Über die am 15. Januar stattfindende Nahostfriedenskonferenz von Paris und die Rolle Frankreichs ein Kommentar des ehemaligen Chefredakteur der Jerusalem Post, Amotz Asa-El:

Die Zukunft in vergangener Herrlichkeit zu suchen – mag es diese wirklich gegeben haben oder sie nur in der Vorstellung existieren –, ist keine französische Erfindung. So ging es z.B. auch Mussolini, Nasser und dem Schah von Persien; bei ihnen allen endete der romantische Nationalismus in einer nationalen Tragödie und dem persönlichen Untergang.

Im Fall von François Hollande und der grossen Nahostfriedenskonferenz, zu der er demnächst laden wird, geht es glücklicherweise nicht um eine Tragödie, sondern nur noch um eine Farce. Die Tragödie bestand in der postimperialen französischen Diplomatie, deren Erbe er antrat.

Anders als das postkoloniale Grossbritannien, das sich mit Anstand von seinem Empire trennte, haben Frankreichs Führer den Niedergang ihres Reichs mental nie akzeptiert.

Die entscheidende Inspiration zu dieser Realitätsverleugnung kam ironischerweise von Charles de Gaulle, dem Totengräber des imperialen Frankreich.

De Gaulles Abzug aus Algerien im Jahr 1962 besiegelte den Niedergang des französischen Kolonialreichs, der in Indochina begonnen hatte. Dennoch weigerte er sich, Frankreichs zweitrangige Rolle im von Amerika geführten Westen zu akzeptieren. Das ist der Grund, warum er die Nato verachtete, die USA im Vietnamkrieg nicht unterstützte und danach strebte, ein französisch-deutsches Gegengewicht zu dem zu bilden, was er als angloamerikanische Hegemonie betrachtete.

Dies war Teil eines naiven Versuchs, Frankreich zu einer zwischen und über den Antagonisten  des Kalten Krieges stehenden Macht zu transformieren. Der Ort, wo diese Haltung auf die Probe gestellt wurde, war der Nahe Osten – das Resultat war katastrophal.

Ursprünglich erblickte Frankreich in Israel eine moralische Inspiration und einen strategischen Wert.

Israel zu unterstützen, half Frankreich, Busse zu tun für sein Verhalten während des Holocaust. Gleichzeitig sah Paris in Jerusalem einen Verbündeten, da sich beide einer feindlichen arabischen Welt gegenübersahen. So kam es, dass Frankreich zu Israels wichtigstem Waffenlieferanten wurde.

Dieses Bündnis hielt bis zum Frühjahr 1967, als Ägypten den israelischen Hafen Eilat blockierte, die UN-Friedensmission rauswarf, an Israels Grenze aufmarschierte und gemeinsam mit Syrien und Jordanien drohte, den jüdischen Staat auszulöschen.

De Gaulle reagierte auf diese Krise, indem er sich auf die arabische Seite schlug; zuerst, indem er Frankreichs Waffengeschäfte mit Israel einfror, dann, indem er den erstaunten Aussenminister Abba Eban mit dem Befehl begrüsste: “Kämpft nicht!”, bevor er hinzufügte: “Schiesst nicht zuerst.”

Dass de Gaulle selbst, hätte eine ausländische Marine einen französischen Hafen blockiert, den Befehl zu deren Vernichtung erteilt hätte, störte aus seiner Sicht nicht. Das Problem war, dass Israel sich weigerte, ihm zu gehorchen.

Schlimmer noch: Israel wagte nicht nur – de Gaulles Verbot zum Trotz – zu kämpfen, sondern erdreistete sich sogar, ungeachtet der französischen Interessen zu gewinnen. Statt den Konflikt zu lösen, bekam Frankreich nun auch noch Spott, weil es für beschädigte strategische Güter einen hohen moralischen Preis gezahlt hatte.

Angesichts dieses Debakels machte sich de Gaulle daran, es den arabischen Führern gleichzutun, die nach ihrer Niederlage 1948 einfach das Thema wechselten: von ihren eigenen Fehlern zu Israels “Charakter”.

Zu diesem Zweck versammelte der französische Präsident tausend Journalisten im Elysée-Palast. Er erzählte ihnen, “die Juden” seien “ein elitäres und dominantes Volk”, eine “selbstbewusste” Nation, die, sobald sie sich in ihrem eigenen Staat versammelt habe, die Neigung besitze, eine “brennende und erobernde Ambition” an den Tag zu legen.

Westlichen Linksliberalen wurde nun gezeigt, wie man Israel von hinten attackiert, während seine Nachbarn von vorne angreifen.

Während er Lippenbekentnisse zu den “aufgeschobenen Hoffnungen” der Juden machte, “wie sie seit 19 Jahrhunderten in dem Gebet ‘nächstes Jahr in Jerusalem’ zum Ausdruck kommen” und sich vor den zionistischen Pionieren für die “Schöpferkraft ihrer Projekte und die Tapferkeit ihrer Soldaten” verbeugte, verbreitete der General den alten, klassischen Antisemitismus und sprach von der “grossen Unterstützung an Geld, Einfluss und Propaganda, die Israel von jüdischen Kreisen in Amerika und Europa erhalten” habe.

Mit anderen Worten: de Gaulle hatte nicht etwa aufs falsche Pferd gesetzt, sondern das Siegerpferd war vom internationalen Juden gedopt worden. Diese Vorstellung erklärt, warum sich de Gaulles verkalkulierte, ist aber keine Erklärung für seinen Verrat und entschuldigt nicht, wie er später die Geschichte umschrieb und behauptete, Israel habe schon im vorherigen Jahrzehnt seine Zuneigung verloren, als es zu einem “kriegerischen, zur Expansion entschlossenen Staat” geworden sei.

De Gaulles Rede wurde verurteilt, die Schar der Kritiker reichte von Frankreichs Oberrabbiner durch das gesamte politische Spektrum bis hin zu den Medien. In einem Cartoon von “Le Monde” war ein ausgemergelter KZ-Insasse zu sehen, der einen Stacheldrahtzaun erklimmt und dabei ruft: “Dominant und selbstbewusst”.

De Gaulles Verhalten wird heute als Teil seines zwiespältigen Wesens betrachtet. Doch man muss sagen: Das Prinzip, sich mit arabischen Despoten zu verbünden und sie zu bewaffnen, während man gleichzeitig Israel Moralpredigten hält und Embargos gegen das Land erlässt, wurde von mehreren französischen Regierungen aufrechterhalten, die allesamt darauf insistierten, die PLO habe Israels Existenzrecht anerkannt und wolle nichts anderes, als einen säkularen, demilitarisierten Staat, der an Israels Seite existiert.

Frankreichs Druck, insbesondere der, den François Mitterand auf seinen langjährigen Freund Shimon Peres ausübte, spielte seinerzeit eine grosse Rolle dabei, Israel 1993 zur Unterzeichnung der Osloer Verträge zu bewegen – die Antwort von de Gaulles Erben auf das von den USA vermittelte Friedensabkommen zwischen Israel und Ägypten von 1979.

Unglücklicherweise erwiesen sich die Versicherungen, die Frankreich gegeben hatte, als wertlos, sobald sie auf die Probe gestellt wurden.

Anstelle eines “demilitarisierten” Gebiets gibt es eines voller Gewalt und Hetze. Anstelle von “Demokratie” werden Wahlen ein ums andere Mal abgesagt. Anstelle der “Anerkennung” gibt es Schulbücher, in denen Israels Existenz geleugnet und die Juden dämonisiert werden. Statt “Säkularismus” gibt es einen von Präsident Mahmoud Abbas geschürten Fundamentalismus, zu dem die Lüge gehört, die heiligste jüdische Stätte habe keine jüdische Geschichte und Israel “schände” die Moscheen, die dort heute stehen.

Trotzdem hat Frankreich seine Fehleinschätzung nie zugegeben, geschweige denn, dass es sich für die Gewalt entschuldigt hätte, die zu entfachen es mitgeholfen hatte.

Auch heute, nachdem die islamistische Gewalt längst Toulouse, Nizza und Paris erreicht hat, hat Frankreich immer noch den Pawlowschen Reflex, sich selbst zu täuschen und die muslimische Gewalt als eine irgendwie gerechtfertigte Sache darzustellen, die im Wesentlichen mit dem Nahen Osten zu tun habe und glaubt, dass Israel den Schlüssel in der Hand halte, sie zu beenden.

Das ist der Grund, warum man im Elysée-Palast eine internationale Konferenz plant, die auf dem kaum bemäntelten Narrativ gründet, der Frieden wäre schon lange ausgebrochen, wenn Israel nur gewollt hätte.

Die Pariser Konferenz gehört zu einer Ära diplomatischer Illusionen und moralischer Bankrotte, wird nichts ändern und schnell in Vergessenheit geraten. Doch angesichts eines nationalistischen Umschwungs, der für die Zeit nach den Präsidentschaftswahlen im April erwartet wird und in Anbetracht des 50. Jahrestags von de Gaulles Verrat an Israel könnte die von François Hollande anberaumte Konklave als der Ausklang einer vergehenden Ära in die Annalen eingehen.

Über Amotz Asa-El

Amotz Asa-El ist leitender Berichterstatter und ehemaliger Chefredakteur der Jerusalem Post, Berichterstatter Mittlerer Osten für Dow Jones Marketwatch, politischer Kommentator bei Israel’s TV-Sender Channel 1 und leitender Redakteur des Nachrichtenmagazins Jerusalem Report.

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