Gräber häufig vernachlässigt.“

„Eine weitere wichtige Entdeckung für mich war die Tatsache, dass sich die Menschen trotz alter Feindschaften auch nach so vielen Jahren noch in Vielem einig werden können, wenn sie aufrichtig nach der Wahrheit suchen. Efraim und ich entschlossen uns dann, das, was wir herausgefunden hatten, in einem Buch zu veröffentlichen. Der Titel lautet auf Litauisch: Mūsiškiai; Kelionė Su Priešu, (Die Unsrigen; Reise mit dem Feind). Im Januar 2016 wurde es veröffentlicht. Innerhalb von zwei Tagen war das Buch ausverkauft. Der Verlag druckte in der zweiten Auflage nochmals 6.000 Kopien nach, die voraussichtlich schon bald wieder ausverkauft sein werden.“

„Wir entschieden, dass ich in der litauischen Ausgabe als alleinige Autorin erscheinen sollte, da ich bereits mehrere Bücher veröffentlicht hatte, die beim Publikum grossen Anklang gefunden hatten. Ich hatte gehofft, dass zumindest einige der Leser meiner früheren Veröffentlichungen auch dieses Buch in die Hand nehmen und es lesen würden. In der englischen Übersetzung, die bereits zur Veröffentlichung vorbereitet wurde, wird Efraim als erster Autor genannt werden.“

„Es ist unglaublich schmerzvoll für die Litauer, der Vergangenheit ihres Landes ins Gesicht zu sehen. Wenn Efraims Name auf dem Buchcover der litauischen Ausgabe erschienen wäre, hätten viele litauische Leser das Buch gar nicht erst geöffnet. Er wird als Feind Litauens angesehen, der die Litauer der Begehung von Holocaust-Verbrechen beschuldigt, von denen wir lieber nichts wissen wollen. Und doch ist Efraims Präsenz durch das ganze Buch hindurch deutlich zu spüren. Indem ich dafür sorgte, dass Litauer dieses Buch überhaupt erst in die Hand nehmen, gab ich ihnen die Gelegenheit, Efraim kennenzulernen, ihm zuzuhören und viel von dem, was er schon seit Jahren sagt, zu verstehen. Es gab keine andere Möglichkeit, meine Landsleute dazu zu bringen, ihm zuzuhören.“

„die Historikergemeinde verhielt sich still.“

„Die litauische Presse hat uns sehr unterstützt. Doch die Historikergemeinde verhielt sich still. Die einzige Reaktion vonseiten der Behörden war eine Stellungnahme des Departements für Staatssicherheit, der zufolge das Buch Teil von Putins Propagandamaschinerie und möglicherweise sogar vom russischen Präsidenten inspiriert sei.“

Vanagaite fährt fort: „Derzeit ist die litauische Gesellschaft geradezu elektrisiert von dem Buch. Jeder scheint eine ganz nachdrückliche Meinung zu dem Thema zu haben. Ältere Menschen fanden das Buch offenbar ziemlich beleidigend. Vermutlich, weil es sie und ihre Eltern der Möglichkeit der Anerkennung als Kriegsopfer beraubt.“

zusammengetrieben. Unter den Augen Deutschen Wehrmacht und der SS ermordeten litauische Nationalisten in Kowno (Kaunas/Kauen) vom 24. bis 29. Juni 1941 rund 3800 Juden und Jüdinnen im Zuge pogromartiger Gewaltexzesse und Massenerschiessungen.
Jüdische Litauerinnen werden 1941 in Kowno zusammengetrieben. Unter den Augen der Deutschen Wehrmacht und der SS ermordeten litauische Nationalisten in Kowno (Kaunas/Kauen) vom 24. bis 29. Juni 1941 rund 3800 Juden und Jüdinnen im Zuge pogromartiger Gewaltexzesse und Massenerschiessungen.

„Jüngere Litauer sind da weniger verletzlich. Sie haben nicht das Bedürfnis, sich als Opfer darstellen zu müssen, und sind daher eher bereit, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Die Menschen beginnen zu denken, einfach eine Meinung zu diesem Buch haben zu „müssen“. Das bedeutet, dass sie es lesen werden und dass sie über die Fragen, die auf diesen Seiten aufgeworfen werden, reden werden. Das ist der Beginn unseres Heilungsprozesses. Ich bin stolz, dass ich stark genug war, diesen ersten Schritt zu gehen und mit den Gegenreaktionen zurecht zu kommen. Hiernach werden viele litauische Historiker und Geschichtsstudenten viel weniger Angst haben. Die Wahrheit wird unweigerlich ans Tageslicht kommen, und unsere Gesellschaft wird sie akzeptieren und mit ihr leben müssen.“

Dr. Manfred Gerstenfeld ist Publizist und ehemaliger Vorsitzender des Präsidiums des Jerusalem Center for Public Affairs.

 

  1. Zwischen Juli 1941 und August 1944 ermordeten die deutschen und litauischen Nazis bis zu 100.000 Menschen, hauptsächlich Juden, nahe dem Bahnhof von Ponary. Ponary, das heutige Paneriai, ist ein Vorort von Vilnius.
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